Dienstag, 17. Oktober 2017

Die Ganztagsschule ist sowieso rausgeschmissenes Geld.

aus Tagesspiegel.de, 17. 10. 2017

"Die Verdopplung der Plätze an Ganztagsschulen in Deutschland würde jährlich zusätzlich 2,8 Milliarden Euro an Personalkosten verursachen. Außerdem würden 15 Milliarden Euro für Bauinvestitionen nötig. Das geht aus Berechnungen der Bildungsforscher Klaus Klemm und Dirk Zorn für die Bertelsmann Stiftung hervor."


"Das muss es uns wert sein" und "Bildung ist die wichtigste Zukunftsinvestition", werden sie jetz alle wieder tröten. Dabei ist die Ganztagsschule überhaupt keine Investition, sondern reine Geldverschwen- dung. Dass sie irgendeinen Beitrag zu steigender Bildung leistete, behauptet ja schon gar keiner mehr, und dass ausgerechnet unsere Schulhöfe ein auserwählter Ort "sozialen Lernens" wären, ist ein sarkastischer Spott. Integration von Minderheiten fördern sie nicht, sondern verschärfen die Gegensätze.  

Bleibt allein das Interesse der Industrie an mehr Frauen auf dem Arbeitsmarkt. Auf lange Sicht werden dort aber zwar besser ausgebildete, aber sehr viel weniger Arbeitkräfte benötigt. 

Wie Sie's drehn und wenden: Die Ganztagsschule ist nicht nur pägagogisch verheerend, sondern obendrein rausgeschmissenes Geld.


Sonntag, 8. Oktober 2017

Wen die Schule wirklich benachteiligt.

aus derStandard.at, 28. März 2017
 
Zeig mir, woher du kommst, und ich sag dir, was du kannst
Eine neue Studie zeigt, dass vor allem bei Buben der sozioökonomische Hintergrund die geschlechterstereotype Leistung beeinflusst

Wer kann was? Diese Frage halbwegs objektiv zu beantworten fällt schwer. Noch immer verstellen viele verschiedene Kriterien, die mit dem Können oder Wollen an sich wenig zu tun haben, vorurteils- freie Einschätzungen. Leistungsdifferenzen in bestimmten Schulfächern im Hinblick auf die Geschlechter müssen immer wieder als vermeintliche Belege für geschlechtsspezifische Kompetenzen herhalten. 

Obwohl herrschende Vorurteile unter Lehrenden, die Selbsteinschätzung als Leistungshemmer für Schülerinnen und Schüler und auch die Tatsache, dass das Geschlecht die Beurteilung der jeweiligen Leistung beeinflusst, bereits nachgewiesen sind – die Mär von "Buben können Mathe" und "Mädchen Sprachen" hält sich.

Wechselwirkung mit sozialem Status

Eine neue Studie hat sich nun einen weiteren Einflussfaktor genauer angesehen, der die Bildung junger Menschen prägt: der soziale Hintergrund. Er gibt oft, in Österreich in besonders hohem Ausmaß, den Ausschlag darüber, ob jemand eine weiterführende Schule besucht oder nicht. ForscherInnen haben nun diesen Aspekt mit geschlechterspezifischen Einflussfaktoren kombiniert und herausgefunden: Der Einfluss vom Geschlecht fällt je nach sozialer Herkunft unterschiedlich aus. 

"Mädchen und Jungen sind keine homogenen sozialen Gruppen", weiß Bildungswissenschafterin Josefine Lühe, die sich gemeinsam mit Wissenschaftern des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) mit der noch wenig beforschten Wechselwirkung zwischen sozialem Hintergrund und Geschlecht befasst hat. 

Für die Studie wurden Leistungstests von 3.935 Schülerinnen und Schülern aus 90 verschiedenen Berliner Grundschulen aus der sechsten Schulstufe untersucht – in Berlin und Brandenburg umfasst die Grundschule sechs Schuljahre. Dabei konzentrierten sich die ForscherInnen auf die Tests in Lesen, Mathematik und Englisch. Zusätzlich wurden die Angaben der Eltern über ihren sozioökonomischen Status für die Analysen hinzugezogen.

Variierende Männlichkeitsvorstellungen

Es zeigte sich, dass sich auf den ersten Blick die Leistungen tatsächlich nach Geschlecht unterscheiden. Mädchen schnitten in Lesen und Englisch, Buben in Mathematik besser ab. Doch die genauere Analyse zeugte von einem weiteren Einfluss auf die Leistungen: Die unterschiedlichen Leistungen fallen je nach sozialer Herkunft stärker oder schwächer aus. So fällt der Leistungsrück- stand von Buben in sprachlichen Fächern geringer aus, wenn sie aus einer Familie mit höherem sozialem Status kommen.

Zudem konnte die Studie belegen, dass bei Buben der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Leistung stärker ist als bei Mädchen. Warum der Einfluss des sozio-ökonomischen Hintergrundes für Buben stärker und für Mädchen weniger stark ausfällt, wurde im Rahmen der Studie nicht unter- sucht. "Qualitative Untersuchungen sprechen dafür, dass es bei Jungen teilweise schichtspezifisch variierende Männlichkeitsvorstellungen gibt", erklärt Lühe gegenüber dem STANDARD. So würde schulisches Engagement vorwiegend mitunter in Gruppen mit geringerem sozioökonomischem Status als "unmännlich" abgelehnt, in Gruppen mit höherem sozioökonomischem Status aber eher akzep- tiert, führt die Bildungswissenschafterin weiter aus. Die Weiblichkeitsvorstellungen hingegen variieren nicht so stark mit der Herkunft und deshalb sei der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Leistung bei Mädchen weniger stark als bei Buben.

In der Forschungsliteratur würde auch darauf hingewiesen, dass das Arbeits- und Lernverhalten von Mädchen insgesamt besser mit den schulischen Verhaltensanforderungen übereinstimme, so Lühe. Ein gängiges Vorurteil sei etwa jenes der "fleißigen und ordentlichen Mädchen". Stereotypen wie diese "stimmen mit den im Schulkontext erwarteten Eigenschaften überein und können sich deshalb positiv auf den Schulerfolg auswirken". 


