Donnerstag, 19. September 2013

Der entwicklungsbiologische Grund der Pädagogik.

aus scinexx

Homo sapiens-Kinder sind „Nesthocker“
Studie: Lange Kindheit im Vergleich zum Neandertaler-Nachwuchs bietet evolutionären Vorteil
 
Oberkiefer eines NeandertalerkindesBeim Menschen dauert die Kindheit wesentlich länger als beispielsweise beim Schimpansen. Ein ähnliches Muster hat ein internationales Forscherteam jetzt auch beim Vergleich von Menschen- und Neandertaler-Kindern entdeckt: Moderne Menschen werden, indem sie ihren Reifeprozess ausdehnen, im Vergleich zu Schimpansen und Neandertalern als Letzte „flügge“. Dieses beschert ihnen jedoch einen einzigartigen evolutionären Vorteil, schreiben die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS).
 
Mithilfe von Synchrotron-Strahlen, einem präzisen Röntgenverfahren, haben die Forscher in ihrer neuen Studie das Wachstum von zehn jungen Neandertaler- und Homo sapiens-Fossilien nachvollzogen und sichtbar gemacht. Abgesehen von einer Überlappung, die für nahe miteinander verwandte Arten typisch ist, entdeckten die Forscher auch die signifikanten Unterschiede in deren Entwicklung. Trennung der Abstammungslinien vor sechs bis sieben Millionen Jahren Zwischen nahe verwandten Arten, wie zum Beispiel Mensch und Schimpanse, existieren zahlreiche Unterschiede. Sie manifestierten sich, als sich die beiden Abstammungslinien vor sechs bis sieben Millionen Jahren trennten und beide Arten sich unabhängig voneinander weiter entwickelten. Forscher wissen jedoch sehr wenig darüber, welche Veränderungen zur Abspaltung der beiden Linien vom gemeinsamen Vorfahren führten, wie diese Veränderungen entstanden und wann sie auftraten. Frühe Menschen besaßen kurze Wachstumsperioden Ähnlich wie Schimpansen wiesen auch frühe Menschen – Australopithecinen und Vertreter der Gattung Homo – kurze Wachstumsperioden auf. Warum, wann und in welcher Gruppe früher Menschen die „modernen“ Voraussetzungen zu einer relativ langen Kindheit entstanden sind, ist ebenfalls noch nicht bekannt.
 
Eine der bisher nur wenig verstandenen Veränderungen ist unsere einzigartige Lebensgeschichte beziehungsweise die Art, in der wir unser Wachstum, unsere Entwicklung und Fortpflanzungsbemühungen zeitlich aufeinander abstimmen. Im Vergleich zum Menschen ist die Lebensgeschichte von Menschenaffen durch eine kürzere Schwangerschaftsdauer, schnellere Reiferaten nach der Geburt, ein jüngeres Alter bei der ersten Fortpflanzung, eine kürzere postreproduktive Periode und eine kürzere Gesamtlebensspanne gekennzeichnet.
 
Schimpansen bereits mit 13 geschlechtsreif
  
Gebiss des NeandertalerkindesSo erreichen Schimpansen einige Jahre früher als Menschen die Geschlechtstreife und bringen ihren ersten Nachwuchs im Alter von 13 Jahren zur Welt, Menschen sind durchschnittlich 19 Jahre alt – ermittelt an der weltweiten Bevölkerung. „Die langsame Entwicklung bei Kindern steht im direkten Zusammenhang mit dem Entstehen menschlicher, sozialer und kultureller Komplexität“, sagt Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut (MPI) für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, der zusammen mit Kollegen der Harvard University und der European Synchrotron Radiation Facility (ESRF) in Grenoble für die neue Studie verantwortlich war. „Sie verschafft dem Gehirn eine längere Reifezeit und eine ausgedehnte Periode des Lernens.“
 
Zähne als Zeitspeicher
 
Man könnte annehmen, dass die dokumentierten fossilen Funde keine Lebensgeschichten preisgeben. Aber es hat sich herausgestellt, dass viele Variablen der Lebensgeschichte eines Individuums stark mit der Entwicklung der Zähne korrelieren. „Zähne sind beeindruckende Zeitspeicher, die jeden einzelnen Wachstumstag aufzeichnen und ähnlich wie die Jahresringe bei Bäumen den entsprechenden Fortschritt sichtbar machen. Noch beeindruckender ist es, dass unsere ersten Backenzähne eine winzige ‚Geburtsurkunde’ enthalten. Wenn Forscher diese Geburtslinie finden, können sie exakt berechnen, wie alt ein Kind zum Zeitpunkt seines Todes war“, erklärt Tanya Smith, die an der Harvard University und dem MPI in Leipzig forscht.
 
Supermikroskop im Einsatz
 
Mithilfe eines „Supermikroskops“ können die Forscher diese forensische Herangehensweise nun auch beim Blick in die Vergangenheit anwenden: Am ESRF, einer der größten Synchrotron-Anlagen der Welt, werden die dazu notwendigen extrem starken Röntgenstrahlen produziert. „An der ESRF können wir in unschätzbar wertvolle Fossilien hineinsehen, ohne sie zu beschädigen, indem wir die speziellen Eigenschaften energiereicher Synchrotron-Röntgenstrahlen nutzen“, sagt Paul Tafforeau: „Wir können Fossilien in verschieden großen Maßstäben und in drei Dimensionen untersuchen, von ihrer Gesamtform in 3D bis hin zu den mikroskopisch kleinen Tages-Wachstumslinien. Die ESRF ist zurzeit die einzige Einrichtung, wo diese Untersuchungen an fossilen Menschen möglich sind.“
 
Wuchsen Neandertaler anders?
 
Wissenschaftler waren sich jahrzehntelang uneins, ob Neandertaler anders wuchsen als moderne Menschen. Die neue Studie von Smith, Tafforeau und anderen Experten schließt nun einige der berühmtesten Neandertaler-Kinder mit ein, darunter auch das allererste Fossil der menschlichen Familie, das jemals gefunden wurde. Man nahm an, dass dieses Neandertalerkind aus Belgien, das im Winter 1829/30 entdeckt wurde, vier bis fünf Jahre alt war, als es starb. Mithilfe der Synchrotron-Röntgenstrahlen und modernster Computersoftware konnten die Forscher das tatsächliche Alter des Kindes zum Todeszeitpunkt jedoch auf drei Jahre datieren. Eine bedeutende Erkenntnis aus der aktuellen 5-Jahres-Studie ist den Wissenschaftlern zufolge, dass die Zähne bei Neandertalern wesentlich schneller wachsen als bei Vertretern unserer eigenen Art, einige der ältesten Gruppen moderner Menschen mit eingeschlossen, die Afrika vor 90.000 bis 100.000 Jahren verließen. Das Wachstumsmuster bei Neandertalern liegt zwischen frühen Vertretern unserer Gattung – zum Beispiel Homo erectus – und heute lebenden Menschen, so die Forscher.
 
Langsames Wachstum und lange Kindheit
 
Das für unsere Art so charakteristische langsame Wachstum und die lange Kindheit scheinen sich also erst kürzlich und ausschließlich in unserer eigenen Art durchgesetzt zu haben. Diese verlängerte Reifeperiode kann nach Angaben der Wissenschaftler zusätzliches Lernen erleichtern, eine komplexe Kognition fördern und verschaffte dem frühen Homo sapiens möglicherweise einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem Neandertaler.
 
Die neuen Studien gesellen sich zu der wachsenden Zahl an Beweisen, die besagen, dass es tatsächlich subtile Entwicklungsunterschiede zwischen uns und unserem Cousin, dem Neandertaler, gibt. In der Fachzeitschrift Current Biology berichteten Philipp Gunz und Kollegen des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie erst vor Kurzem, dass auch die Entwicklung des Gehirns bei Neandertalern anders verläuft als beim modernen Menschen.
 
Sequenzierung des Neandertalergenoms
 
Darüber hinaus hat die Sequenzierung des Neandertalergenoms durch Molekularbiologen um Svante Pääbo spannende genetische Hinweise gefunden, die auf Unterschiede bei der Entwicklung des Gehirns und des Skelettes bei Neandertalern im Vergleich zum modernen Menschen hindeuten. Diese neuen Methoden ermöglichen es den Forschern, die Ursprünge einer grundlegenden menschlichen Eigenschaft zu beleuchten: den kostspieligen aber vorteilhaften Übergang von der ursprünglichen Strategie „Lebe schnell und stirb jung“ zur fortgeschritteneren Strategie „Lebe langsam und werde alt“, die uns zu einer der erfolgreichsten Organismen auf diesem Planeten gemacht hat.
 
(MPG, 17.11.2010 – DLO)

Mittwoch, 18. September 2013

Das Wie, das Was und die Were.

 
Alle zeitgenössischen Diskussionen über Schulreform klingen – nach wie vor PISA -, als ginge es darum, den Knoten ein für alle Mal zu lösen. Die idiotensichere Methode, die lückenlose Theorie, die endgültig bestgeeignete Struktur: damit ein für alle Mal sicher gestellt sei, dass die Lehrer alles nur noch richtig machen können, dass die Lehrerausbildung nix versäumt, dass ein jedes Kind glatt und reibungslos die nunmehr optimierte Schule "durch- laufen" kann. Sie alle wetteifern um die ultimative Nummer sicher - und der Perfektionismus der Technokraten dient als Alibi für den alltäglichen Pfusch.

Dabei ist Pädagogik ohne Risiko gar nicht zu haben. Knaben müssten gewagt werden, meinte Joh. Fr. Herbart, der Begründet der wissenschaftlichen Pädagogik. Und wer alle Risiken vorher "kalkulieren" will, der will keine – und das ist unter den Risiken der Pädagogik das größte; da darf er sich dann nicht beklagen, wenn er’s in diesem Be-ruf schwer hat. Pädagogik ist eben keine 'Methode', die man nur noch anwenden muss – das ist das ganze Pro- blem. Das war schon immer das Problem. Allerdings hat es sich heute zugespitzt wie nie, und das liegt an den Veränderungen der Arbeitswelt.
 
