Freitag, 18. August 2017

Die Schule fängt zu früh an.


aus derStandard.at, 18. August 2017, 07:18

Müde Kinder: Experten raten von Prüfungen vor zehn Uhr ab
Schlafmediziner empfiehlt, Prüfungen in der Schule erst zu einer Uhrzeit anzusetzen, zu der "Lerchen" und "Eulen" gleichermaßen leistungsfähig sind

Frankfurt am Main – Prüfungen in der Schule sollten am besten zwischen zehn Uhr und halb elf am Vormittag stattfinden. Das empfiehlt der deutschen Chronomediziner Horst-Werner Korf. Denn um diese Zeit verfügen sowohl Frühaufsteher als auch Nachtvögel über die gleiche Leistungsfähigkeit. 

Lerche oder Eule – das ist Schicksal 

Der übliche Unterrichtsbeginn um acht Uhr belaste dem Experten zufolge vor allem männliche Jugendliche. Volksschulkinder kämen hingegen in der Regel gut mit dem frühen Start klar. "Kleine Kinder sind fast immer Lerchen", sagt Korf. Als Lerchen werden Menschen bezeichnet, deren natürlicher Tag-Nacht-Rhythmus dem eines Frühaufstehers entspricht. Korf: "In der Pubertät werden dann viele zu Eulen." Lerchen stehen früh auf, Eulen werden am Abend erst spät müde. Daran könne man nichts ändern, denn laut Korf könne kein Mensch auf Dauer gegen seine biologische Uhr leben.

Bio- und Sozialrhythmus passen nicht zusammen

Der traditionell frühe Unterrichtsbeginn komme Lerchen entgegen, sei für Eulen aber "absolut kontraproduktiv", meint der Experte. Wenn diese Kinder um acht Uhr in der Schule sitzen müssten, brächten sie ein Schlafdefizit mit. Aber Schlaf ist für die kognitive Leistung und das Gedächtnis sehr wichtig. Bei den Eulen unter den Schülerinnen und Schülern sei der "Biorhythmus gegenüber dem Sozialrhythmus verschoben". Da besonders postpubertäre männliche Jugendliche häufig zu den Eulen zählten, könnte das auch ein Grund dafür sein, dass deren schulische Leistungen oft schlechter sind.

Chronobiologen fordern schon lange einen späteren Schulstart, "aber es passiert nichts", bedauert Korf. Dennoch könnten die Schulen etwas verändern, ohne an den Gewohnheiten unserer Gesellschaft zu rütteln. Prüfungen könnten in Zukunft beispielsweise nicht in der Früh angesetzt werden, sondern eben "in einem Zeitfenster, wo beide Typen die gleiche Leistungsbereitschaft haben – das ist etwa zwischen zehn Uhr und halb elf". Gerade für Eulen hat der Mediziner noch einen abschließenden Tipp: "Vermeiden Sie blaues Licht am späten Abend: Handy aus." (APA, red, )

Weiterlesen:
Warum die Schule für viele zu früh beginnt

Samstag, 22. Juli 2017

Wegen einer 3 im Zeugnis...

aus spiegel-online


 
 
Die schlechteste Note in seinem Zeugnis ist eine Drei, doch für die schämte sich ein zehn Jahre alter Junge aus Schleswig so sehr, dass er sich nicht nach Hause traute. Stattdessen fuhr er zum Bahnhof, stieg in einen Zug nach Hamburg und reiste von dort weiter nach Basel.

Obwohl der Junge eine gültige Fahrkarte dabei hatte, wurde ein Schaffner, der zwischen Freiburg und Basel die Fahrkarten der Reisenden kontrollierte, misstrauisch und alarmierte die Polizei. Die Eltern des Zehnjährigen hatten ihn schon als vermisst gemeldet.

Als der Zug um 23 Uhr in Basel ankam, wurde der Schüler von Polizisten der deutschen Bundespolizei in Empfang genommen und nach Lörrach gebracht. 


Nota. -  Am Nachmittag wurde der Junge von seinem Vater in Lörrach abgeholt und ist wohlauf. -
In einer Zeit, wo es auf den Zeugnissen nur noch Einsen und Zweien gibt, ist eine Drei ('befriedigend') Grund zu tiefster Verzweiflung. Bevor Sie voreilig rufen: Was müssen das für Eltern sein! - fragen Sie besser: Was sind denn das für Zeugnisse? Die kann man auch ruhig ganz abschaffen.
JE



Sonntag, 16. Juli 2017

Von Kindern, Hunden und Katzen.



