Montag, 4. November 2013

Ein unerwarteter Einwand gegen die Ganztagsschule.

K.Schwarz  / pixelio.de

Das online-Magazin scinexx des wissenschaftlichen Springer-Verlags (Berlin-Heidelberg-New York) berichtet soeben über eine merkwürdige Studie der beiden amerikanischen Psychologen Maryam Kouchaki von der Harvard University und Isaac Smith von der University of Utah. Denen war aufge- fallen, dass bei vielen Testreihen, die sie an ihren Instituten durchgeführt hatten, die durchschnittlichen Ergebniss danach unterschieden, ob sie am Vor- oder am Nachmittag durchgeführt worden waren: In den vormittäglichen Tests schienen sich die Probanden im Schnitt moralischer zu verhalten als am Nachmittag. Daraufhin führten sie Testreihen zu ebendieser Frage durch, und siehe da: Die Tests bestätigten ebendies! (Psychological Science, 2013; doi: 10.1177/0956797613498099)

"Sie kamen bei ihren Auswertungen außerdem noch zu einem weiteren interessanteren Ergebnis: Bei Menschen, die bei den Versuchen grundsätzlich mehr moralisches Verhalten an den Tag legten, war der Morgen-Nachmittag-Effekt stärker. Die Schlawiner sind eher immer ähnlich unehrlich, bei den grundsätzlich Aufrichtigen bröckelt hingegen die Moral am Nachmittag deutlich.


Vermutlich hat das Phänomen etwas mit schwindender Selbstkontrolle zu tun, erklären Kouchaki und Smith. Es ist bereits bekannt, dass die Selbstdisziplin im Laufe des Tages nachlässt. Offenbar spiegelt sich diese Tendenz also auch beim moralischen Verhalten wider. 'Unsere Ergebnisse legen nahe, dass die Tageszeit beeinflussen kann, ob eigentlich gute Menschen moralisch fragwürdig handeln', resümieren die Forscher. Ihnen zufolge könnte diese Information beispielsweise für Organisationen nützlich sein: Ist moralisches Verhalten etwa bei Veranstaltungen besonders gefragt, ist der Morgen die beste Zeit."

Es ist freilich nicht so, dass sich im Verlauf der Tages die moralischen Urteile der Menschen verschöben. Es ist nur eben so, dass sie nicht mehr so recht auf sich Acht geben.

Wie jeder Büroleiter bestätigen kann, bringen seine Mitarbeiter nach der sechsten Arbeitsstunde nicht mehr viel. Jetzt wissen wir: Es ist nicht nur die Dauer der Arbeit, die die Konzentration beeinträchtigt; es ist die Tageszeit selbst. 

Dass Erziehungswissenschaftler für den gesunden Menschverstand kein Ohr haben, wissen wir. 

Doch die Ergebnisse der empirischen Psychologie werden ihnen ja wohl zu denken geben: Schule am Nachmittag ist verlorene Zeit, für beide Seiten.




Freitag, 1. November 2013

Und immer wieder: Schule...

aus NZZ, 1. 11. 2013

Die Schule neu denken
Diskussionsrunde mit dem Philosophen Richard David Precht an der Universität Zürich

 wbt. · Was wäre, wenn man sich Schule von null auf dächte? Nichts weniger als solche Gedankenarbeit fordert der deutsche Philosoph, Publizist und Autor Richard David Precht. Sein Buch «Anna, die Schule und der liebe Gott. Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern» belebt zurzeit die Bildungsdiskussion. In die Aula der Universität Zürich hat ihn am Donnerstagabend das Department of Economics der Universität Zürich geholt. Seine Kritik an der heutigen Volksschule bezieht ihre Legitimation aus den Anforderungen, denen unsere Kinder in ihrem späteren (Berufs-)Leben ausgesetzt sind.