Nicht so sehr die Veränderungen bei der industriellen Fertigung sind der Grund. Denn Leitbild der Volksschul- pädagogik war im 20. Jahrhundert gar nicht der Industriearbeiter. Das war er im Neunzehnten, und der damalige Fabrikarbeiter war typischerweise ungelernt. Entsprechend 'elementar' konnte seine Bildung sein: ABC, 1×1 und 10 Gebote. Im 20. Jahrhundert wurde mit dem Überwuchern der eigentlichen Produktion durch die Verwaltung der Angestellte auch in der Industrie immer mehr zum Leitbild. Nicht der Geist der Industrie ist es, der seither Alles durchdringt, sondern der Geist der Bürokratie. Und für die Volksschule hieß das: Schema F.

Das humanistische Gymnasium war auf den höheren Staatsdienst zugeschnitten. Die Realschulen bedienten 'die Wirtschaft'. Als dort an die Stelle des Unternehmers als Maßstab der Leitende Angestellte trat, wurden die Rea- lien dem (ent humanisierten) Gymnasium zugeschlagen, und so konnte es während der 'demokratischen' Bildungs- reform der 70er Jahre zur allgemeinen Norm überdehnt werden – auf die "Restschule" gehn die Zurückgeblie- benen.

Ein Standard für alle – der Traum jeder Verwaltung! Das Bildungssystem 'normalisierte' sich zu einer großen Administration – mit dem Gymnasium als ihrem 'höheren Dienst'. Daran wird die Grundschule seither gemessen. Die Neigung unserer Schulen zum Zergliedern der Welt in 'Fächer' und des Lebens in 'Schritte' stammt nicht, wie man meinen mag, aus der Arbeitsteilung in der Fabrik, sondern aus den 'Vorgängen' der bürokratischen Appara- te. Das Wie ist dort Substanz, das Was nur Akzidenz, und der Routinier ist König.

Dass aber die Verwaltung neben der Zivilgesellschaft steht (d.h. wie ein Mühlstein an ihrem Hals hängt), war mittelbar durchaus ein Resultat der industriellen Arbeitsteilung. Je weiter die Produktion in Fächer und Abtei- lungen aufgesplittert wurde, umso mehr Spezialisten fürs Koordinieren wurden gebraucht, um die Einzelteile schließlich zueinander zu fügen: Das Vermitteln wurde selbst zu einem 'Fach'! Mit dem Niedergang der Indu- striegesellschaft geht auch die Zeit der Fachleute-für-Vermittlung zu Ende. Lean management ist angesagt. Das Vermitteln wird in der medialen Zivilisation (daher der Name) wieder zum genuinen Bestandteil der Schaffens- prozesse selbst; online.

Wozu also optimieren, was schon jetzt ein Anachronismus ist? Die Arbeitswelt der Zukunft wird immer weniger von Leitenden Angestellten geprägt sein und immer mehr von selbst-entwerfenden und selbst-realisierenden 'Unternehmern'. Wozu hätte sich ein heutiger Abiturient durch einem Notendurchschnitt von 1,0 denn 'quali- fiziert'? Für eine eigne Performance in den globalen Netzen ja nicht gerade. Eher doch für eine leitende Stelle im höheren Staatsdienst. Nur – eine sehr realistische Berufswahl ist das bald nicht mehr.

Wie oder was 

Es geht gar nicht mehr darum, wie man sich das 'Lernen' vorstellt, sondern darum, was man unter ‚Wissen’ versteht. Die hergebrachte Lernschule stellt sich das Wissen als ein gut sortiertes Regal von eingeweckten Wahr- heiten ('Informationen') vor, auf die "zuzugreifen" nur noch geübt werden müsste. Das entspricht keiner indu- striellen, sondern einer bürokratischen Weltsicht. Ein "Offener Unterricht", der darauf beruht, ist allerdings ein Paradox, und die Schüler boykottieren in zu Recht.

Wer glaubt, dass die Welt schon entdeckt ist, dem werden die Kinder nicht abnehmen, dass es für sie da was zu entdecken gäbe. Er versäumt nicht etwa, sie zu "motivieren", sondern er bricht geradezu ihr ureigenes originäres Motiv. Bei ihm sind sie immer zu spät gekommen. Aber das ist nicht wahr, das sind sie nicht. Die Welt ist nicht entdeckt, es entwirft ein jeder 'seine' Welt.

Dass es darüber hinaus eine 'objektive' Welt gibt, zu welcher die Einzelnen ihre Privatwelten 'ins Verhältnis setzen', liegt daran, dass sie in ihrem Alltag miteinander auskommen müssen. Unsere gemeinsamen Ansichten von der Welt stammen aus gemeinsamen Absichten in der Welt – die nämlich zu gemeinsamen Hinsichten auf die Welt veranlassen. Und da wir nicht alle unsere Absichten mit andern teilen, teilen wir auch nicht alle unsere Ansichten. Ob oder ob nicht, das weiß man nicht im Voraus, man muss es drauf ankommen lassen. Darum kann man die Risiken der Pädagogik nicht "kalkulieren"!

Über die ‚wahren’ Ansichten entscheiden also die Hinsichten und die Absichten. Es ist eine Sinn-Frage, und sie ist keine theoretische, die sich durch 'Lernen' beantworten ließe, sondern eine praktische, die "aus Freiheit" zu entscheiden ist; nämlich jedes Mal aufs Neue. Aufs Urteilsvermögen kommt es an.

Das bedeutet, dass der Grund der Schule – das, worauf sie aufbaut – nicht Wissensbevorratung und Methoden- turnen ist, sondern die Unterhaltung (!) der Einbildungskraft und das Wagen des eigenen Urteils. Die Daseinsbe- rechtigung der Grund-Schule ist Bildung. Um es ganz genau zu sagen: Geschmacks-Bildung.
 
Und wer!

Der Lehrer muss selber gesehen haben, was er den Kindern zeigen will. Das ist nicht die Frage, wie er’s macht, sondern wer er ist; nämlich was er aus sich gemacht hat. Das macht gerade den Unterschied aus zwischen dem Pädagogen und den Vielen, die ihren Beruf verfehlt haben. Pädagogik ist eine Kunst. Sie besteht darin, dass ein Alter in die Welt mit den Augen der Neuen sehen kann und trotzdem nicht vergisst, was er alles vorher selber schon gesehen hat – und es den Neuen zeigt. Das muss man können. Und wer es nicht kann, dem wird auch die beste "Methode" nix helfen. Kunst kommt ja von Können. Denn käm’s von Wollen, hat Max Liebermann gesagt, dann hieße es Wulst. Das gilt für unsere Kunst noch mehr als für die andern.

*) mhd. der wer: Mensch, Mann (vgl. Werwolf); mhd. diu werelt (vgl. engl. world): Gegend, wo diu were leben

Warum Sozialarbeit nicht länger in den Öffentlichen Dienst gehört.


Ein gewagtes Unternehmen
oder Warum Sozialarbeit nicht länger in den Öffentlichen Dienst gehört

in: Soziale Arbeit 12/1993. 

Orientierung auf die Lebenswelt ist, spätestens seit dem 8. Jugendbericht, zum Leitmotiv zukunftsorientierter Sozialarbeit geworden. Und das heißt im besondern: Die Blickrichtung wechseln vom „Fall“ – und dem ihn konstituierenden außerordent-lichen Symptom – hin zum ‚Feld’ des lebendigen Alltags und allem, was da möglich ist…

Hier und jetzt 

Das Bundesland Bremen wollte damit ernstmachen und hat in seiner Neuordnung der sozialen Dienste (NOSD) vor Jahr und Tag die zentralen Spezialdienste zum Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) zusammengefaßt und ihn – in die Wohnviertel hinausverlagert. ‚Stadtteilbezug’ und Orientierung auf die Lebenswelt sind quasi zu Synonymen geworden.

Nach zwei Jahren sollte nun Bilanz gezogen werden auf der Fachtagung Ortsbestimmung der ambulanten Dienste für Kinder und Jugendlicheam 26.-29. 4. 1993. Der folgende Text ist die überarbeitet Fassung eines dort gehaltenen Referats.

„Ist der kommunale Bereich der adäquate Ort für die ambulanten Dienste?“, hieß die selbstkritische Frage.

Man ist versucht zu entgegnen: Ja welcher denn sonst?!

Bei den stationären Angeboten könnte man sich ja noch vorstellen, daß aus diesem oder jenem Grunde eine räumliche Trennung angezeigt wäre zwischen dem Ort, wo der Bedarf aufgetreten ist, und dem Ort, wo die Leistung erbracht wird (und in der Regel gilt für den Zeitpunkt dann dasselbe). Aber doch nicht bei den ambulanten Diensten, deren Raison d’être doch eben, wie im klassischen Drama, die Einheit von Ort und Zeit ist!

Doch ambulant wird die Sozialarbeit wohl werden müssen, wenn sie in natürlichen Lebenswelten wirken will statt auf künstlichen Stationen…

Man möchte also über das Ob rasch hinweggehen und sich sogleich aufs Daß verständigen; wäre da nicht ein beunruhigender Doppelsinn in der Formulierung der Frage.

Daß das Gemeinwesen der – fachlogisch wie topographisch – angezeigte Ort ambulanter Dienste ist, ist selbstverständlich bis an den Rand der Tautologie. Daß jedoch die kommunale Verwaltung ihr geeigneter Rahmen wäre, ist so strittig wie nur irgendwas. Wie man auf die ‚Rückseite’ der Frage antwortet, hängt indes ab von den Gründen, weshalb man auf der ‚Vorderseite’ mit Ja geantwortet hat.

Die Erwäggründe, die auf der Vorderseite das Ja erheischen, gebieten auf der Rückseite ebenso kategorisch ein Nein.