Und das wahrscheinlich nicht nur in Berlin, wo die Daten erhoben wurden. Lühe sieht in Analysen auf Basis von Pisa-Daten Hinweise darauf, dass es diesen Effekt auch außerhalb Deutschlands gibt. (beaha)

Links
Studie: Geschlechtsspezifische Leistungsunterschiede in Abhängigkeit der sozialen Herkunft. Eine Untersuchung zur Interaktion zweier sozialer Kategorien

Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF)


Nota. - Im politisch korrekt konditionierten Hirn läuft sogleich folgender Film ab: Jungen aus der sozialen Unterschicht hängen stärker als Jungen aus gebildeten Kreisen an dem jahrtausendealten Macho-Bild vom starken Rüpel; sie zahlen den Preis für die uralte Überlegenheit des Mannes über die Frau.

Selbstverständlich mitgedacht ist: Das Macho-Bild ist eine Schöpfung der Männer, um die Frau zu unter- drücken. 

Aber sie hätten doch ebensogut Wissen, Kunst und Kultur als typisch Mann stereotypisieren könne, die waren doch auch seit Ewigkeit männliche Domänen - Apollinisch ist männlich, Dionysisch ist halb und halb; und die Klassenherrschaft hätte es obendrein sanktioniert?!

Tja, das Leitbild des Macho ist eben keine Erfindung der Männer, sondern eine der Frauen. Als Muskelprotz darf er den starken Mann markieren, aber als einfältiger Packesel dient er der Frau. Es ist nämlich die Frau, die seit Jahrhunderttausenden durch natürliche Zuchtwahl das Bild bestimmt, das die Männer von sich haben - weil sie sich nur so erhalten können. Und noch heute sind es weniger die Väteer aus der Unterschicht, die den Macho kultivieren, der gesellschaftlich längst verpönt ist; sondern die Mütter und Großmütter - und die Schwestern und deren Freundinnen? -, die den richtigen Jungen bevorzugen und nicht den Musterknaben. 

Allerdings nicht die LehrerInnen.
JE

Montag, 2. Oktober 2017

Die Jugend von heute ist besser als die von gestern; die Erwachsenen sinds nicht.

Boy hugging toy, looking at bowl of marshmallows; Getty Images Creative RF-2.177355581-HighRes-farbig
aus Süddeutsche.de

Kinder haben heute mehr Selbstkontrolle als früher 
Das konnte ein US-amerikanischer Forscher mit dem sogenannten "Marshmallow-Test" nachweisen. Ärgerlich ist allerdings: Das Bild, das Erwachsene von der Jugend haben, ist so schlecht wie eh und je.

Von Sebastian Herrmann 

Über der Zukunft der Menschheit hängen dunkle Wolken, die Aussichten sind trüb. Das klingt arg pessimistisch - doch gibt nicht die kommende Generation genügend Anlass für negative Prognosen? Vergeuden nicht Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene ihre Zeit am Smartphone, statt das Leben bei den Hörnern zu packen? Daddeln am Computer, kleben vor der Glotze, zappeln durch Klassenzimmer, halten keine Sekunde still und haben mit 18 noch die Aufmerksamkeitsspanne eines Dreijährigen?

Solche kulturpessimistischen Tiraden sollten bestenfalls mit einem gütigen Lächeln abgewehrt werden. Denn erstens wird über die Jugend gejammert, seit die Menschheit die Sprache erfunden hat; und zweitens hat der Psychologe John Protzko von der University of California in Santa Barbara gerade eine Arbeit veröffentlicht, die eine frohe Botschaft in sich trägt: Demnach gelingt es Kindern über die Generationen hinweg immer besser, Selbstkontrolle auszuüben. Mädchen und Jungen können heute Begierden länger im Zaum halten als ihre Altersgenossen vor etwa 50 Jahren. 

 
Kinder, die dem schnellen Kick widerstanden, wurden später erfolgreicher 
 
Diese Fähigkeit wird mit einem der bekanntesten Versuche der Psychologie untersucht, dem Marshmallow-Test, den Walter Mischel in den 1960er-Jahren ersonnen hat. Der österreichisch-amerikanische Forscher konfrontierte vierjährige Kinder mit einem Dilemma. Die Kleinen durften sich eine Süßigkeit aussuchen, dann erklärte der Experimentator den Deal: Er würde nun den Raum verlassen und das Kind alleine lassen. Natürlich könne es die Süßigkeit auf dem Tisch sofort essen. Wenn es aber warte, bis er zurückkomme, würde er die Portion zur Belohnung verdoppeln. Die meisten griffen gleich zu, wenig überraschend.

Der besondere Wert der Versuche besteht darin, dass Mischel die Biografien über Jahre verfolgte: Jene Kinder, die dem schnellen Kick widerstanden, wuchsen zu erfolgreicheren Erwachsenen heran. In der Schule erzielten sie bessere Abschlüsse, machten eher Karriere, tranken weniger Alkohol und wurden seltener straffällig als ihre Altersgenossen, welche die Süßigkeit gleich gefuttert hatten. 

Der Marshmallow-Test ist in den vergangenen 50 Jahren zigmal mit Kindern verschiedener Altersstufen wiederholt worden. Diese Daten aus mehr als 30 Studien wertete Protzko nun aus und stieß auf ein Muster: Über die Jahrzehnte gelang es den Teilnehmern zunehmend länger zu widerstehen, ein klarer Trend. "Wir können nicht sagen, warum sich die Fähigkeit von Kindern zum Belohnungsaufschub verbessert hat", sagt der Psychologe.

