Montag, 18. September 2017

Für eine Umordnung der Jugendhilfe.


Ein Vorschlag zur Umordnung der Jugendhilfe
Für eine öffentlich-rechtliche Kammer der Sozialarbeit


Dass das neue Kinder- und Jugendhilfegesetz im letzten Frühjahr (1990) so sang- und klanglos über die Bühne gehen konnte, war kein Ruhmesblatt für die ehedem so rührige Zunft der Sozialpädagogen. Ja, allerlei Flickwerk im Detail – aber eine tragende Idee, eine gesellschaftliche Perspektive, die hätte mobilisieren können? Fehlanzei- ge.

Das Ergebnis ist danach. Richtig dagegen sein kann man nicht: Es sind ja wirklich ein paar Fortschritte da und dort. Aber so recht zufrieden ist auch keiner. Das macht: Es wimmelt von Kann- und Sollbestimmungen, in denen die Grundfragen, wie etwa das Verhältnis von Kindes- und Elternrechten, absichtsvoll untergehen.

Zum Glück geben uns die Kann- und Sollvorschriften eine – unverdiente – zweite Chance. Sie machen nämlich die Novellierung der landesrechtlichen Ausführungsgesetze zum bisherigen Jugendwohlfahrtsgesetz unabding- bar: Die Lücken müssen geschlossen werden. Vielleicht könnte ja gerade die Jugend- und Sozialpolitik gewinnen im Prozess der deutschen Vereinigung – und seiner Neubelebung des föderalen Prinzips?!

Die Voraussetzungen sind ja da. Ein Hauch von ’68 hängt nämlich in der Luft. Die Profession ist, endlich, der technizistischen Kleinkrämerei überdrüssig. Eine neue Idee müsste her. Aber wer traut sich?


Dabei liegen alle sachlichen Elemente längst auf dem Tisch des Hauses. Es gilt nur noch, sie zusammen zu fassen unter eine ordnende Perspektive. Aber dazu müsste man einen geeigneten Blickpunkt finden; Überblick finden über das Chaos der tausendfältig spezialisierten Dienste. Gibt es im Reich der Jugendhilfe ein Institut, an dem man exemplarisch die Grundfrage der öffentlichen Sozialarbeit zur Darstellung bringen kann?

Das gibt es: Es ist das Kinderheim – weil nämlich „das Heim“, oder vielmehr der Weg, wie man dort reinkommt, als Paradigma der gesamten Jugendhilfe gelten kann. Denn während ursprünglich „das Heim“ Kern- und Herz- stück der Sozialpädagogik war, so ist es heute deren partie honteuse (dt. Schamteil); und beides ist gleichermaßen charakteristisch.

„Heimunterbringungsverfahren“

Dass „das Heim“ heute mehr den je als Notmaßnahme, als rettende „Intervention“ in einem ansonsten hoff- nungslosen „Fall“ erscheint, hat, neben manchen andern, einen wesentlichen Grund im administrativen Verfah- ren, das zur „Einweisung“  führt. Denn in der Arbeit der Sozialarbeiterinnen bei der Familienfürsorge ist die Heimunterbringung tatsächlich eine äußerste Maßregel: weil sie durch sie nämlich „den Fall abgeben“.

Ist der „Vorgang“ erst einmal in Bewegung gesetzt, hat die Sozialarbeiterin keinen aktiven Einfluss mehr auf seinen Verlauf – ihre professionelle Verantwortung ist ausgesetzt; sie muss den Eindruck gewinnen, dass sie alles getan hat, was in ihren Kräften stand – und dass das eben nicht genug war! Wenn ein Kind „ins Heim muss“, dann hat allem Anschein nach nicht bloße der Klient – das Kind und seine Familie – „versagt“, sondern eben auch… die individuelle Sozialarbeiterin. Kein Wunder, dass sie „das Heim“ als Vorzimmer zur Hölle ansieht, wo es doch ein sicheres Mal ihres Scheitern ist! Das übrigens doppelt und dreifach, wenn die Heimeinweisung ein Befreiungsschlag ist, mit dem sie sich eine besonders ätzende Familie vom Halse  schafft: denn jetzt kommt zum Gefühl des Versagens auch noch das Schuldgefühl hinzu.

Das ist die erste Schwelle. Die Anlage der Akte ist die zweite: Eine zusätzliche Barriere ist die „psychosoziale Diagnose“. Denn wenn „das Heim“ als eine „äußerste Notmaßregel“ angesehen wird, dann muss der „Fall“ eben auch als ein „besonders schwerer“ dargestellt werden: einer, der „das Äußerste“ rechtfertigt. Es entsteht eine „Akte“, in der – so oder so – das Kind (und seine Familie) belastet wird – und damit sein ganzer künftiger Lebensweg.

Die Sozialarbeiterin wird in der Regel das Entstehen so eines „Vorgangs“ zu vermeiden suchen. Sie wird also sogar vermeiden, die Möglichkeit eines  Heimaufenthalts von Amts wegen überhaupt zur Sprache zu bringen. Der Standesdünkel der Schmalspurpsychiater beim Jugendgesundheitsdienst, die sich ihre ärztliche Machtvoll- kommenheit nur ungern von der Sozialarbeit einschränken lassen, tut ein Übriges.
 
Veröffentlichung der Lebensgeschichte – Enteignung des Privaten

Durch das gegenwärtig geltende, bürokratisch formalisierte „Heimunterbringungsverfahren“ wird etwas, das eigentlich nur ein Ereignis in der höchst privaten Lebensgeschichte des Einzelnen ist – dass er nämlich einstweilen dort wohnt und nicht hier -, aus der Sphäre des Individuellen und Zufälligen herausgehoben und auf einem staatlichen, einem öffentlichen Niveau fixiert: Es wird zu einem Faktum von höherer Geltung.

Dabei werden die Einzelnen – nicht nur das Kind, sondern mittelbar seine ganze Familie – von einem Teil ihrer künftigen Lebensführung enteignet: Denn während es leicht ist, in die „Vorgänge“ der Behörde hinein zu rutschen, ist es schwer, wieder raus zu kommen. So sehr sich die Sozialarbeiterinnen sträuben mögen, eine Heimeinweisung in Gang zu setzen, so sehr widerstrebt es ihnen nämlich auch, sie gegebenenfalls wieder… rückgängig zu machen! Kein Wunder: kämen doch andernfalls Zweifel auf, ob der „Fall“ seinerzeit wirklich so schlimm gewesen war, wie er zwecks Einweisung hatte dargestellt werden müssen…

Und so wird das, was eigentlich ein durchaus umkehrbarer Schlenker auf dem Lebensweg hätte bleiben können, nun tatsächlich zu einer ganzen Lebens-Epoche aufgeplustert, die nicht ohne Erlaubnis der Behörde abgeschlos- sen werden kann.

Nirgends wird die Crux der „hochschwelligen Angebote“ so deutlich wie hier: Ist die Eingangsschwelle hoch, so ist es in der Regel auch – die Ausgangsschwelle. Es reißt eine Dramatisierung in die sozialarbeiterliche Interven- tion ein, die sachlich gar nicht erwünscht sein kann – und die nur den „Sachzwängen“ eines bürokratischen Systems geschuldet sind. 