Alleinstehende Leute sollten ab einem bestimmten Alter gesetzlich verpflichtet sein, ein Haustier zu sich zu nehmen. Es ist nicht gut, wenn einer über Jahre niemand anders hat als sich selbst, an den er denken muss. Es ist nicht gut für ihn, doch das geht die Allgemeinheit nichts an. Es ist aber vor allem nicht gut für seine Nach- barn, und das geht die Allgemeinheit durchaus was an.

Es ist nicht gut, wenn in einem Gemeinwesen die Kinder gehalten werden wie in einem Zoo. Es ist nicht gut für sie, und schon das geht das Geimeinwesen allerhand an. Aber es ist unmittelbar schlecht für das Gemein- wesen selbst, wenn kindliche Lebensart als exotischer Sonderfall gelten muss und nicht als Bestandteil und Bedingung der Normalität. Kindlichkeit ist die Voraussetzung von Erwachsenwerden nicht nur im individuellen Einzelfall, sondern im gesellschaftlichen Großen und Ganzen.








Freitag, 7. Juli 2017

Wider den Kompetenzunfug.

aus Süddeutsche.de,

Was im Computer ist, ist noch längst nicht im Hirn Bildungstheoretiker laufen Sturm gegen die Umstellung der deutschen Lehrpläne auf Kompetenzorientierung. Gut so.

Wir haben eine Kultusministerkonferenz, die sich unablässig um zeitgemäße Bildungsstandards kümmert. Bekanntlich sollen das heute stets Kompetenzstandards sein. Klingt verheißungsvoll. Kompetenz ist doch etwas Gutes. Wörtlich übersetzt: Zuständigkeit. Ohne Leute, die auf Grund von Sachkenntnis, Erfahrung, Urteilsvermögen, Geschicklichkeit für ein bestimmtes Gebiet zuständig sind, wären wir alle aufgeschmissen. Kompetente Handwerker, Ärzte, Rechtsanwälte, Computerfachleute kann man sich nur wünschen.

Was also soll der Sturmlauf gegen das Kompetenzkonzept, der für dieses Wochenende in Frankfurt unter dem Titel "Kompetent in Kompetenz? 1. Frankfurter (In-)Kompetenzkonferenz" angekündigt ist? Im Einladungstext heißt es: Nachdem die Lehrpläne der Schulen flächendeckend auf Kompetenzorientierung umgestellt seien, "schwappt die Welle auch durch die universitären Curricula - zusammen mit den (in)kompetenzgeschulten Abiturienten, die in Stützkursen notdürftig studierfähig gemacht werden müssen". Auf der Rednerliste stehen neben Bildungstheoretikern wie Konrad Paul Liessmann auch Praktiker wie Mathias Brodkorb, der Finanzminister von Mecklenburg-Vorpommern.

Was haben diese Leute gegen Kompetenz? Gar nichts. Aber viel gegen die Eindampfung von Kompetenz auf Können: dass am Bildungsprozess nicht mehr interessieren soll, was jemand erfahren hat und weiß, sondern nur noch, "was hinten rauskommt" (Helmut Kohl). Am Ende eines jeden Lernschritts soll ein umschreibbares und überprüfbares Können stehen. Wenn man dies Können "Kompetenz" nennt, werden noch die bescheidensten Lernfortschritte zum Kompetenzerwerb aufgeblasen. Ein Kind, das den Zeigefinger in eine bestimmte Richtung strecken kann, hat Zeigekompetenz, seine ersten Schritte attestieren ihm Gehkompetenz. Es gibt überhaupt nur noch kompetente Kinder. Die Kehrseite dieser Schmeichelei ist, dass Kinder auch nur noch unter Kompetenzgesichtspunkten wahrgenommen werden.


Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat Millionen in Kompetenzmodellierungsprogramme gesteckt. Aufwendig versuchen diese, die spezifische Kompetenz zu operationalisieren, über die jemand verfügen soll, wenn er in der Lage ist zu gehen, bis zehn zu zählen, Verben von Adjektiven zu unterscheiden, einen mittelschweren Text zu verstehen, ein Integral zu lösen oder eine Sonate zu spielen. Doch Menschen kommen dabei nur noch als Kompetenzbündel vor. Der gemeinsame Fundus, aus dem diese disparaten Kompetenzen hervorgehen, die Person, in der sie zusammenhängen, interessiert nicht mehr. Sie lässt sich ja nicht isolieren und validieren wie einzelne Verhaltensweisen. Nur die aber zählen noch. Kompetenzen werden behavioristisch reduziert: zu geldwerten Verhaltensweisen, von denen man beim Gang zum Arbeitsmarkt durch Schule und Hochschule möglichst viele anhäufen soll.

Geografie lässt sich nicht durch Google Earth ersetzen

Und warum kommt dabei so wenig "hinten raus", obwohl der Unterricht doch immer kompetenzträchtiger zu werden verspricht? Warum werden die Klagen der Betriebe über gravierende Mängel bei den Auszubildenden in den Grundrechenarten und der Rechtschreibung immer lauter? Warum wächst die Zahl der Nachhilfekurse für Studienanfänger in Mathematik und Naturwissenschaften stetig an?


Weil Lernen nicht so funktional-linear-kleinschrittig verläuft, wie das Kompetenzkonzept es wünscht. Und weil Maschinen niemandem elementare Lernvorgänge ersparen. Was im Computer ist, ist noch längst nicht im Hirn. Und das Hirn ist keine Festplatte. Addieren und Subtrahieren an den Rechner delegieren, Orthografie ans Rechtschreibprogramm, Vokabeln und Geschichtsdaten nachschlagen statt memorieren, Geografie durch Google Earth ersetzen, befreit vom Ballast herkömmlichen Wissens kreativ durchs Netz surfen, dabei spielend lernen und unentwegt mediale Kompetenzen ansammeln: So funktioniert das nicht. Da bleibt wenig hängen. Ein mentaler Boden, worin Erlebtes Wurzeln schlagen und sich mit anderem zu dauerhaften Kompetenzen verbinden könnte, bildet sich erst gar nicht.

Wider den kompetenzversessenen Digitalpakt

Am 20. Juni hat ein "Bündnis für humane Bildung" einen offenen Brief an die Kultusminister adressiert und den "Digitalpakt Schule", für den das Bundesbildungsministerium fünf Milliarden Euro vorgesehen hat, als "Irrweg" bezeichnet. Es würden pro Jahr für jede Schule lediglich etwa 25 000 Euro abfallen, ohne dass klar ist, wer die Folgekosten für Betreuung und Wartung trägt.

Die Verfasser des Briefs nennen etliche empirische Studien, die den Nutzen des digitalisierten Unterrichts belegen sollten, aber diesen Beweis gerade schuldig bleiben: etwa den OECD-Bericht "Students, Computers and Learning" von 2015 oder die Hamburger BYOD-Studie. Auch Erfahrungen in Übersee werden erwähnt: "Letztes Jahr wurden in Australien die für 2,4 Milliarden Dollar angeschafften Laptops wieder eingesammelt, weil die Schüler/-innen alles Mögliche damit gemacht haben - nur nicht gelernt." Und dann ist da die Studie Blikk-Medien, in der Kinderärzte die Folgen früher und starker Nutzung digitaler Medien dokumentieren: eine signifikante Zunahme von Schlaf- und Konzentrationsstörungen, verzögerter Sprachentwicklung, Hyperaktivität und innerer Unruhe.


Die Frankfurter Kompetenzkonferenz, der offene Brief des Bündnisses für humane Bildung: Sie zeigen, es tut sich was. Es wächst die Zahl derer, die sich die Schrumpfung des Menschen auf eine Verfügungsmasse von Verhaltensweisen nicht länger gefallen lassen wollen, ebenso wenig wie die Degradierung von Lehrern zu Lernbegleitern, zu Anhängseln von Arbeitsblättern oder Computerprogrammen. Es wächst die Rückbesinnung darauf, dass Kompetenzen einem inneren Fundus an- und einwachsen müssen, wenn sie nicht sogleich wieder verfliegen sollen, und dass sich dieser Fundus nicht primär an Maschinen bildet, sondern in der sprachgeleiteten, keineswegs immer nur harmonischen Auseinandersetzung mit Mitmenschen, in der Regel älteren, die jüngeren lebensrelevante Sachverhalte eröffnen - vom Elternhaus an bis weit über die Schulzeit hinaus. Der dabei entstehende Fundus ist nicht operationalisierbar. Umgekehrt: Alles Operationalisierbare geht aus ihm hervor. Er selbst aber - der innere Niederschlag einer Erlebensvielfalt - macht die Bildung eines Menschen aus. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Aber in der Digitalgesellschaft muss man so tun, als wäre es die neueste Entdeckung.