Was er aber festmachen kann: Das Ansehen der Jugend bleibt mies. Protzko bat zusätzlich 260 Experten - Entwicklungspsychologen und Persönlichkeitsforscher - um eine Einschätzung, wie sich die Leistung von Kindern im Marshmallow-Test ihrer Meinung nach entwickelt hat. 82 Prozent lagen falsch und glaubten, dass sich Kinder ähnlich oder weniger im Griff hätten als vor 50 Jahren.
 

Sogar in den Köpfen von Wissenschaftlern, die den Nachwuchs beforschen, stecken also die gängigen Vorurteile über die Jugend. Aber so ist das eben - sobald Kinder zu Erwachsenen werden, beginnen sie zu meckern und seltsame Sachen zu behaupten.


Nota. - Selbstbeherrschung? Eine sehr preußisch-deutsche Tugend, von der Art "wer befehlen will, muss erst gehorchen lernen". Aber nicht bloß. Denn die Voraussetzung für Selbstbeherrschung ist die Fähigkeit zu einer mentalen Abstandnahme von sich selbst; landläufig bekannt als Reflexion. Das ist kein Affekt, sondern eine Geistestätigkeit und insofern in jedem Fall zu begrüßen. 

JE.

Montag, 18. September 2017

Für eine Umordnung der Jugendhilfe.


Ein Vorschlag zur Umordnung der Jugendhilfe
Für eine öffentlich-rechtliche Kammer der Sozialarbeit


Dass das neue Kinder- und Jugendhilfegesetz im letzten Frühjahr (1990) so sang- und klanglos über die Bühne gehen konnte, war kein Ruhmesblatt für die ehedem so rührige Zunft der Sozialpädagogen. Ja, allerlei Flickwerk im Detail – aber eine tragende Idee, eine gesellschaftliche Perspektive, die hätte mobilisieren können? Fehlanzei- ge.

Das Ergebnis ist danach. Richtig dagegen sein kann man nicht: Es sind ja wirklich ein paar Fortschritte da und dort. Aber so recht zufrieden ist auch keiner. Das macht: Es wimmelt von Kann- und Sollbestimmungen, in denen die Grundfragen, wie etwa das Verhältnis von Kindes- und Elternrechten, absichtsvoll untergehen.

Zum Glück geben uns die Kann- und Sollvorschriften eine – unverdiente – zweite Chance. Sie machen nämlich die Novellierung der landesrechtlichen Ausführungsgesetze zum bisherigen Jugendwohlfahrtsgesetz unabding- bar: Die Lücken müssen geschlossen werden. Vielleicht könnte ja gerade die Jugend- und Sozialpolitik gewinnen im Prozess der deutschen Vereinigung – und seiner Neubelebung des föderalen Prinzips?!

Die Voraussetzungen sind ja da. Ein Hauch von ’68 hängt nämlich in der Luft. Die Profession ist, endlich, der technizistischen Kleinkrämerei überdrüssig. Eine neue Idee müsste her. Aber wer traut sich?


Dabei liegen alle sachlichen Elemente längst auf dem Tisch des Hauses. Es gilt nur noch, sie zusammen zu fassen unter eine ordnende Perspektive. Aber dazu müsste man einen geeigneten Blickpunkt finden; Überblick finden über das Chaos der tausendfältig spezialisierten Dienste. Gibt es im Reich der Jugendhilfe ein Institut, an dem man exemplarisch die Grundfrage der öffentlichen Sozialarbeit zur Darstellung bringen kann?

Das gibt es: Es ist das Kinderheim – weil nämlich „das Heim“, oder vielmehr der Weg, wie man dort reinkommt, als Paradigma der gesamten Jugendhilfe gelten kann. Denn während ursprünglich „das Heim“ Kern- und Herz- stück der Sozialpädagogik war, so ist es heute deren partie honteuse (dt. Schamteil); und beides ist gleichermaßen charakteristisch.

„Heimunterbringungsverfahren“

Dass „das Heim“ heute mehr den je als Notmaßnahme, als rettende „Intervention“ in einem ansonsten hoff- nungslosen „Fall“ erscheint, hat, neben manchen andern, einen wesentlichen Grund im administrativen Verfah- ren, das zur „Einweisung“  führt. Denn in der Arbeit der Sozialarbeiterinnen bei der Familienfürsorge ist die Heimunterbringung tatsächlich eine äußerste Maßregel: weil sie durch sie nämlich „den Fall abgeben“.

Ist der „Vorgang“ erst einmal in Bewegung gesetzt, hat die Sozialarbeiterin keinen aktiven Einfluss mehr auf seinen Verlauf – ihre professionelle Verantwortung ist ausgesetzt; sie muss den Eindruck gewinnen, dass sie alles getan hat, was in ihren Kräften stand – und dass das eben nicht genug war! Wenn ein Kind „ins Heim muss“, dann hat allem Anschein nach nicht bloße der Klient – das Kind und seine Familie – „versagt“, sondern eben auch… die individuelle Sozialarbeiterin. Kein Wunder, dass sie „das Heim“ als Vorzimmer zur Hölle ansieht, wo es doch ein sicheres Mal ihres Scheitern ist! Das übrigens doppelt und dreifach, wenn die Heimeinweisung ein Befreiungsschlag ist, mit dem sie sich eine besonders ätzende Familie vom Halse  schafft: denn jetzt kommt zum Gefühl des Versagens auch noch das Schuldgefühl hinzu.

Das ist die erste Schwelle. Die Anlage der Akte ist die zweite: Eine zusätzliche Barriere ist die „psychosoziale Diagnose“. Denn wenn „das Heim“ als eine „äußerste Notmaßregel“ angesehen wird, dann muss der „Fall“ eben auch als ein „besonders schwerer“ dargestellt werden: einer, der „das Äußerste“ rechtfertigt. Es entsteht eine „Akte“, in der – so oder so – das Kind (und seine Familie) belastet wird – und damit sein ganzer künftiger Lebensweg.

