Donnerstag, 5. April 2018

Philister über dir!

oder
Sind Kinder nur Unfertige?

... dabei bin ich auf den nachfolgenden Text gestoßen – meinen ersten Vorstoß aufs Gebiet der pp. Allgemeinen Pädago- gik. Er ist jetzt gut fünfzwanzig Jahre alt, und wenn ich auch heute meines Ausdrucks sicherer bin – z. B. benutze ich das Wort ‚Werte‘ gar nicht mehr -, so finden sich doch schon alle Themen und Thesen angesprochen, an denen ich noch heute arbeite. Und vor allem dies: dass am Anfang der ‚praktischen‘ Disziplinen die wertenden, ästhetischen Urteile zu stehen haben.
in: Neue Sammlung, Heft 1/32. Jg./ Jan. 1992 

Das Wort, das am häufigsten fällt, wenn Erwachsene von Kindern reden, ist noch: sie sind noch klein, oder sie sind noch nicht leistungsfähig, usw. Das wäre nun an sich kein Problem, denn es trifft ja den Sachverhalt. Wäre; wenn solche Aussagen nicht so leicht die Farbe einer Wertung annähmen. Denn was Kinder noch sind, das ist meist ein Mangel. Wo dagegen von positiven Wertungen die Rede ist, heißt es meistens: noch nicht. 


Die bürgerliche Gesellschaft neigt dazu - das wirkt der große Gleichmacher Markt -, ihre Werte unter quantita- tiven Gesichtspunkten aufzufassen: als mehr oder weniger. Da ist nicht die Frage, welcher Wert höher und wel- cher niedriger gesetzt wird; sondern ob man über eine größere oder kleinere Menge davon verfügt. Und nun sieht die Sache so aus: Die Qualitäten, die Kinder 'noch' aufweisen, sind nicht viel wert, und von den Qualitäten, die was wert sind, haben sie noch nicht genug. Unterm Strich kommt heraus, wie man es dreht und wendet: Das Kind ist minderwertig - irgendwie irgendwo. 

Daß die eine oder der andere die Sache einfach umkehrt und verkitscht zu dem billigen Motto „Kinder sind die besseren Menschen“, befestigt diese Wertung nur, indem sie lediglich das Vorzeichen wechselt, die Anordnung selbst aber stehen läßt. „Von Kindern lernen“ ist eine sentimentale Demagogie, die schlechtes Gewissen verbindet mit meist nicht ganz uneigennützigen Absichten.

 Im Reich der Werte

Seit Jahr und Tag herrscht eine gewisse Scheu, die Wertfrage geradeheraus zum Thema zu machen. Werte scheinen sich dem kritischen Verstand zu entziehen und des mündigen Subjekts nicht würdig zu sein - was von den postmodernen Dunkelmännern des New Age auf ihre Art bestätigt wird. Rational scheint das Denken nur zu sein, wo es sich der Wertfreiheit befleißigt; aber gerade dann ist es für die Neue Bauchigkeit ohne Wert. 

Richtig daran ist immerhin, daß sich die Werte weder auf ihre einzelnen Bestandteile hin analysieren noch, umgekehrt, daraus herleiten und begründen lassen. Werte gelten ganz oder gar nicht. 

Das ist offenbar ein weites Feld, und zwar ein philosophisches. Da ist man gut beraten, wenn man es zunächst einmal mit einer beschreibenden Darstellung des Themas versucht. Zuerst stoßen wir auf eine Trivialität, die man immer wieder aussprechen muß, weil sie sonst leicht in Vergessenheit gerät: Werte wachsen nicht auf den Bäumen. Sie liegen nicht in der Natur, sondern in der Vorstellung. Ein Wert ist keine Tatsache, sondern eine Tat. Jemand hat geurteilt, daß etwas wert sei - oder nicht. Ein Urteil ist kein Naturereignis, sondern ein logischer Akt. Ein Wert 'ist' nicht, sondern er gilt. Daran ändert sich auch nichts, wenn einer, wie es ja üblich ist, anderer Leute Wertungen als gegeben einfach übernimmt: Urteile bleiben sie doch, auch dann, wenn man sich nichts dabei gedacht hat. 

Sodann fällt auf, daß uns Werte im Leben sozusagen in drei verschiedenen Preisklassen oder in verschiedenen Dimensionen begegnen.

Ästhetik:  Da gibt es zuerst einmal die ganze Spanne zwischen schön und scheußlich, oder das Reich des Geschmacks. Es ist die ästhetische Dimension: Was gefällt oder nicht gefällt, das ist immer ein Urteil; ein wertendes Urteil. Und es gilt immer nur für den, der es getroffen hat. Über Geschmack läßt sich nicht streiten, sagt der Volksmund. Daß sich übrigens in der Wirklichkeit in die Geschmacksurteile oft auch Elemente der persönlichen Neigung und des Interesses einschmuggeln, so daß sie im einzelnen nicht immer klar von einander zu unterscheiden sind, mag verwirren. Aber immer, wenn ich etwas als schön erachte, tritt dabei auch das Gefühl ein, nicht anders zu können: Das ist eben der ästhetische 'Wert', der sich als zwingend geltend macht.

Ethik:  Und zweitens gibt es da die Spanne zwischen dem Anständigen und dem Elenden; das, was sich gehört, und dem, dessen man sich schämen sollte, dem Ehrenhaften und dem Erbärmlichen. Oder, klassisch gesprochen, das Reich von gut und böse. Es ist die ethische Dimension. Auch hier mag irritieren, daß sich ins ethische Urteil regelmäßig Spuren von Leidenschaft einmischen. Das zeigt aber nur, daß es sich bei Wert-Entscheidungen stets um eine sozusagen existenzielle Wahl handelt. Sie 'berühren' den Menschen in allen Bereichen seines Lebens. Kein Wunder, daß sie ihn aufregen.
 
Auch ethische Urteile sind keine Erkenntnisse darüber, wie die Sachen 'sind'; sondern Sätze darüber, wie sie sein sollten. Genauer gesagt, ästhetische Urteile beziehen sich darauf, wie die erscheinende Gestalt einer Sache aussehen sollte, damit sie dem `Begriff' entspricht, den ich mir von ihr mache. (Was es wiederum mit dem Begriff auf sich hat - ob er ein Urteil über das Sein der Sache ist, oder auch wieder nur über ihr Sein-Sollen -, ist erneut ein weites Feld und gehört nicht hierher, wo es erst um die Phänomenologie des Wertens geht.) Ethische Urteile dagegen beziehen sich darauf, was getan werden sollte; genauer gesagt, was ich selber tun soll.

Interesse: Und drittens endlich der `Wert' in seiner prosaischen, in seiner mondänsten Gestalt - als Spanne zwischen dem, was nützt, und dem, was schadet. Es ist das Reich der Interessen. Und zwar, wenn ich mal von meinem privaten Vorteil ab-, und nur auf den 'Vorteil überhaupt', auf den allgemeinen Vorteil hinsehe - ist es die soziale Dimension. Gesellschaft beruht auf gegenseitigem Nutzen; nicht auf Moral. 
 
Es ist nicht nur das Reich der Erzeugung von Nützlichem, sondern auch das Reich seiner Verteilung. Was von dem erzeugten Reichtum dem einen und was dem andern zukommt, ist eine Frage des allgemeinen Vorteils - und wiederum nicht der Moral. Und was wir so unser Recht nennen, ersteht aus dem Erwägen und Aufrechnen von Interessen, nicht aus moralischen Urteilen. Die Annahme, daß das Recht aus der Moral wenn schon nicht herkommt, so doch herkommen sollte, stammt ihrerseits daher, daß alles, was unsern Vorteil berührt, uns leidenschaftlich erregen kann; und wenn wir uns 'ergriffen' fühlen, wähnen wir höhere Mächte am Werk. Doch unsere Interessen sind ganz irdische Mächte.

Paradoxie der Werturteile 
 
Doch im Hintergrund dieser Verwechslung lauert ein wirkliches Paradox. Da ja Werte nicht zerlegt und also nicht abgeleitet, und also auch nicht bewiesen werden können, gilt ein Werturteil immer nur für den, der es fällt. Aber es liegt eben im Charakter des Urteils als dem logischen Akt schlechthin, daß es kategorische Geltung beansprucht, unabhängig von den Bedingungen von Raum und Zeit. Und erst recht unabhängig vom Subjekt. 