Diese Arbeitswelt wird, so Precht, geprägt sein vom quartären Sektor, dessen hochkomplexe Steuerung Berufe hervorrufen wird, die wir heute noch gar nicht kennen. Die Fähigkeiten, die es dafür braucht, muss die Schule der Zukunft vermitteln: soziale Kompetenzen, intrinsische Motivation, freies Sprechen als konkretes Beispiel. Mit wenigen Ausnahmen leiste das heutige Schulsystem dies nicht. Seine funktionale Architektur gründe im 19. Jahrhundert. In Preussen habe die Volksschule historisch die Aufgabe gehabt, erstens Wissen zu vermitteln, das man nur bei ihr erwerben konnte, und zweitens die Grundlagen für eine bürgerliche Gesellschaft zu legen, Öffentlichkeit herzustellen, Bürger, Soldaten und Verwaltungsleute mit identischem Grundwissen heranzubilden.


Heute habe der 45-Minuten-Takt mit sechs Fächern pro Tag ausgedient. Lehrer wie Schüler bezögen ihr Wissen aus den gleichen Wikipedia-Beiträgen. Im Frühling komme die Google-Brille auf den Markt, die jedem den Zugang zum Weltwissen mit einem Wimpernschlag öffne. Das bedeute das sichere Ende der TV-Quiz-Sendungen. Und das Ende der herkömmlichen Volksschule?

«Jetzt haben wir Internet, jetzt wird alles anders», fasste der Zürcher Pädagoge Jürgen Oelkers Prechts Thesen in der anschliessenden, vom Journalisten Martin Beglinger moderierten Diskussionsrunde zusammen. Als Bildungshistoriker sei er aber überzeugt, dass die Volksschule auch diese Revolution überleben werde. Ganz früher habe er die Schule auch von null auf zu denken versucht; so einfach sei sie nicht zu verändern. Mit seiner Skepsis markierte Oelkers die Distanz zwischen Prechts Thesen und den realen Möglichkeiten, eine Schule zu gestalten, die möglichst vielen zum Beispiel eine reelle Chance auf einen Arbeitsplatz mitgibt.

...

Nota.

"Neu denken"? Als sei die Institution Schule daraus entstanden, dass irgendwer sie 'erdacht' hat! Das Grundproblem aller Debatten über Bildung und Bildungsreform ist, dass man die historisch gewordene Gegebenheit der Schule wie eine logische Prämisse behandelt, und dass "Schule sein muss" für ein Naturgesetz hält. Wie Precht in seinem neuen Bestseller seine historische Fragestellung, wie er sie hier formuliert, im einzelnen durchgeführt hat, mag diskutabel sein; aber dass er seine Prominenz ausnutzt, um sie überhaupt erstmal in eine breite Öffentlichkeit zu tragen, ist lobenswert.
JE

Mittwoch, 30. Oktober 2013

Videospiele machen klüger.

Foto: Go!GamingKid
institution logoWarum Videospielen gut fürs Gehirn sein kann

Kerstin Skork  
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 

30.10.2013 09:19

Hirnregionen lassen sich gezielt trainieren: Videospielen vergrößert Hirnbereiche, die für räumliche Orientierung, Gedächtnisbildung, strategisches Denken sowie Feinmotorik bedeutsam sind. Das zeigt eine aktuelle Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig-Krankenhaus. Die positiven Effekte von Videospielen könnten auch bei der Therapie psychischer Störungen zum Tragen kommen.

Um herauszufinden, wie sich Videospielen auf das Gehirn auswirkt, ließen die Wissenschaftler aus Berlin Erwachsene über zwei Monate hinweg täglich 30 Minuten das Videospiel „Super Mario 64“ spielen. Eine Kontrollgruppe durfte nicht spielen. Mit Hilfe der Magnetresonanztomographie (MRT) wurde die Struktur des Gehirns vermessen. Im Vergleich zur Kontrollgruppe zeigte sich bei den Videospielprobanden eine Vergrößerung einiger Bereiche der grauen Substanz, in der sich die Zellkörper der Nervenzellen des Gehirns befinden. Die Vergrößerung umfasste den rechten Hippokampus, den präfrontalen Kortex und Teile des Kleinhirns. Diese Hirnareale sind unter anderem für räumliche Orientierung, Gedächtnisbildung, strategisches Denken sowie für die Feinmotorik der Hände von zentraler Bedeutung. Interessanterweise waren diese Veränderungen umso ausgeprägter, je mehr Spaß die Probanden beim Spielen hatten. 
 