Die Sozialarbeiterin wird in der Regel das Entstehen so eines „Vorgangs“ zu vermeiden suchen. Sie wird also sogar vermeiden, die Möglichkeit eines  Heimaufenthalts von Amts wegen überhaupt zur Sprache zu bringen. Der Standesdünkel der Schmalspurpsychiater beim Jugendgesundheitsdienst, die sich ihre ärztliche Machtvoll- kommenheit nur ungern von der Sozialarbeit einschränken lassen, tut ein Übriges.
 
Veröffentlichung der Lebensgeschichte – Enteignung des Privaten

Durch das gegenwärtig geltende, bürokratisch formalisierte „Heimunterbringungsverfahren“ wird etwas, das eigentlich nur ein Ereignis in der höchst privaten Lebensgeschichte des Einzelnen ist – dass er nämlich einstweilen dort wohnt und nicht hier -, aus der Sphäre des Individuellen und Zufälligen herausgehoben und auf einem staatlichen, einem öffentlichen Niveau fixiert: Es wird zu einem Faktum von höherer Geltung.

Dabei werden die Einzelnen – nicht nur das Kind, sondern mittelbar seine ganze Familie – von einem Teil ihrer künftigen Lebensführung enteignet: Denn während es leicht ist, in die „Vorgänge“ der Behörde hinein zu rutschen, ist es schwer, wieder raus zu kommen. So sehr sich die Sozialarbeiterinnen sträuben mögen, eine Heimeinweisung in Gang zu setzen, so sehr widerstrebt es ihnen nämlich auch, sie gegebenenfalls wieder… rückgängig zu machen! Kein Wunder: kämen doch andernfalls Zweifel auf, ob der „Fall“ seinerzeit wirklich so schlimm gewesen war, wie er zwecks Einweisung hatte dargestellt werden müssen…

Und so wird das, was eigentlich ein durchaus umkehrbarer Schlenker auf dem Lebensweg hätte bleiben können, nun tatsächlich zu einer ganzen Lebens-Epoche aufgeplustert, die nicht ohne Erlaubnis der Behörde abgeschlos- sen werden kann.

Nirgends wird die Crux der „hochschwelligen Angebote“ so deutlich wie hier: Ist die Eingangsschwelle hoch, so ist es in der Regel auch – die Ausgangsschwelle. Es reißt eine Dramatisierung in die sozialarbeiterliche Interven- tion ein, die sachlich gar nicht erwünscht sein kann – und die nur den „Sachzwängen“ eines bürokratischen Systems geschuldet sind. 

Die Behörde als helfender Berater, oder der Bock als Gärtner

Wir sind beim Kernproblem öffentlicher Sozialarbeit angelangt. Kann einer, der mit den Prärogativen des öf- fentlichen Hoheitsträ- gers ausgestattet ist, auf die Dauer ernsthaft damit rechnen, zu seinem Klienten ein Verhältnis „helfender Beratung“ aufbauen zu können?

Vorab dies: Der Einwand, der an dieser Stelle unweigerlich fällt – dass nämlich fachliche Qualität dauerhaft eben nur durch öffentliche Kontrolle zu gewährleisten sei –, ist vollkommen richtig. Aber es ist eine – interessierte? – optische Täuschung, dass öffentliche Kontrolle eo ipso nur durch hoheitliches Verwaltungshandeln ausgeübt werden kann.

Und tatsächlich kontrolliert die Behörde die Arbeit der Sozialarbeiter nicht, indem sie deren Arbeitsergebnisse (ex post) bewertet – denn nach welchen Erfolgskriterien wohl auch? -; sondern sie legt die Latte höher durch eine Art präventiver Schikane „ex ante“, in der vagen Hoffnung, durch kleinkarierte Pedanterie en gros „Miss- brauch“ en détail irgendwie abschrecken zu können. Folgerichtig wittert die Verwaltung bei allem „Niederschwelli- gen“ sogleich den Anfang von Chaos und Anarchie – von der Verschwendung von Steuergeldern gar nicht zu reden.

Und so liegt denn  die „Schwelle“ vor den Heimen – rein und raus – so hoch, dass von einem… „Angebot“ ehrlicherweise gar nicht mehr die Rede sein kann: Wenn ein Kind „ins Heim muss“, wird es von allen Beteiligten – Kind, Familie, Familienfürsorge – als ein Schicksalsschlag erlebt; wie eine Falle, die zuschnappt: als Endstation.

Punktueller Eingriff oder systemische Wechselwirkung

Der Hintergrund ist die unterschwellig fortdauernde Vorstellung von der Sozialarbeit als einer Art fürsorglichen Gnadenakts eines vormundschaftlichen Staats im individuellen Notfall: der Begriff der Intervention ist nur eine verschämte Latinisierung der alten Horch-und-Guck-Mentalität. So als ob einer, der es besser weiß – und besser kann -, sich in väterlicher Sorge seinem dummen und widerborstigen Kind „zuwendet“ – um es möglichst zu „behandeln“. Arzt, Pfaffe, Polizist: das sind die idealtypischen Charaktermasken von Opas, d. h. Omas Sozial- arbeit gewesen.

Tatsächlich ist unterdessen das System der Sozialen Arbeit zu einer allgemeinen Bedingung des Heranwachsens geworden: so wie Schule, Kindergarten, Bafög, Elternfreibeträge… In unserer Gesellschaft ist Jugend-Sozial- arbeit eine reguläre öffentliche Dienstleistung.

Der Grund liegt auf der Hand: Die öffentliche Sozialarbeit hat im wachsenden Maße jene Funktionen der sozialen „Sicherung“ wahrzunehmen, die einst die Familien ausübten und die mittlerweile vorherrschenden Torso-Familien nicht mehr ausüben können. Dieser Funktionsverlust der (klein)bürgerlichen Kleinfamilie ist nicht etwa eine bloße Summe von soundso viel je individuellem „Versagen“, sondern ein säkularer zivilisa- torischer Prozess, den man vielleicht beklagen, aber nicht ignorieren kann.