Ich kann kein Urteil fällen, wenn ich nicht die Urteilsgründe als schlechthin gültig voraussetzen würde - ganz unbeschadet davon, ob ich sie erkenne oder nicht; und wenn ich nicht alle meine Urteile, sofern sie nur keinen logischen Fehler erkennen lassen, für schlechterdings wahr nähme. Daß ich meinen Wertungen, obwohl es sich 'bloß' um existenzielle Wahl-Akte handelt, zugleich allgemeine Geltung zusprechen muß, die nicht nur mich, sondern auch jedes andere mögliche Subjekt binden sollte, liegt eben an ihrem formalen Charakter als logische Urteile - denn andernfalls könnten sie ja nicht einmal für mich selber gelten: Sie wären bloße Laune.
 
Das Paradox läßt sich nur auflösen, wenn überhaupt das Verhältnis von ‚praktischer' und ‚theoretischer' Philosophie geklärt wird; also ob Wahrheit ein Etwas ist, das ist, oder ein Kanon, der gelten soll. Auch die Logik sei eine praktische Wissenschaft, meinte der Romantiker F. Schlegel, als er noch Revolutionär war. Aber das wäre an dieser Stelle ein zu weites Feld...
  
Recht und Moral 
 
Im moralischen Urteil erwäge ich, was ich mir selber schuldig bin. Im rechtlichen Urteil behaupte ich, was mir die andern schulden; oder, allenfalls, ich ihnen. In der Ethik habe ich es mit dem Bild zu tun, das ich mir von mir selber mache: So bin ich, aber so habe ich zu sein. Beim Recht errechne ich meinen Vorteil. Der Rechtsstaat ist entstanden, weil er dem Wohlbefinden der vielen Einzelnen förderlicher ist als das Naturgesetz des Dschungels.
 
Natürlich mußte erst einmal eine bestimmte Stufe der Zivilisation erreicht sein, damit die Einzelnen sich außer der Frage, was ihnen nützt, auch noch die Frage stellen mögen, was sie von sich zu halten haben. Daß in der Geschichte Recht früher da war als Moral, daß sich die moralische Dimension des Lebens empirisch erst aus dem - zur ‚Sitte' gewordenen - Rechtsgefühl, und also letzten Endes aus dem gesellschaftlichen Verkehr und der ihn bewegenden Nützlichkeit entwickelt hat, ändert nichts daran, daß diese Dimension heute nun einmal da ist.1 
 
Sie ist nicht nur etwas anderes als das Recht, sondern steht in gewisser Weise sogar im Gegensatz dazu. Es gibt Dinge, die sind rechtmäßig, aber sie gehören sich nicht. Es gibt moralische Pflichten, die einen Rechtsbruch gebieten. Eine tragische Figur ist Antigone nur darum, weil die Gesetze der staatlichen Gemeinschaft für die Griechen selber noch sittlichen Wert hatten. Aber sie ist auch schon modern, weil sie nicht einen Moment zweifelt, wo ihre Pflicht ist.*
 
Das Recht gilt allgemein und für alle, ohne Ansehen der Person. Doch was im einzelnen Falle gerecht wäre, ist eine ganz andere Frage. Denn die Forderung nach Gerechtigkeit stammt gar nicht aus dem Recht - dem reicht es, wenn alles seine Ordnung hat - sondern aus der Moral. Allerdings kehrt - in einem buchstäblich übertragenen Sinn - die moralische Dimension in das Recht unter Umständen wieder zurück; wenn nämlich eine ganze Gesellschaft sich die Frage stellt, was sie sich selber schuldig ist; wenn sie ihr Recht bewußt an dem Bilde mißt, das sie von sich gern haben will. Aber das sind politische Fragen, und nicht selber rechtliche. (Und nur eine bürgerliche Gesellschaft kann wirklich politisch sein; und auch nur bei repräsentativer Verfassung.)

Wert und Wahl
 
Es zeigt sich also bei einer näheren Betrachtung der Felder, in denen uns Werte begegnen, daá sie doch irgendwie nicht alle drei ganz auf derselben 'Ebene' liegen, daß Werte irgendwie nicht aus ein und demselben „Stoff“ gemacht sind - der Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit macht es deutlich.
 
Eine Wahl, die aus Interesse getroffen wurde, ist gar kein Werturteil. Ein Urteil wird gefällt - von einem souveränen Richter. Der Vorteil wird ergriffen - von einem subalternen Vollstrecker. Der Vorteil drängt sich auf. Interessen sind aufdringlich.
 
Allerdings sieht es im Erleben des Einzelnen oft ganz anders, nämlich umgekehrt aus. Seinen eigenen Vorteil mag er in aller Ruhe abwägen, wie ein Krämer hinterm Ladentisch, und genau berechnen wie ein Geldverleiher. Aber gerade das Schöne und Erhabene ist es, von dem er mit Macht ergriffen wird, so daß er nur noch Ja! rufen kann. Und tatsächlich bleibt ihm da auch keine andre Wahl. Denn wer einmal erkannt hat, daß es jenseits von Nutz und Gewinn auch noch ein Reich des Guten und des Schönen gibt, der kann nicht mehr anders. Er kann wohl einmal die längst gehabte Erkenntnis beiseite kehren, verdrängen unter einen großen Haufen zweckmäßiger Erwägungen und Lamentationen über das, was er sein Bedürfnis nennt. Aber das schlechte Gewissen, das ihm bleibt, ist der ständige Tribut, den er der Wahrheit zollt: Man kann die Unmoral nicht „wählen“.
 
Interessen liegen im Raum und in der Zeit. Werte liegen jenseits. Was in Raum und Zeit ist, kann sich ändern. Das andere nicht. Werte sind nicht endlich, und darum ja lassen sie sich weder ableiten noch beweisen. Interessen sind endlich und - nur allzu rasch - veränderlich. Darum muß ich sie abwägen, darum muß ich meinen Vorteil berechnen. Aber zu glauben, darum hätte ich meine Interessen gewählt, ist ein selbstgefälliger Trugschluß. Wer nach der Pfeife seiner Interessen tanzt, ist nicht frei. Und wer nicht frei ist, hatte keine Wahl.
 
Nutz und Notdurft 
 
Freiheit ist nicht, wie der Philister glaubt und sein Hoher Priester Hegel ausspricht, Einsicht in die Notwendigkeit. Vielmehr hatte Karl Marx recht: Das Reich der Freiheit beginnt da, wo die notwendige Arbeit endet. Freiheit ist erst dort, wo von den Notwendigkeiten abgesehen werden kann. Das ‚Bedürfnis', die Notdurft, die aus der Natur auf uns kommt, die werden nicht gewählt, die sind uns „gegeben“: als unsere Gouvernanten. Es ist sinnlos, von Werten zu reden, wo Bedürfnisse im Spiel sind, denn da wird nicht geurteilt, sondern pariert. 

Zwar mögen die Menschen sehr geteilter Meinung sein über den besten Weg zu ihrem größten Nutzen - ihrem eigenen oder dem der größten Zahl. Aber das ist letzten Endes eine bloß technische Frage, die sich rein theoretisch entscheiden ließe - wenn die theoretischen Erkenntnismittel nur präzise genug arbeiteten, was aber wiederum auch nur ein technisches Problem ist und kein praktisches der rechten Wahl. 

Recht verstanden, ist der Wert das Gegenteil vom Interesse: Er ist kein Zweck. Der Wert soll um seiner selbst willen sein. Den Zweck verfolge ich um meiner willen. Das Gute und das Schöne haben eins gemeinsam: Sie haben keinen Zweck; sie sind selber Zweck. Sie nützen niemand. Sie sind auch nicht da, um erfüllt zu werden, mehr oder weniger - und danach hat man Ruhe. Sie gelten ganz und gar, oder nicht. Sie sind ein Prüfstein. Das Gute ist das, was schlechterdings geschehen soll, in jedem Moment, und das Schöne ist, nach Kant, was ohne Interesse gefällt. Das Schöne sei die Erscheinung des Guten, meinte der Ästhetiker Schlegel, und der Logiker Wittgenstein sekundiert: Ethik und Ästhetik sind eins. 
 