Die Sozialarbeit ist nicht aus Begriffen, nicht aus theoretischen Systemen entstanden, sondern aus Problemen, die akut wurden und „sich zeigten“: nicht doktrinal, sondern ‚aporetisch’; nicht diskursiv, sondern pragmatisch. Ihre nachträglichen begrifflichen Systematisierungen entstanden immer erst aus dem Bedürfnis, die tatsächliche Praxis der Sozialarbeit ins Verhältnis zu setzen zu ihren gesellschaftlichen Voraussetzungen. Will sagen, die theoretische Reflexion unserer Disziplin kommt notwendigerweise immer erst post festum (wie das Wort Reflexion ja vermuten lässt.) Systematische Erörterun-gen über ihre gesellschaftliche Sendung und ihre richtigen Methoden sollten daher sinnvollerweise nicht bei der Konstruktion eines „wahren Begriffs“ von Sozialarbeit ansetzen, sondern mit einer faktischen Bestandsaufnahme: Welches sind die Aufgaben, die die Sozialarbeit in unserer Gesellschaft tatsächlich erfüllt?

Danach kann man dann die Frage stellen, ob sie sie zufriedenstellend bewältigt, oder ob sie ihre Sache – so oder so – besser machen könnte…

Natürlich kann man sich für die Sozialarbeit immer auch andere Aufgaben ausdenken als die, die sich ihr ‚von sich aus’ stellen; nur muß man sich dann darüber im Klaren sein, daß das keine fachimmanente, sondern eine im strengsten Sinn politische Diskussion ist. 

sich zurechtfinden 

Zunächst einmal, was sicher nicht zu den Aufgaben der Sozialarbeit gehört: Mit Sicherheit weist sie den Menschen nicht den richtigen Weg durchs Leben. Sie sagt ihren Kunden nicht, wie „man“ es „richtig macht“. Nicht unbedingt, weil die einzelnen Sozialarbeiter das nicht wollten: Lebensläufe korrigieren und Schicksal spielen gehört sprichwörtlich zu den Dauer-Versuchungen des Metiers.

Sondern weil sie es, bei bestem oder bösem Willen, nicht können.

Die Gesellschaft, in der wir leben, hat keine verbindlichen Normen mehr, an die man sich nur zu halten bräuchte, um glatt und problemlos durchs Leben zu kommen. „Eines schickt sich nicht für alle. Schaue jeder, wie er’s treibe. Schaue jeder, wo er bleibe – und wer steht, daß er nicht falle.“ (Goethe) Die bürgerliche Zivilisation hat die Menschen aus den heiligen Ordnungen von Gottes Gnade befreit und auf die eigenen Füße gestellt: Wir sind „zur Freiheit verurteilt“.

Was sie ‚ihrem Begriff nach’ schon immer gewesen ist, ist sie in den letzten Jahrzehnten auch in der Erlebenswirklichkeit des Durchschnittsmenschen geworden. „Ende der Normalbiographie“ nennen das die Soziologen und Kulturhistoriker. Individualisierung und Differenzierung der Lebensstile, Informalisierung der Verkehrsweisen sind die Charakteristika der an diesem Jahrtausendende ‚zu sich selbst kommenden’ bürgerlichen Gesellschaft. 


Wo ein jeder sich selbst zurechtfinden muß und nichts mehr hat, woran er sich halten kann, nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, daß einer in die Irre geht. Nicht in dem Sinn, daß er das Ziel verfehlt (denn dieses eine haben wir nicht mehr: Jedes ist so gut wie das andere), sondern daß er sein Ziel verfehlt: weil es nicht von dieser Welt war, oder weil er sich unterwegs verlaufen hat… Ob ein Lebensplan richtig oder falsch ist, läßt sich a priori (= aus dem Begriff her aus) gar nicht entscheiden, sondern immer erst a posteriori (= nach der Erfahrung); danach, ob einer „es schafft“ oder scheitert. ‚Richtig’ oder ‚falsch’ sind darum keine brauchbaren Kategorien der Sozialarbeit mehr, sondern nur noch: ‚mehr oder weniger wahrscheinlich’…

Der Sozialarbeiter ist folglich auch nicht mehr Wegweiser, sondern helfender Berater. Das Leben ist so unübersichtlich geworden, daß sich keiner mehr in allen Lebensberei-chen gleichermaßen gut zurechtfindet. Irgendwo, irgendwann ist jeder mal auf einen Experten angewiesen: Rechtsberatung, Steuerberatung, Schönheitsberatung, Gesund-heitsberatung, Vermögensberatung… Und eben immer öfter auch: Beratung in Fragen der persönlichen Lebensführung; des Zusammenlebens zumal. Denn hier ist nun nichts mehr selbstverständlich. Wie eine ‘richtige Familie’ auszusehen hat, traut sich nichtmal mehr der Gesetzgeber zu sagen. Was früher als sicherer Hafen und ruhender Pol gegolten hat, ist heute der riskante Teil des Lebens par excellence.

Der helfende Berater ist nurmehr regulativ wirksam, als ein Faktor unter vielen andern in einem vielf„ältig bedingten Prozeß; nicht mehr normativ als einer, der einen Zustand herbeiführt nach Maßgabe eines fixierten Solls.

Darum ist sein Wirken immer ad hoc. Der gegebene Rat ‚greift ein’ in den aktuellen Lebenslauf – die Auseinandersetzung des Ratsuchenden mit sich und den anderen. Den Interaktionsfluß unterbrechen, den Ratsuchenden ‚aus dem Verkehr  ziehen’, um ihn in einem – künstlich – dafür eigens eingerichteten Milieu (der ‚Station’) einem erdachten Behandlungsplan zu unterziehen und ihn hernach in seine – ihrerseits un,behandelte’ – Lebenswelt zurückzuversetzen: das kann nur ausnahmsweise Sache der Sozialarbeit sein, und ähnelt eher dem Eingriff des Arztes. Der gegebene Rat des Sozialarbeiters ist immer nur so gut wie das, was der Ratsuchende daraus macht, und zwar zuerst einmal hier und jetzt. Der ‚günstigste Zeitpunkt’ ist immer der, wo der Verirrte merkt, daß er einen Rat braucht: wenn die Nachfrage ‚sich zeigt’. Just in place und just in time müssen das Motto der Sozialarbeit sein. Per Definition ist sie dynamisch – und also nicht „stationär“.

Und will sie den Bedarf an helfender Beratung ‚erkennen’ können, so muß sie sich dort aufhalten, wo er ‚sich zeigt’: in den Wohngebieten… 

singuläres Ereignis 

Der Ausdruck „Defizit“ hat damit keinen Sinn mehr in Hinblick auf eine zu erfüllende Norm, sondern nur noch gemessen an dem je singulären Lebensplan des Ratsuchen-den. Der Berater mag ihn in seinem Kopf haben, solange er noch auf der Suche ist nach einer Einsicht in das besondere Lebensproblem seines Kunden. Aber gegenüber einem Dritten kann er ihn sinnvoll nicht mehr aussprechen. Ich schlage vor, ihn ganz aus unserm Repertoire zu streichen.

Das gilt übrigens für alle klassifikatorischen und „diagnostischen“ Vokabeln. Sie haben, wenn überhaupt, nur noch den Sinn, mir einen Zugang zum Problem des Andern zu öffnen. Sie sind ein Geländer, an dem ich mich ins Durcheinander eines fremden Lebens vortaste. Stehe ich erst einmal mittendrin, kann ich loslassen und mit meinen eigenen Augen sehen. Seh-, Denk- und Verständnis-Prothesen brauche ich dann nicht mehr. Und einem Dritten brauche ich sie schon gar nicht mitzuteilen…

Helfende Beratung ist nämlich, wenn sie zustandekommt, personale Begegnung. Das ist immer ein singuläres Ereignis, das sich seiner Natur nach nicht wiederholen, und auch keinem Außenstehenden adäquat mitteilen läßt. Positive Regeln, „wie man sowas macht“, gibt es naturgemäß nicht. Man muß es versuchen, und dann wird man sehen, ob es gelang. Allerdings ist es ratsam, dabei Regeln zu beachten ; doch keine positiven, erfolgverheißenden, sondern kritische, ‚apagogische’ – solche, die mich in Schutz nehmen gegen einige allzu bekannte Fehlerquellen, als da sind: die Gutgläubigkeit gegenüber der Stimme des eignen Herzens; die Selbstverständlichkeiten einer wohl-meinenden Öffentlichkeit; meine eigenen Standesinteressen, die sich gern als ‚das Bedürfnis des Klienten’ tarnen – und gegen das, was ich in den Büchern gelesen habe… 

Artisten 

Wer diesen Beruf ergreift, sollte wissen, daß er sich auf ein Abenteuer einläßt. Es ist ein Wagnis, das sich jeden Tag wiederholt: Er muß sich in jeder Situation neu entscheiden, hinter jeder Wegbiegung mit einer Überraschung rechnen und in jedem Moment bereit sein, die Pläne von gestern umzustoßen.


Er muß vom Typus her ein Unternehmer sein.

Menschen dieses Typus haben es im Öffentlichen Dienst bekanntlich schwer. Denn der vertritt die Belange der Allgemeinheit, nicht die singulären Anliegen von Privatleuten. Er muß – im demokratisch-repräsentativen Gemeinwesen zumal – auf Regelhaftigkeit, Vor-schrift, Sicherheit und Berechenbarkeit bedacht sein, und das im Interesse eines Jeden von uns. Denn wie anders wäre eine rechtsstaatliche Verwaltung möglich?

Ich stimme nicht die tausendunderste Jeremiade über eine schlimme Bürokratie an. Ein Grundbestand von Bürokratismus ist für den Rechtsstaat unerläßlich, man kann den einen nicht ohne den andern haben.

Daß dieser Grundbestand hier und anderswo weit überschritten wird, bin ich zu bestreiten weit entfernt; aber das ist ein allgemein gesellschaftspolitisches Thema, doch kein Fachproblem der Sozialarbeit, und stellt sich bei Daimler und IBM nicht minder. Das Kreuz mit dem Öffentlichen Dienst ist bloß, daß es dort kein Gegengewicht gibt…

Der Sozialarbeiter lebt in einer völlig andern Welt. Ihm ist es ausschließlich um das ganz persönliche Lebensproblem dessen zu tun, der zu ihm gekommen ist und ihn um seinen Rat gefragt hat. Ob er ihn als ‚Fall’ einer ‚Regel’ zuordnen kann oder nicht, darf ihm herzlich gleichgültig sein, denn er ist nicht dazu da, Regeln zu restaurieren und Normen geltend zu machen. Seine Aufgabe ist, dem Ratsuchenden, dem der Überblick über die vielen Fäden seines Lebens verlorengegangen ist und der sich wie in einem Knoten darin festgezurrt hat, bei der Suche nach einem Ausweg aus seiner Verstrickung zu helfen. Wenn ihm das eine oder andere dabei bekannt vorkommt, dann mag es ihm als einstweilige Sehhilfe dienen, aber mehr auch nicht. Ansonsten ist er an seine produktive Einbildungskraft verwiesen.  