Die Behörde als helfender Berater, oder der Bock als Gärtner

Wir sind beim Kernproblem öffentlicher Sozialarbeit angelangt. Kann einer, der mit den Prärogativen des öf- fentlichen Hoheitsträ- gers ausgestattet ist, auf die Dauer ernsthaft damit rechnen, zu seinem Klienten ein Verhältnis „helfender Beratung“ aufbauen zu können?

Vorab dies: Der Einwand, der an dieser Stelle unweigerlich fällt – dass nämlich fachliche Qualität dauerhaft eben nur durch öffentliche Kontrolle zu gewährleisten sei –, ist vollkommen richtig. Aber es ist eine – interessierte? – optische Täuschung, dass öffentliche Kontrolle eo ipso nur durch hoheitliches Verwaltungshandeln ausgeübt werden kann.

Und tatsächlich kontrolliert die Behörde die Arbeit der Sozialarbeiter nicht, indem sie deren Arbeitsergebnisse (ex post) bewertet – denn nach welchen Erfolgskriterien wohl auch? -; sondern sie legt die Latte höher durch eine Art präventiver Schikane „ex ante“, in der vagen Hoffnung, durch kleinkarierte Pedanterie en gros „Miss- brauch“ en détail irgendwie abschrecken zu können. Folgerichtig wittert die Verwaltung bei allem „Niederschwelli- gen“ sogleich den Anfang von Chaos und Anarchie – von der Verschwendung von Steuergeldern gar nicht zu reden.

Und so liegt denn  die „Schwelle“ vor den Heimen – rein und raus – so hoch, dass von einem… „Angebot“ ehrlicherweise gar nicht mehr die Rede sein kann: Wenn ein Kind „ins Heim muss“, wird es von allen Beteiligten – Kind, Familie, Familienfürsorge – als ein Schicksalsschlag erlebt; wie eine Falle, die zuschnappt: als Endstation.

Punktueller Eingriff oder systemische Wechselwirkung

Der Hintergrund ist die unterschwellig fortdauernde Vorstellung von der Sozialarbeit als einer Art fürsorglichen Gnadenakts eines vormundschaftlichen Staats im individuellen Notfall: der Begriff der Intervention ist nur eine verschämte Latinisierung der alten Horch-und-Guck-Mentalität. So als ob einer, der es besser weiß – und besser kann -, sich in väterlicher Sorge seinem dummen und widerborstigen Kind „zuwendet“ – um es möglichst zu „behandeln“. Arzt, Pfaffe, Polizist: das sind die idealtypischen Charaktermasken von Opas, d. h. Omas Sozial- arbeit gewesen.

Tatsächlich ist unterdessen das System der Sozialen Arbeit zu einer allgemeinen Bedingung des Heranwachsens geworden: so wie Schule, Kindergarten, Bafög, Elternfreibeträge… In unserer Gesellschaft ist Jugend-Sozial- arbeit eine reguläre öffentliche Dienstleistung.

Der Grund liegt auf der Hand: Die öffentliche Sozialarbeit hat im wachsenden Maße jene Funktionen der sozialen „Sicherung“ wahrzunehmen, die einst die Familien ausübten und die mittlerweile vorherrschenden Torso-Familien nicht mehr ausüben können. Dieser Funktionsverlust der (klein)bürgerlichen Kleinfamilie ist nicht etwa eine bloße Summe von soundso viel je individuellem „Versagen“, sondern ein säkularer zivilisa- torischer Prozess, den man vielleicht beklagen, aber nicht ignorieren kann.

Abstrakt gesprochen, handelt es sich um zwei Seiten desselben historischen Ereignisses: der zunehmenden Vergesellschaftung aller Lebensprozesse. Erstens folgt der (technischen) Vergesellschaftung der materiellen Produktion durch die große Industrie jetzt die Vergesellschaftung der Produktion und Reproduktion des lebendigen Arbeitsvermögens selbst; und durch die Mobilisierung des bürgerlichen Reichtums im Aktienkapital wird die Familie zweitens auch im Bürgertum obsolet: nämlich als Erbengemeinschaft. Sie ist nun nicht mehr der unverzichtbare Rahmen, in dem der Reichtum akkumuliert wird. Als société anonyme trägt das Kapital keinen Namen mehr.

Und darum ist die sogenannte „Jugendhilfe“ auch kein Stück Wohlfahrtspflege, sondern ein Teil der Gesell- schaftspolitik.

Aber Verwaltung und Sozialarbeit haben notwendig eine je verschiedene Optik; wohlbemerkt nicht eine richtige und eine falsche, sondern, von wegen der unterschiedlichen Aufträge eben eine… verschiedene.

Hoheitliches (Verwaltungs-) Handeln ist notwendig linear. Die eine Seite, das hoheitliche Subjekt, handelt – und „wirkt“ auf die andre Seite, die zivile Gesellschaft, ein, als auf ein ihr gegenüber passives „Material“. Die Aktion ist einseitig.

Und im demokratischen Rechtsstaat muss das auch so sein, dort nämlich, wo (idealiter) „der Staat“ – als „das Allgemeine“ – die Vielen gegen die Einzelnen repräsentiert. Ließe der Hoheitsträger die Rückmeldungen, die sein Handeln aus der zivilen Gesellschaft jeweils erfährt, einfach auf sich „wirken“, dann müsste er immer und immer wieder sagen: „Ach, jetzt hab ich’s mir anders überlegt“, und dann wäre die Rechtssicherheit, und mit ihr die Einklagbarkeit allen hoheitlichen Handelns, zum Teufel.

Soziale Arbeit hingegen ist wesentlich Wechselwirkung, Interaktion vieler Kommunikanden: Sie ist vor allem Kommunikations-Zusammenhang. Sie findet nicht linear statt, sondern systemisch, als Wirken in einem Feld von vielen Wirkenden. Der Sozialarbeiter zielt mit seinem Handeln auf die Rückkoppelung mit seinen Klienten geradezu ab, um sein eigenes Handeln wiederum darauf einzustellen, und so fort; das ist sogar der ganze Zweck und Inhalt seiner Arbeit. Er zielt nicht, wie die „Maßnahmen“ des einzelnen Beamten, auf dieses oder jenes Resultat; sondern diesen Prozess selbst in Gang setzen, in Gang halten und auf seine „Richtung“ Einfluss nehmen – das ist seine Arbeit.

Und weil er in einem Feld arbeitet, wo außer ihm noch eine Menge andrer Kräfte wirken, kann er sich auch nicht einbilden, die „Richtung“ allein festzulegen: Seine Arbeit ist nie ‚ganz oder gar nicht‘, sondern immer nur ‚mehr oder weniger‘. Darum ist sein Erfolg naturgemäß auch nicht messbar: jedenfalls nicht am „einzelnen Fall“, und nie zum gegebenen Zeitpunkt. Sein Erfolg ist immer ein Mehr oder Weniger im Querschnitt und im Längsschnitt.

Und darum ist Sozialarbeit auch gar nicht zu bewerten nach der Leistung dieses oder jenes (einzelnen) Sozial- arbeiters hier und jetzt, sondern an der Leistungskraft des Systems der Sozialarbeit im Großen und Ganzen.