Die Freiheit, nein zu sagen 

Ist das nicht schon wieder ein Paradox? Wenn wir unserm Bedürfnis nachlaufen, sind wir nicht frei, denn wir hatten es nicht gewählt. Wenn wir aber der Stimme des Gewissens folgen und dem Gebot der Pflicht, wenn wir uns von der Anschauung des Schönen ergreifen lassen, dann haben wir das Gefühl, nicht anders zu können..

Wo ist da die Freiheit? 

Der Mensch ist aus der blinden Gesetzlichkeit seiner Naturbestimmungen heraus- und in das Reich der Freiheit, d. h. das Reich seiner eignen Geschichte eingetreten, als er es gelernt hat, Nein zu sagen. Nein nicht nur zu diesem oder jenem gegenwärtigen Bedürfnis - freilich: so fing es an -; sondern, wenn es sein muß, zum Leben selbst. Wir sind, wie der Phänomenologe Max Scheler das ausgedrückt hat, Asketen des Lebens, weil für uns seine Erhaltung eben nicht oberster und letzter Zweck ist. Wir kennen Werte, an denen das Leben selbst sich messen muß. Wir sind nicht verurteilt, wie die andern Kreaturen, und sind auch nicht bereit, unter allen Umständen weiterzuleben. Es gibt Zumutungen, die wir ablehnen. 

Nun ist ja nicht einmal in der Natur selber die 'Erhaltung des Lebens' das einzig waltende Gesetz, wie die Vulgärdarwinisten glauben wollen. Der Biologe Adolf Portmann hat nachgewiesen, daß schon in der Pflanzenwelt die üppige Vielfalt der Formen nicht hinreichend aus ihrer Funktion für die Erhaltung des Individuums oder seiner Art erklärt werden kann, mit welcher der größere Teil der äußeren Gestaltungen gar nichts zu schaffen hat. Es müsse da eine andere 'Kraft' angenommen werden, die er metaphorisch als 'Drang zur Selbstdarstellung' bezeichnet. Aber natürlich kann die Pflanze nicht gegebenenfalls 'wählen' zwischen dem bloßen Überleben oder dem Erhalt der schönen Form. Sie überlebt, so kümmerlich es sei. Aber schon bei den höheren Tieren kommt es vor, daß sie `lieber sterben', als unter gewissen Bedingungen weiter zu leben.

Alles verkehrt 

Die Idee, daß „das Leben“ nichts weiter sei als ein System nützlicher Verhältnisse zwecks Selbsterhaltung - wobei es ganz gleich ist, ob man sie als 'gegenseitige Hilfe' oder als 'Kampf ums Dasein' auffaßt -, stammt gar nicht, wie Portmann in bemerkenswerter Übereinstimmung mit Marx hervorhebt, aus der Biologie selber; sondern sie ist die Projektion des Bildes von der bürgerlichen Gesellschaft auf „die Natur“! In der Natur ist der Stoffwechsel, oder die Befriedigung der Bedürfnisse, nichts weiter als eine sachliche Bedingung des Lebens. Nicht aber sein Wesen oder Sinn.

Doch in der bürgerlichen Gesellschaft kann es den Anschein haben, als sei der Stoffwechsel der Anfang und das Ziel von Allem; so daß die Auffassung, in der Welt käme alles auf die Bedürfnisse und ihre Befriedigung an, geradezu die bürgerliche Idee par excellence genannt zu werden verdient. Und weil Bedürfnisbefriedigung der Motor der bürgerlichen Welt ist, erscheint sie gleichermaßen als Arbeits- und als Verkehrsgesellschaft. Arbeit ist das Medium, das den Gegenstand erzeugt, dem das Bedürfnis gilt. Und Verkehr ist das Medium, das Bedürfnis und Gegenstand zu einander führt. 

Denn je vielfältiger das Bedürfnis, umso komplexer die Produktion, und umso umfassender die Arbeitsteilung. Es entsteht ein Markt, und mit ihm das Geld - als das allgemeine Mittel, den Fleiß der Menschen gegeneinander zu verkehren, nach Kant, und mit Fleiß meint er nichts anderes als die nützliche Tätigkeit überhaupt: Arbeit. Als dies 'allgemeine Mittel' wird es selbst zum Tauschwert - in den Preisen der Dinge. Und so ist im Tauschwert wiederum, um mit Marx zu reden, der Gebrauchswert der einen Sache im Gebrauchswert der andern Sache dargestellt; die nützliche Tätigkeit des einen in der nützlichen Tätigkeit des andern: Das Geld repräsentiert die Nützlichkeit überhaupt. Sofern aber die nützlichen Tätigkeiten der Menschen immer irgendeinem Bedürfnis gelten - als ihrem Urheber und ihrem Zweck -, so ist schließlich der bürgerliche Reichtum nichts als... der Reichtum an Bedürfnissen.
 
Schlechthinnige Bedürftigkeit ist der Grundcharakter der bürgerliche Welt. Und Arbeit ist ihre wesentliche Tugend. So konnte es nicht ausbleiben, daß - sie selbst als Quell aller 'Werte' aufgefaßt wurde.2 

Erwachsen der Bürgerlichkeit

In den traditionalen Gesellschaften, die der (westlichen) Moderne vorhergehen, ist das Leben des Einzelnen ein großer, in vielfältige Stationen gegliederter Zyklus, wo eine jede Stufe durch ihre eigene Würde, ihre besondern Rechte und Tabus vor den vorangegangenen und nachfolgenden ausgezeichnet ist. Und jedes Individuum, groß oder klein, hat seinen Stand, (zu) dem es gehört: Noch die Unberührbaren Indiens stellen eine Kaste der Kastenlosen vor, ebenso wie die Vogelfreien unseres Mittelalters eine Art Anti-Stand bilden. 

Mit dem Aufkommen der bürgerlichen Arbeits- und Verkehrsgesellschaft hat das ein Ende. Nun verkehren alle miteinander auf dem Markt - und durch das Geld: das macht sie alle gleich. Jedenfalls im Prinzip. Tatsächlich unterscheiden sie sich; aber nur noch quantitativ: Wieviel ein jeder hat vom abstrakten Repräsentanten des allgemeinen Reichtums, das macht vor diesem strengen Tribunal ihre Individualität aus. 

Das Leben hat ein allgemeines Maß gefunden, das es zu erfüllen gilt: teilhaben! Teilhaben an der Arbeitsteilung, teilhaben am Austausch: an der Erzeugung, am Verkehr, an der Konkurrenz, an der Verteilung des Reichtums. In dieser Welt gilt der, der ein Stück vom allgemeinen Arbeitsvermögen in den Händen hält und frei darüber verfügt. Und er gilt so viel, wie sein Stück groß ist.
 
Wer teilhat, gehört dazu; wer nicht, der nicht.

Kinder gehören grundsätzlich nicht dazu. Überhaupt entsteht „Kindheit“ als besondere gesellschaftliche Kategorie erst jetzt: als diejenigen, die noch nicht teilhaben. Die Welt ist zur Bürgerlichkeit erwachsen. Aber die Unerwachsenen sind dadurch Kinder geworden. „Im Leben stehen“ heißt austauschen. Kinder haben - noch - nichts zu tauschen. Sie müssen erst - noch - das Leben lernen. Was in der bürgerlichen Welt gut und wert ist, all das haben sie noch nicht. Und noch haben sie lauter Zeug, das nichts taugt, weil es nicht tüchtig macht. Das Leben ist nun kein Zyklus mehr. Es ist eine gerade Linie, die zu einem Ziel führt.3 

Eine Verkehrung findet statt. Früher gab es Werte. Jetzt hat etwas Wert. Wir sagen noch: verwerten. Aber wir meinen längst: verzwecken.4 

Ein Roman in Prosa 

Anstelle von Werten nur noch Zwecke. Und auch die entpuppen sich, sobald man kratzt, wieder nur als - Mittel. Alles ist nur noch vermittelt, nichts ist mehr einfach, wie es ist. Alles gilt nur „in Hinblick auf...“ Daß damit das Leben viel von seiner Poesie verloren hat, steht außer Frage. Schöne Seelen beklagen die „Entzauberung der Welt“. Jetzt ist alles Prosa. Aber das ist die eigne Sprache des Romans. In der Moderne ist das Leben romanhaft geworden - romanhaft und dramatisch. Das Drama ist, daß der moderne Mensch sein Leben führen muß. Die Vita contemplativa, das bloß ästhetische Anschauen der Welt, reicht ihm nicht. Sie ist ein Luxus für einige wenige Privilegierte geworden. 