Hier drängt es sich auch auf, eine Buchrarität zu erwähnen, die exemplarisch für Rückbesinnung stehen kann. Der Pädagoge Erhard Wiersing hat eine mehr als Tausend Seiten umfassende "Theorie der Bildung" vorgelegt. Sie setzt bei etwas an, was es in den Kompetenzkatalogen gar nicht mehr gibt: der Person. Sie ist für den Autor mehr als das Selbst, das Ich oder die Vernunft, nämlich das Zusammenspiel all dieser Momente: gleichermaßen Bildungsobjekt wie Bildungssubjekt. Die Entwicklung der Person ist zudem immer auch "Fortentwicklung animaler Eigenschaften und Fähigkeiten", weshalb ausgiebig die physische Vorformung erörtert wird, die Menschenkinder immer schon mitbringen, ehe ihre kulturelle Formung beginnt. Die Wiedergabe des aktuellen Wissensstands in Genetik und Neurobiologie gehört zu dieser Bildungstheorie ebenso wie eine gründliche Nachzeichnung des menschlichen Spracherwerbs, eine breit angelegte Aufbereitung der Debatte um die Willensfreiheit und die Herleitung des spezifisch menschlichen Bewusstseins samt seiner kognitiven, moralischen, sozialen und politischen Besonderheiten aus der Freiheitsdimension, die sich in menschlichen Wesen auf singuläre Weise aufgetan hat.

So ist ein Kompendium entstanden, das alle relevanten Aspekte des Bildungsbegriffs berührt und seine Geschichte wachhält. Man kann darin schlecht "googeln". Als Nachschlagewerk für Zusammenhänge ist es jedoch eine Fundgrube. Gegen den kompetenzversessenen Digitalpakt braucht man beides: sowohl die punktuelle öffentlichkeitswirksame Intervention als auch den antizyklischen Theorieentwurf, der sich in aktuelle Bildungsdebatten nicht explizit einmischt, aber gerade dadurch ein Gefühl dafür verschafft, was in diesen Debatten verloren geht. Seine volle Wirkung entfaltet er allerdings nur, wenn man in ihn eintaucht, ohne sich sogleich zu fragen, welche Kompetenzen er denn verschafft.

Christoph Türcke ist Philosoph. Er lehrte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig und veröffentlichte zuletzt die Bücher "Mehr! Philosophie des Geldes" (2015) und "Lehrerdämmerung: Was die neue Lernkultur in den Schulen anrichtet" (2016).

Dienstag, 23. Mai 2017

Ein bisschen was ist an der Intelligenz doch ererbt.

tacticaltoolsusa
aus derStandard.at, 22. Mai 2017, 18:11

40 Gene entdeckt, die mit Intelligenz in Verbindung stehen
Analyse genomweiter Assoziationsstudien an fast 80.000 Personen brachte einflussreiche Erbanlagen ans Licht

Amsterdam/Wien – Umwelteinflüsse spielen eine wichtige Rolle, doch dass Intelligenz zu einem erheblichen Teil erblich bedingt ist, haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Studien gezeigt. Seither suchen Forscher nach spezifischen Genen, die damit in Zusammenhang stehen.

Den bislang größten Erfolg melden nun Wissenschafter der Freien Universität Amsterdam: Wie sie im Fachblatt "Nature" berichten, konnten sie durch die Analyse genomweiter Assoziationsstudien an 78.308 Personen (Kinder und Erwachsene) insgesamt 40 Gene identifizieren, die offenbar für Intelligenz mitverantwortlich sind. Der Großteil davon ist im Gehirn aktiv und in Zellentwicklungsprozesse involviert. Die neuen Informationen könnte helfen, mehr über Intelligenzunterschiede und Hirnentwicklung zu erfahren.