„Während vorhergehende Studien veränderte Hirnstrukturen bei Videospielern lediglich vermuten konnten, können wir mit dieser Studie einen direkten Zusammenhang zwischen dem Spielen und einem Volumenzuwachs nachweisen. Das belegt, dass sich bestimmte Hirnregionen durch Videospielen gezielt trainieren lassen“, sagt Studienleiterin Simone Kühn, Wissenschaftlerin am Forschungsbereich Entwicklungspsychologie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Deshalb vermuten die Forscher, dass sich Videospiele für die Therapie von Erkrankungen eignen könnten, bei denen die entsprechenden Hirnregionen verändert sind. Das ist zum Beispiel bei psychischen Störungen wie der Schizophrenie, der posttraumatischen Belastungsstörung oder neurodegenerativen Erkrankungen wie der Alzheimer-Demenz der Fall.

„Viele Patienten werden Videospiele eher akzeptieren als andere medizinische Interventionen“, ergänzt Co-Autor der Studie und Psychiater Jürgen Gallinat von der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig-Krankenhaus. Deshalb möchten die Forscher in weiteren Studien die Wirkung von Videospielen bei Menschen mit psychischen Störungen genauer untersuchen. Derzeit wird dies in einer Studie zur Posttraumatischen Belastungsstörung praktisch umgesetzt.

Originalstudie
Kühn, S., Gleich, T., Lorenz, R. C., Lindenberger, U., Gallinat, J. (2013). Playing Super Mario induces structural brain plasticity: Grey matter changes resulting from training with a commercial video game. Molecular Psychiatry. Advance online publication.
doi: 10.1038/mp.2013.120.

Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
Das MPI für Bildungsforschung wurde 1963 in Berlin gegründet und ist als interdisziplinäre Forschungseinrichtung dem Studium der menschlichen Entwicklung und Bildung gewidmet. Das Institut gehört zur Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V., einer der führenden Organisationen für Grundlagenforschung in Europa.

Weitere Informationen: http://www.mpib-berlin.mpg.de/de/presse/2013/10/warum-videospielen-gut-fuers-geh...

Dienstag, 29. Oktober 2013

Jungens kaufen ihre Bücher selber.

Foto: Lothar Sauer

In der heutigen FAZ  über "eine Studie, die kürzlich vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft Jugendbuchverlage durchgeführt worden ist" und zu überraschenden Ergebnissen kommt:

"Immer mehr Käufer, nämlich 14,3 Millionen, kauften insgesamt weniger Bücher als im Vorjahr - 68,3 Millionen gegenüber 68,9 Millionen - und zahlten dafür im Schnitt nur noch 8,40 Euro pro Buch. Ein Grund dafür ist, dass der Anteil jüngerer Käufer deutlich gestiegen ist: Die Zehn- bis Neunzehnjährigen machen inzwischen bereits fünfzehn Prozent aller Kunden von Kinder- und Jugendbüchern aus - und das ist vor allem auf eine wachsende Zahl von Jungen zurückzuführen, die zum Buch greifen. Besonders eifrig sind die Elf- bis Fünfzehnjährigen, die inzwischen fast so viele Bücher kaufen wie gleichaltrige Mädchen. Insgesamt, auch das fanden die Forscher heraus, werden immer mehr Kinder- und Jugendbücher für den Eigenbedarf gekauft: Im vergangenen Jahr war das jedes vierte, 2009 nur jedes fünfte."

Es bahne sich eine "stille Revolution" auf dem Markt für Kinder- und Jugendbücher an. Während bisher eigentlich nur Eltern, Großeltern und Patentanten Bücher für die Kleinen aussuchten und bestimmten, was sie lasen und, mittelbar, ob überhaupt - fangen jetzt Kinder und Jugendliche   "endlich an, selbst zu bestimmen, was sie lesen wollen. Sie gehen in die Buchhandlungen, lassen sich beraten, stöbern und kaufen Bücher, wofür sie naturgemäß im Schnitt weniger bezahlen als berufstätige Erwachsene - so kommen die höheren Käuferzahlen und der trotzdem geschrumpfte Umsatz zustande."