Der Normalmensch muß für seine Zwecke kämpfen. Aber das macht die bürgerliche Gesellschaft ja zum großen Moment unserer Geschichte: zu ihrem Wendepunkt, zu ihrer Krisis. Sie öffnet das Tor ins Reich der Freiheit - weil es jetzt seine eigenen Zwecke sind, für die er kämpft. Was er bis dahin für seine Freiheit halten durfte, war immer nur Zierat, Schnörkel am Naturzweck. Mit seiner technischen Mächtigkeit über die Natur, eben jener Verzweckung der Welt, bereitet er sich selbst das Feld seiner freien Wahl: Zwischen den Bedürfnissen kann er wählen, er lernt, nein zu sagen. In einer Welt der Fülle kann er schon absehen, wie sich am Horizont das Reich der Notwendigkeit dem Ende zuneigt. Man kann schon erkennen, wie künftig die Zwecke zu belanglosem Kleinkram verblassen und wie die Werte wieder zum eigentlichen Inhalt des Lebens werden - so wie frher. Früher - das heißt für eine kleine Handvoll von gebildeten Privilegierten; aber künftig für alle: denn die Arbeit machen die Maschinen.
 
Es dämmert uns zunehmend: Wir werden unsere Zwecke rechtfertigen, wir werden uns verantworten müssen. Doch wenn das Ziel am Horizont erscheint, erkennt man erst, wie weit es noch ist - vorläufig schreitet die Rationalisierung alias Verzweckung der Welt munter fort. Es ist noch lange nicht so weit, daß wir uns über unsere Notdurft frei erheben könnten, weil unser Reichtum überfließt.
 
Johann G. Fichte, unter unsern Moralisten als der rigoroseste verrufen, hat es so klar erkannt wie nach ihm Karl Marx: Es ist nicht daran zu denken, daß die Menschen ihr Leben moralisch einrichten, solange sie nicht in der Wirklichkeit so frei sind, wie sie im Geiste sein sollten; nämlich frei von notwendiger Arbeit. 

Die bürgerliche Gesellschaft hat die Erwachsenheit erfunden, den Ernst des Lebens. Das Leben ist zu einer Aufgabe geworden, und im Alltag ist sie so eintönig und grau wie ein Novembermorgen. Und doch ist diese Welt ein einziger Abenteuerroman, lebensgeschichtlich wie epochal. Denn nichts und niemand garantiert, daß wir ans Ziel der Reise gelangen: Wir können Schiffbruch erleiden. Aber das Risiko ist - um im Bilde zu bleiben - umso größer,, je mehr wir das Ziel aus dem Auge verlieren. Es reicht eben nicht aus, die Kunst des Navigierens zu beherrschen, um Kurs zu halten. Man muß schon wissen, wohin es gehen soll.

 Auch ich war in Arkadien

Die bürgerliche Gesellschaft hat die Kinder - weit über das physiologisch gebotene Naturmaß hinaus - von der Arbeit befreit und vom Kampf ums tägliche Brot. Welchen kulturellen Sinn soll der siegreiche säkulare Feldzug gegen die Kinderarbeit gehabt haben, wenn nicht den, sie freizugeben aus den Fesseln allen Zwecks, aller Notdurft, aller Sorge - und den Müßiggang zu ihrem von den Erwachsenen gelb beneideten Los zu machen? So, ständig bedroht von der Langenweile, bleibt ihnen nichts (um wiederum mit Fichte zu reden), als zu bemerken, daß sie einen - Geist haben! Womit anders könnten sie sonst die Zeit füllen? Den betätigten Geist, dem kein Zweck vorsteht, nennen wir Spiel. Der Mensch sei nur da ganz Mensch, wo er spielt, schrieb Friedrich Schiller, als er Fichteaner war5, und Fichte selbst zitiert den „leichten Sinn“ unserer Kinder „für das Zeitliche zum Kronzeugen für seine Ansicht von der sittlichen 'Bestimmung des Menschen'.6 

Die moderne Kindheit ist ein Schonraum, eine Nische, ein Reservat, Gottes kleines Utopia: Hier wird vorgespielt, wie es einst gewesen sein muß im goldenen Zeitalter, und wie es einst wieder werden soll. Aber dieses Spiel ist Theater. Die Zweckfreiheit des kindlichen Spiels ist nur ausgeborgt von den sorgenden Eltern, denen es leibeigen „an“gehört. Eine Freiheit, die man nicht genommen, sondern bekommen hat, ist keine. Und schließlich ist es ein Utopia auf Widerruf. Denn das Kind soll ja - erwachsen. Und nichts wünscht es sich dringender als dies: teilzuhaben am Allgemeinen Zusammenhang wechselseitiger Zweckmäßigkeiten, dabeizusein, mitzumachen wie ein Großer...

Du mußt lernen

Aber dazu muß es lernen: Freiheit ist immer noch Einsicht in die bürgerlichen Notwendigkeiten. Frei wirst du, wenn du arbeitest statt zu spielen. Frei wirst du, wenn du dich emanzipierst - zu einem Philister wie wir. 

Erziehung ist Emanzipation - wenn nötig „kompensatorisch“. Erwachsen ist Sozialisation. Sozialisation ist lernen. Lernen, wie wir miteinander umgehen. Lernen, wie wir mit unseren Bedürfnissen umgehen; wie ich meine Bedürfnisse miteinander sozialisiere zu einem ökologischen Modus vivendi; wie ich sie sozialisiere mit den Bedürfnissen der Philister von nebenan. Du sollst lernen, ein Haushälter zu sein im Innern deiner Physis - gesund und im Einklang mit deiner Natur. Du sollst lernen: unser höchster Wert ist ein Zweck - Erhaltung. Erhaltung meiner und Erhaltung des Allgemeinen Zusammenhangs, gleichviel... 

Folgende Lebenslehre gab eine Lehrerin im bildungspolitischen Musterländle Hessen ihren zehn- bis zwölfjährigen Schülern mit auf den Weg:

Zusammenfassung der Lernziele in Sozialkunde während des 5. und 6. Schuljahres7

1. Ich soll lernen, daß sich ein Außenseiter nur verändern kann, wenn ich sein Spiel nicht mitspiele.
2. Ich soll lernen, daß ich mich nur richtig selbst erkennen kann, wenn ich weiß, was ich von meinem Gefühl wirklich will.
3. Ich soll lernen, daß ich im Zusammensein mit andern ständig verschiedene Rollen spiele. Meine Mitmenschen sehen mich also meistens nur in wenigen Rollen. (z. B. die Mutter in der Rolle des Kindes und des Geschwisters.  

Du sollst lernen, daß Außenseiter sich ändern müssen; sie sollen ja schließlich unser Spiel mitspielen. Du sollst lernen, daß du ein Ökonom bist, der bei `seinem' Gefühl zu Gast wohnt. Frage stets: Was willst du von ihm und was wird es dich kosten? Und bilde dir schließlich nur nicht ein, daß du du selber wärst! Du bist nur ein (sich selbst erhaltendes) abstrakt-indifferentes Energiequantum, das mal in dieser, mal in jener Weise „funktioniert“ - wie ein Dampf im Kessel.
 
Die ersten Kapitel 


Daß wir uns recht verstehen. Das Kind wird erwachsen. Erwachsen zu einem Erwachsenen wie Sie und ich. Das ist nicht nur unvermeidlich, das ist auch richtig. Es ist ja wirklich noch nicht dies und noch nicht das. Aber in jungen Jahren soll es das andere Ufer gesehen haben, damit es dann, zu Kräften gekommen, feste in die Ruder greifen kann. Wie könnten wir als Erwachsene sonst ahnen, wo wir hin sollen?

