Donnerstag, 12. Dezember 2013

Begabung ist wieder im Kommen.

aus Der Standard, Wien, 13. 12. 2013

Unterschiedliche Schulerfolge sind eher genetisch bedingt
Britische Forscher werteten die Noten aus, die 11.000 Zwillinge ablieferten - Die Unterschiede legen nahe, dass es beim Schulerfolg mehr auf die Gene als auf die Umgebung ankommt

von Klaus Taschwer

London/Wien - Wie ist das nun mit den Begabungen in Mathematik, Sprachen oder Musik? Liegt es an der Erziehung, oder spielen nicht doch die Gene eine wichtigere Rolle? Diese Fragen sind naturgemäß schwer zu klären, da sowohl die genetische Ausstattung wie auch die Umgebung - also etwa die frühkindliche Erziehung, die Lehrer in der Schule - im Normalfall ziemlich einzigartig sind.

Die einzige Methode, solche Fragen zu untersuchen, sind Studien mit Zwillingen, konkret: Vergleichsuntersuchungen zwischen eineiigen und zweieiigen Zwillingen. Während die einen genetisch völlig identisch sind, teilen sich die anderen im Schnitt nur die Hälfte jener Gene, die bei anderen Menschen variieren. Gibt es innerhalb der genetisch identischen Zwillingspaare geringere Unterschiede als zwischen den nichtidentischen Zwillingen, spielen die Gene eine stärkere Rolle.
 
Britische Forscher um Nicholas Shakeshaft (King's College in London) haben die Noten von 11.000 eineiigen und zweieiigen Zwillingen ausgewertet, die diese mit 16 Jahren beim sogenannten General Certificate of Secondary Education (GCSE) erreichten. Das ist eine Art früher Matura, die eine Vorprüfung für die Hochschulzugangsberechtigung ist.
 
Die im Fachblatt "PLoS One" veröffentlichten Ergebnisse sprechen eine ziemlich eindeutige Sprache. Die Forscher fanden heraus, dass in Pflichtfächern wie Englisch, Mathematik und den Naturwissenschaften 58 Prozent der Unterschiede bei den GCSE-Noten durch genetische Differenzen erklärt werden können.
 
Erfolg bei Naturwissenschaften liegt eher in den Genen
 
Nur 29 Prozent der Unterschiede sind Folge der gemeinsam geteilten Umgebung wie Schulen, Nachbarschaft und Familie. Der Rest geht auf individuelle Erfahrungen zurück. Zudem zeigte sich, dass die Noten in den Naturwissenschaften, also Biologie. Chemie und Physik, eher "erblich" bedingt sind als jene in den Geisteswissenschaften (also in den Kunstfächern oder Musik).
 
Für den Erstautor Nicholas Shakeshaft belege die Studie, dass Kinder nun einmal unterschiedlich leicht in der Schule lernen und dass Schulerfolge etwas mehr auf "nature" denn auf "nurture" zurückgehen.
Nicht ganz so klar sind die bildungspolitischen Konsequenzen, die daraus zu ziehen sind. Für Studienleiter Robert Plomin, einen Verhaltensgenetiker, ist freilich offensichtlich, dass die unterschiedlichen Talente der Schüler möglichst individuell gefördert werden müssten, um so größtmögliche Lernerfolge zu erzielen. 


Abstract
PLoS One: Strong Genetic Influence on a UK Nationwide Test of Educational Achievement at the End of Compulsory Education at Age 16 


Nota.

Das ist nur ein Schein, dass die verbreitete Abneigung gegen den Begabungsbegriff in den letzten 50 Jahren egalitär gedacht war und es gut mit dem Schüler gemeint hätte. Sie lag im Interesse der pädagogischen Zunft, die aus dem Mythos von der Allmacht der Erziehung einen sprudelnden Geldquell gemacht hat.
JE  

aus Die Presse, Wien, 12. 12. 2013

Requiem für den „Mozart-Effekt“
Klassische Musik fördert Intelligenz auch dann nicht, wenn sie aktiv ausgeübt wird. Und auch sonst steht das Gehirn eher unter der Macht der Gene.


Keine Komposition der Musikgeschichte hat derartigen Lärm ausgelöst wie Mozarts Sonate in D-Dur für zwei Klaviere, KV 448. 1998 veranlasste dieses Werk bzw. eine besondere Rezeption den Gouverneur des US-Bundesstaats Georgia, Zell Miller, per Gesetz jedem frisch geborenen Landeskind eine CD mit klassischer Musik zukommen zu lassen, Florida folgte mit einer Verordnung, derzufolge in staatlichen Kindergärten täglich eine Stunde klassische Weisen zu ertönen hätten.