Man sieht: Gefordert sind in beiden Bereichen Vertreter höchst gegensätzlicher Menschenschlage; hier Artisten auf dem Drahtseil, dort verläßliche Felsen in der Brandung. Man kann ohne Schaden für die eigne Person nicht das eine und das andre zugleich sein wollen.

Nicht von ungefähr ist das Burnout-Syndrom die charakteristische Berufskrankheit des Öffentlichen Dienstes: Die Anforderungen, die hier gelten, sind allzu fremd in der Welt des bürgerlichen Alltags. Und nicht von ungefähr leiden unter allen öffentlich Bediensteten die Sozialarbeiter quantitativ wie qualitativ am stärksten unterm Burnout: Von ihrer sachlichen Aufgabenstellung – ‚Objektebene’ – sind sie ‚Unternehmer’ par excellence; von den institutionellen Bedingungen ihrer Praxis her – ‚Metaebene’ – sollen sie perfekte Funktionäre sein, wie der Bürohengst.

Wer da nicht über kurz oder lang zur Flasche greift, kann nicht begriffen haben, was von ihm verlangt wird!

So viel über das persönliche Dilemma des Sozialarbeiters im öffentlichen Dienst. Aber da ist darüberhinaus ein fachliches Dilemma. Denn der einzelne Sozialarbeiter ist eben nicht – einzeln: Er ‚arbeitet’ im institutionellen Rahmen dieses oder jenen ‚Dienstes’. Der Dienst ist eine ‚Abteilung’, ein Subsystem des ganzen hoheitlichen Apparats. In ihm spiegelt sich wider: „die Rechtslage“! So viele Paragraphen, so viele Leistungen, so viele Bedarfe, so viele Ansprüche, so viele Töpfe, so viele… Dienste. Auf jedem Töpfchen ein Deckelchen.

Die hoheitlich Verwaltung, ‚Vater’ Staat, läßt ihren Blick über die zivile Gesellschaft gleiten und rechnet dieselbe sich zu. Ihre systematische Prämisse ist die Selbstdefinition der Dienste und Abteilungen durch „die Rechtslage“ und die durch sie gebotene „Maßnahme“. Unter diesem Aspekt blicken sie hinaus ins ‚Feld’ und spähen sie nach ‚Merkmalen’, nach denen sie das Feld ‚auf sich beziehen’, nämlich – qua ‚Klientel’ – unter sich aufteilen können.

Doch diese Optik ist fachlich falsch und schädlich. In der Wirklichkeit des sozialen Feldes gibt es keine Gesetze, Kategorien, Typen, Störungen…, und folglich auch keine ‚Fälle’ und keine ‚Merkmale’. Da gibt es nur lauter Leute, und von denen kommen einige mit ihren Lebensproblemen selber klar und andre nicht. Letzteren bietet die Sozialarbeit ihren helfenden Rat an. Welchen, das hängt immer davon ab, wo das Problem liegt (die Ratsuchenden täuschen sich allzuoft in diesem Punkt). Ihr wahres pragmatisches Problem besteht nicht darin, die „richtige Diagnose“ zu finden (nach objektivierbaren Vorgängen ), sondern die Ratlosen, die noch nicht bemerkt haben, daß sie Hilfe brauchen – und ipso facto dringender als die andern! -, auf ihr Hilfsange-bot aufmerksam zu machen. Sie muß im Feld Präsenz zeigen und – buchstäblich – sich interessant machen. Sie muß sich ausprobieren lassen. Kurz, die Inanspruchnahme ihrer Dienste muß so informell geschehen können, wie – die andern Verkehrsakte der neomodernen, neobürgerlichen Gesellschaft auch.

Oder noch kürzer: Sie darf nicht länger Behörde sein.

Dienstag, 17. September 2013

Eltern und Erzieher, oder Die pädagogische Mystifikation.



In einer großen Publikumszeitschrift vertrat der Bielfelder Erziehungssoziologe Klaus Hurrelmann seinerzeit die Forderung nach einem „Führerschein für Eltern“: Staatliche Leistungen an Eltern sollten davon abhängig gemacht werden, dass diese sich einer fachlichen Prüfung durch professionelle Pädagogen unterziehen.*
 
Was aber befähigt den Berufspädagogen, die Leistung von Eltern zu beurteilen?
 
Die pädagogische Mystifikation
 
Von den Eltern unterscheidet ihn nur dies: Er hat über Jahrzehnte mit dutzenden und hunderten von Kindern zu tun; jene über einige Jahre mit zwei oder drei, aber heut meistens nur mit einem: Der Pädagoge erlebt mehr. Er hat zu ihnen ein eher sachliches Verhältnis, jene haben ein eher leidenschaftliches. Er hat öfter Gelegenheit zu rein verstandesmäßigen Erwägungen über dies Verhältnis als jene, und er hat Kollegen, die ihn beobachten; jene haben Nachbarn und Verwandte.
 
Das sind alles quantitative Unterschiede und keine qualitativen. Der Berufspädagoge hat kein anderes Wissen über Kinder als die Eltern, sondern allenfalls mehr davon.
 
Dass aber sein Verhältnis ein eher sachliches ist und dass er mehr erlebt, ist eine qualitative Minderung. Die lange Dauer und die Vielzahl seiner Erlebnisse trübt seinen Blick und täuscht objektive Allgemeinheit vor, wo nur subjektive Indifferenz ist. Das Verhältnis von Eltern zu Kindern mag nur fünfzehn oder sechzehn Jahre dauern; aber ihr Verhältnis zu ihren Kindern dauert von der Zeugung bis zum Tod – der einen oder der andern. Das ist kein sachliches Verhältnis, sondern ein existenzielles. Da hat einer den andern zur Welt gebracht. Dieser Sachverhalt ist unvordenklich. An den Berufsumständen des Pädagogen ist gar nichts unvordenklich, alles ist bedingt und aus äußeren Umständen irgendwann geworden – und könnte alles auch ganz anders sein. Das Verhältnis des Pädagogen zu den Kindern ist zufällig, das Verhältnis von Eltern und Kindern ist notwendig.
 
Sind Eltern „Erzieher“? 

Die allgemeine Schulpflicht und die Landnahme der staatlichen Wohlfahrts- bürokratie hat diesen Unterschied kunstvoll vertuscht. Es sieht nun so aus, als seien die Pädagogen ihrerseits notwendig und könnten den Eltern irgendwas beibringen – und sie nötigenfalls ersetzen. Diese Anmaßung ist offenbar unsittlich. Sie kann nur reüssieren dank jener Urmystifikation, die der Berufsstand der Pädagogen im Lauf des zwanzigsten Jahrhunderts auf politischen Wegen der öffentlichen Meinung untergeschoben hat: dass nämlich die Aufgabe von Eltern die Erziehung ihrer Kinder sei; ja dass Eltern überhaupt schlechthin eine Aufgabe hätten!

Doch Elternschaft ist ein existenzielles Verhältnis und keine Aufgabe. Nämlich wenn unter Aufgabe etwas verstanden wird, was erledigt werden kann. Zwar ist in einem duftigen, blumigen, pathetischen Sinn Elternschaft natürlich eine „Aufgabe“ – aber so wie „das Leben“ selbst, nämlich eine, die nicht lösbar ist. Unter „Erziehung“ wird indes gerade eine Aufgabe verstanden, die gelöst werden kann – nur, wie man ja sieht, nicht von den Eltern; es sei denn, sie gingen bei den Pädagogen in die Lehre!
 
Das Leben ist eine Aufgabe, die nicht lösbar ist, weil sie nicht bestimmbar ist. Wenn Erziehung eine Aufgabe sein soll, die von den einen – den professionellen Fachleuten – besser gelöst werden kann als von den andern – den elterlichen Amateuren -, dann müßte sie bestimmbar sein. Kann nun die Pädagogik, die akademische oder die praktische, uns einen Begriff von Erziehung bestimmen? Natürlich nicht; da jagt eine Ausflucht die andre. Aber ebenso natürlich gibt es einen herrschenden Begriff von Erziehung; sie können ihn nur nicht aussprechen. Sie würden sich sonst ganz schön blamieren!
 
Standardisierte Arbeitskraft
 
Der Begriff der Erziehung, und übrigens selbst die Vokabel, ist eine Errungen- schaft der bürgerlichen Gesellschaft, alias Marktwirtschaft.
 
Der Markt macht „alle gleich“ und unterwirft sie einem verbindlichen Standard. Rangunterschiede darf es da nicht geben, Informationsvorsprünge besser auch nicht. „Allgemeinbildung“ wird nötig. Doch die große Masse wird durch die industrielle Produktionsweise zu Lohnarbeitern, die keine Waren auszutauschen haben, sondern lediglich ihr Arbeitsvermögen. Die standardi- sierten Arbeitsprozesse der mechanischen Fabrik verlangen von der Arbeits- kraft eine Mindestqualifikation – das, was bei Marx als „durchschnittliche, gesellschaftlich notwendige Arbeit“ vorkommt.
 
Dazu braucht man Erziehung!
 
Eine genuine, existenzielle Aufgabe von Eltern ist das nicht. Sie sind „dazu da“, ihren Kindern die Welt zu „zeigen“, auf die sie sie „gebracht“ haben, sie ihnen zu erklären, damit sie sich zurechtfinden und es ihnen dort einmal gut geht. Aber einen Auftrag, ihre Kinder für die Bedürfnisse der Gesellschaft tauglich zu machen, haben sie als Eltern nicht. Elternschaft ist nur den Kindern verpflichtet, moralisch und leidenschaftlich. Erziehung ist nicht Teil ihres notwendigen Verhältnisses.
 