Das alles ist für sich genommen schon ein Novum. Doch die größere Überraschung ist, "siehe da",  die: "Ausgerechnet die Jungen, jahrelang als Lesemuffel geschmäht, sind in diesem Wachstumsszenario Vorreiter."

"Warum gerade die Jungen? Vielleicht, weil sie mit Titeln wie „Gregs Tagebuch“, den allgegenwärtigen Piratengeschichten oder auch den realistischen Jugendbüchern mit männlichen Hauptfiguren endlich ein breites Angebot finden, das sie interessiert. Oder weil in Buchhandlungen und vor allem den Bibliotheken Kinder mittlerweile stöbern dürfen, was das Zeug hält - die Erfahrung lehrt, dass kein Buch so gute Chancen hat, zu Ende gelesen zu werden, wie dasjenige, das sich ein Kind selbst aus dem Regal gezogen hat."

Das wurde schon länger vermutet - dass Jungen nur darum 'zu faul zum Lesen' sind, weil seit inzwischen vier Jahrezehnten auch die Kinderliteratur gegendermainstreamt ist. Hat man sich denn seinerzeit beklagt, dass Emil und die Detektive, Tom Sawyer und, sagen wir, Karl May "nur von Mädchen gelesen" würden? 

Na also. Wie man reinruft in den Wald, so schallt es zurück. Wenn Jungen nur solche Bücher geschenkt bekommen, die ihnen Entmannung als wünschenwertes Lebensziel schmackhaft machen wollen, müssen sie... sich früher oder später selber nach Bücher umsehen, in denen sie nicht verhöhnt werden.


Virtuell real.


Jan Vestweber
Pressestelle
Universität Witten/Herdecke 


28.10.2013 10:58

Psychologen der Universität Witten/Herdecke: „Grenze zwischen menschlicher und maschinenhafter Realität verschwimmt“

Millionen von Menschen verbringen große Teile ihrer Freizeit in digitalen Welten. In virtuellen Rollenspielen agieren sie aus der Perspektive eines erfundenen Charakters, eines so genannten Avatars. Neue Forschungen von der Universität Witten/Herdecke (UW/H) beschäftigen sich nun mit den Auswirkungen des virtuellen Rollenspiels auf das Erleben in der realen Welt. Ein überraschendes Ergebnis der Studie: Die Empfindlichkeit gegenüber Eindrücken in der realen Welt – hier verdeutlicht am Beispiel von Schmerzempfindungen – sinkt bei den Spielern.


In bisherigen Studien zum Thema ging es in der Regel um die Frage, inwiefern aggressives Verhalten im virtuellen Raum sich durch Einübung und Anwendung in die reale Welt überträgt. Die neue Studie geht nun noch einen Schritt weiter. Unabhängig davon, ob ein Spiel gewaltfrei oder gewalttätig ist, versetzt sich der Spieler bei virtuellen Rollenspielen in einen Avatar, der in der Regel als roboterartiges Wesen in einer künstlichen Welt auftritt. Die Fragestellung war, ob unabhängig von einem gewalttätigen Inhalt das reine Hineinversetzen in einen Avatar dazu führt, dass die Spieler roboterhaftes Verhalten und Erleben einstudieren und in die wirkliche Welt übernehmen. „Zu roboterhaftem Verhalten gehören bekanntermaßen Eigenschaften wie mechanisches Auftreten, kühle Rationalität und emotionale Kälte“, erläutert Prof. Ulrich Weger, Leiter des Departments für Psychologie und Psychotherapie an der UW/H. „In unserer Studie hat sich gezeigt, dass Versuchspersonen, die sich während eines so genannten immersiven Rollenspiels in die Perspektive eines Avatars hineinversetzen, diese roboterhaften Eigenschaften teilweise auch in die wirkliche Welt übernehmen und dadurch auch unempfindlicher gegenüber eigenen Schmerzen und den Schmerzen anderer werden.“ So war die Unempfindlichkeit gegenüber eigenen Schmerzen bei virtuellen Rollenspielern um durchschnittlich 18 Prozent erhöht. Die verringerte Empfindlichkeit gegenüber fremden Schmerzen zeigte sich an einer verminderten Empathie für die Schmerzen anderer. Auch Fälle, in denen Spieler bis über die Grenze der absoluten Erschöpfung hinaus gespielt und am Rechner zusammengebrochen oder sogar zu Tode gekommen waren, stehen offensichtlich mit einem Realitätsverlust in Zusammenhang – eine dramatisch zugespitzte Form dessen, was in der vorliegenden Studie in noch eher leisen Tönen zum Ausdruck kommt. Prof. Weger: „Die aktuellen Befunde legen nahe, dass durch Rollenspiele die Grenze dessen, was wir als gesunden Abstand zwischen menschlicher und maschinenhafter Realität erleben, unklarer wird.“