Abstrakt gesprochen, handelt es sich um zwei Seiten desselben historischen Ereignisses: der zunehmenden Vergesellschaftung aller Lebensprozesse. Erstens folgt der (technischen) Vergesellschaftung der materiellen Produktion durch die große Industrie jetzt die Vergesellschaftung der Produktion und Reproduktion des lebendigen Arbeitsvermögens selbst; und durch die Mobilisierung des bürgerlichen Reichtums im Aktienkapital wird die Familie zweitens auch im Bürgertum obsolet: nämlich als Erbengemeinschaft. Sie ist nun nicht mehr der unverzichtbare Rahmen, in dem der Reichtum akkumuliert wird. Als société anonyme trägt das Kapital keinen Namen mehr.

Und darum ist die sogenannte „Jugendhilfe“ auch kein Stück Wohlfahrtspflege, sondern ein Teil der Gesell- schaftspolitik.

Aber Verwaltung und Sozialarbeit haben notwendig eine je verschiedene Optik; wohlbemerkt nicht eine richtige und eine falsche, sondern, von wegen der unterschiedlichen Aufträge eben eine… verschiedene.

Hoheitliches (Verwaltungs-) Handeln ist notwendig linear. Die eine Seite, das hoheitliche Subjekt, handelt – und „wirkt“ auf die andre Seite, die zivile Gesellschaft, ein, als auf ein ihr gegenüber passives „Material“. Die Aktion ist einseitig.

Und im demokratischen Rechtsstaat muss das auch so sein, dort nämlich, wo (idealiter) „der Staat“ – als „das Allgemeine“ – die Vielen gegen die Einzelnen repräsentiert. Ließe der Hoheitsträger die Rückmeldungen, die sein Handeln aus der zivilen Gesellschaft jeweils erfährt, einfach auf sich „wirken“, dann müsste er immer und immer wieder sagen: „Ach, jetzt hab ich’s mir anders überlegt“, und dann wäre die Rechtssicherheit, und mit ihr die Einklagbarkeit allen hoheitlichen Handelns, zum Teufel.

Soziale Arbeit hingegen ist wesentlich Wechselwirkung, Interaktion vieler Kommunikanden: Sie ist vor allem Kommunikations-Zusammenhang. Sie findet nicht linear statt, sondern systemisch, als Wirken in einem Feld von vielen Wirkenden. Der Sozialarbeiter zielt mit seinem Handeln auf die Rückkoppelung mit seinen Klienten geradezu ab, um sein eigenes Handeln wiederum darauf einzustellen, und so fort; das ist sogar der ganze Zweck und Inhalt seiner Arbeit. Er zielt nicht, wie die „Maßnahmen“ des einzelnen Beamten, auf dieses oder jenes Resultat; sondern diesen Prozess selbst in Gang setzen, in Gang halten und auf seine „Richtung“ Einfluss nehmen – das ist seine Arbeit.

Und weil er in einem Feld arbeitet, wo außer ihm noch eine Menge andrer Kräfte wirken, kann er sich auch nicht einbilden, die „Richtung“ allein festzulegen: Seine Arbeit ist nie ‚ganz oder gar nicht‘, sondern immer nur ‚mehr oder weniger‘. Darum ist sein Erfolg naturgemäß auch nicht messbar: jedenfalls nicht am „einzelnen Fall“, und nie zum gegebenen Zeitpunkt. Sein Erfolg ist immer ein Mehr oder Weniger im Querschnitt und im Längsschnitt.

Und darum ist Sozialarbeit auch gar nicht zu bewerten nach der Leistung dieses oder jenes (einzelnen) Sozial- arbeiters hier und jetzt, sondern an der Leistungskraft des Systems der Sozialarbeit im Großen und Ganzen.

Eine öffentliche Dienstleistung in einem System gesellschaftlicher Selbstregulierung

Sozialarbeit und Verwaltung folgen zwei grundsätzlich verschiedenen und grundsätzlich unvereinbaren Logiken. Werden sie vermengt, kann weder die eine noch die andere ihre Aufgaben wirksam wahrnehmen. Im Ergebnis: Die verwaltungsmäßige Sozialarbeit ist ziemlich ineffektiv, und zugleich vergeudet sie eine Menge Steuergelder…

Die Aufgabe liegt auf der Hand: Sozialarbeit und Verwaltung entmischen. Also z.B. die Familienfürsorge nicht bloß aus den Rathäusern, sondern aus dem öffentlichen Dienst überhaupt herausholen. Bleibt nur die Frage: wie dann die professionelle Qualität der Sozialarbeit garantieren?

Sobald sie einmal der staatlichen Aufsicht entronnen sind – wird sich das machtbewusste und besitzfrohe Völkchen der Sozialarbeiter nicht über die gesamte Oberfläche der Gesellschaft ergießen, in alle ihre Poren eindringen und das Land als eine allgemeine psychosoziale Gesundheitspolizei einer zudringliche Standesherrschaft unterwerfen?

Sicher ist: Öffentliche Kontrolle ist unverzichtbar, und wirksamer als heute kann sie auch ruhig sein. Aber öffentlich heißt eben nicht gleich staatlich.

Der erste Teil der Aufgabe: die „klinische“ Sozialarbeit, also alles, was „helfende Beratung“ ist, von den – wenigen – wirklich hoheitlichen Funktionen der Familienfürsorge trennen und aus den Ämtern heraus verlagern in die Wohnviertel hinein, etwa in Form von Zweier- oder Vierergruppen von Streetworkern. Zu diesem Zweck könnten zum Beispiel die Gebietsvertretungskörperschaften privatrechtliche Vereine gründen, die die bisherigen „klinischen“ Aufgaben der Familienfürsorge fortführen, aber ansonsten ein Freier Träger unter anderen wären.

Aber sicher, das gibt Probleme mit dem Dienstrecht. Doch unlösbar sind sie nicht. Schließlich gibt es Beispiele im In- und Ausland. Und es geht selbstverständlich nur auf der Basis von Freiwilligkeit: na, umso besser.

