Sonntag, 10. November 2013

Ganztagsschule kann nix.

aus spiegel.de

Expertengutachten: Ganztagsschulen verfehlen Zielgruppe

Von Jan Friedmann

Der Ausbau der Ganztagsgrundschulen kommt voran, doch zu oft verfehlen die Einrichtungen ihre Ziele. Eine Expertengruppe kritisiert, dass die schulischen Leistungen nicht besser werden. Die Angebote erreichen bildungsferne Kinder nur schlecht. 

Ganztagsschulen sind seit einiger Zeit so etwas wie die Allzweckwaffe der deutschen Schulpolitik: Wenn die Kinder länger am Tag gemeinsam lernen, so die Hoffnung vieler Ministerialer, dann werden auch Jungen und Mädchen aus bildungsfernen Familien mitgezogen - die Chancen sollen gerechter verteilt werden. 

Vor zehn Jahren nahm die damalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) viel Geld in die Hand, damit die Schulen für den Nachmittagsbetrieb umrüsten konnten. Für insgesamt vier Milliarden Euro wurden überall im Land neue Mensen oder Bewegungsräume gebaut. Und auch in den derzeitigen Koalitionsverhandlungen zwischen Union und SPD spielt der Ganztag eine wichtige Rolle: Er könnte ein Hebel sein, damit der Bund den Ländern doch Geld für Schulen zukommen lassen darf, was bislang durch das Kooperationsverbot verhindert wird. Die amtierende Bundesbildungsministerin Johanna Wanka setzt sich deshalb ebenso für Ganztagsschulen ein wie ihre Vorgängerinnen. Doch der Ausbau ist kein Selbstgänger, wie eine heute in München veröffentlichte Studie des "Aktionsrats Bildung" belegt. Unter dem Titel "Betreuung oder Rhythmisierung?" (hier als pdf) zieht das Gremium eine Zwischenbilanz der bisherigen Maßnahmen. Auf den über 100 Seiten finden sich viele Sätze, die die Freunde des Nachmittags in der Schule hellhörig machen müssen.

 
Zum Beispiel der, dass sich "bislang keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen den Schülerleistungen in den Domänen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften an Halb- oder Ganztagsgrundschulen nachweisen" ließen. Will heißen: Obwohl die Kinder viele Stunden zusätzlich in der Schule verbringen, waren sie in Leistungsvergleichen genauso gut oder schlecht wie vorher.

Zielgruppe wird kaum erreicht
 
Ein andere zentrale Diagnose lautet, dass es nur teilweise gelinge, "diejenigen Schülerinnen und Schüler zu erreichen, die unter benachteiligenden und/oder belastenden Bedingungen aufwachsen" - genau diese Zielgruppe hatten die Schulplaner aber besonders im Visier.
 
Der Aktionsrat Bildung ist keine staatliche Institution, sondern bei der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft angesiedelt. Doch die Expertise hat Gewicht, gehören doch viele der namhaftesten deutschen Bildungswissenschaftler zu dem neunköpfigen Gremium. ..."

Glauben Sie nun aber nicht, die Experten würden 1 und 1 zusammenzählen und dem gesundern Menschenverstand die Ehre geben. Sie schlagen durchaus nicht die Rückkehr zum Freien Nachmittag vor, sondern ziehen ein weiteres Mal der erziehungswissenschaftlichen Weisheit allerletzten Schluss: mehr desselben! Die Ganztagsschule muss wasserdichter werden, ohne pädagogisch ungenutzte Luft- und womöglich Schlupflöcher; erfassen, durchgreifen und einwecken!

Der Spiegel schließt dagegen seinen Beitrag immerhin so:

"Mit dem neuen Gutachten lässt sich kaum ein Plan begründen, nun einfach schnell weitere Ganztagsschulen zu eröffnen - analog zum Kita-Ausbau, wo der im August eingeführte Rechtsanspruch für Einjährige zu einem Bauboom in den Kommunen und zu einem Run auf Erzieherinnen führte.


Dem Aktionsrat Bildung geht es um die Qualität der Ganztagsschulen, die mehr sein sollen als bloße Verwahranstalten. Die Experten fordern einen "auf Forschungsergebnisse gestützten Handlungsplan im Sinne von länderübergreifenden pädagogischen Leitlinien" - umzusetzen durch die Kultusminister, innerhalb der kommenden fünf oder zehn Jahre."

Wenn Eltern wählen müssten zwischen Verwahranstalt und pausenloser Ganzkörpermassage, dann wäre die Verwahranstalt immer noch das kleinere Übel. Aber gottlob gibt es eine menschenfreundlichere Alternative:

Rettet den schulfreien Nachmittag!





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