Medizinische Grundlagenforschung

"Die sehr hohe Erblichkeit von Intelligenz war schon lange bekannt, aber wir kannten bisher die molekularen Grundlagen nicht. Dank der Größe der Studie ist es nun erstmals möglich geworden, konkrete Gene und damit zelluläre Prozesse zu benennen, die zu dem Merkmal Intelligenz beitragen", kommentierte der Genetiker André Reis von der Universität Erlangen-Nürnberg, der selbst nicht an der Studie beteiligt war, das Ergebnis.

Eine wichtige Frage sei nun, ob die gleichen zellulären Mechanismen und Prozesse, die bei Intelligenzstörungen identifiziert wurden, auch für die allgemeine Intelligenz relevant sind. Reis:"Wäre dem so, könnte das medizinische Implikationen haben." (red, 22.5.2017)

Abstract
Nature: "Genome-wide association meta-analysis of 78,308 individuals identifies new loci and genes influencing human intelligence"



 aus scinexx
 

Intelligenzgene identifiziert
Großstudie belegt erstmals klar die polygene Basis unserer geistigen Leistungen 

52 Gene - mindestens: Unsere Intelligenz beruht auf unzähligen Genfaktoren, statt auf nur einem oder einigen wenigen Genen. Das bestätigt die bisher umfassendste Großfahndung nach Intelligenzgenen im menschlichen Erbgut. Sie identifizierte 52 Gene mit Einfluss auf unsere geistigen Leistungen. Doch selbst diese Gene bestimmen nur knapp fünf Prozent unserer Intelligenz, wie die Forscher im Fachmagazin "Nature Neuroscience" berichten. Ein genetischer IQ-Test droht daher wohl auch in Zukunft nicht.

Was bestimmt, wie intelligent ein Mensch wird? Sind es die Gene, die Umwelt oder doch beides? Nachdem jahrzehntelang darüber gestritten wurde, welche Faktoren den größeren Anteil an unserer Intelligenz haben, scheint sich nun die Vererbung als wichtigster Einflussfaktor durchzusetzen. Nach neueren Schätzungen könnten bei Erwachsenen sogar rund 80 Prozent der geistigen Leistungsfähigkeit auf die Gene zurückgehen.

Großfahndung im Erbgut

Aber auf welche? Klar schien bisher nur, dass es das eine entscheidende Intelligenzgen wohl nicht gibt. Jetzt haben Danielle Posthuma von der Freien Universität Amsterdam und ihre Kollegen erstmals schlüssige Beweise dafür geliefert, dass unsere Intelligenz durch das Zusammenwirken unzähliger verschiedener genetischer Faktoren geprägt wird.

Für ihre Studie verglichen die Forscher das Erbgut von gut 78.000 Kindern und Erwachsenen europäischer Abstammung. Alle Teilnehmer hatten zuvor an Intelligenztests teilgenommen. Die Forscher fahndeten nun nach DNA-Abschnitten und Genen, die beispielsweise bei Individuen hohe Intelligenz besonders häufig auftraten.

52 Gene identifiziert

Tatsächlich wurden die Wissenschaftler fündig: Sie identifizierten 52 Gene, für die sie einen Zusammenhang mit der Intelligenz ihrer Träger feststellen konnten. 40 dieser Gene waren in diesem Kontext Neuentdeckungen. Die meisten der neuentdeckten Intelligenzgene sind im Gehirn aktiv, wie die Forscher feststellten. Sie beeinflussen unter anderem die Bildung von Synapsen, die Wachstumsrichtung von Axonen oder die Reifung von Nervenzellen. Viele von ihnen sind auch an der Regulation der Zellentwicklung beteiligt.

Die Wissenschaftler entdeckten auch einige Genvarianten, die einen positiven Effekt auf die Intelligenz haben und dafür Schizophrenie und Übergewicht unterdrücken helfen. Andere scheinen neben der Intelligenz auch das Schädelvolumen, die Neigung zu Autismus oder die Körpergröße zu beeinflussen. 

Viele Gene – ein Merkmal

"Diese Funde liefern uns zum ersten Mal klare Hinweise auf die biologischen Mechanismen, die der Intelligenz zugrunde liegen", sagt Posthuma. Auch wenn von den meisten dieser Gene die genaue Funktion noch unbekannt ist, bestätigen die Ergebnisse, dass unsere Intelligenz tatsächlich auf vielen kleinen genetischen "Füßchen" ruht. 