Eine öffentliche Dienstleistung in einem System gesellschaftlicher Selbstregulierung

Sozialarbeit und Verwaltung folgen zwei grundsätzlich verschiedenen und grundsätzlich unvereinbaren Logiken. Werden sie vermengt, kann weder die eine noch die andere ihre Aufgaben wirksam wahrnehmen. Im Ergebnis: Die verwaltungsmäßige Sozialarbeit ist ziemlich ineffektiv, und zugleich vergeudet sie eine Menge Steuergelder…

Die Aufgabe liegt auf der Hand: Sozialarbeit und Verwaltung entmischen. Also z.B. die Familienfürsorge nicht bloß aus den Rathäusern, sondern aus dem öffentlichen Dienst überhaupt herausholen. Bleibt nur die Frage: wie dann die professionelle Qualität der Sozialarbeit garantieren?

Sobald sie einmal der staatlichen Aufsicht entronnen sind – wird sich das machtbewusste und besitzfrohe Völkchen der Sozialarbeiter nicht über die gesamte Oberfläche der Gesellschaft ergießen, in alle ihre Poren eindringen und das Land als eine allgemeine psychosoziale Gesundheitspolizei einer zudringliche Standesherrschaft unterwerfen?

Sicher ist: Öffentliche Kontrolle ist unverzichtbar, und wirksamer als heute kann sie auch ruhig sein. Aber öffentlich heißt eben nicht gleich staatlich.

Der erste Teil der Aufgabe: die „klinische“ Sozialarbeit, also alles, was „helfende Beratung“ ist, von den – wenigen – wirklich hoheitlichen Funktionen der Familienfürsorge trennen und aus den Ämtern heraus verlagern in die Wohnviertel hinein, etwa in Form von Zweier- oder Vierergruppen von Streetworkern. Zu diesem Zweck könnten zum Beispiel die Gebietsvertretungskörperschaften privatrechtliche Vereine gründen, die die bisherigen „klinischen“ Aufgaben der Familienfürsorge fortführen, aber ansonsten ein Freier Träger unter anderen wären.

Aber sicher, das gibt Probleme mit dem Dienstrecht. Doch unlösbar sind sie nicht. Schließlich gibt es Beispiele im In- und Ausland. Und es geht selbstverständlich nur auf der Basis von Freiwilligkeit: na, umso besser.

Der zweite Teil der Aufgabe ist – zumindest im Prinzip – viel schwieriger. Die öffentliche Kontrolle soll fachlich qualifiziert sein und nicht bürokratisch formalisiert. Wer aber ist fachlich qualifiziert zur Kontrolle, wenn nicht… die Fachwelt selbst? Dazu muss sie freilich ihre feudale Fragmentierung überwinden – und sich selbst zur Öffentlichkeit bilden. Es kann sich also nur um eine berufsständische Selbstkontrolle handeln. Und die kann nur effektiv sein, wenn sie obligatorisch ist: Das verlangt Zwangsmitgliedschaft aller, die öffentliche Zuwendungen in Anspruch nehmen wollen, in einer repräsentativen Standesvertretung. Also eine öffentlich-rechtliche Kammer.

Ärzte, Anwälte, selbst Industrie und Handel haben solche Kammern. Allerdings – und das ist ein wesentlicher Unterschied – kassieren sie bei ihren Kunden, direkt oder (per Krankenschein) indirekt. Qualitätsmerkmal ist die Zufriedenheit der Nachfrager, sie reguliert früher oder später das Angebot. Aber die Sozialarbeit lebt naturgemäß – sonst hieße sie nicht „sozial“ – von der Staatsknete. Sicher darf die Standesvertretung nicht selber die Vergabe öffentlicher Mittel präjudizieren können – sonst wären, beim bekannten Appetit der „Betroffenen“, die Kassen bald leer.

Aber es bedarf einer gegenseitigen institutionellen Repräsentation von staatlicher Hoheit und fachlicher Kompetenz. Und tatsächlich gibt es ein solches gegenseitiges Vertretungsorgan, in dem die Soziale Arbeit als Berufsstand öffentlich-rechtlich anerkannt ist: nämlich die bisherigen Jugendwohlfahrtsausschüsse, in denen den Freien Trägern eine bestimmte Quote gesetzlich garantiert ist.

Nun wäre ein weiterer Schritt fällig. Während nämlich bislang die Vertreter der freien Sozialarbeit (einvernehm- lich) von der staatlichen Seite – den Vertretungskörperschaften – ausgewählt werden, müsste die Standesorga- nisation der Sozialarbeiter – nennen wir sie mal Jugendhilfetag – dann ihr Vertreter selber wählen können. Dazu müsste sie aber erstmal in sich selber repräsentativ verfasst sein – und das heißt paritätisch (was die Fünferbande der großen Wohlfahrtskonzerne nicht gerne hören wird). Über die genaue Definition der rechtlichen und fiskalischen Kompetenzen dieses neuen Kinder- und Jugendhilfeausschusses lassen sich später noch genug Haare spalten.

An dieser Stelle ist nur eins festzuhalten: Die Berufsvertretung der der Sozialarbeiter hat nicht selber in die Kasse zu greifen, sondern sie hat vielmehr der Politik die fachlichen Parameter zu liefern, nach denen jene „verteilt“. Der Unterschied zu heute wäre beträchtlich: Die Parameter sind dann sachlich qualifiziert, weil und insofern sie aus einer repräsentativen Quelle stammen.

Ein tiefer Schnitt

Soll das System der Jugend-Sozialarbeit nicht an Herzverfettung kollabieren, dann muss die Spirale von Spezialisierung und Bürokratisierung jetzt zerbrochen werden. In die soziale Arbeit müssen Unternehmungsgeist und Eigenverantwortung einkehren. Quacksalberei am Detail hilft nichts. Es muss ein tiefer Schnitt getan, es muss das Ruder herumgeworfen, es muss – neu angefangen werden.

Es ist absurd, dass ein Kind und seine Familie einem „helfenden Berater“ Zutritt zu ihrem Privatleben gewähren sollen, der zuvor der Hoheit und ihrem Fiskus seine besondere Treue gelobt hat. Und es ist absurd, dass ein Beruf, der wie kein anderer vom persönlichen Einsatz lebt, ausgerechnet in einem Apparat ausgeübt wird, dessen Raison d’être dies ist, dass er individuelle Entscheidungen zu unpersönlichen „Vorgängen“ versachlicht und objektiviert.

Über die Einzelheiten zu streiten wird noch reichlich Gelegenheit sein. Das Kammer-Modell hat sicher auch seine Tücken; und ob die Jugendwohlfahrtsausschüsse überhaupt wiederbelebungsfähig sind, mag bezweifelt werden. Aber an der Richtung kann es keinen Zweifel mehr geben. Der hier vorgetragene Plan hat den unbequemen Vorzug, gänzlich machbar zu sein – und sogar schon auf der bloßen Länderebene.
Wer diesen Weg nicht gehen will, muss sagen, welchen sonst – oder sich aus der Sache raushalten. Denn bloßes Drumrumreden geht nun jedenfalls nicht mehr.
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Unter dem redaktionellen Titel “Befreit die Sozialarbeit – ein Vorschlag zur Umordnung der Jugendhilfe” in Sozial Extra 2/91


Nota. - Der Text ist ein gutes Vierteljahrhundert alt, man glaubt es kaum. Das Kinder- und Jugendhilfe-Gesetz war eigentlich schon am Tag, als es in Kraft trat, angestaubt: Es war zwanzig Jahre lang daran gefummelt worden, und das hat es nicht besser, sondern schlechter gemacht. Die Ausführungsgesetze der Bundesländer wären eine zweite Chance gewesen, aber ich habe nicht wirklich zu hoffen gesagt, dass sie genutzt würde. In der Berliner Senatsjugendverwaltung ist zwar einen Moment lang über eine Verkammerung der Jugendhilfe getuschelt worden, aber es stand vorab schon fest, dass sie nicht in Frage kam: Was wäre denn da aus den Jugendverwaltungen geworden?