Auf der anderen Seite gebe es allerdings auch Befunde, dass soziale Spiele auch zu sozialen Verhaltensweisen im wirklichen Leben führen. Prof. Weger: „In der Tat zeigen solche Studien ganz allgemein, dass wir das Verhalten, das wir in der virtuellen Welt einüben und erlernen, auch in die wirkliche Welt übertragen. Im Sinne der hier durchgeführten Studie würde ich aber behaupten: Das Verhalten, das wir so durch das immersive Rollenspiel erlernen, egal ob aggressiv oder sozial, ist von eher serienmäßiger, mechanischer, geistloser Natur, denn es wirkt lediglich über die roboterhafte Rolle des Avatars. Wenn Kinder soziales Verhalten erlernen sollen, so werden sie dies am besten im unmittelbaren Mensch-zu-Mensch Kontakt tun.“

Die Vermischung von Menschlichem und Maschinenhaftem zeige sich in unserer Lebenswelt allerdings auch von der umgekehrten Seite als bei den Rollenspielen. In der anderen Richtung werde die Grenze nämlich dadurch verwischt, dass Maschinen immer mehr die Aufgaben von Menschen übernehmen – angefangen von Animationsfiguren, virtuellen Verkaufsassistenten, roboterhaftem Spielzeug, das die Liebe und Zuwendung von Kindern erweckt, bis hin zu Robotern, die Einsatz finden im psychotherapeutischen Kontext. Prof. Weger: „Wir müssen uns heute fragen, wie wir mit dieser Verwässerung umgehen; wie wir die eigene Balance finden zwischen sinnvollem Nutzen und unreflektierter Abhängigkeit; und wie wir negative Einflüsse verhindern oder zumindest ausbalancieren können. Dazu sollten wir uns fragen, was es wirklich bedeutet, Mensch zu sein und als Mensch in dieser Welt zu stehen und tätig zu werden“.

Weitere Details zum Thema finden Sie in der aktuellen Studie unter: http://link.springer.com/article/10.3758/s13423-013-0512-2

Weitere Informationen: Prof. Ulrich Weger: 02302 / 926-776 oder ulrich.weger@uni-wh.de. 


Nota.

Würde die Meldung "Das Lesen von Romanen, guten wie schlechten, verändert den Leser"  für eine Schlagzeile sorgen? - Es gab aber eine Zeit, da wurde darum viel Aufhebens gemacht; cf. Don Quijote oder Stendhals Rot und Schwarz.
JE 

Sonntag, 20. Oktober 2013

Endlich! Eine Stimme gegen den Ganztagsirrsinn.

uschi dreiucker; pixelio.de

Unter der Überschrift Die Kindheit wird verschult berichtet Union und SPD sind sich vor den Koalitionsverhandlungen einig, dass Deutschland mehr Ganztagsschulen brauche."  Unterschiede gäbe es aber bei der Frage, ob diese Schulform tatsächlich besser für Kinder sei als die Halbtagsschule. „Ganztagsschulen sind nicht an sich gut oder schlecht“, zitiert sie F.A.S. Bildungsministerin Johanna Wanka. „Entscheidend ist, dass die zusätzliche Zeit pädagogisch sinnvoll genutzt und gestaltet wird", fügt Wanke hinzu. Das klingt nicht wie der Beginn einer intelligenten Kritik, sondern wie ein Fügen ins Unvermeidliche. Und noch dazu aus ganz falschen Motiven; Denn das ist gerade zu befürchten: dass die zusätzliche Zeit "pädagogisch genutzt und gestaltet" wird. 