Und daher musste sich die bürgerliche Gesellschaft einen Berufsstand erwerbsmäßiger Pädagogen heranziehen – aus dem an der Industrialisierung zugrunde gehenden klassischen Kleinbürgertum. In den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts boten dann die pädagogischen Berufe einen bequemen Aufstieg aus einer saturierten Arbeiterschaft in die herrschende Klasse; oder doch immerhin in deren ideologische Repräsentanz. Das ist der Kern aller pädagogischen Mysterien; das heißt, der pädagogischen Mystifikation.
 
Am Ende der Industriegesellschaft
 
Doch die Industriegesellschaft vergeht, die Spatzen brüllen es vom Dach. Aus der medialen Revolution geht das hervor, was Feuilletonisten die Risikogesellschaft nennen. Ihre Merkmale sind Individualisierung, Differenzierung, Pluralisierung. Auf dem Arbeitsmarkt wie auf dem Marktplatz der Ideen wird „Entstandardisierung“ zur (negativen) Norm. Die Anforderungen der Arbeitswelt werden immer allgemeiner, und damit unbestimm- ter. Welche die Aufgaben von Erziehung wären, ist seither offen. Was die Pädagogen Sinnkrise und Wer teverfall nennen, ist in Wahrheit nur ihr begründeter Zweifel an der eignen Bestimmung. Denn was sie vor den Eltern auszeichnet, ist nicht mehr positiv, sondern nur noch negativ gesetzt – als Weniger. Ihre ganze Fachlichkeit ist, dass sie’s für Geld machen statt um Gottes Lohn. Ihnen stünde Demut zu Gesicht, nicht Prahlerei. Die pädagogische Situation ist nun wieder, was sie früher war – ein persönliches Verhältnis und kein reguläres. Zu rechtfertigen wäre sie immer nur existenziell, aber nicht objektiv. Als Pädagoge muss ich mich selbst verantworten, nicht mein „Fach“, und daran hab ich genug zu tun.
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*) HörZu 25/2001

Montag, 16. September 2013

Der Plan eines Landschulheims musisch-ästhetischer Prägung.


Schön wär’s geworden

In den Jahren 2000-2005 verfolgten die Freunde des Landschulheims Fürstlich Drehna e.V. den Plan einer musisch-ästhetischen Bildungsstätte in einem spätmittelalterlichen Wasserschloß in der  südbrandenburgischen Niederlausitz. Aber der Schloßeigentümer zog schließlich einen Hotelbetrieb vor. Wie vorhergesagt, ging das Hotel pleite. Was wird nun aus dem Schloss? Das Innere ist durch den Umbau - z. B. einen Fahrstuhlschacht - verschandelt und es dürfte schwerfallen, eine neue Nutzung zu finden. Für das geplante Landschulheim ist es jedenfalls zu spät.
 
Die folgende Programmskizze erschien erstmals in PÄDForum Heft 6/2001


Genie ist das Vermögen der Hervorbringung desjenigen, was nicht gelernet werden kann. Eine Produktion ohne Genie ist Arbeit. Genie erfordert Begeisterung, die Arbeit Disposition.
Immanuel Kant 

Die Schule ist dieser Tage wieder im Gerede wie seit den frühen Siebzigern nicht mehr. Doch während damals ein jeder es noch ein bißchen besser wußte als die andern, erklingt heut nur lautes Kopfkratzen – im Angesicht des Einbruchs der Neuen Medien bis tief in die pädagogische Provinz. „Schule muß sich ändern!“ Aber wie? Hört man genauer hin, dann klingt Anders verdächtig nach Mehr desselben – so als ob mit dem Computer ein neues Pensum Einzug hielte in die Klassenzimmer. Und natürlich braucht man neue Fachleute… 

Aber hieß es nicht eben noch, die Curricula wären ohnehin schon überladen? Ist es nicht längst so, daß gut beratene Schüler das, was sie gerade für die Klassenarbeit gelernt haben, schon am nächsten Tag vergessen, um Platz für das nächste Dreitage-wissen zu schaffen? Die positiven Kenntnisse von heut hat der wissenschaftliche Fortschritt womöglich schon überholt, ehe sie noch abgefragt werden konnten. Weniger davon wär heute mehr. (Abgebaut werden stattdessen Kunst und Musik.)

Und immer lauter wird der Ruf, die Schule solle „wieder Werte vermitteln“! Die seit den Sechzigern schleichende Sozialpädagogisierung der Schule – „lernen, wie wir miteinander umgehen“ – ist gottlob gescheitert. Jetzt soll sie den Kindern wieder Moral beibringen, als ein weiteres Fach, das man „können“ muß. 

Wie ist das alles zu bewältigen? „Ganztags“? Wenn das mal reicht! Die Lernschule platzt buchstäblich aus ihren Nähten. 

Lernen 

Dabei liegt ihr scheinbar endgültiger Sieg noch gar nicht so lange zurück. Es war die demokratische Schulreform der sechziger Jahre, die an die Stelle des ideologieverdächtigen „Bildungs“-Prinzip den pragmatischen Begriff des Lernens setzte. In Verruf war Bildung schon seit Nietzsches tödlichem Wort vom Bildungsphilister, der Güter und Werte aneinanderreiht wie Sammeltassen im Vertiko. Doch in einem ebenso pluralistischen wie individualistischen Gemeinwesen, das keine Instanz mehr kennt, die oberste Werte und ein gültiges Menschenbild festlegt, wurde sie vollends anachronistisch. 

Bildung wozu wohl auch? War denn nicht das „humanistische Menschenbild“ der deutschen Klassik selbst noch in Margot Honeckers allseits entwickeltem sozialistischen Menschen wieder zu erkennen – und gar erst im Erziehungsideal des Nationalsozialismus, das schließlich aus der deutschen Jugendbewegung herkam! Der mündige Bürger war gut beraten, sich solch schillernden Humbug vom Hals zu halten. Dagegen klang lernen nüchtern und bescheiden – Informationen seligieren, speichern und verarbeiten, prosaisch und ohne Pomp. Und es war jedem zugänglich, unabhängig von der Gnade vornehmer Geburt. 

Nun hat es die Lernpsychologie dank Motivations- und Kommunikationsforschung inzwischen zu großer Subtilität gebracht. Ihre delikaten Distinktionen erreichen einen Abstraktionsgrad, der alles und… nichts auszusagen erlaubt. Daneben steht aber der Siegeszug der Vokabel „lernen“ durch unsere Alltagssprache. Und hier wie sonst ist es eher so, daß die umgangssprachliche Bedeutung immer wieder, trotz aller definitorischen Vorsicht, auf das wissenschaftliche Denken übergreift, als umgekehrt. Und welchen Vorgang stellt sich das Alltagsbewußtsein unter „lernen“ vor? Es ist dieses Bild: „Innen“ ist ein weißer Fleck; das Lernziel ist „außen“; lernen heißt, etwas von außen nach innen bringen: Information, Erfahrung, Kompetenz – dorthin, wo vorher der weiße Fleck war. Ob nun gelernt oder gelehrt wird, der Vorgang selbst ist in jedem Fall derselbe: von außen nach innen. Die Person wird gefüllt – weil sie ursprünglich leer war. 

Ihre Haltung zur Welt heißt Aneignen, ihre Energie ist reinziehen: den Mangel auf-füllen. „Defizit“ paßt zu „lernen“ wie die Faust aufs Auge, und so wurden sie gemeinsam zum Generalschlüssel der Pädagogik. Dahinter steht folgende Idee: Die ‚Grenzen’ der Person – da wo sie anfängt und da, wo sie aufhört – stehen fest. Es ist ein statisches Menschenbild. Nur innerhalb der Grenzen gibt es Mehr oder Weniger. Bildung ist ein Anfüllen mit Dingen-für-mich. Identität ist eine Summe von Kompensationen. Das paßt auch gut zum politischen Gleichheitsdogma dieser Zeit: Als Tabula rasa waren wir ursprünglich alle gleich, nämlich „Bedürfnis“; persönliche Eigenart ist nur angelernt. Defizite werden kompensiert, und Pädagogik ist die – ihrerseits lernbare – Technologie des Lernens. Es ist das Menschenbild des Sachbearbeiters. 

Legen wir stattdessen ein dynamisches Menschenbild zugrunde, dann wird „Identität“ nicht „gelernt“, sondern die Person bildet sich – in einem Wachstumsvorgang: von innen nach außen. Sie dehnt gewissermaßen ihre Grenzen „in die Welt hinein“ aus. Nicht, weil sie in sich eine Leere fühlt, die sie füllen muß, sondern einen Drang, dem es innen zu eng ist. Sie will „aus sich heraus“. Also ‚bilden’ ist nicht das Füllen eines Maßes durch fremden Stoff; sondern ein Streben, das Überschießen einer Überfülle über die ‚Grenzen’ des Selbst hinweg. ‚Etwas’ will in die Welt hinaus – um dort erst auf sich ‚selbst’ zu stoßen: weil es sich drinnen nicht zeigen konnte. Expansion wär gar nicht das rechte Wort – weil die ‚Grenzen’ nicht so sehr gedehnt oder geweitet, als vielmehr überschritten werden; immer bis zu dem Punkt, wo ‚die Welt’ sich zu einer neuen Schranke zusammenrafft und das Selbst auf sich zurück treibt. Es ist eine Ek-stasis vielmehr als eine Weitung, und Pädagogik ist die Kunst des Herauslockens. So ist das Menschenbild des Unternehmers. 


Welches Menschenbild nun aber das „richtige“ wäre, ist keine Frage, die sich theoretisch durch so und so akribische Forschung – etwa in der DNA? – ‚entscheiden’ läßt. Es geht hier gar nicht um Erkenntnis dessen, was ist. Sondern es geht um die Optik – um das, was gelten soll, nämlich weil es einem „darauf ankommt“. Weil man so und nicht anders sehen will. Ob wir das Heranwachsen, das Erwachsen der Personen als Lernprozeß oder Wachstumsvorgang ansehen wollen, ist keine theoretische, sondern, im philosophischen Schuljargon, eine „praktische“ Frage – eine, die „durch Freiheit möglich“ ist. Es ist eine Sache der freien Wahl. 