Daei war schon damals allen Professionellen klar: Jugendhilfe muss präventiv sein, bevor sie irgend etwas anderes sein kann. Prävention muss systemisch und generell geschehen, bevor gezielte und individuelle 'Maßnahmen' fachlich sinnvoll überhaupt erst erwogen werden können.

Die Finanzierung der Jugendhilfe darf daher auf die Dauer nicht vom Anspruch abhängen, der entsteht, sobald das Kind in den Brunnen gefallen und ein Fall gewworden ist. Mit andern Worten, Tagessätze sind eine Falle, die zu einer Vervielfachung und zur... Verhärtung der Fälle führt. Wobei die fiskalischen Unkosten in astronomische Höhe steigen, die freilich von den menschlichen Unkosten weit überboten werden.

Es kam die Idee auf, die Töpfe für Einzelmaßnahmen und für Jugendarbeit in sogenannten Sozialraumbudgets zusammenzufassen und die je spezifische Verteilung dem einzelnen Träger anzuvertrauen. Die Idee hatte freilich einen teuflischen Pferdefuß: Da die Töpfe nicht unerschöpflich sind, muss man die Zahl der in Frage kommen- den Träger eng begrenzen. Wer muss begrenzen? Das Jugendamt! Nach diesem Plan sollten die Jugendämter befugt werden, sich die Träger, die zu ihnen passen, herauszupicken und... alle anderen am langen Ast vertrocknen zu lassen.

Eine rein verwaltende Behörde wäre zum geldgebenden Vorgesetzten der klinischen Sozialarbeit geworden.  

Dass das eine fachliche Katastrophe wäre, hätte in diesen unseren Tagen wohl kaum Anstoß erregt. Gar manches Jugendamt war nur allzu bereit, auf dieses "Angebot" aufzuspringen. Aber es gibt Richter in diesem Land. Dass das Ding nicht mit den Grundsätzen unserer Verfassung vereinbar ist, sprang ihnen ins Auge, und so sind wir nochmal davon gekommen.




 

Sonntag, 17. September 2017

Leviathan kriegt den Hals nicht voll.

aus Welt am Sonntag, 16.09.2017 

Kommission gefordert  
CDU-Familienpolitiker beklagt schwere Missstände in der Jugendhilfe

„Ich habe als Abgeordneter mittlerweile so viele Fälle von nicht nachvollziehbaren Inobhutnahmen, Sorgerechtsentzügen, aber auch Klagen von Pflegeeltern über die Behörden zugesendet bekommen, dass ich davon überzeugt bin, dass es sich nicht mehr um wenige Einzelfälle besonders versagender Eltern und schwieriger Kinder handelt“, sagte Weinberg der WELT AM SONNTAG. Vielmehr sei anzunehmen, dass es sich dabei um ein systembedingtes oder strukturelles Problem handeln könnte, so Weinberg.




Kinder und Jugendliche würden immer wieder erzählen, dass ihr Wunsch und ihr Wille bei den Entscheidungen, wo und wie sie leben wollen, missachtet werde. Viele Eltern fühlten sich in Familiengerichts- oder Jugendamtsverfahren gedemütigt und genötigt. „Jedes einzelne Fehlurteil, jedes einzelne unter Fehleinschätzungen leidende Kind ist unser Auftrag, das System zu überprüfen“, fordert Weinberg. Ein Tabuisieren, Wegschauen oder Verdrängen dürfe es nicht länger geben.

Zahl der Inobhutnahmen rasant gestiegen

Tatsächlich steigt die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die von den Jugendämtern aus ihren Familien genommen werden, seit Jahren stetig. Ein großer Teil der 84.230 im vergangenen Jahr in Obhut genommenen Kinder und Jugendlichen waren zwar minderjährige unbegleitete Flüchtlinge. Aber selbst wenn man diese Gruppe herausrechnet, ist die Zahl der Inobhutnahmen rasant gestiegen – von 26.155 im Jahr 1996 auf 39.295 zehn Jahre später.
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Es sei sorgfältig zu prüfen, ob dies an einer Zunahme von Erziehungsversagen und Überforderung von Eltern, an erhöhter Wachsamkeit der Behörden oder an einer Absenkung der Eingriffsschwelle liege, so Weinberg. Mit Blick auf die Auswirkungen auf die betroffenen Familien habe der kommende Bundestag die Pflicht, dies zu überprüfen.

Ähnlich wie in der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs müsse Betroffenen und Insidern die Gelegenheit gegeben werden, ihre Erfahrungen aus ihrer Perspektive vertraulich zu schildern, damit unabhängige Experten sie auswerten können.


aus FAZ, 17. 9. 2017

Jugendämter können sogenannte vorläufige Maßnahmen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen als Hilfe in akuten Krisen- oder Gefahrensituationen durchführen – etwa auf Bitten der Kinder oder bei Gefahr für das Kindeswohl. Bis eine Lösung gefunden ist, werden die Minderjährigen in Obhut genommen und können auch in einem Heim oder bei einer Pflegefamilie untergebracht werden.


Nota. - Bis weit in die neunziger Jahre laute der letzte Schrei in der Jugendhilfe Fremdunterbringung nach Möglichkeit vermeiden! Das klang beinahe revolutionär - war doch das Heim ein Jahrhundert lang sowohl Fundament als auch Schlussstein der Jugendfürsorge gewesen! Dem Geist der Zeit und namentlich der "Heimkampagne" des Jahres '68 folgend, sollte aus der behördlichen Fürsorge nunmehr sozialarbeiterliche Hilfe werden; festgeschrieben im neuen Kinder- und Jugendhilfe-Gesetz, das nach langen Wehen 1991 endlich das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz aus dem Jahre 1927 ersetzt hat.

Wollte da ein Bürokratie freiwillig auf den Zugriff auf ihre Untertanen lockern? Ach, weit gefehlt. Es schoss vielmehr die Plethora der ambulanten Maßnahmen ins Kraut, die vielen Sozialarbeitern neue Beschäftigungsmöglichkeiten schafften und die im Hintergrund lauernden Heime erst dann in Anspruch nahmen, wenn sich die ambulant Maßgenommenen über Jahre als restistent erwiesen hatten und als Ultima Ratio "nichts anderes mehr übrigblieb" - und dann wiederum die Erwartung bestätigten, dass Fremdunter- bringung nichts bringt. Ein Zirkel, der viele Steuermittel kostete und nur den Professionellen und dem See- lenfrieden der Verwaltungen gedient hat.

Aber es wurde immerhin so getan, als lägen den behördlichen Entscheidungen fachliche Erwägungen zu Grunde.

Seit Mitte der neunziger Jahre stand auch die Jugendhilfe im Zeichen des Sparens. Die Stadtkämmerer konnten auch bei gutem Willen dem unvermeidlich Ruf nach mehr Personal nicht mehr nachgeben, und den Jugendämtern blieb nichts übrig, als allüberall nach den billigsten Angeboten zu suchen. Die Folgen sind verheerend. Von fachlichen Debatten in Jugendhilfe und Sozialarbeit ist - mindestens in der interessierten Öffentlichkeit - nichts mehr zu hören, Jedem sitzt das Hemd näher als die Hose, und alle machen klein-klein.