Der zweite Teil der Aufgabe ist – zumindest im Prinzip – viel schwieriger. Die öffentliche Kontrolle soll fachlich qualifiziert sein und nicht bürokratisch formalisiert. Wer aber ist fachlich qualifiziert zur Kontrolle, wenn nicht… die Fachwelt selbst? Dazu muss sie freilich ihre feudale Fragmentierung überwinden – und sich selbst zur Öffentlichkeit bilden. Es kann sich also nur um eine berufsständische Selbstkontrolle handeln. Und die kann nur effektiv sein, wenn sie obligatorisch ist: Das verlangt Zwangsmitgliedschaft aller, die öffentliche Zuwendungen in Anspruch nehmen wollen, in einer repräsentativen Standesvertretung. Also eine öffentlich-rechtliche Kammer.

Ärzte, Anwälte, selbst Industrie und Handel haben solche Kammern. Allerdings – und das ist ein wesentlicher Unterschied – kassieren sie bei ihren Kunden, direkt oder (per Krankenschein) indirekt. Qualitätsmerkmal ist die Zufriedenheit der Nachfrager, sie reguliert früher oder später das Angebot. Aber die Sozialarbeit lebt naturgemäß – sonst hieße sie nicht „sozial“ – von der Staatsknete. Sicher darf die Standesvertretung nicht selber die Vergabe öffentlicher Mittel präjudizieren können – sonst wären, beim bekannten Appetit der „Betroffenen“, die Kassen bald leer.

Aber es bedarf einer gegenseitigen institutionellen Repräsentation von staatlicher Hoheit und fachlicher Kompetenz. Und tatsächlich gibt es ein solches gegenseitiges Vertretungsorgan, in dem die Soziale Arbeit als Berufsstand öffentlich-rechtlich anerkannt ist: nämlich die bisherigen Jugendwohlfahrtsausschüsse, in denen den Freien Trägern eine bestimmte Quote gesetzlich garantiert ist.

Nun wäre ein weiterer Schritt fällig. Während nämlich bislang die Vertreter der freien Sozialarbeit (einvernehm- lich) von der staatlichen Seite – den Vertretungskörperschaften – ausgewählt werden, müsste die Standesorga- nisation der Sozialarbeiter – nennen wir sie mal Jugendhilfetag – dann ihr Vertreter selber wählen können. Dazu müsste sie aber erstmal in sich selber repräsentativ verfasst sein – und das heißt paritätisch (was die Fünferbande der großen Wohlfahrtskonzerne nicht gerne hören wird). Über die genaue Definition der rechtlichen und fiskalischen Kompetenzen dieses neuen Kinder- und Jugendhilfeausschusses lassen sich später noch genug Haare spalten.

An dieser Stelle ist nur eins festzuhalten: Die Berufsvertretung der der Sozialarbeiter hat nicht selber in die Kasse zu greifen, sondern sie hat vielmehr der Politik die fachlichen Parameter zu liefern, nach denen jene „verteilt“. Der Unterschied zu heute wäre beträchtlich: Die Parameter sind dann sachlich qualifiziert, weil und insofern sie aus einer repräsentativen Quelle stammen.

Ein tiefer Schnitt

Soll das System der Jugend-Sozialarbeit nicht an Herzverfettung kollabieren, dann muss die Spirale von Spezialisierung und Bürokratisierung jetzt zerbrochen werden. In die soziale Arbeit müssen Unternehmungsgeist und Eigenverantwortung einkehren. Quacksalberei am Detail hilft nichts. Es muss ein tiefer Schnitt getan, es muss das Ruder herumgeworfen, es muss – neu angefangen werden.

Es ist absurd, dass ein Kind und seine Familie einem „helfenden Berater“ Zutritt zu ihrem Privatleben gewähren sollen, der zuvor der Hoheit und ihrem Fiskus seine besondere Treue gelobt hat. Und es ist absurd, dass ein Beruf, der wie kein anderer vom persönlichen Einsatz lebt, ausgerechnet in einem Apparat ausgeübt wird, dessen Raison d’être dies ist, dass er individuelle Entscheidungen zu unpersönlichen „Vorgängen“ versachlicht und objektiviert.

Über die Einzelheiten zu streiten wird noch reichlich Gelegenheit sein. Das Kammer-Modell hat sicher auch seine Tücken; und ob die Jugendwohlfahrtsausschüsse überhaupt wiederbelebungsfähig sind, mag bezweifelt werden. Aber an der Richtung kann es keinen Zweifel mehr geben. Der hier vorgetragene Plan hat den unbequemen Vorzug, gänzlich machbar zu sein – und sogar schon auf der bloßen Länderebene.
Wer diesen Weg nicht gehen will, muss sagen, welchen sonst – oder sich aus der Sache raushalten. Denn bloßes Drumrumreden geht nun jedenfalls nicht mehr.
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Unter dem redaktionellen Titel “Befreit die Sozialarbeit – ein Vorschlag zur Umordnung der Jugendhilfe” in Sozial Extra 2/91


Nota. - Der Text ist ein gutes Vierteljahrhundert alt, man glaubt es kaum. Das Kinder- und Jugendhilfe-Gesetz war eigentlich schon am Tag, als es in Kraft trat, angestaubt: Es war zwanzig Jahre lang daran gefummelt worden, und das hat es nicht besser, sondern schlechter gemacht. Die Ausführungsgesetze der Bundesländer wären eine zweite Chance gewesen, aber ich habe nicht wirklich zu hoffen gesagt, dass sie genutzt würde. In der Berliner Senatsjugendverwaltung ist zwar einen Moment lang über eine Verkammerung der Jugendhilfe getuschelt worden, aber es stand vorab schon fest, dass sie nicht in Frage kam: Was wäre denn da aus den Jugendverwaltungen geworden?

Daei war schon damals allen Professionellen klar: Jugendhilfe muss präventiv sein, bevor sie irgend etwas anderes sein kann. Prävention muss systemisch und generell geschehen, bevor gezielte und individuelle 'Maßnahmen' fachlich sinnvoll überhaupt erst erwogen werden können.