Ein Mann kann nicht wieder zum Kind werden, oder er wird kindisch. Aber freut ihn die Naivetät des Kindes nicht, und muß er nicht selber wieder auf einer höheren Stufe bestrebt sein, seine Wahrheit zu reproduzieren? Lebt in der Kindernatur nicht in jeder Epoche ihr eigner Charakter in Naturwahrheit auf?  Karl Marx8

Das moderne Leben ist nämlich doch wie ein Roman. Zwar strebt alles einem Ziel zu. Aber auf dem Anfang baut alles auf. Ist der Anfang verpfuscht, macht auch das größte erzählerische Talent keine gute Geschichte mehr daraus.


Reife des Mannes: das heißt den Ernst wiedergefunden haben, den man als Kind hatte, beim Spiel.  Nietzsche9

Kinder sind nicht die besseren Menschen. Sie sind nicht moralischer und nicht ästhetischer gesonnen als die Erwachsenen. Sie haben nur – „noch“! - weniger Interessen, die ihre Werturteile korrumpieren könnten. Aber eine Tugend, die auf fehlender Versuchung beruht, ist ohne Verdienst. Und weder sind ihre moralischen noch ihre ästhetischen Urteile besonders sicher. Auch urteilen will geübt sein. Aber es ist wahr, die Naivität der Kinder freut uns. Es rührt uns, wie sie noch gar nicht ahnen, daß es Interessen gibt, die sich, sobald man darauf reflektiert, vor das Gute und selbst das Schöne drängen. Es rührt und es beschämt uns. Diese Scham ist ein Kathartikon, sie macht den Blick frei zurück nach Arkadien. Da erwacht das Kind im Manne, sagt der Volksmund.7

 
Samson, Philister über dir!


Ein Mann kann nicht zum Kind werden, und man kann das Erwachsen der Kinder nicht aufhalten. Man soll es gar nicht erst wollen. Aber wir haben sie zu Kindern gemacht, damit sie die ersten Kapitel verfassen zum Roman ihres Lebens. In diesen Kapiteln müssen eine Menge Dinge vorkommen, für die nachher keine Zeit mehr ist. Wo, wenn nicht hier, können sie Werte kennen lernen? Wer sich nicht als Kind für das Gute leidenschaftlich hat begeistern können, ohne nach den Folgen zu fragen - wie sollte der im wirklichen Leben Anstand zeigen, wenn es was kostet?! Wer nicht vertraut geworden ist mit dem Schönen, wie soll der ahnen, daß es Werte gibt, die keinem Zweck dienen? Wie soll er die Unbefangenheit finden, mit dem Schönen zu spielen - denn dazu ist es schließlich da?!

Die Pädagogik besorgt das Gegenteil. Je fortschrittlicher, umso gründlicher. Die Entzauberung der Welt wird angeklagt, aber gemeint ist eine Input-Output-Relation: Ein  bißchen Fantasy muß rein zur Erhaltung des inneren Wohlbefindens, zur Wiederherstellung der intrapsychischen Homöostase, denn das braucht der Mensch, wenn er ein gesundes Leben haben will. Gewaltarm muß es hergehen, sonst machen sich Fehlerquellen breit in unserer Naturrechnung wie Viren im Computer. Wir wollen alle viel haben vom Leben, darum müssen wir sparsam umgehen mit der Welt, damit sie länger hält. Es soll alles was bringen – dem Leben nämlich. Bedürfnisse sind der einzige Wert. Alles andere ist lebensfeindlich. 


Das sind Gartenzwerge mit grünen Zipfelmützen, die sich da unsern Kindern anbiedern - um ihren Lebensunterhalt zu erwerben, gesund und sparsam. Da sagen sie denn auch schon mal: Kinder sind die besseren Menschen“, und halten die Hand auf. 

Wem etwas liegt am Fortgang unserer Kultur, der kann die jungen Leute nur warnen vor solcher Kindertümelei. Er wird ihnen zurufen: Samson, Philister über dir! Sie wollen dir deine Locke scheren, um sich selbst damit zu zieren. Sie wollen dir ein Vorbild sein. Sie wollen dich zu ihresgleichen machen. Er wird ihnen sagen: Nehmt euch in acht! Was da glänzt, ist das Gold nicht, das ihr sucht. Ja, lauter nützliche Sachen, gewiß; als da wären Kohle und Kohlköpfe. Doch für sowas hast du später noch genügend Zeit. So wie sie wirst du noch früh genug. Sie lehren dich, Bertolt Brecht wörtlich zu nehmen: Nütze die Jugend nicht, denn sie vergeht! 

In Wahrheit, wird er ihnen sagen, ist es aber so: Wenn du die blaue Blume jetzt nicht siehst, dann findest du sie nie. Denn wenn sie dir später mal begegnen sollte, würdest du sie nicht mehr erkennen.

 

1) Die Anatomie der Menschen ist der Schlüssel zur Anatomie des Affen, oder: Ihren Sinn erhalten die Ursachen erst aus ihren Folgen. 
2) So im Klassischen System der Politischen Ökonomie (Smith und Ricardo). In der Kritik der politischen Ökonomie (Marx) wird dieser Schein zerstreut, der nur dadurch entstehen konnte, daß die Arbeit selbst zur Ware, und so zum Maßstab alles andern Tauschs geworden ist - nachdem das Arbeitsvermögen von den Arbeitsmitteln getrennt war. Die Quelle des (ökonomischen) Werts, als verallgemeinertem Tauschwert, ist das Bedürfnis.
3) Der Tod ist dann nicht mehr Vollendung eines Kreislaufs, sondern Absturz in die Sinnlosigkeit; denn Sinn ist Zweck: der Tod macht alles zwecklos - im Nachhinein. Darum wird der Tod in der brgerlichen Welt tabu.
4) Wert bedeutet ursprünglich Würde. Noch Luther schreibt, wenn er vom gerechten Preis redet: die Wierde. Aber Etymologie ist noch keine Nationalökonomie.
5) im 15. Brief Über die ästhetische Erziehung des Menschen 
6) 2. Rede an die deutsche Nation 
7) unverändert nach dem Text im Diktatheft
8) aus der Einleitung von 1857
9) Jenseits von Gut und Böse, No. 94

*) Modern ist Antigone, indem sie sich selbstverständlich ihr eignes Urteil anmaßt. (2013)



Mittwoch, 4. April 2018

Produktive Einbildungskraft.

Max Ernst  
aus Herbarts Einsicht vom ästhetischen Grund der Erziehung
Das Anschauen, im Gegensatz zum Gefühl,
 ist Tätigkeit. 
J. G. Fichte

Das war das erstemal, daß der Erziehung ein gesellschaftspolitischer Zweck zugemutet wurde, und na- türlich geschah es auf deutschem Boden, in deutscher Sprache. Immerhin, Ort dieser Pädagogik ist der ästhetische Zu- stand, und ihr Medium ist das Spiel – das wär so ein schlechter Ansatz nicht gewesen. Das war es auch nicht, was den von Schiller namentlich in Anspruch genommenen Fichte auf den Plan rief. Erst vor wenigen Monaten hatte er Skandal gemacht, als er – der einzige namhafte Deutsche – die französische Revolution auch nach dem jakobi- nischen Terror noch uneingeschränkt gerechtfertigt hatte.[50] Sollte er sich jetzt als Zeugen für deren Vergeblich- keit aufbieten lassen? Für Schillers Horen verfaßte er eine eigne ästhetische Abhandlung „Über Geist und Buch- stab in der Philosophie“ – die den politischen Streitpunkt nicht hinter dem philosophischen versteckt: Nicht müssen die Menschen erst ästhetisch gebildet werden, um sie zur Freiheit zu befähigen, sondern umgekehrt: Erst müssen sie frei werden – von der materiellen Not zumal, um zu ästhetischer Bildung die Muße zu finden.