"Die genetische Architektur der Intelligenz ist offenbar vergleichbar mit der der menschlichen Körperlänge", kommentiert der Humangenetiker André Reis von der Universität Nürnberg-Erlangen die Studie. "Bei der Körpergröße tragen Tausende von genetischen Varianten mit jeweils extrem kleinen Effektstärken zur insgesamt hohen Erblichkeit des Merkmals bei." Ähnlich scheint es bei der Intelligenz zu sein.

Warum es keinen IQ-Gentest geben wird

Allerdings: Selbst alle neuentdeckten Intelligenzgene zusammen könne gerade einmal 4,8 Prozent der Intelligenz-Unterschiede bei uns Menschen erklären. Anders ausgedrückt: Bei den verbleibenden rund 75 Prozent der genetischen Veranlagung zur Intelligenz kennen wir bisher die zugrundeliegenden Gene noch nicht. "Die Suche nach konkreten Genen ähnelt der Suche nach der Stecknadel im Hauhaufen", erklärt Stern. 

Das bedeutet auch, dass wir wohl keine Angst vor einem zukünftigen IQ-Gentest haben müssen: "Es erscheint wenig wahrscheinlich, dass eines Tages genetische Tests für Intelligenz möglich werden", kommentiert Reis. "Dazu haben die bekannten Varianten einen zu geringen prädiktiven Wert – ihre Vorhersagekraft für das Gesamtmerkmal ist zu gering." Hinzu kommt: Die Gene bilden zwar die Basis unserer geistigen Leistungen. Ob wir diese Basis aber nutzen und Ausbauen, entscheiden die Umwelteinflüsse im Laufe unseres Lebens. (Nature Neuroscience, 2017; doi: 10.1038/ng.3869

(Nature/ Vrije Universiteit Amsterdam, 23.05.2017 - NPO)


Nota. - Der jahrzehntelange Streit über Erblichkeit oder Umweltprägung war nur zu einem kleinen Teil ein wissenschaftlicher. In der Hauptsache war er ideologisch und war geprägt durch ein kämpferisches Standes- interesse. 

Als in den sechziger Jahren die pädagogischen Berufe explodierten, machten sich gleichzeitig - Zufall? - in den akademischen Ausbildungsstätten neomarxistische geistes- und sozialwissenschaftliche Theorien breit, die allenthalben auf "materialistische Ableitung" drangen, aber gerade nicht die Genetik, sondern die Soziali- sation dafür erkannten. 

Die erwünschte Folge war: Nicht 'die Natur', sondern 'Schule' (ohne Artikel) galt als Brutstätte der Intelli- genz, mit andern Worten: die Lehrer. Besonders die, die sich gerade in Ausbildung befanden fühlten sich beflügelt und zu erheblichen Ansprüchen befugt. Dabei ist es bis heut geblieben..

(Dies zum Abschluss: Die genetische Disposition ist immer nur die eine Seite. Die andere Seite ist, was das Individuum lebensgeschichtlich daraus macht, und dabei spielen seine Mitmenschen allerdings eine Rolle: Sie können es ermuntern oder entmutigen.)
JE




Dienstag, 16. Mai 2017

Doppelt hält besser.



"Berlins Schulen werden gefährlicher: Zum fünften Mal in Folge haben die Vorkommnisse zugenommen, die als „schwere körperliche Gewalt“ von den Schulen gemeldet wurden. Dies zeigt die aktuelle Statistik der Bildungsverwaltung, die dem Tagesspiegel vorliegt. Demnach summierten sich allein im ersten Schul- halbjahr 2016/17 diese schweren Gewaltvorfälle auf 430 – so viel, wie noch vor wenigen Jahren im ganzen Schuljahr gemeldet wurden. Auch in allen anderen Delikten gibt es steigende Zahlen."

Der Tagesspiegel, Berlin, 16. 5. 2017 

Was kann man denn da machen?! Na, das liegt doch auf der Hand: Am besten, man hält sie am Nachmittag auch noch in der Schule fest, wo sie einander nicht ausweichen können. Da können sie dann lernen, wie man mit Aggressionen umgeht und wie man Niederlagen einsteckt; es ist schließlich ein Ort sozialen Lernens!