Die Finanzierung der Jugendhilfe darf daher auf die Dauer nicht vom Anspruch abhängen, der entsteht, sobald das Kind in den Brunnen gefallen und ein Fall gewworden ist. Mit andern Worten, Tagessätze sind eine Falle, die zu einer Vervielfachung und zur... Verhärtung der Fälle führt. Wobei die fiskalischen Unkosten in astronomische Höhe steigen, die freilich von den menschlichen Unkosten weit überboten werden.

Es kam die Idee auf, die Töpfe für Einzelmaßnahmen und für Jugendarbeit in sogenannten Sozialraumbudgets zusammenzufassen und die je spezifische Verteilung dem einzelnen Träger anzuvertrauen. Die Idee hatte freilich einen teuflischen Pferdefuß: Da die Töpfe nicht unerschöpflich sind, muss man die Zahl der in Frage kommen- den Träger eng begrenzen. Wer muss begrenzen? Das Jugendamt! Nach diesem Plan sollten die Jugendämter befugt werden, sich die Träger, die zu ihnen passen, herauszupicken und... alle anderen am langen Ast vertrocknen zu lassen.

Eine rein verwaltende Behörde wäre zum geldgebenden Vorgesetzten der klinischen Sozialarbeit geworden.  

Dass das eine fachliche Katastrophe wäre, hätte in diesen unseren Tagen wohl kaum Anstoß erregt. Gar manches Jugendamt war nur allzu bereit, auf dieses "Angebot" aufzuspringen. Aber es gibt Richter in diesem Land. Dass das Ding nicht mit den Grundsätzen unserer Verfassung vereinbar ist, sprang ihnen ins Auge, und so sind wir nochmal davon gekommen.




 

Sonntag, 17. September 2017

Leviathan kriegt den Hals nicht voll.

aus Welt am Sonntag, 16.09.2017 

Kommission gefordert  
CDU-Familienpolitiker beklagt schwere Missstände in der Jugendhilfe

„Ich habe als Abgeordneter mittlerweile so viele Fälle von nicht nachvollziehbaren Inobhutnahmen, Sorgerechtsentzügen, aber auch Klagen von Pflegeeltern über die Behörden zugesendet bekommen, dass ich davon überzeugt bin, dass es sich nicht mehr um wenige Einzelfälle besonders versagender Eltern und schwieriger Kinder handelt“, sagte Weinberg der WELT AM SONNTAG. Vielmehr sei anzunehmen, dass es sich dabei um ein systembedingtes oder strukturelles Problem handeln könnte, so Weinberg.




Kinder und Jugendliche würden immer wieder erzählen, dass ihr Wunsch und ihr Wille bei den Entscheidungen, wo und wie sie leben wollen, missachtet werde. Viele Eltern fühlten sich in Familiengerichts- oder Jugendamtsverfahren gedemütigt und genötigt. „Jedes einzelne Fehlurteil, jedes einzelne unter Fehleinschätzungen leidende Kind ist unser Auftrag, das System zu überprüfen“, fordert Weinberg. Ein Tabuisieren, Wegschauen oder Verdrängen dürfe es nicht länger geben.

Zahl der Inobhutnahmen rasant gestiegen

Tatsächlich steigt die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die von den Jugendämtern aus ihren Familien genommen werden, seit Jahren stetig. Ein großer Teil der 84.230 im vergangenen Jahr in Obhut genommenen Kinder und Jugendlichen waren zwar minderjährige unbegleitete Flüchtlinge. Aber selbst wenn man diese Gruppe herausrechnet, ist die Zahl der Inobhutnahmen rasant gestiegen – von 26.155 im Jahr 1996 auf 39.295 zehn Jahre später.
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Es sei sorgfältig zu prüfen, ob dies an einer Zunahme von Erziehungsversagen und Überforderung von Eltern, an erhöhter Wachsamkeit der Behörden oder an einer Absenkung der Eingriffsschwelle liege, so Weinberg. Mit Blick auf die Auswirkungen auf die betroffenen Familien habe der kommende Bundestag die Pflicht, dies zu überprüfen.

Ähnlich wie in der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs müsse Betroffenen und Insidern die Gelegenheit gegeben werden, ihre Erfahrungen aus ihrer Perspektive vertraulich zu schildern, damit unabhängige Experten sie auswerten können.


aus FAZ, 17. 9. 2017

Jugendämter können sogenannte vorläufige Maßnahmen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen als Hilfe in akuten Krisen- oder Gefahrensituationen durchführen – etwa auf Bitten der Kinder oder bei Gefahr für das Kindeswohl. Bis eine Lösung gefunden ist, werden die Minderjährigen in Obhut genommen und können auch in einem Heim oder bei einer Pflegefamilie untergebracht werden.


Nota. - Bis weit in die neunziger Jahre laute der letzte Schrei in der Jugendhilfe Fremdunterbringung nach Möglichkeit vermeiden! Das klang beinahe revolutionär - war doch das Heim ein Jahrhundert lang sowohl Fundament als auch Schlussstein der Jugendfürsorge gewesen! Dem Geist der Zeit und namentlich der "Heimkampagne" des Jahres '68 folgend, sollte aus der behördlichen Fürsorge nunmehr sozialarbeiterliche Hilfe werden; festgeschrieben im neuen Kinder- und Jugendhilfe-Gesetz, das nach langen Wehen 1991 endlich das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz aus dem Jahre 1927 ersetzt hat.