„Selbst die Erkenntnis wird zunächst nicht um ihrer selbst willen, sondern für einen Zweck außer ihr gesucht. Mit der Kargheit der Natur haben wir nicht Zeit, bei der Betrachtung der Dinge um uns herum zu verweilen; emsig fassen wir die brauchbaren Beschaffenheiten derselben auf, um Nutzen von ihnen zu ziehen. Das Men- schengeschlecht muß erst zu einem gewissen äußern Wohlstand und zur Ruhe gekommen sein, ehe dasselbe ohne Absicht auf das gegenwärtige Bedürfnis – und selbst mit der Gefahr, sich zu irren – beobachten, bei seinen Beobachtungen verweilen und unter dieser müßigen und liberalen Betrachtung den ästhetischen Eindrücken sich hingeben kann. Wenn es von der einen Seite nicht ratsam ist, die Menschen freizulassen, ehe ihr ästhetischer Sinn entwickelt ist, so ist es von der andern Seite unmöglich, diesen zu entwickeln, ehe sie frei sind; und die Idee, durch ästhetische Erziehung den Menschen zur Würdigkeit der Freiheit und mit ihr zur Freiheit selbst zu erheben, führt uns im Kreise herum, wenn wir nicht vorher ein Mittel finden, in Einzelnen aus der großen Menge den Mut zu erwecken, niemandes Herren und niemandes Knecht zu sein“.[51]


Anders als Schiller hat Fichte nie eines Fürsten Gunst erworben und hat das Proletarierkind nie verleugnet. Die Lehre von den drei Trieben ähnelte zu sehr den tatsächlichen Klassenverhältnissen – die Arbeit den einen, das Denken den andern; dazwischen, spielend überlegen, der Artist. Zweck der Arbeit und wahrer Reichtum war ihm vielmehr „die Muße, die Allen nach vollbrachter Arbeit bleibt“, denn „in dieser Ruhe Eures Körpers werdet Ihr, so Gott will, durch Langeweile genötigt werden, an Euern Geist zu denken, zu bemerken, daß ihr einen habt“, heißt es noch in seinen letzten Vorlesungen.[52] So unterscheidet sich der Sozialrevolutionär vom Höfling. Schiller hat seinen Aufsatz in den Horen nicht gebracht, Fichte mußte ihn Jahre später im Philosophischen Journal selbst veröffentlichen.[53] 

Ein philosophischer Unterschied war auch da. Fichte hatte die wie in erratischen Brocken verstreut daliegende Kant’sche Kritik in der Wissenschaftslehre radikalisiert und zu einem System gebildet. Die Lehre von den Vermögen war eine Halbheit. „Alle besonderen Triebe und Kräfte im Menschen sind lediglich besondere Anwendungen der einzigen unteilbaren Grundkraft im Menschen“ – die indes nicht als eine bio- oder psychologische Tatsache vor uns liegt: Wahrnehmbar ist immer nur ihre jeweilige Wirkung, und „von dieser schließen wir auf die Ursache im selbsttätigen Subjekt zurück, und lediglich auf diese Weise gelangen wir zur Idee vom Dasein jenes Triebes“ – er wird nicht ‚erkannt’, sondern erschlossen.[54] 

„Der Strenge nach ist aller Trieb praktisch, da er zur Selbsttätigkeit treibt, und in diesem Sinne gründet alles im Menschen sich auf den praktischen Trieb, da nichts in ihm ist, außer durch Selbsttätigkeit.“[55] Solange freilich die Notdurft den Menschen an sein Bedürfnis fesselt, zielt der Trieb nur auf die ‚brauchbaren Beschaffenheiten’ der Dinge, und macht bloß  Erfahrung. „Sowie jene dringende Not gehoben ist und nichts mehr uns treibt, den möglichen Geisteserwerb gierig zusammenzuraffen, um ihn sogleich wieder für den notwendigen Gebrauch ausgeben zu können, erwacht der Trieb nach Erkenntnis um der Erkenntnis willen. Wir fangen an, unser geistiges Auge auf den Gegenständen hingleiten zu lassen, und erlauben ihm, dabei zu verweilen; wir betrachten sie von mehreren Seiten, ohne gerade auf einen möglichen Gebrauch derselben zu rechnen; wir wagen die Gefahr einer zweifelhaften Voraussetzung, um in Ruhe den richtigen Aufschluß abzuwarten. Wir wagen es, etwas anzulegen an Versuche, die uns mißlingen können. Es entsteht Liberalität der Gesinnung – die erste Stufe der Humanität. Unter dieser ruhigen und absichtslosen Betrachtung der Gegenstände, indes unser Geist sicher ist und nicht über sich wacht, entwickelt sich ohne alles unser Zutun unser ästhetischer Sinn“ – zunächst noch am Leitfaden der Wirklichkeit. Doch schließlich „erhebt sich denn bald die dadurch zum Geist der Freiheit erzogene Einbildungskraft zur völligen Freiheit. Einmal im Gebiet des ästhetischen Triebes angelangt, bleibt sie in demselben, und stellt Gestalten dar, wie sie gar nicht sind, aber nach der Forderung jenes Triebes sein sollten: und dieses freie Schöpfungsvermögen heißt Geist. Der Geschmack beurteilt das Gegebene, der Geist erschafft. Nur der Sinn für das Ästhetische ist es, der in unserem Innern uns den ersten festen Standpunkt gibt.“[56] 

Den Seins-Urteilen des theoretischen Vermögens gehen die Sollens-Urteile des praktischen Vermögens voran. Dem zu Grunde liegt die Urteilskraft – als das Vermögen der qualifizierenden Anschauung. Sie ist schlechthin produktiv: ihren Stoff und ihre Form gibt sie sich selbst; sie ist einbildend. Alles, was wir vorfinden, begegnet uns als Etwas oder als etwas Anderes. Daß es ist, haben wir nicht bestimmt, aber was es ist; und anders ‚gibt es’ gar nichts.

„Die Einbildungskraft setzt überhaupt keine feste Grenze; denn sie hat selbst keinen festen Standpunkt. Nur die Vernunft setzt etwas Festes – dadurch, daß sie erst selbst die Einbildungskraft fixiert. Die Einbildungskraft ist ein Vermögen, das zwischen Bestimmung und Nicht-Bestimmung, zwischen Endlichem und Unendlichem in der Mitte schwebt.“ Was der reflektierende Verstand als seine Gegenstände vorfindet, ist ihr Produkt: „Sie bringt dasselbe gleichsam während ihres Schwebens und durch dieses Schweben hervor.“ Ohne sie gäbe es für uns keine Wirklichkeit, zu der wir uns verhalten könnten, und insofern ist die Wirklichkeit nicht ‚gegeben’, sondern gemacht. „Im praktischen Felde geht die Einbildungskraft fort ins Unendliche, bis zu der schlechthin unbestimmbaren Idee der höchsten Einheit, die nur nach der vollendeten Unendlichkeit möglich wäre, welche selbst unmöglich ist.“ Nach ihrer äußeren Grenze hin ist die Wirklichkeit daher problematisch. Doch auch von ihrem Grunde her. Die produktive Einbildungskraft ist nichts anderes als die Ichheit selbst, und auch die ist nicht ‚gegeben’, sondern lediglich aus ihren Taten erschlossen: Weil wir wirklich anschauen, müssen wir denken, daß wir es konnten; daß ein Vermögen da war vor der Tat. Aber das ist ein „durch die Spontaneität des Reflexionsvermögens künstlich hervorgebrachtes Faktum“. ‚Wirklich’ ist das Einbilden; das vorauszusetzende ‚Subjekt’ ist ihm nachträglich hinzugedacht. „Das Vorausgesetzte läßt sich nur durch das Gefundne, und das Gefundne läßt sich nur durch das Vorausgesetzte erklären.“[57] 

Das Ich ist keine vorfindliche Substanz; es ‚ist’ überhaupt nur, sofern es einbildet. 