Und darum erleben wir ein Anschwellen der... Femdunterbringung! Dass das alles am Ende doch nur immer teurer wird, ist noch der geringste Skandal. Dass viele tausend Leben schon in frühen Jahren beschädigt werden, ist ein viel größerer.

Der allergrößte ist aber, dass seit einem Vierteljahrhundert die Alternativen bekannt sind - aber gegen den Willen einer gefräßigen Bürokratie nie ein Chance bekamen.
JE



Montag, 4. September 2017

Ausschlafen!

aus Der Standard, Wien, 1. September 2017, 06:00

Um acht Uhr in die Schule: 
Beginnt der Unterricht zu früh?
Viele Kinder können sich in der Früh noch nicht konzentrieren. Der Grund: Sie sind chronobiologisch gesehen Spätstarter. Sollte die Schule erst später beginnen?

Am kommenden Montag heißt es wieder früh aufstehen, zumindest für die schulpflichtigen Kinder in Niederösterreich, Wien und im Burgenland. Denn: Der Unterricht beginnt in den meisten Klassen um acht Uhr. Das ist jahrzehntelange Praxis, die zu einem ungeschriebenen Gesetz wurde, obwohl Schulen den Unterrichtsstart autonom nach hinten verschieben könnten.

Chronobiologisch werden Menschen in nachtaktive "Eulen" und frühaufstehende "Lerchen" unterteilt. Ob jemand eher morgens oder abends zur Höchstform findet, ist grundsätzlich angeboren. Im Teenageralter ähnelt der Schlafrhythmus aber verstärkt jener von "Eulen". Der Wissenschaft zufolge würden deshalb etwa 70 Prozent der Jugendlichen von einem späteren Unterrichtsbeginn profitieren.

Die meisten Hirn- und Schlafforscher sind sich einig: Ideal wäre ein Unterrichtsbeginn erst um neun oder zehn Uhr. Das haben Studien gezeigt. Eine Untersuchung an einer US-Highschool in Rhode Island kommt etwa zu dem Ergebnis, dass selbst Schüler, die morgens nur eine Viertel- oder halbe Stunde länger schlafen können, psychisch besser drauf sind. Schule und Beruf vereinbaren

Wer gegen seine "innere Uhr" lernt und arbeitet, ist nicht nur weniger produktiv, sondern riskiert auch gesundheitliche Probleme. Chronischer Schlafmangel kann Wachstumsstörungen, Fettleibigkeit und Depressionen fördern, betonen Forscher.

In Schweden und Großbritannien hat die Politik schon vor Jahren reagiert. Die Schulen beginnen dort erst um neun Uhr. Besonders Kinder zwischen sechs und zehn Jahren sind dadurch leistungsfähiger, so das Argument. Ein nicht zu unterschätzendes Problem dabei: Der "Eulenmodus" lässt sich häufig nur schwer mit dem Berufsleben der Eltern vereinbaren.

Freitag, 1. September 2017

Schule schadet ihrer Gesundheit.

berliner-zeitung
aus Süddeutsche.de, 1. 9. 2017

43 Prozent der deutschen Schüler leiden nach einer neuen Studie der Krankenkasse DAK unter Stress - mit Folgen für die Gesundheit. Ein Drittel der betroffenen Jungen und Mädchen hat Beschwerden wie Kopf- schmerzen, Rückenschmerzen oder Schlafprobleme. Das geht aus dem Präventionsradar 2017 der DAK-Gesundheit hervor.

Mädchen fühlen sich demnach häufiger gestresst als Jungen. Jede zweite Schülerin habe sehr oft oder oft Stress. Bei den Schülern seien es 37 Prozent. Vier von zehn Schülerinnen hätten häufig Kopfschmerzen, mehr als ein Drittel schlafe schlecht. 30 Prozent klagten regelmäßig über Rückenschmerzen, ein Viertel über Bauchweh.

Bei den Jungen gab gut ein Viertel an, häufig Kopfschmerzen zu haben. Jeweils etwa 30 Prozent der Schüler berichteten, sie schliefen schlecht oder hätten Rückenschmerzen, 15 Prozent haben demnach oft Bauchweh. Viele Kinder und Jugendliche erlebten Schule als Belastung. 40 Prozent der Schüler gaben an, zu viel für die Schule machen zu müssen.

Ein weiteres Ergebnis: Der von den Schülerinnen und Schülern empfundene Stress nimmt im Laufe der Schulzeit zu. Ältere Jahrgänge (9. und 10. Klasse) berichteten deutlich häufiger von Stress als die jüngeren (51 Prozent oft oder sehr oft vs. 35 Prozent in der 5. und 6. Jahrgangsstufe).


Nota. - Ja, was kann man denn da tun? Ganz klar: Am besten schickt Ihr sie auch nachmittags dorthin, dann wird alles besser.
JE



Freitag, 18. August 2017

Die Schule fängt zu früh an.


aus derStandard.at, 18. August 2017, 07:18

Müde Kinder: Experten raten von Prüfungen vor zehn Uhr ab
Schlafmediziner empfiehlt, Prüfungen in der Schule erst zu einer Uhrzeit anzusetzen, zu der "Lerchen" und "Eulen" gleichermaßen leistungsfähig sind

Frankfurt am Main – Prüfungen in der Schule sollten am besten zwischen zehn Uhr und halb elf am Vormittag stattfinden. Das empfiehlt der deutschen Chronomediziner Horst-Werner Korf. Denn um diese Zeit verfügen sowohl Frühaufsteher als auch Nachtvögel über die gleiche Leistungsfähigkeit. 

Lerche oder Eule – das ist Schicksal 

Der übliche Unterrichtsbeginn um acht Uhr belaste dem Experten zufolge vor allem männliche Jugendliche. Volksschulkinder kämen hingegen in der Regel gut mit dem frühen Start klar. "Kleine Kinder sind fast immer Lerchen", sagt Korf. Als Lerchen werden Menschen bezeichnet, deren natürlicher Tag-Nacht-Rhythmus dem eines Frühaufstehers entspricht. Korf: "In der Pubertät werden dann viele zu Eulen." Lerchen stehen früh auf, Eulen werden am Abend erst spät müde. Daran könne man nichts ändern, denn laut Korf könne kein Mensch auf Dauer gegen seine biologische Uhr leben.

Bio- und Sozialrhythmus passen nicht zusammen

Der traditionell frühe Unterrichtsbeginn komme Lerchen entgegen, sei für Eulen aber "absolut kontraproduktiv", meint der Experte. Wenn diese Kinder um acht Uhr in der Schule sitzen müssten, brächten sie ein Schlafdefizit mit. Aber Schlaf ist für die kognitive Leistung und das Gedächtnis sehr wichtig. Bei den Eulen unter den Schülerinnen und Schülern sei der "Biorhythmus gegenüber dem Sozialrhythmus verschoben". Da besonders postpubertäre männliche Jugendliche häufig zu den Eulen zählten, könnte das auch ein Grund dafür sein, dass deren schulische Leistungen oft schlechter sind.