Wollte da ein Bürokratie freiwillig auf den Zugriff auf ihre Untertanen lockern? Ach, weit gefehlt. Es schoss vielmehr die Plethora der ambulanten Maßnahmen ins Kraut, die vielen Sozialarbeitern neue Beschäftigungsmöglichkeiten schafften und die im Hintergrund lauernden Heime erst dann in Anspruch nahmen, wenn sich die ambulant Maßgenommenen über Jahre als restistent erwiesen hatten und als Ultima Ratio "nichts anderes mehr übrigblieb" - und dann wiederum die Erwartung bestätigten, dass Fremdunter- bringung nichts bringt. Ein Zirkel, der viele Steuermittel kostete und nur den Professionellen und dem See- lenfrieden der Verwaltungen gedient hat.

Aber es wurde immerhin so getan, als lägen den behördlichen Entscheidungen fachliche Erwägungen zu Grunde.

Seit Mitte der neunziger Jahre stand auch die Jugendhilfe im Zeichen des Sparens. Die Stadtkämmerer konnten auch bei gutem Willen dem unvermeidlich Ruf nach mehr Personal nicht mehr nachgeben, und den Jugendämtern blieb nichts übrig, als allüberall nach den billigsten Angeboten zu suchen. Die Folgen sind verheerend. Von fachlichen Debatten in Jugendhilfe und Sozialarbeit ist - mindestens in der interessierten Öffentlichkeit - nichts mehr zu hören, Jedem sitzt das Hemd näher als die Hose, und alle machen klein-klein.

Und darum erleben wir ein Anschwellen der... Femdunterbringung! Dass das alles am Ende doch nur immer teurer wird, ist noch der geringste Skandal. Dass viele tausend Leben schon in frühen Jahren beschädigt werden, ist ein viel größerer.

Der allergrößte ist aber, dass seit einem Vierteljahrhundert die Alternativen bekannt sind - aber gegen den Willen einer gefräßigen Bürokratie nie ein Chance bekamen.
JE



Montag, 4. September 2017

Ausschlafen!

aus Der Standard, Wien, 1. September 2017, 06:00

Um acht Uhr in die Schule: 
Beginnt der Unterricht zu früh?
Viele Kinder können sich in der Früh noch nicht konzentrieren. Der Grund: Sie sind chronobiologisch gesehen Spätstarter. Sollte die Schule erst später beginnen?

Am kommenden Montag heißt es wieder früh aufstehen, zumindest für die schulpflichtigen Kinder in Niederösterreich, Wien und im Burgenland. Denn: Der Unterricht beginnt in den meisten Klassen um acht Uhr. Das ist jahrzehntelange Praxis, die zu einem ungeschriebenen Gesetz wurde, obwohl Schulen den Unterrichtsstart autonom nach hinten verschieben könnten.

Chronobiologisch werden Menschen in nachtaktive "Eulen" und frühaufstehende "Lerchen" unterteilt. Ob jemand eher morgens oder abends zur Höchstform findet, ist grundsätzlich angeboren. Im Teenageralter ähnelt der Schlafrhythmus aber verstärkt jener von "Eulen". Der Wissenschaft zufolge würden deshalb etwa 70 Prozent der Jugendlichen von einem späteren Unterrichtsbeginn profitieren.

Die meisten Hirn- und Schlafforscher sind sich einig: Ideal wäre ein Unterrichtsbeginn erst um neun oder zehn Uhr. Das haben Studien gezeigt. Eine Untersuchung an einer US-Highschool in Rhode Island kommt etwa zu dem Ergebnis, dass selbst Schüler, die morgens nur eine Viertel- oder halbe Stunde länger schlafen können, psychisch besser drauf sind. Schule und Beruf vereinbaren

Wer gegen seine "innere Uhr" lernt und arbeitet, ist nicht nur weniger produktiv, sondern riskiert auch gesundheitliche Probleme. Chronischer Schlafmangel kann Wachstumsstörungen, Fettleibigkeit und Depressionen fördern, betonen Forscher.

In Schweden und Großbritannien hat die Politik schon vor Jahren reagiert. Die Schulen beginnen dort erst um neun Uhr. Besonders Kinder zwischen sechs und zehn Jahren sind dadurch leistungsfähiger, so das Argument. Ein nicht zu unterschätzendes Problem dabei: Der "Eulenmodus" lässt sich häufig nur schwer mit dem Berufsleben der Eltern vereinbaren.

Freitag, 1. September 2017

Schule schadet ihrer Gesundheit.

berliner-zeitung
aus Süddeutsche.de, 1. 9. 2017

43 Prozent der deutschen Schüler leiden nach einer neuen Studie der Krankenkasse DAK unter Stress - mit Folgen für die Gesundheit. Ein Drittel der betroffenen Jungen und Mädchen hat Beschwerden wie Kopf- schmerzen, Rückenschmerzen oder Schlafprobleme. Das geht aus dem Präventionsradar 2017 der DAK-Gesundheit hervor.

Mädchen fühlen sich demnach häufiger gestresst als Jungen. Jede zweite Schülerin habe sehr oft oder oft Stress. Bei den Schülern seien es 37 Prozent. Vier von zehn Schülerinnen hätten häufig Kopfschmerzen, mehr als ein Drittel schlafe schlecht. 30 Prozent klagten regelmäßig über Rückenschmerzen, ein Viertel über Bauchweh.

Bei den Jungen gab gut ein Viertel an, häufig Kopfschmerzen zu haben. Jeweils etwa 30 Prozent der Schüler berichteten, sie schliefen schlecht oder hätten Rückenschmerzen, 15 Prozent haben demnach oft Bauchweh. Viele Kinder und Jugendliche erlebten Schule als Belastung. 40 Prozent der Schüler gaben an, zu viel für die Schule machen zu müssen.

Ein weiteres Ergebnis: Der von den Schülerinnen und Schülern empfundene Stress nimmt im Laufe der Schulzeit zu. Ältere Jahrgänge (9. und 10. Klasse) berichteten deutlich häufiger von Stress als die jüngeren (51 Prozent oft oder sehr oft vs. 35 Prozent in der 5. und 6. Jahrgangsstufe).


Nota. - Ja, was kann man denn da tun? Ganz klar: Am besten schickt Ihr sie auch nachmittags dorthin, dann wird alles besser.
JE