Durchdachter hört sich an, was der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, zu sagen hat. Er "warnt vor einer Verstaatlichung der Erziehung". Der Ausbau von Ganztagsschulen dürfe "nicht dazu führen, dass Eltern bei jeglichen Erziehungs- und Betreuungsaufgaben denken: Dafür haben wir ja den Staat“, sagte Kraus der F.A.S. Wer seine Kinder abends „ohne Konflikte, ohne Hausaufgaben nur noch zum Kuscheln“ abholen wolle, mache es sich zu bequem. Es sei auch nicht erwiesen, dass Ganztagsschulen Halbtagsschulen überlegen seien. „Dafür gibt es keinen einzigen Pisa-Beweis“, sagte Kraus. Kinderärzte warnen zudem vor zu viel Programm für Kinder: Unstrukturiertes „Nichtstun“ sei wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung. 

Der Deutsche Kinderschutzbund, der schon seit Jahrzehnten kein Anwalt der Kinder mehr ist, sondern ein Interessenvertreter berufstätiger Mütter, hat davon freilich noch nichts gehört:< „Gute Ganztagsschulen fördern die Entwicklung der Kinder“, sagte Geschäftsführerin Paula Honkanen-Schoberth der F.A.S.. Wo sie das herhat, welche empirische Studie das belegt, sagt sie nicht. „Die Lernfächer sollten dabei über den Tag verteilt sein, dazwischen sollte es Schwerpunkte wie Kunst, Kochen, Bewegung geben oder" - das darf nicht fehlen, halten Sie sich fest: "das Erlernen von sozialen Fähigkeiten“ - auf deutschen Schulhöfen, wer hätte das gedacht!

Außerdem müsse es genug Ruheräume geben. So hätten Schulen „die Chance, zum Lebensort zu werden“. Das hat sie wirklich gesagt: ein Lebensort! Das ist ein Bund, vor dem Kinder geschützt werden müssen. Da kann man gar nicht laut genug schreien: die Kinder wieder auf die Straße bringen!




Dienstag, 8. Oktober 2013

Jugendsport ist keine Sozialpädagogik.

Hannover 78 - D-Knaben
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Aufwachsen mit Sport – Eine neue Kinder- und Jugend-Längsschnittstudie über zehn Jahre

Tibor Werner Szolnoki  
Referat Presse und Kommunikation
Universität Paderborn 

08.10.2013 13:46 

Als vor etwa zehn Jahren die Studie zur Jugendarbeit in Sportvereinen (die sog. „Brettschneider-Studie“) erschien, war die Aufregung im organisierten Sport zunächst groß, konnte sie doch nicht die hohen Erwartungen bestätigen, die Sportpolitik und Sportorganisation an den Sportverein richteten. Der ersten Aufregung und Irritation folgten dann umsichtige und konstruktive Maßnahmen der Verbände und Vereine im Interesse der sportlichen Jugendlichen. Soeben ist nun eine weitere, in Deutschland bislang einmalige Längsschnittstudie zum Zusammenhang von Sportengagement und Entwicklung im Kindes- und Jugendalter erschienen.

Über einen Zeitraum von zehn Jahren – von der dritten Klasse bis zum Abitur bzw. zur Berufsausbildung – untersuchten Prof. Dr. Wolf-Dietrich Brettschneider, Universität Paderborn und sein Potsdamer Kollege Prof. Dr. Erin Gerlach den Einfluss des Sports auf Jungen und Mädchen und gelangen zu neuen und bemerkenswerten Ergebnissen, von denen nur ein kleiner Ausschnitt referiert werden kann. 