Chronobiologen fordern schon lange einen späteren Schulstart, "aber es passiert nichts", bedauert Korf. Dennoch könnten die Schulen etwas verändern, ohne an den Gewohnheiten unserer Gesellschaft zu rütteln. Prüfungen könnten in Zukunft beispielsweise nicht in der Früh angesetzt werden, sondern eben "in einem Zeitfenster, wo beide Typen die gleiche Leistungsbereitschaft haben – das ist etwa zwischen zehn Uhr und halb elf". Gerade für Eulen hat der Mediziner noch einen abschließenden Tipp: "Vermeiden Sie blaues Licht am späten Abend: Handy aus." (APA, red, )

Weiterlesen:
Warum die Schule für viele zu früh beginnt

Samstag, 22. Juli 2017

Wegen einer 3 im Zeugnis...

aus spiegel-online


 
 
Die schlechteste Note in seinem Zeugnis ist eine Drei, doch für die schämte sich ein zehn Jahre alter Junge aus Schleswig so sehr, dass er sich nicht nach Hause traute. Stattdessen fuhr er zum Bahnhof, stieg in einen Zug nach Hamburg und reiste von dort weiter nach Basel.

Obwohl der Junge eine gültige Fahrkarte dabei hatte, wurde ein Schaffner, der zwischen Freiburg und Basel die Fahrkarten der Reisenden kontrollierte, misstrauisch und alarmierte die Polizei. Die Eltern des Zehnjährigen hatten ihn schon als vermisst gemeldet.

Als der Zug um 23 Uhr in Basel ankam, wurde der Schüler von Polizisten der deutschen Bundespolizei in Empfang genommen und nach Lörrach gebracht. 


Nota. -  Am Nachmittag wurde der Junge von seinem Vater in Lörrach abgeholt und ist wohlauf. -
In einer Zeit, wo es auf den Zeugnissen nur noch Einsen und Zweien gibt, ist eine Drei ('befriedigend') Grund zu tiefster Verzweiflung. Bevor Sie voreilig rufen: Was müssen das für Eltern sein! - fragen Sie besser: Was sind denn das für Zeugnisse? Die kann man auch ruhig ganz abschaffen.
JE



Sonntag, 16. Juli 2017

Von Kindern, Hunden und Katzen.



Alleinstehende Leute sollten ab einem bestimmten Alter gesetzlich verpflichtet sein, ein Haustier zu sich zu nehmen. Es ist nicht gut, wenn einer über Jahre niemand anders hat als sich selbst, an den er denken muss. Es ist nicht gut für ihn, doch das geht die Allgemeinheit nichts an. Es ist aber vor allem nicht gut für seine Nach- barn, und das geht die Allgemeinheit durchaus was an.

Es ist nicht gut, wenn in einem Gemeinwesen die Kinder gehalten werden wie in einem Zoo. Es ist nicht gut für sie, und schon das geht das Geimeinwesen allerhand an. Aber es ist unmittelbar schlecht für das Gemein- wesen selbst, wenn kindliche Lebensart als exotischer Sonderfall gelten muss und nicht als Bestandteil und Bedingung der Normalität. Kindlichkeit ist die Voraussetzung von Erwachsenwerden nicht nur im individuellen Einzelfall, sondern im gesellschaftlichen Großen und Ganzen.








Freitag, 7. Juli 2017

Wider den Kompetenzunfug.

aus Süddeutsche.de,

Was im Computer ist, ist noch längst nicht im Hirn Bildungstheoretiker laufen Sturm gegen die Umstellung der deutschen Lehrpläne auf Kompetenzorientierung. Gut so.

Wir haben eine Kultusministerkonferenz, die sich unablässig um zeitgemäße Bildungsstandards kümmert. Bekanntlich sollen das heute stets Kompetenzstandards sein. Klingt verheißungsvoll. Kompetenz ist doch etwas Gutes. Wörtlich übersetzt: Zuständigkeit. Ohne Leute, die auf Grund von Sachkenntnis, Erfahrung, Urteilsvermögen, Geschicklichkeit für ein bestimmtes Gebiet zuständig sind, wären wir alle aufgeschmissen. Kompetente Handwerker, Ärzte, Rechtsanwälte, Computerfachleute kann man sich nur wünschen.

Was also soll der Sturmlauf gegen das Kompetenzkonzept, der für dieses Wochenende in Frankfurt unter dem Titel "Kompetent in Kompetenz? 1. Frankfurter (In-)Kompetenzkonferenz" angekündigt ist? Im Einladungstext heißt es: Nachdem die Lehrpläne der Schulen flächendeckend auf Kompetenzorientierung umgestellt seien, "schwappt die Welle auch durch die universitären Curricula - zusammen mit den (in)kompetenzgeschulten Abiturienten, die in Stützkursen notdürftig studierfähig gemacht werden müssen". Auf der Rednerliste stehen neben Bildungstheoretikern wie Konrad Paul Liessmann auch Praktiker wie Mathias Brodkorb, der Finanzminister von Mecklenburg-Vorpommern.

Was haben diese Leute gegen Kompetenz? Gar nichts. Aber viel gegen die Eindampfung von Kompetenz auf Können: dass am Bildungsprozess nicht mehr interessieren soll, was jemand erfahren hat und weiß, sondern nur noch, "was hinten rauskommt" (Helmut Kohl). Am Ende eines jeden Lernschritts soll ein umschreibbares und überprüfbares Können stehen. Wenn man dies Können "Kompetenz" nennt, werden noch die bescheidensten Lernfortschritte zum Kompetenzerwerb aufgeblasen. Ein Kind, das den Zeigefinger in eine bestimmte Richtung strecken kann, hat Zeigekompetenz, seine ersten Schritte attestieren ihm Gehkompetenz. Es gibt überhaupt nur noch kompetente Kinder. Die Kehrseite dieser Schmeichelei ist, dass Kinder auch nur noch unter Kompetenzgesichtspunkten wahrgenommen werden.


Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat Millionen in Kompetenzmodellierungsprogramme gesteckt. Aufwendig versuchen diese, die spezifische Kompetenz zu operationalisieren, über die jemand verfügen soll, wenn er in der Lage ist zu gehen, bis zehn zu zählen, Verben von Adjektiven zu unterscheiden, einen mittelschweren Text zu verstehen, ein Integral zu lösen oder eine Sonate zu spielen. Doch Menschen kommen dabei nur noch als Kompetenzbündel vor. Der gemeinsame Fundus, aus dem diese disparaten Kompetenzen hervorgehen, die Person, in der sie zusammenhängen, interessiert nicht mehr. Sie lässt sich ja nicht isolieren und validieren wie einzelne Verhaltensweisen. Nur die aber zählen noch. Kompetenzen werden behavioristisch reduziert: zu geldwerten Verhaltensweisen, von denen man beim Gang zum Arbeitsmarkt durch Schule und Hochschule möglichst viele anhäufen soll.

Geografie lässt sich nicht durch Google Earth ersetzen

Und warum kommt dabei so wenig "hinten raus", obwohl der Unterricht doch immer kompetenzträchtiger zu werden verspricht? Warum werden die Klagen der Betriebe über gravierende Mängel bei den Auszubildenden in den Grundrechenarten und der Rechtschreibung immer lauter? Warum wächst die Zahl der Nachhilfekurse für Studienanfänger in Mathematik und Naturwissenschaften stetig an?