All das kam von der Mozart-Rezeption der Psychologin Frances Rauscher (UC Irvine): Sie hatte bei Tests bemerkt, dass das bloße Hören einiger Sequenzen von KV 448 den IQ erhöht, vor 20 Jahren stand es in Nature (363, S. 611), die Medien gierten danach, ein Genie erfand den Namen „Mozart-Effekt“, ein noch größeres Genie ließ sich den Namen als Marke für allerlei Hirnförderndes schützen. Nur Rauschers Kollegen murrten, sie konnten den Befund nicht reproduzieren, 1999 gab Nature beiden Seiten Raum (400, S. 827): Kenneth Steele (Appalachian State University) trug den Effekt zu Grabe – und empfahl ein „Requiem für den Mozart-Effekt" –, aber Rauscher blieb dabei, selbst bei Ratten habe sie den Effekt bemerkt. Steele replizierte, dass das Gehör von Ratten erst in Frequenzen fein wird, in die die Musik des Meisters nicht hinaufdringt.

Zu einem abschlägigen Befund kam 2007 auch eine Expertenkommission der deutschen Regierung, sie ließ eine Möglichkeit offen: Das passive Hören von Musik bringe zwar nichts, aber vielleicht sei das aktive Erlernen eines Instruments hilfreich. Das ist auch die Hoffnung vieler Eltern, die ihre Kinder zum Musikunterricht schicken und dafür oft innerfamiliäre Misstöne hinnehmen. Aber auch damit ist es nichts, Samuel Mehr (Harvard) hat es gezeigt: Er hat auf dem Campus Eltern mit vierjährigen Kindern rekrutiert und sie in zwei Gruppen aufgeteilt, die eine erhielt Musikunterricht, die andere Malstunden.

Musik sagt etwas über den Menschen

Dann wurde nicht generell der IQ gemessen, sondern es wurden detailliert verschiedene Fähigkeiten getestet. Zwar zeigten sich Differenzen, aber die waren erstens minimal („keine statistische Signifikanz“) und zweitens hatte in manchen Bereichen die eine Gruppe das Gehirn vorn, in anderen die andere (PLoS One, 11. 12.). „Der ,Mozart-Effekt‘ ist nicht da“, schließt Mehr, und er bedauert es nicht, Musik habe schon ihren eigenen Wert: „Musik ist alt, und jede Kultur hat Musik. Musik sagt etwas darüber, was es heißt, Mensch zu sein. Wir wären verrückt, wenn wir das unsere Kinder nicht lehren würden.“

Wenn aber schon die Himmelsmacht nichts bewegt, kann es dann irgendein anderer Umwelteinfluss? In Großbritannien gibt es für alle 16-Jährigen eine Prüfung, natürlich sind auch Zwillinge dabei, eineiige und zweieiige, Erstere teilen hundert Prozent der Gene, Letztere im Schnitt die Hälfte. Wenn also Erstere anders abschneiden, dann hängt das an den Genen. Nicolas Shakeshaft (London) hat die Daten von 11.000 Zwillingen ausgewertet, er fand einen Unterschied: Fast 60 Prozent der Intelligenz hängen mit den Genen zusammen, zum Rest trug die Umwelt bei (PLoS One, 11. 12.). „Dabei geht es nicht um 60 Prozent der Intelligenz einer Person“, erläutert Shakeshaft, „sondern um 60 Prozent der Unterschiede zwischen Personen, in der Population, wie sie heute ist. Das heißt, dass die Erblichkeit nicht fixiert ist. Wenn sich die Umwelt ändert, mag sich auch der Einfluss der Gene ändern.“

Oder die Gene selbst ändern sich. Das vermutet man etwa bei den Ashkenasim, den Juden Mittel- und Osteuropas. Von den anderen Bewohnern der Region haben vier Promille einen IQ über 140, von den Ashkenasim sechs Mal so viel. Wie das? Ashkenasim haben auch gehäuft Mutationen – etwa an Genen für Lipide in Zellmembranen –, die den Körper krank machen, aber das Gehirn fördern. Darauf machte 2005 Henry Harpending (Utah) aufmerksam. Und warum setzten sich diese zwiespältigen Mutationen durch? Ashkenasim durften lange nur Berufe ausüben, die Rechenkunst erfordern, Handel und Geldverleih: „In diesen Berufen fördert ein erhöhter IQ den Erfolg, anders als bei der übrigen Bevölkerung, die vor allem aus Bauern bestand“, schloss Harpending.


aus scinexx

Mozart-Effekt als Mythos entlarvt
Früher Musik -Unterricht macht Kinder zwar nicht schlauer, ist aber trotzdem sinnvoll

Musik hat viele positive Effekte: Sie hilft gegen Stimmungstief, lindert Flugangst und soll sogar die Intelligenz verbessern helfen. Letzteres war bisher allerdings stark umstritten. US-Forscher haben daher erneut überprüft, ob eine frühe musikalische Ausbildung Kinder schlauer machen kann. Ihr Fazit: Der "Mozart-Effekt" ist leider ein Mythos. Dennoch habe Musik einen wichtigen Platz in der Erziehung, betonen die Forscher im Fachmagazin "PloS ONE".