Vor zweihundert Jahren schon hat Johann Friedrich Herbart, der in Deutschland die wissenschaftliche Pädagogik begründet hat, vor der Schule gewarnt als einem Ort, wo eine unnatürlich goße Masse von Kindern künstlich zusammengepfercht sei, und wo so unvermeidlich all die unguten Eigenarten, die Kinder schließlich auch haben, zusammengeballt und forciert würden, die in Gruppen von der Größe, die sie von sich aus bilden, von ihren guten Eigenschaften bei weitem überlagert und neutralisiert werden.

Dass ausgerechnet Kinder "aus bildungsfernem Milieu" dazu herhalten müssen, in der Öffentlichkeit die Absurdität der Ganztagsschule zu rechtfertigen, ist ein Zynismus, den sich nur erlauben kann, wem die eigenen Standesinteressen näher liegen als das Zusammenleben der Generationen; von der Bildung der Kinder gar nicht zu reden.





Donnerstag, 27. April 2017

Auch das letzte Argument für die Zwangstagsschule vom Tisch.


aus Der Standard, Wien, 27. April 2017

Ganztagsschule: 
Kein Effekt auf Berufstätigkeit der Mütter
Ganztagsschulen haben offenbar keinen Einfluss darauf, wie viele Frauen erwerbstätig sind und wie viele Stunden sie bezahlt arbeiten – das zeigt eine deutsche Studie

Ein frauenpolitisches Argument für Ganztagsschulen lautet, dass sie Müttern ermöglichen, berufstätig zu sein, von Teilzeit auf Vollzeit aufzustocken und ihnen zu beruflichem Wiedereinstieg und mehr Unabhän- gigkeit verhelfen. Das scheint aber nur teilweise einzutreten, wie eine Studie der Wirtschaftswissenschafte- rin und Universitätsprofessorin Marie Paul von der Universität Duisburg-Essen und ihres Kollegen Fabian Dehos vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) nahelegt. 


So beeinflussen zusätzliche Ganztagsschulplätze weder, wie viele Stunden Mütter mit Grundschulkindern erwerbstätig sind, noch wie viele Mütter überhaupt einer bezahlten Beschäftigung nachgehen. Zwar seien heute in Deutschland mehr Frauen berufstätig als vor der Einführung der Ganztagsschulen im Jahr 2003. Aber: "Wir zeigen in unserer Studie, dass das nicht auf den Ausbau von Ganztagsgrundschulen zurück- geht", so Studienleiterin Paul. "Wer seine Kinder nachmittags in der Schule versorgt weiß, sucht sich nicht deswegen einen Job oder stockt seine Stunden auf."

Kindergärten wichtiger

Viele Frauen seien offenbar nicht zwingend auf Ganztagsschulen angewiesen, obwohl sie arbeiten. Sie würden Paul zufolge die Betreuung auch anders organisieren können. Die Frage der Kinderbetreuung scheint, sobald die Kinder im Schulalter sind, also nicht mehr die entscheidende Hürde für Frauen zu sein. Das lasse darauf schließen, dass viele Familien zu diesem Zeitpunkt bereits eine andere tragfähige Betreuung für ihre Kinder organisiert haben. Was die Erwerbstätigkeit von Frauen nachweislich fördert, ist ein gutes Angebot an Kindergärten mit langen Öffnungszeiten. Auch das zeigt die aktuelle Studie. 


Wenn'se nu aber meinen, damit sei die Ganztagsschule vom Tisch, dann kenn'se unsere freie,
 aber politisch selbstkorrigierte Sozialwissenschaft schlecht:

Trotzdem positive Effekte

Als Kritik an den Ganztagsschulen wollen die Forscher ihre Studie aber nicht verstanden wissen. So habe diese Form der schulischen Nachmittagsbetreuung für Familien sehr wohl positive Effekte gezeigt. So gaben Eltern, die Ganztagsbetreuung in Anspruch nehmen können, in der Studie an, ihren Arbeitsalltag parallel zum Schultag gestalten zu können. Mütter und Väter müssten nicht mehr zeitversetzt arbeiten und bei der Betreuung weniger improvisieren. Das mache die Vereinbarkeit von Beruf und Familie weniger stressig und habe positive Effekte auf das Familienleben. (lima)

Link
Originalstudie in Vollversion (englisch, PDF)