Weil Lernen nicht so funktional-linear-kleinschrittig verläuft, wie das Kompetenzkonzept es wünscht. Und weil Maschinen niemandem elementare Lernvorgänge ersparen. Was im Computer ist, ist noch längst nicht im Hirn. Und das Hirn ist keine Festplatte. Addieren und Subtrahieren an den Rechner delegieren, Orthografie ans Rechtschreibprogramm, Vokabeln und Geschichtsdaten nachschlagen statt memorieren, Geografie durch Google Earth ersetzen, befreit vom Ballast herkömmlichen Wissens kreativ durchs Netz surfen, dabei spielend lernen und unentwegt mediale Kompetenzen ansammeln: So funktioniert das nicht. Da bleibt wenig hängen. Ein mentaler Boden, worin Erlebtes Wurzeln schlagen und sich mit anderem zu dauerhaften Kompetenzen verbinden könnte, bildet sich erst gar nicht.

Wider den kompetenzversessenen Digitalpakt

Am 20. Juni hat ein "Bündnis für humane Bildung" einen offenen Brief an die Kultusminister adressiert und den "Digitalpakt Schule", für den das Bundesbildungsministerium fünf Milliarden Euro vorgesehen hat, als "Irrweg" bezeichnet. Es würden pro Jahr für jede Schule lediglich etwa 25 000 Euro abfallen, ohne dass klar ist, wer die Folgekosten für Betreuung und Wartung trägt.

Die Verfasser des Briefs nennen etliche empirische Studien, die den Nutzen des digitalisierten Unterrichts belegen sollten, aber diesen Beweis gerade schuldig bleiben: etwa den OECD-Bericht "Students, Computers and Learning" von 2015 oder die Hamburger BYOD-Studie. Auch Erfahrungen in Übersee werden erwähnt: "Letztes Jahr wurden in Australien die für 2,4 Milliarden Dollar angeschafften Laptops wieder eingesammelt, weil die Schüler/-innen alles Mögliche damit gemacht haben - nur nicht gelernt." Und dann ist da die Studie Blikk-Medien, in der Kinderärzte die Folgen früher und starker Nutzung digitaler Medien dokumentieren: eine signifikante Zunahme von Schlaf- und Konzentrationsstörungen, verzögerter Sprachentwicklung, Hyperaktivität und innerer Unruhe.


Die Frankfurter Kompetenzkonferenz, der offene Brief des Bündnisses für humane Bildung: Sie zeigen, es tut sich was. Es wächst die Zahl derer, die sich die Schrumpfung des Menschen auf eine Verfügungsmasse von Verhaltensweisen nicht länger gefallen lassen wollen, ebenso wenig wie die Degradierung von Lehrern zu Lernbegleitern, zu Anhängseln von Arbeitsblättern oder Computerprogrammen. Es wächst die Rückbesinnung darauf, dass Kompetenzen einem inneren Fundus an- und einwachsen müssen, wenn sie nicht sogleich wieder verfliegen sollen, und dass sich dieser Fundus nicht primär an Maschinen bildet, sondern in der sprachgeleiteten, keineswegs immer nur harmonischen Auseinandersetzung mit Mitmenschen, in der Regel älteren, die jüngeren lebensrelevante Sachverhalte eröffnen - vom Elternhaus an bis weit über die Schulzeit hinaus. Der dabei entstehende Fundus ist nicht operationalisierbar. Umgekehrt: Alles Operationalisierbare geht aus ihm hervor. Er selbst aber - der innere Niederschlag einer Erlebensvielfalt - macht die Bildung eines Menschen aus. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Aber in der Digitalgesellschaft muss man so tun, als wäre es die neueste Entdeckung.


Hier drängt es sich auch auf, eine Buchrarität zu erwähnen, die exemplarisch für Rückbesinnung stehen kann. Der Pädagoge Erhard Wiersing hat eine mehr als Tausend Seiten umfassende "Theorie der Bildung" vorgelegt. Sie setzt bei etwas an, was es in den Kompetenzkatalogen gar nicht mehr gibt: der Person. Sie ist für den Autor mehr als das Selbst, das Ich oder die Vernunft, nämlich das Zusammenspiel all dieser Momente: gleichermaßen Bildungsobjekt wie Bildungssubjekt. Die Entwicklung der Person ist zudem immer auch "Fortentwicklung animaler Eigenschaften und Fähigkeiten", weshalb ausgiebig die physische Vorformung erörtert wird, die Menschenkinder immer schon mitbringen, ehe ihre kulturelle Formung beginnt. Die Wiedergabe des aktuellen Wissensstands in Genetik und Neurobiologie gehört zu dieser Bildungstheorie ebenso wie eine gründliche Nachzeichnung des menschlichen Spracherwerbs, eine breit angelegte Aufbereitung der Debatte um die Willensfreiheit und die Herleitung des spezifisch menschlichen Bewusstseins samt seiner kognitiven, moralischen, sozialen und politischen Besonderheiten aus der Freiheitsdimension, die sich in menschlichen Wesen auf singuläre Weise aufgetan hat.

So ist ein Kompendium entstanden, das alle relevanten Aspekte des Bildungsbegriffs berührt und seine Geschichte wachhält. Man kann darin schlecht "googeln". Als Nachschlagewerk für Zusammenhänge ist es jedoch eine Fundgrube. Gegen den kompetenzversessenen Digitalpakt braucht man beides: sowohl die punktuelle öffentlichkeitswirksame Intervention als auch den antizyklischen Theorieentwurf, der sich in aktuelle Bildungsdebatten nicht explizit einmischt, aber gerade dadurch ein Gefühl dafür verschafft, was in diesen Debatten verloren geht. Seine volle Wirkung entfaltet er allerdings nur, wenn man in ihn eintaucht, ohne sich sogleich zu fragen, welche Kompetenzen er denn verschafft.

Christoph Türcke ist Philosoph. Er lehrte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig und veröffentlichte zuletzt die Bücher "Mehr! Philosophie des Geldes" (2015) und "Lehrerdämmerung: Was die neue Lernkultur in den Schulen anrichtet" (2016).

Dienstag, 23. Mai 2017

Ein bisschen was ist an der Intelligenz doch ererbt.

tacticaltoolsusa
aus derStandard.at, 22. Mai 2017, 18:11

40 Gene entdeckt, die mit Intelligenz in Verbindung stehen
Analyse genomweiter Assoziationsstudien an fast 80.000 Personen brachte einflussreiche Erbanlagen ans Licht

Amsterdam/Wien – Umwelteinflüsse spielen eine wichtige Rolle, doch dass Intelligenz zu einem erheblichen Teil erblich bedingt ist, haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Studien gezeigt. Seither suchen Forscher nach spezifischen Genen, die damit in Zusammenhang stehen.

Den bislang größten Erfolg melden nun Wissenschafter der Freien Universität Amsterdam: Wie sie im Fachblatt "Nature" berichten, konnten sie durch die Analyse genomweiter Assoziationsstudien an 78.308 Personen (Kinder und Erwachsene) insgesamt 40 Gene identifizieren, die offenbar für Intelligenz mitverantwortlich sind. Der Großteil davon ist im Gehirn aktiv und in Zellentwicklungsprozesse involviert. Die neuen Informationen könnte helfen, mehr über Intelligenzunterschiede und Hirnentwicklung zu erfahren.