Indes, das alles ist nur Philosophie. Fürs Leben bedeutet es fast gar nichts. Doch gibt es eine Stelle, wo die Philosophie „übergeht“ ins wirkliche Leben, und das ist „die Ästhetik“. Aus dem gewöhnlichen Gesichtspunkt sowohl des Lebens als auch der reellen Wissenschaft erscheint die Welt als gegeben, dem philosophischen Gesichtspunkt erscheint sie als gemacht; „auf dem ästhetischen erscheint die Welt als gegeben, so als ob wir sie gemacht hätten und wie wir sie machen würden.“[58] Und zwar ist das die Stelle, wo sich die schöne Kunst befindet: Diese „bildet nicht, wie der Gelehrte, nur den Verstand, oder wie der moralische Volkslehrer, nur das Herz; sondern sie bildet den ganzen vereinigten Menschen. Das, woran sie sich wendet, ist nicht der Verstand, noch ist es das Herz, sondern es ist das ganze Gemüt. Sie macht den transzendentalen Gesichtspunkt zu dem gemeinen.“[59] Und wer wäre empfänglicher dafür als „unsere eigenen Kinder“, indem ihnen „von Natur ein leichter Sinn beiwohnt für das Zeitliche“! [60] So soll man es auffassen, daß die Philosophie vollendet, nämlich pädagogisch wird. 

Dies sei „eine radikale Künstlerphilosophie“, wurde gesagt. „Und die Romantiker verstanden sie und machten Fichte zu ihrem Propheten.“[61] Die Brüder Schlegel waren in seinen Vorlesungen, auch Novalis und Brentano. Und Hölderlin. „Ich bin überzeugt, daß der höchste Akt der Vernunft, indem sie alle Ideen umfaßt, ein ästhetischer Akt ist, und daß Wahrheit und Güte nur in der Schönheit verschwistert sind“, heißt es im Ältesten Systemprogramm des deutschen Idealismus. „Ehe wir die Ideen ästhetisch, d. h. mythologisch machen, haben sie für das Volk kein Interesse, und umgekehrt: ehe die Mythologie vernünftig ist, muß sich der Philosoph ihrer schämen.“[62]

[50] Der Beitrag zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die französische Revolution waren 1793 zwar anonym erschienen, aber Fichtes Verfasserschaft war ein offenes Geheimnis; in: ders., SW Bd. VI
[51] ders., Über Geist und Buchstab in der Philosophie; SW Bd. VIII, S. 286f.
[52] System der Rechtslehre (1812), SW Bd. X, S. 543; 537
[53] in Bd. IX (1798)
[54] Über Geist und Buchstab…, aaO, S. 278f.
[55] aaO, S. 279
[56] aaO, S. 288-291
[57] J. G. Fichte, Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre, (PhB) S. 136-139; 145
[58] ders., Wissenschaftslehre nova methodo, Hbg. 1982 (PhB), S. 244
59] ders., System der Sittenlehre, SW Bd. IV, S. 353
[60] ders., 2. Rede an die deutsche Nation, SW Bd. VII, S. 287
[61] Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit, Bd. II; Mchn 1948; S. 501
[62] hier zit. nach: Friedrich Hölderlin, Sämtliche Werke, Ffm. 1961; S. 1015f.  Die Verfasserschaft des ‚Systemprogramms’ ist ein echt romantisches Mysterium. Es ist in der Handschrift Hegels überliefert, aber als Autor kommt nur einer in Frage, der unterm Einfluß Fichtes und des Jenaers Kreises stand – also Hegels Zimmernachbarn Schelling oder Hölderlin. 






 

Dienstag, 3. April 2018

Schillers Spieltrieb .

Jeu de paume 
aus Herbarts Einsicht vom ästhetischen Grund der Erziehung
Es gibt keinen andern Weg,
den sinnlichen Menschen vernünftig zu machen,
als daß man denselben zuvor ästhetisch macht.
Schiller

Vermittelnd trat Friedrich Schiller dazwischen. Sein Interesse am Ästhetischen ist von vornherein nicht bloß theoretisch, sondern politisch und pädagogisch. Seine Ästhetische Erziehung des Menschen entstand 1793/94 und rechtfertigt seine Abkehr von der (französischen) Revolution.[38] Die Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft ist ungebrochen, er knüpft weiterhin an Rousseau an: „Die Kultur, weit davon entfernt, uns in Freiheit zu setzen, entwickelt mit jeder Kraft, die sie in uns ausbildet, nur ein neues Bedürfnis,“[39] das uns gefangen nimmt, indem es das System der Arbeitsteilung hervorbringt, das den Menschen vereinseitigt und auf einen bestimmten Beruf festlegt. „Wir sehen  ganze Klassen von Menschen nur einen Teil ihrer Anlagen entfalten, während dass die übrigen, wie bei verkrüppelten Gewächsen, kaum in matter Spur angedeutet sind. Ewig nur an ein einzelnes kleines Bruchstück des Ganzen gefesselt, bildet sich der Mensch selbst nur als ein Bruchstück aus“ und wird dabei „bloß zum Abdruck seines Geschäfts“.[40] Schiller erkennt aber auch den Fortschritt darin: „Die mannig- faltigen Anlagen im Menschen zu entwickeln, war kein anderes Mittel, als sie einander entgegenzusetzen. Dieser Antagonism der Kräfte ist das große Instrument der Kultur. Einseitigkeit in Übung der Kräfte führt zwar das Individuum unausbleiblich zum Irrtum, aber die Gattung zur Wahrheit.“[41] 


Soll nun im Gattungsinteresse das Individuum dazu verurteilt bleiben, „über irgend einem Zwecke sich selbst zu versäumen“? Wenn die Kultur mit ihren Künsten die Verkümmerung der Individuen unausweichlich machte, dann gilt es, durch eine „höhere Kunst“ die Totalität der Person wiederherzustellen.[42] Wer soll das tun, und wie? Die Revolution hatte alle Hoffnung auf den Staat gesetzt, aber die Menschen waren für die Freiheit noch nicht reif, die Republik wurde zur „Tyrannei gegen das Individuum“, bis es sich am Ende gar zur alten Unterdrückung zurück-sehnen mochte![43] 

Der Staat fällt als Mittel der Befreiung aus. Umgekehrt, ein freier Staat wird erst möglich, wenn die Individuen zur Freiheit gebildet sind. „Man müßte also zu diesem Zwecke ein Werkzeug aufsuchen, welches der Staat nicht hergibt.“ Da er selber Künstler war, mußte Schiller nicht lange suchen: „Dieses Werkzeug ist die schöne Kunst.“[44] 

Die Doppelnatur des Menschen, mal Natur-, mal Vernunftwesen, kommt in seiner zwiespältigen Triebstruktur zum Ausdruck: Dem „sinnlichen Trieb“, der auf die Befriedigung der Bedürfinisse in der Zeit gerichtet ist, steht ein „Formtrieb“ gegenüber, der auf die – logische und moralische – höhere Bestimmung des Menschen in der Ewigkeit zielt. Der eine kommt aus dem prallen Leben, der andre reißt ihn über dessen Verstrickungen hinaus. Nur seinem sinnlichen Trieb preisgegeben, bleibt der Mensch eine Art Gemüse. Nur dem Formtrieb verfallen, erstirbt er dem Leben. Doch es gibt ein Drittes, „in welchem beide verbunden wirken“: der Spieltrieb. [45] Der Gegenstand des sinnlichen Triebs heißt Leben, der des Formtriebs heißt Gestalt; „der Gegenstand des Spieltriebs wird also lebende Gestalt heißen können – ein Begriff, der allen ästhetischen Beschaffenheiten der Erscheinung und dem, was man in weitester Bedeutung Schönheit nennt, zur Bezeichnung dient“.[46] Im Spiel sind beide Naturen des Menschen zwanglos vereint, indem „gerade das Spiel und nur das Spiel es ist, das ihn vollständig macht und seine doppelte Natur auf einmal entfaltet. Mit dem Angenehmen“ – dem Gegenstand des Bedürfnisses, – „mit dem Guten und Vollkommenen“ – dem Gegenstand des Formtriebs – „ist es dem Menschen nur ernst“, und wer kann das aushalten? „Aber mit der Schönheit spielt er. Der Mensch soll mit der Schönheit nur spielen, und er soll nur mit der Schönheit spielen. Er spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“[47] 