Kinder, die früh ein Instrument lernen oder singen, profitieren davon auch Jahre später noch. Studien zeigen, dass das wiederholte Üben und sich Verbessern die Konzentration und Selbstdisziplin fördert, das Selbstbewusstsein stärkt und, wie erst kürzlich nachgewiesen, auch die spätere Sprachverarbeitung verbessern kann.

Im Jahr 1993 sorgten Forscher der University of California in Irvine für Aufsehen, als sie noch einen Vorteil musikalischer Früherziehung belegten: die Steigerung des Intelligenzquotienten. Ihrem Experiment nach reichte es sogar schon aus, zehn Minuten lang der Musik von Mozart zu lauschen, um dann einen um acht bis neun Punkte höheren IQ zu bekommen. Das Problem dabei: Obwohl dieser "Mozart-Effekt" noch Jahre später in der Öffentlichkeit herumgeisterte, ist er in der wissenschaftlichen Welt hoch umstritten.

Hartnäckiger Irrglaube

Es gelang nicht, diesen Effekt in Folgestudien nachzuvollziehen, auch wenn einige Forscher zumindest ín einigen Unterbereichen kognitiver Fähigkeiten wie dem räumlichen Vorstellungsvermögen, positive Effekte zu erkennen glaubten. Dennoch: "Mehr als 80 Prozent der erwachsenen US-Amerikaner glauben heute, dass Musik die Schulnoten und die Intelligenz ihrer Kinder verbessern kann", konstatiert Erstautor Samuel Mehr von der Harvard University in Cambridge. Aber Belege dafür, dass Musikunterricht generell die kognitive Entwicklung der Kinder verbessere, gebe es nach wie vor kaum.

Die Forscher fanden nur fünf Studien in der Literatur, die ihre Teilnehmer randomisiert - also zufällig - auf die Experimentgruppen verteilt hatten und die damit grundlegenden Kriterien der Forschung genügten. Von diesen zeigte nur eine einzige einen geringen positiven Effekt: Nach einem Jahr Musikschule war der IQ der Kinder um 2,7 Punkte gestiegen - kaum genug um statistisch signifikant zu sein, so die Wissenschaftler.

Musikunterricht versus Kunst oder gar nichts

Mehr und seine Kollegen haben daher nun noch einmal selbst zwei Studien zu diesem Thema durchgeführt. Für die erste rekrutierten sie 29 Eltern mit vier Jahre alten Kindern aus der Gegend um Cambridge in Neuengland. Die Vierjährigen absolvierten als erstes einen Test auf Wortschatz, mathematische Fähigkeiten und Lernverhalten. "Wenn es einen Effekt der Musik auf die Intelligenz der Kinder gibt, sollte er sich damit sensibler nachweisen lassen als mit einem allgemeinen IQ-Test", erklärt Mehr.

Eine Hälfte der Kinder nahm gemeinsam mit ihren Eltern an einem Programm zur musikalischen Frühförderung teil, die anderen erhielten stattdessen eine Förderung in bildender Kunst. Um einen Einfluss unterschiedlicher Lehrer auszuschließen, unterrichtete die gleiche Person beide Gruppen. An der zweiten Studie nahmen 45 Eltern mit ihren Kindern teil. In ihr erhielt eine Gruppe die musikalische Frühförderung, die andere dagegen keinen besonderen Unterricht.

Keine signifikanten Vorteile

Das Ergebnis: Ein Effekt auf die geistige Entwicklung der Kinder war nicht festzustellen, wie die Forscher berichten. In beiden Studien schnitten die Kinder aus der Musikgruppe nicht besser ab als die aus der jeweiligen Kontrollgruppe. "Es gab kleinere Unterschiede in der Leistung zwischen den Gruppen, aber keiner davon war groß genug, um statistisch signifikant zu sein", so Mehr. "Selbst wenn wir die feinsten Analysen anwendeten - der Effekt war einfach nicht da."

Für die Forscher ist damit klar: Eine musikalische Förderung von Kindern ist keine Abkürzung zu Intelligenz und schulischem Erfolg - und schon gar nicht Mittel zum Zweck. Das aber bedeute nicht, dass musikalische Früherziehung keinerlei Nutzen und positive Effekte hat, wie die Forscher betonen. Ganz im Gegenteil. Es gebe gute Gründe, Kinder so früh wie möglich mit Musik vertraut zu machen.

Musik sei schon von Beginn der Menschheit an ein einzigartiger, wichtiger Teil unserer Kultur und unseres Wesens. Es wäre daher geradezu verrückt, Kinder daran keinen Anteil haben zu lassen. "Alles spricht dafür, Musik zu unterrichten, aber das sollte nichts mit irgendwelchen erhofften späteren kognitiven Vorteilen zu tun haben", so Mehr.

(Harvard University, 13.12.2013 - NPO)
 

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