Medizinische Grundlagenforschung

"Die sehr hohe Erblichkeit von Intelligenz war schon lange bekannt, aber wir kannten bisher die molekularen Grundlagen nicht. Dank der Größe der Studie ist es nun erstmals möglich geworden, konkrete Gene und damit zelluläre Prozesse zu benennen, die zu dem Merkmal Intelligenz beitragen", kommentierte der Genetiker André Reis von der Universität Erlangen-Nürnberg, der selbst nicht an der Studie beteiligt war, das Ergebnis.

Eine wichtige Frage sei nun, ob die gleichen zellulären Mechanismen und Prozesse, die bei Intelligenzstörungen identifiziert wurden, auch für die allgemeine Intelligenz relevant sind. Reis:"Wäre dem so, könnte das medizinische Implikationen haben." (red, 22.5.2017)

Abstract
Nature: "Genome-wide association meta-analysis of 78,308 individuals identifies new loci and genes influencing human intelligence"



 aus scinexx
 

Intelligenzgene identifiziert
Großstudie belegt erstmals klar die polygene Basis unserer geistigen Leistungen 

52 Gene - mindestens: Unsere Intelligenz beruht auf unzähligen Genfaktoren, statt auf nur einem oder einigen wenigen Genen. Das bestätigt die bisher umfassendste Großfahndung nach Intelligenzgenen im menschlichen Erbgut. Sie identifizierte 52 Gene mit Einfluss auf unsere geistigen Leistungen. Doch selbst diese Gene bestimmen nur knapp fünf Prozent unserer Intelligenz, wie die Forscher im Fachmagazin "Nature Neuroscience" berichten. Ein genetischer IQ-Test droht daher wohl auch in Zukunft nicht.

Was bestimmt, wie intelligent ein Mensch wird? Sind es die Gene, die Umwelt oder doch beides? Nachdem jahrzehntelang darüber gestritten wurde, welche Faktoren den größeren Anteil an unserer Intelligenz haben, scheint sich nun die Vererbung als wichtigster Einflussfaktor durchzusetzen. Nach neueren Schätzungen könnten bei Erwachsenen sogar rund 80 Prozent der geistigen Leistungsfähigkeit auf die Gene zurückgehen.

Großfahndung im Erbgut

Aber auf welche? Klar schien bisher nur, dass es das eine entscheidende Intelligenzgen wohl nicht gibt. Jetzt haben Danielle Posthuma von der Freien Universität Amsterdam und ihre Kollegen erstmals schlüssige Beweise dafür geliefert, dass unsere Intelligenz durch das Zusammenwirken unzähliger verschiedener genetischer Faktoren geprägt wird.

Für ihre Studie verglichen die Forscher das Erbgut von gut 78.000 Kindern und Erwachsenen europäischer Abstammung. Alle Teilnehmer hatten zuvor an Intelligenztests teilgenommen. Die Forscher fahndeten nun nach DNA-Abschnitten und Genen, die beispielsweise bei Individuen hohe Intelligenz besonders häufig auftraten.

52 Gene identifiziert

Tatsächlich wurden die Wissenschaftler fündig: Sie identifizierten 52 Gene, für die sie einen Zusammenhang mit der Intelligenz ihrer Träger feststellen konnten. 40 dieser Gene waren in diesem Kontext Neuentdeckungen. Die meisten der neuentdeckten Intelligenzgene sind im Gehirn aktiv, wie die Forscher feststellten. Sie beeinflussen unter anderem die Bildung von Synapsen, die Wachstumsrichtung von Axonen oder die Reifung von Nervenzellen. Viele von ihnen sind auch an der Regulation der Zellentwicklung beteiligt.

Die Wissenschaftler entdeckten auch einige Genvarianten, die einen positiven Effekt auf die Intelligenz haben und dafür Schizophrenie und Übergewicht unterdrücken helfen. Andere scheinen neben der Intelligenz auch das Schädelvolumen, die Neigung zu Autismus oder die Körpergröße zu beeinflussen. 

Viele Gene – ein Merkmal

"Diese Funde liefern uns zum ersten Mal klare Hinweise auf die biologischen Mechanismen, die der Intelligenz zugrunde liegen", sagt Posthuma. Auch wenn von den meisten dieser Gene die genaue Funktion noch unbekannt ist, bestätigen die Ergebnisse, dass unsere Intelligenz tatsächlich auf vielen kleinen genetischen "Füßchen" ruht. 

"Die genetische Architektur der Intelligenz ist offenbar vergleichbar mit der der menschlichen Körperlänge", kommentiert der Humangenetiker André Reis von der Universität Nürnberg-Erlangen die Studie. "Bei der Körpergröße tragen Tausende von genetischen Varianten mit jeweils extrem kleinen Effektstärken zur insgesamt hohen Erblichkeit des Merkmals bei." Ähnlich scheint es bei der Intelligenz zu sein.

Warum es keinen IQ-Gentest geben wird

Allerdings: Selbst alle neuentdeckten Intelligenzgene zusammen könne gerade einmal 4,8 Prozent der Intelligenz-Unterschiede bei uns Menschen erklären. Anders ausgedrückt: Bei den verbleibenden rund 75 Prozent der genetischen Veranlagung zur Intelligenz kennen wir bisher die zugrundeliegenden Gene noch nicht. "Die Suche nach konkreten Genen ähnelt der Suche nach der Stecknadel im Hauhaufen", erklärt Stern. 

Das bedeutet auch, dass wir wohl keine Angst vor einem zukünftigen IQ-Gentest haben müssen: "Es erscheint wenig wahrscheinlich, dass eines Tages genetische Tests für Intelligenz möglich werden", kommentiert Reis. "Dazu haben die bekannten Varianten einen zu geringen prädiktiven Wert – ihre Vorhersagekraft für das Gesamtmerkmal ist zu gering." Hinzu kommt: Die Gene bilden zwar die Basis unserer geistigen Leistungen. Ob wir diese Basis aber nutzen und Ausbauen, entscheiden die Umwelteinflüsse im Laufe unseres Lebens. (Nature Neuroscience, 2017; doi: 10.1038/ng.3869

(Nature/ Vrije Universiteit Amsterdam, 23.05.2017 - NPO)


Nota. - Der jahrzehntelange Streit über Erblichkeit oder Umweltprägung war nur zu einem kleinen Teil ein wissenschaftlicher. In der Hauptsache war er ideologisch und war geprägt durch ein kämpferisches Standes- interesse. 

Als in den sechziger Jahren die pädagogischen Berufe explodierten, machten sich gleichzeitig - Zufall? - in den akademischen Ausbildungsstätten neomarxistische geistes- und sozialwissenschaftliche Theorien breit, die allenthalben auf "materialistische Ableitung" drangen, aber gerade nicht die Genetik, sondern die Soziali- sation dafür erkannten. 

Die erwünschte Folge war: Nicht 'die Natur', sondern 'Schule' (ohne Artikel) galt als Brutstätte der Intelli- genz, mit andern Worten: die Lehrer. Besonders die, die sich gerade in Ausbildung befanden fühlten sich beflügelt und zu erheblichen Ansprüchen befugt. Dabei ist es bis heut geblieben..

(Dies zum Abschluss: Die genetische Disposition ist immer nur die eine Seite. Die andere Seite ist, was das Individuum lebensgeschichtlich daraus macht, und dabei spielen seine Mitmenschen allerdings eine Rolle: Sie können es ermuntern oder entmutigen.)
JE