Der Spezialist 

Und war der Aufstieg von „lernen“ zum pädagogischen Schlüsselwort das Ergebnis einer freien Wahl? Etwa so, daß sich die versammelte Erziehungswissenschaft nach sorgfältiger Prüfung der Gründe auf diesen Schluß verständigt hätte? Mitnichten. Das Wort hat sich aus der Umgangssprache in den pädagogischen Diskurs begriffslos eingeschlichen und ist dank seiner Schlüpfrigkeit überall durchgesickert. Wir haben es nicht gewählt, sondern haben es uns zugezogen. Seine Karriere verdankt es dem Umstand, daß es so nahtlos in das „Menschenbild“ paßte, das sich – nachdem die Ideologien zur Vordertür hinausgetrieben waren – unbemerkt durch die Hintertür hereingeschlichen hatte: der Spezialist, der Sach-Bearbeiter! Es kommt nicht aus der Pädagogik, sondern aus dem Arbeitsmarkt, welchem zu dienen sich jene seit den sechziger Jahren weise beschied. Der Spezialist ist einer, der „sein Fach beherrscht“. Wie? Durch das geordnete Anhäufen von Informationen, Schritt für Schritt, immer schön der Reihe nach die Wissenslücken kompensierend: durch „lernen“. Doch alle Fächer beherrschen, das soll keiner wollen: dafür ist die Welt zu komplex. Und wozu hätten wir sonst auch all die spezialisierten „Vermittler“ in unsern öffentlichen und gewerblichen Verwaltungen? Und, nicht zu vergessen: in unseren Schulen! 

Das Gesellschaftsmodell, das dem Lern-Theoretiker vorschwebt, ist die Technokratie. Das ist ein Denken in Linien und Fächern. Es überträgt die analytische Arbeitsteilung in der mechanisierten Fabrik mit all ihren Abteilungen, Hierarchien und Fließbändern auf den gesamten Lebenszusammenhang der Menschen. Es ist die Quintessenz der Industriegesellschaft – wo es auf die ausführenden Tätigkeiten ankam, weil nämlich die Zwecke, qua Mangel, sich von selbst verstanden. Nützliche Tätigkeit war typischerweise Lohnarbeit. Und gestaltendes Entwerfen mußte dem „Bedürfnis“ folgen – oder war eitler Luxus der Schönen und Reichen.
 

Doch die Spatzen pfeifen es von den Dächern: die industrielle Zivilisation stirbt ab, und in ihr die Arbeitsgesellschaft, deren Quintessenz sie war. „In dem Maße, wie die große Industrie sich entwickelt, wird die Schöpfung des wirklichen Reichtums abhängig weniger von dem Quantum angewandter Arbeit als von der Macht der Agentien, die selbst wieder abhängen vom allgemeinen Stand der Wissenschaft und dem Fortschritt der Technologie“, hieß es bei Karl Marx. Die ausführenden Tätigkeiten erledigt zu-sehends die intelligente Maschine. Im Zeitalter der Cyberworld heißt das Paradigma nicht länger: zerlegen, messen und anwenden, sondern: entwerfen und vorzeigen – und zusehn, ob’s sich behauptet. Nicht einmal das Vermitteln ist noch ein besonderes Fach, jeder muß es selbst besorgen – und kann es: online. Der Arbeitsmarkt kann Leute, die lediglich was gelernt haben, immer weniger brauchen, denn „lernen“ kann der Computer selber! Zwei Jahrhunderte Industriekultur erweisen sich heute als europäischer Standortnachteil: Ein Inder steht dem Computer unbefangener gegenüber als ein Deutscher und nimmt demnächst seinen Platz ein – weil seine Lehrer ihn nicht auf „lernen“ spezialisiert haben. 

Bildung 

Es war von Anfang an der Wurm drin. Denn unter lernen war zwanglos immer auch gelehrtwerden zu verstehen, und wenn es gleich in pädagogischen Seminaren anders „gelernt“ wird, ist es regelmäßig dieser Sinn, der im Schulalltag durchschlägt. Lernen war das Paßwort der pädagogischen Landnahme nach ’68. Bildung kommt dagegen immer von ‚ich bilde mich’, denn bei ‚ich werde gebildet’ sträuben sich Herzfalten und Hirnwindungen gleichermaßen. 

Die ideologiekritische Austreibung der Bildung Ende der Sechziger erweist sich heute als voreilig. Auf die Bürgschaft einer obersten Instanz ist sie nämlich gar nicht angewie-sen, ganz im Gegenteil. Der Mensch ist ein Kulturwesen. Neben seiner ersten, physiologischen, hat er eine zweite, historische und selbstgemachte Natur. Oder richtiger: Da er Kulturwesen ist, hat er auch seine erste Natur nur als Kulturgeschöpf. Kultur (von lat. colere: anbauen & pflegen; eigtl. aufsammeln) ist die Akkumulation von Werten aller Art. Eine Ansammlung von Reichtümern, die vererbt, das heißt aufgehäuft und von jeder Generation vermehrt, aber auch neu gesichtet werden. Die Auslese und Ansammlung der gelten-sollenden Werte macht sich indes nicht von allein. Es sind immer Personen, die da auslesen und anhäufen. Sie sind selber eine Auslese, eine Elite, die den Reichtum repräsentiert und in kultureller Hinsicht ‚vorherrscht’. Solche Bildung ist nicht persönlich, sondern kollektiv. Sie ist exklusiv und nicht liberal; es ist Kastenbildung. So war es immer und überall – bis im Abendland, und nur da, die Moderne anbrach. In der bürgerlichen Gesellschaft stehen Eliten miteinander in Konkurrenz, sie „zirkulieren“, und der Sinn demokratischer Verfassung ist es, die Zirkulation in Fluß zu halten.

Worin kultureller Reichtum besteht, wird nun aber ebenso strittig wie die Frage, wer ihn repräsentieren und also „vorherrschen“ darf. Selbstverständlichkeit kennzeichnet jedenfalls nicht den Reichtum abendländischer Kultur, sondern die Fülle ihrer Werte.

Sie müssen auch nicht von oben verbürgt sein, nur gelten müssen sie können, wenn auch problematisch – das heißt konkurrierend mit anderen. Die reichste Kultur ist eine solche, wo die Anordnung, die Umordnung der Werte prozessierend immer wieder neu geschieht – im Meinungskampf der Öffentlichkeit. Es ist die Problematizität ihrer kon-kurrierenden Werte, die dieser Kultur ihre Spannung verleiht und dem Einzelnen die eigne Wahl, nämlich eine persönliche Bildung zumutet. Das gibt es nur im Abendland, und darum ist die öffentliche Schule eine abendländische Errungenschaft. Ihre Sache ist es, das kulturelle Erbe an die nachwachsende Generation weiterzureichen und die Schüler zur Wahl zu ermächtigen. Und zwar, seit die Schulpflicht allgemein ist und der Staat demokratisch. 
 

Schule 

Ausbildung für den Arbeitsmarkt ist ihr erst in neuerer Zeit als Pensum zugewachsen, mit der Industrialisierung und ihren verallgemeinerten Qualifikationsstandards. Die Schule hörte auf, Zuchtstätte der herrschenden Klassen zu sein, und wurde allgemeine Dienstleistungsindustrie für den Arbeitsmarkt: vergesellschaftete Produktion des Arbeitsvermögens; aus Heranwachsen wurde Sozialisation. Seither drängte die Realschule das Gymnasium in die Defensive, und schließlich trat Lernen an die Stelle von Bildung – es wertet den Gegenstand ab und die Lehrer auf. Der Normalmensch wurde Spezialist, und wer sich nicht auf ein „Fach“ festlegte, war ein Dilettant. 

Gestritten wurde höchstens, ob die Spezialisierung schon in der Schule oder „erst“ auf der Universität einsetzen solle. Doch hat sich die propagierte Verwissenschaftlichung der Schule im letzten Jahrhundertdrittel als die flach-selbstverständliche Subsumtion aller möglichen Wissensgehalte unters Prinzip der Verwertbarkeit erwiesen. Deutschunterricht wird längst so erteilt, als ginge es um die Ausbildung neuer Deutschlehrer. Griechisch und Latein sind ganz entfallen; wer will denn heut schon noch Altphilologe werden? Von Humanismus am Gymnasium keine Spur; es ist selbst nur noch eine große Realschule. 

Daß sie aber die Schüler auf die Realitäten des Arbeitslebens vorbereitet – von Wirt-schaft bis Wissenschaft -, kann man nicht eben sagen. Immer weniger läßt sich im Zeit-alter globaler Vernetzung das Leben in „Fächer“ einteilen. Mobilität ist gefragt, mentale zuerst: „lebenslanges Lernen“ statt „einen Beruf wählen“! Gefragt ist inzwischen ein Typus, der schon fast ausgestorben war, eben der Unternehmer – einer, dem (mit Karl Marx zu reden) „am Gewinnen noch mehr gelegen ist als am Gewinn“. Und der hat mit einem Künstler mehr gemein als mit einem Buchhalter: „Die Eingebung spielt auf dem Gebiet der Wissenschaft durchaus keine größere Rolle als bei der Bewältigung von Problemen des praktischen Lebens durch einen modernen Unternehmer, und sie spielt andererseits keine geringere Rolle als auf dem Gebiet der Kunst“, meinte ein so kühler Kopf wie Max Weber, als gerademal das Grammophon erfunden war. Heute, in der Epoche von Künstlicher Intelligenz, Virtual reality und Internet wirkt der Spezialist eher wie ein Mehrfachbehinderter. Die positiven Kenntnisse, die man in der Schule lernen kann, haben eine Halbwertszeit von wenigen Wochen. Den Menschen in seiner Jugend mit einem Fundus an Wissen ausstatten zu wollen, der ihm fürs ganze Leben reicht, ist heute weltfremder denn je, und noch nie konnte man das, was man im Unterricht lernt, im Leben so wenig brauchen! Aus rein pragmatischen Gründen wird sich eine moderne Schule daher ihrer eigensten Aufgabe besinnen: Bildung. 