Erfreulich für die Vereine ist etwa das Ergebnis, dass die sportliche Laufbahn keine Einbahnstraße ist. Der Anteil der Jugendlichen, die den Verein verlassen, dann aber auch wieder eintreten, ist wesentlich größer als bisher angenommen. Beachtenswert für den Nachwuchsleistungssport ist der Befund, nach dem die frühe Spezialisierung und Festlegung auf eine Sportart und die frühzeitige Begegnung mit dem Wettkampfsystem für eine Leistungssportkarriere eher hinderlich als förderlich sind. Auch spielen die vorhandenen motorischen Kompetenzen in diesem Alter noch keine entscheidende Rolle, vielmehr sind Motivation und Beharrlichkeit die besten Voraussetzungen für stabile Vereinskarrieren. Der Sportverein ist für junge Menschen eine ideale Plattform zur Übernahme ehrenamtlicher Tätigkeit, selbst für die Vereinsskeptiker unter ihnen. Als eine ganz wichtige soziale Ressource erweist sich der Sportverein beim Übergang von der Primar- zur Sekundarschule, wenn nämlich schulische Leistungen oder das Selbstbewusstseins in Frage gestellt werden und die bisherige Peergruppe weitgehend verloren geht. In dieser krisenhaften Situation verhindert die Einbindung in einer Sportgruppe, dass die Heranwachsenden in ein Loch fallen – eine Leistung, die weder Eltern noch Lehrer erbringen.


Weniger positiv, aber erwartungsgemäß sind die Befunde zur Wirkung des Sportvereins auf die Gesundheit, die Prävention von Risikoverhalten, die Persönlichkeitsentwicklung oder als Motor der Integration von Migranten. Während man bei der 2002er „Brettschneider-Studie“ noch vermutete, dass ausbleibende Effekte des Sportengagements darauf zurückzuführen sind, dass der für die Entwicklung so wichtige Zeitraum der Kindheit unberücksichtigt blieb und die Studie eine relativ kurze Laufzeit hatte, um Wirkungen des Sports nachzuweisen, zeigt sich, dass selbst eine stabile und über zehn Jahre dauernde Mitgliedschaft im Sportverein keine durchgängigen positiven Effekte erzielen kann. Das gilt für die Persönlichkeitsentwicklung ebenso wie für die Prävention von Übergewicht; die Rolle des Sportvereins als Integrationsmotor ist beschränkt. Beim jugendlichen Risikoverhalten zeigt sich, dass sportliche Jungen und Mädchen deutlich weniger rauchen als ihre sport- und vereinsabstinenten Altersgenossen. Anders das Bild beim Alkoholkonsum: Der Sportverein erweist sich als Ort, an dem das Trinken von Alkohol nicht nur kultiviert, sondern auch gelernt wird, wie die Differenzierung der Sportvereinsjugendlichen in Vereinsdistanzierte und Vereinstreue sowie Ein- und Aussteiger belegt. Und auch Schutzimpfungen gegen Gewalt kann der Sportverein nicht leisten.

Für Nachfragen stehen zur Verfügung:

Prof. Dr. W.-D. Brettschneider: Tel. Nr.: +49-(0)5293- 580; E-Mail: brett@upb.de Prof. Dr. E. Gerlach: Tel.Nr.:+49-(0)331-977-2709; E-Mail: erin.gerlach@uni-potsdam.de Der Titel des Buches: E. Gerlach & W.-D. Brettschneider (2013): Aufwachsen mit Sport. Befunde einer 10-jährigen Längsschnittstudie zwischen Kindheit und Adoleszenz. Aachen: Verlag Meyer und Meyer.


Nota. - ...womit noch einmal bestätigt wäre, dass der Sport als ein Instrument der Sozialpädagogik absolut ungeeignet ist. Sport ist Spiel und geschieht wie die Kunst um seiner selbst willen; oder eben nicht. Das ist sein großes Verdienst.
J.E.