Den Reichtum schätzen 

Die betrifft den „ganzen Menschen“ und nicht diesen oder jenen Beruf, und sie hat, wie schon im Wort anklingt, mit Kunst mehr zu tun als mit Lernen. Die Überlegungen zur Schule der Zukunft müssen davon ausgehen, daß alles, was es zu lernen gibt, früher oder später auch der Computer lernt. Nur Sinndeutung und Urteilskraft, die bleiben den Menschen vorbehalten, die sich seiner bedienen – und umso nötiger werden sie. Beide kommen, als „Eingebung“, aus dem Erleben her und können nicht gelernt werden. Es ist das Reich von Ästhetik und Ethik – da, wo man sich begeistern kann. Beide sind nach Ludwig Wittgenstein „eins“, und in beiden ist jedeskind sowieso zu Haus. Es sind spontane Vermögen, die man allerdings bilden und verbilden kann, ermutigen und verschüchtern, wecken und ermüden, aufreizen und zu Tode langweilen.
 

Ausgerechnet derselbe J. Fr. Herbart, der später als Erfinder der Lernschule zum Buhmann aller Reformpädagogen wurde, hatte als „das Hauptgeschäft“ der Erziehung „die ästhetische Darstellung der Welt“ ausgemacht. Er hat als erster unternommen, die Pädagogik als eine systematische Wissenschaft zu begründen; aber nicht auf Tatsachen, sondern in einer Aufgabe – nämlich Moralität. Die verstand er wiederum als ein Teilgebiet der Ästhetik und definierte sie rundweg als „sittlichen Geschmack“.

Ästhetik und Ethik unterscheidet zunächst, daß die eine als bloße Betrachtung sich selbst genügt; während die andere in mir wirken will. Doch das ästhetische Erleben bietet unmittelbar nur einzelne Anschauungen. Der Geschmack entsteht, wo die vielen Anschauungen sich zu einem Bild formieren. Zu einem Bild der Welt zuerst, aber darinnen: das Bild von mir. Da trete ich gewissermaßen aus mir heraus, um mich anzusehen – und nichts andres heißt sich bilden. Denn das Bild, das ich mir von mir selber mache, ist der stets gewärtige Kanon, an dem mein momentaner Zustand „sich misst“. 

Ob sich einer nun lieber als Sachbearbeiter oder lieber als Unternehmer sehen mag, steht nicht in der Macht des Pädagogen. Er kann seinen Zögling nicht einmal wirklich veranlassen, daß er sich „ein Bild macht“. Doch wenn er gut ist, kann er ihn vielleicht dazu verlocken – indem er ihm den Reichtum zeigt, der ihn anlacht und sagt „Nimm mich und behalte mich“, und das wär eine Kunst. (Dem Unternehmer lacht er freilich schöner als dem Sachbearbeiter.) Wie man einen Computer so bedient, daß er die gespeicherten Informationen verrechnet und für Entscheidungen zubereitet, können Kreti und Plethi lehren. Aber die Schule muß den Kindern unsern kulturellen Reichtum zeigen. Er ist nicht vom Baum gefallen, und darum soll sie ihn auch preisen. Wenn sie das nicht kann, ist sie veraltet. Gebildet ist eben nicht, wer Informationen speichert, sondern einer, der den Reichtum zu schätzen weiß. Das ist aber eine qualitative Bestimmung und läßt sich nicht messen (und benoten), sondern muß sich gegebenenfalls behaupten. Behaupten, wie das? Im Wettstreit der Kulturen, wie sonst! 

Der öffentliche Dienst ist dafür allerdings nicht der am besten geeignete Ort, und staatlich besoldete Lehrer sind nicht die am besten geeigneten Protagonisten. 

Kunst & Arbeit 

Als das ausgezeichnete Terrain ästhetischer Bildung erscheint zunächst die Kunst. Aber nicht nur die mit dem ganz großen K. Zu unterscheiden ist nicht, altväterisch, zwischen ernster und unterhaltender, sondern, modern, zwischen guter und schlechter Kunst. Kunst, die nicht unterhält, sei langweilig und also schlecht, fand Rolf Liebermann. Große Kunst ist im ernsten Genre so selten wie im unterhaltenden – nur wird im letzteren auch alles andere noch vermarktet, so daß es jeder merkt. Andererseits ist auch große Komik voller Ernst; wenn auch nicht ganz. Kunst ist weniger – positiv – bestimmt durch das, was sie ist, als – negativ – durch das, was sie nicht ist; durch ihren bestimmten Gegensatz: Kunst ist nicht Ökonomie. Sie verhalten sich zu einander wie das Spiel zur Arbeit und die Notdurft zum Überfluß. Oder so: Künstler und Arbeiter unterscheiden sich durch ihre andere Haltung zur Welt und den Dingen.
 

Jedenfalls, solange das Leben vom Mangel geprägt war: in der Arbeitsgesellschaft. Arbeit war Produktion nach gesetzten Zwecken, Kunst produzierte nach ihrem eigenen Gesetz. Mit dem vielbeschworenen Ende der Arbeitsgesellschaft tritt dieser Gegensatz nun in die Ökonomie selbst hinein. Kunst ist wohl noch immer nicht Ökonomie. Aber in die Ökonomie gelangt immer mehr Kunst. Auf dem Markt behauptet sich das Überflüssige so gut wie das Notwendige. Und so folgt die Arbeit nicht mehr nur den vorgefundenen Bedürfnissen und bewährten Zwecken, sondern produziert selber das Bedürfnis. Während die ausführenden Griffe immer mehr von den Maschinen besorgt werden, wird der lebende Arbeiter immer mehr Künstler (und wird Arbeit im herkömmlichen Sinn zusehends überflüssig). 

Das erscheint nirgends so deutlich wie an den Neuen Medien. Kunst drängte stets nach neuen Möglichkeiten der Darstellung, weil die anderen Formen den „Stoff“ erweitern. Doch ist die Affinität beiderseitig; denn der künstlerische Zugang ist dem Computer adäquater als der rechnerische. Er ist nicht bloß Arbeitsmittel, sondern selbst ein kom-plexes Kunstwerk. Eine allgemeine ästhetische Bildung bereitet seither nicht nur auf ein Leben als Berufskünstler vor, sondern auf alle Unternehmungen, bei denen es ums Entwerfen und Gestalten geht; aber die werden immer mehr. Noch nie war es so nützlich, unsere Reichtümer zu schätzen! Und noch nie waren sie so vielen Menschen zugänglich: Es ist, als brächte erst Cyberworld den Standort Europa zu seiner rechten Geltung.

Ein ästhetischer Lebens- und Bildungsort 

Ästhetische Bildung formt nicht nur – was Herbart interessierte – den moralischen Charakter, sondern bereitet – was die Eltern interessiert – auf den Arbeitsmarkt von morgen vor. Und schließlich rettet sie manch lebhaften Geist, der in der herkömmlichen Lernschule sinnlos vergeudet würde: Kinder mit starkem ästhetischem Erleben und darstellerischem Drang leiden heftiger als ihre Altersgenossen unter der erzwungenen Passivität, dem gelenkten Rezipieren, dem unanschaulichen Stoff. Sie langweilen sich und stören. Wird ihre Eigenart nicht beizeiten erkannt und anerkannt, bleiben nicht nur Talente brach liegen – es werden gar Problemschüler herangezogen. Sie werden „auffällig“, und was einmal ihre Stärke war, kommt nachher nur „kompensatorisch“ in Betracht, als mildernder Umstand und Anlaß für therapeutische Tricks.
 

Der Übergang aus der Arbeitsgesellschaft ins mediale Zeitalter mutet (nicht nur) der Pädagogik mal wieder einen Paradigmenwechsel zu. Aber der wurde noch nie rein literarisch zu Wege gebracht. Er bedarf eines Schrittmachers, der der neuen Richtung Bahn bricht. Dabei muß das Rad nicht noch einmal erfunden werden. Manch alte, außer Kurs geratene Weisheit kommt im neuen Licht wieder zu Glanz. Etwa die Einsicht, daß das Wesentliche den Kindern nicht beigebracht werden kann, weil sie es selber mitbringen, daß man es vielmehr erhalten und pflegen muß, damit es nicht verloren geht, ist schon seit hundert Jahren die tragende Idee der Landschulheim -Bewegung. Kurt Hahn, der Gründer der Schulen in Salem und Gordonstoun, nannte dies seine „wichtigste Entdeckung“: daß es möglich sei, „die Kinderkraft zu erhalten, ungebrochen und unverdünnt, den unbesiegbaren Lebensmut, das Mitgefühl, die lebhafte Neugierde, die Bewegungsfreude – all diese Schätze der Kindheit“. Er wollte eine Pädagogik, die „Leidenschaften entzündet und nährt: die Lust am Bauen, die Sehnsucht nach der Bewährung im Ernstfall, auch in der Gefahr, den Forschungstrieb, die Seligkeit des musischen Schaffens, die Freude an der Kunstfertigkeit, die Sorgfalt und siegreiche Geduld erfordert“. Bildung wird erlebt und nicht erlernt. Im Ernst: Räuberspielen im Wald und auf dem Dachboden ist zuerst ein ästhetisches Erleben, und erst danach Erholung oder Erwerb von Sozialtechniken. 

Ästhetische Bildung ist nicht eine Sache von ein paar Unterrichtseinheiten hier, ein paar Unterrichtseinheiten dort. Längst wurde der Alltag – und zwar dank der Neuen Medien – von einer unterschwelligen Ästhetisierung aller Lebensbereiche ergriffen. Was man auch tut – Bilder und Klänge sind dabei schon immer „mit angefallen“. Aber heute werden diese Nebenprodukte mit Absicht hergestellt: „Alles ist Design“. Will sagen, es wird nach Schönheit produziert – aber nicht um der Schönheit willen, sondern um die Sachen an den Mann zu bringen. Nützlichkeit ist schon lange nicht mehr der einzige Wertmaßstab für Dinge und Gedanken; „wie es wirkt“, darauf kommt’s genauso an.

Kunst imprägniert die sachlichen Bedürfnisse und die Weltwahrnehmung selbst: Es war die ästhetische Gewalt der Bilder, die Karl-Heinz Stockhausen veranlaßt hat, das berstende World Trade Center für ein Kunstwerk zu halten. Aber das war ein kluger Irrtum! Wo verläuft denn heute noch die Grenze zwischen Kunst und Wirklichkeit? Im Alltag und im alltäglichen Spiel mit den Neuen Medien müssen sich junge Leute unterm ästhetischen Trommelfeuer ein Bild machen von der Welt. Wo die Kunst endet und der schöne Schein selber Wirklichkeit wird, läßt sich nicht im Begriff vorab ermessen, sondern wird – bestenfalls – aktual in der Anschauung immer wieder neu „erkannt“. Darum kann ästhetische Bildung heute weniger denn je dem Sachlernen wahlweise hintan gestellt werden: Sie liegt ihm, so oder so, zu Grunde. Die Frage ist immer nur, ob ich mich selber bilde oder mich habe bilden lassen. Anschauung ist ein produktives Vermögen, kein rezeptives. Aber als ein solches will sie angefacht und unterhalten sein. 

Schloß Fürstlich Drehna 

Das ist ein hoher pädagogischer Anspruch, der mit fertigen Rezepten nicht zu erledigen sein wird, und bestimmt nicht mit ein paar zusätzlichen Schulstunden. Ästhetische Erlebensgehalte lassen sich nicht didaktisch operationalisieren. Wohl sind die schönen Künste das spezifische Feld ästhetischer Produktion, und darum werden Musik und Bildende Kunst im Landschulheim Fürstlich Drehna auch einen bevorzugten Platz einnehmen. Aber sie beginnen eben erst jenseits des sachlichen Lernens. Die ästheti-sche Bildung eines Menschen beginnt diesseits davon – anschaulich, unspezifisch und unbemerkt, und ist, wie auch die Neuen Medien, den einzelnen Fächern ‚vorgelagert’. Das heißt, beide fallen nicht in den Rahmen herkömmlichen Schulunterrichts.

Das Landschulheim Fürstlich Drehna ist darum nicht in erster Linie eine Schule. Es ist ein Lebensort, an dem man sich anschaulich bilden kann. Und dies zumal, wenn der gemeinsame Alltag von Jüngeren und Älteren belebt und angestachelt wird vom leiden-schaftliche Ästhetizismus des Kindesalters, in dem das Gute und das Schöne ohnehin „eins“ und unmittelbar gegeben sind. Das Reich des Ästhetischen entsteht nämlich aus dem Spiel, nicht aus Arbeit und Eifer (studium), und darum ist das Landschulheim auch kein Produktionskollektiv, sondern eine Erlebnisgemeinschaft. Die eint kein strenger Zweck, sondern ein weiter Horizont.

Das Bauensemble um das spätmittelalterliche Wasserschloß im brandenburgischen Fürstlich Drehna bei Luckau mit seinem ritterlich-romantischen Charakter bietet dafür den idealen Rahmen. Die natürlichen Reize der Lausitzer Heidelandschaft auf der einen, und die ökologischen Abenteuer der renaturierten Braunkohle-Gruben (mit einem 215 ha großen See) auf der andern Seite werden hier verbunden durch einen Landschaftspark aus der Schule von Lenné. Das vierflüglige Schloß selbst wurde vermutlich im 13. Jahrhundert auf einem slawischen Burgwall errichtet und erhielt seine heutige Gestalt im 15. und 16. Jahrhundert. Im Südflügel und den Erdgeschossen ist die gotische Bausubstanz noch gut erkennbar. In wechselvoller Feudalgeschichte wurde die Burganlage im Innern immer wieder umgebaut. Das Schloß ist verwinkelt und verzwickt und überrascht das Auge stets aufs neue. 125 Schüler von zehn bis achtzehn Jahren können hier ein zweites Zuhause finden. Wobei eine besondere Beachtung den unteren Klassen gelten wird – weil nämlich Häuslichkeit bei den Kleinen, die sich mit ihrer „Kinderkraft“ dort erst noch einrichten wollen, besser gedeiht als bei den Abiturienten, die sich schon auf den Absprung vorbereiten.

Das wird auch in der Anordnung der Wohnräume deutlich. Während die Klassen 5 bis 8 Gemeinschaftszimmer rund um den Burghof bewohnen, wo sich der gesellige Verkehr abspielt, verfügen die Schüler der Klassen 9 bis 11 über Einzelzimmer im barocken „Amtshaus“ jenseits des Burggrabens. Die Abiturklasse hingegen kann in der ehemaligen Schmiede ihren eigenen Hausstand gründen und andere Horizonte ins Auge fassen. Der Unterricht findet in den angrenzenden Wirtschaftsgebäuden des Gutshofs aus dem 19. Jahrhundert statt. Es sind rund ein Dutzend Lehrerwohnungen vorgesehen. Die Schule wird privat geführt und im wesentlichen aus den Eigenbeiträgen der Eltern finanziert. 

Neue Medien 

Zwar werden Experimente mit der Stundentafel im Landschulheim Fürstlich Drehna nicht im Vordergrund stehen. Und doch wollen wir auch didaktisch innovativ sein, indem wir den Zugang zu den Neuen Medien nicht, wie pädagogisch üblich, auf mathematischem und naturwissenschaftlichen, sondern eben auf ästhetischem und künstlerischen Weg suchen. Der Computer ist nicht nur ein Werkzeug, sondern vor allem auch ein Spielzeug. Die Kinder wissen das. Zwar können auf Lernen fixierte Pädagogen nur schlecht damit „umgehen“. Aber sie sollten es… lernen. Die Neuen Medien machen den kulturellen Reichtum so umfassend zugänglich, daß ihn der Lehrer nicht mehr bloß besprechen muß, sondern ihn zeigen kann. Sie sind an sich eine Revolution der Unterrichtsmethoden.

 

Inwiefern ist aber der Computer ‚selbst ein Kunstwerk’? Erstens, weil er nicht nur aus den Rechentafeln der Techniker, sondern auch aus dem erfinderischen Spiel der Einbildungskraft hervorgegangen ist. Und zweitens, weil dieses ‚Werk’ wie ein Hohlspiegel des Geistes wirkt. Nicht nur die Grenzen zwischen der Kunst und der Wirklichkeit sind durch die Neuen Medien zweifelhaft geworden. Auch der Unterschied zwischen Mensch und Technik wurde unsicher. Von den Tieren unterscheide sich Homo sapiens durch seine Intelligenz, heißt es. Und von den Maschinen? La nature de l’homme, c’est l’artifice, unsere Natur sei Künstlichkeit, sagte ein kluger Franzose. Indem er die Künstliche Intelligenz erfunden hat, hat der Mensch sich überboten und ad absurdum geführt – siehe A. I., 2001 – Odyssee im Weltraum, Wargames, Terminator, Total Recall, The Matrix… Ist Intelligenz doch nicht das unterscheidende Merkmal des Menschlichen? Oder müssen wir uns bloß unter Intelligenz künftig etwas anderes vor-stellen als bisher? In jedem Fall ist uns die denkende Maschine ein Rätsel. Und wenn irgendwas, dann macht sie das zu einem Kunstwerk. 

Doch wurde der Entschluß, als dritte Säule des Fachangebots neben Musik und Bildender Kunst die Neuen Medien einzusetzen, nicht aus dem Räsonnement, sondern aus der Anschauung geboren. Wer je einem jugendlichen Computerfreak begegnet, der findet eine Leidenschaft und Faszination (und übrigens auch Ehrgeiz) am Werk, die nur künstlerisch, und mindestens ebensosehr ästhetisch wie sportlich zu nennen sind. In jedem Fall ist der erfolgreiche Nutzer des Computers weniger Arbeiter als Spieler. Und es ist ein „ernstes“ Spiel, das er treibt – so wie, nach Schiller, die Kunst. Die Schüler vergessen ihre Lehrer, wenn sie mit dem Computer und in seinen „Netzen“ nicht arbeiten, sondern spielen. Aber das ist die funktionellste und darum auch ökonomischste Art ihrer Nutzung. Sie auf die Rolle eines Hilfsmittels, etwa bei Komposition und Gestaltung, festlegen zu wollen, wäre eine künstliche Verarmung. 

Wie weit der pädagogische Ansatz trägt, den Computer selber als einen Kunstgegenstand aufzufassen, wird sich erst erweisen müssen: indem man es ausprobiert. Insofern trägt diese Schule auch den Charakter eines Labors. Wie dabei Musik, Bildende Kunst und Computer didaktisch ‚unter einen Hut’ zu bringen sind, ist alles andere als evident. Auch da wird noch einiges auszuprobieren sein; immer bedenkend, daß Harmonie, die es zwischen Malern und Musikern nie gegeben hat, auch hier das Ziel nicht sein kann. Doch wenn nun die Kunst fürs Ohr und die Kunst fürs Auge gemeinsam einer Kunst für Ohren und Augen gegenüberstehen, werden vielleicht die Widersprüche nicht „vermittelt“, aber immerhin die Frontlinien verwirrt. Und wenn sich am Ende zeigen sollte, daß der Computer doch nicht alles hält, was man uns heut von ihm verspricht, wird es uns nicht das Herz brechen. Auch als bloßes Werkzeug reichen seine Möglichkeiten noch so weit, daß ein Schülerleben nicht ausreicht, um sie zu erschöpfen. Jedenfalls können Pädagogen in Fürstlich Drehna Neuland aller Art betreten – und sich daran erinnern, warum sie diesen Beruf einmal gewählt haben. 

Elite? 

Ist dies pädagogische Programm elitär? Elite heißt Auslese. Wer liest wen aus – und wofür? Sind es die Vorzüge der Geburt, die da „auslesen“, dann sagt man besser: Privileg. Und Leute, die sich selber auslesen, nennt man gemeinhin Snobs. Als Reservat für Privilegierte kommt Fürstlich Drehna aber kaum in Frage: Dafür ist es zu preußisch-karg. Den Snobs hingegen bietet die ländliche Idylle nicht das nötige Publikum. Nur gegen eine Elite, die sich aus der Menge ausliest, indem sie nicht an andere, sondern an sich selbst besondere Ansprüche stellt, kann auch die Sozialpolitik nichts einwenden. Und eine Elite, die sich ausliest, indem sie besondere ästhetische Ansprüche an sich stellt, wählt ja nicht den bequemsten Weg. Wohl wahr – sie wird sich behaupten müssen! Aber sie hat auch guten Grund dazu.