Dann – mit dem 19. Brief – bricht Schiller seinen Gedankengang plötzlich ab. Soeben hat er Fichtes „Wissenschaftslehre“ gelesen.[48] Die beiden ‚Triebe’ läßt er nun beiseite, als legten sie einander brach: „Die Entgegensetzung zweier Naturnotwendigkeiten gibt der Freiheit ihren Ursprung”! Seither gibt es „in dem Menschen keine andere Macht als seinen Willen“. Jene „mittlere Stimmung“, wo die Triebe verstummen und der Mensch in seinen ursprünglichen „negativen Zustand der bloßen Bestimmungslosigkeit“ zurückkehrt, diesen „Zustand der realen und aktiven Bestimmbarkeit“ muß man „den ästhetischen heißen“. „In dem ästhetischen Zustand ist der Mensch also Null“, nämlich „an Inhalt völlig leer“, und findet sich in der Freiheit wieder, „aus sich selbst zu machen, was er will. Das Vermögen, welches ihm in der ästhetischen Stimmung zurückgegeben wird“, ist „als die höchste aller Schenkungen zu betrachten“, und es ist „nicht bloß poetisch erlaubt, sondern auch philosophisch richtig, wenn man die Schönheit unsre zweite Schöpferin nennt.“[49]


[38] Über die ästhetische Erziehung des Menschen. In einer Reihe von Briefen, zuerst erschienen in Schillers Zs. Horen; hier zit. nach: Fr. Schiller, Ausgewählte Werke Bd. 6, Stuttgart 1950 (Cotta) 
[39] ebd, S. 250 
[40] ebd, S. 252f. 
[41] ebd., S. 257 
[42] ebd, S. 259 
[43] ebd, S. 259-261 (7. Brief) 
[44] ebd, S. 263 
[45] ebd, S. 285 
[46] ebd, S. 287 
[47] ebd, S. 290f. 
[48] Fichtes Grundlagen der gesamten Wissenschaftslehre erschienen seit dem Frühjahr 1794 bogenweise als Handschrift für seine Zuhörer. Neu: Hamburg 1979 (PhB); auch in: Fichte, Sämtliche Werke Bd. I, Berlin 1971. – Beide waren Professoren in Jena, Schiller für Geschichte, Fichte für Philosophie. 
49] Schiller aaO, S. 305-310  



 

Montag, 2. April 2018

Die Entdeckung des Ästhetischen.

Antje Wagler
Es gibt keine Wissenschaft
des Schönen, sondern nur Kritik.
Kant
Einer der ersten und eifrigsten Hörer Fichtes war Johann Friedrich Herbart [22] gewesen. Er hatte zu seinem engeren Kreis gehört, der Jenenser Gesellschaft freier Männer. Von seiner Philosophie hat er sich bald abgewandt, aber seinem Weg zu Pestalozzi ist er gefolgt. Er wurde Hauslehrer in Bern, und die Freude daran hat ihn fürs Leben geprägt. Bei seiner ersten pädagogischen Schrift handelt es sich um einen Kommentar zu Pestalozzis Idee eines ABC der Anschauung.[23] Im Anhang zu deren 2. Auflage 1804 formuliert er, bevor er noch die Allgemeine Pädagogik ‚aus dem Zweck der Erziehung abgeleitet’ hatte,[24] seine pädagogische Grundeinsicht, die seither hätte Epoche machen sollen und es künftig sicher tut: Das Hauptgeschäft der Erziehung ist die ästhetische Darstellung der Welt.[25] So schräg das noch heute klingt, so bieder lautet aber der erste Satz seiner Abhandlung: „Man kann die eine und ganze Aufgabe der Erziehung in dem Begriff Moralität fassen“. Die Aufgabe – Moralität; das Geschäft – ästhetische Darstellung? Einen dieser Begriffe, oder alle beide, muß Herbart wohl in einem sehr eignen Sinn verwenden. 
 

‚Ästhetik’ ist, wie ‚Bildung’,[26] eine typisch-deutsche Prägung. Sie wurde von A. G. Baumgarten eingeführt. Das Werk, das diesen Titel trägt,[27] ist ein charakteristisches Produkt der Wolff’schen Schule: Wörter werden durch Wörter bestimmt. Ästhetik wird, der griechischen Wurzel gemäß,[28] als Wissenschaft des sinnlichen Erkennens definiert, aber darunter sind sowohl die Theorie der schönen Künste als auch die „untere Erkenntnislehre“, das Wissen von den Sinnesreizen gefaßt, und diese Vieldeutigkeit blieb den ästhetischen Debatten bis heut erhalten. Kant hat das Ästhetische in seine kritische Erkenntnistheorie aufgenommen und in Gestalt der Urteilskraft als eine Art Mittelglied zwischen das theoretische Vermögen (das auf Erkenntnis des Seienden gerichtet ist) und das praktische Vermögen (das ‚aus Freiheit’ postuliert, was sein soll) geschoben;[29] ohne daß immer klar würde, ob es sich dabei um ein selbständiges Drittes handelt oder um einen Übergang oder um eine Schnittmenge. Oder womöglich um die höhere Einheit? (So hat Fichte sie genommen.)

„Urteilskraft ist das Vermögen, das Besondere als enthalten unter dem Allgemeinen zu denken.“[30] Was ist daran ästhetisch? Ästhetisch wird es, wenn das Allgemeine als der Zweck, als die höhere Bestimmung des Besondern aufgefaßt wird: „Schönheit ist Form der Zweckmäßigkeit eines Gegenstandes, sofern sie, ohne Vorstellung eines Zwecks, an ihm wahrgenommen wird.“[31] Schönheit ist Zweckmäßigkeit ohne Zweck; oder schön ist, was als Zweck seiner selbst erscheint – und so gerät das Ästhetische in ganz intime Nähe zum ‚Sinn der Welt’! Denn immerhin erscheint unserm theoretischen Verstand die ganze Natur „so, als ob“ sie zweckmäßig eingerichtet sei; so, daß immer eins genau zum andern paßt; so, als ob sie nach einem Plan gemacht ist.[32] 


Das ist zunächst einmal eine nützliche Fiktion, wenn es darum geht, die Dinge der Welt industriell brauchbar zu machen, und rechtfertigt sich durch den Erfolg. Aber abgesehen davon? Abgesehen davon erscheint die Zweckmäßigkeit der Welt ohne Zweck. Es ist eine ästhetische Idee, die unserer Umgangssprache als Sinn geläufig ist. „Unter einer ästhetischen Idee aber verstehe ich diejenige Vorstellung der Einbildungskraft, die viel zu denken veranlaßt, ohne daß ihr doch irgend ein bestimmter Gedanke, d. h. Begriff adäquat sein kann, die folglich keine Sprache völlig erreicht und verständlich machen kann.“[33] Die Einbildungskraft ist nämlich das „produktive Erkenntnisvermögen“, ihr Geschäft ist die „Schaffung gleichsam einer andern Natur aus dem Stoff, den ihr die wirkliche gibt.“[34] Die andere, unstoffliche, überwirkliche ‚Natur’, das ist die Welt des Sinns; des moralischen, des ästhetischen – gleichviel: „Das Schöne ist das Symbol des Sittlichen.“[35] 

Die Kritik der Urteilskraft war ein Nachzügler, die dritte der Kritiken, und führte den Autor zu Ergebnissen, die er nicht erwartet hatte. Den erwähnten Halbheiten und Widersprüchen fügte sie das ihre hinzu. Die obige Darstellung ist nicht bloß eine Raffung, sondern eine Interpretation. Andere sind möglich; ob sie aber schlüssiger wären? Diese hier tut dem Geschmack des Autors immerhin keine Gewalt: hatte er doch seinen Abfall vom Wolff-Leibniz’schen System mit den Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen[36] eingeleitet, wo er sich – halb versuchsweise und tändelnd – an die Kunst- und Schönheitsmetaphysik des Grafen Shaftesbury anschloß.[37] Jedenfalls wurde die Kritik der Urteilskraft zu so etwas wie der Geburtsakte von Romantik und ‚Wissenschaftslehre’.

[22] dt. Philosoph und Psychologe, 1776-1842 
[23] (1803) Herbart, Sämtliche Werke (Hg. Hartenstein) Bd. 11, Hbg./Lpzg. 1892 
[24] ders., Allgemeine Pädagogik, aus dem Zweck der Erziehung abgeleitet (1806) in: aaO, Bd. 10, 1891; neu u. a.: (Hg. Holstein) Bochum 61983 
[25] Über die ästhetische Darstellung der Welt als das Hauptgeschäft der Erziehung, 
[26] Die Unterscheidung zwischen Bildung und Ausbildung gibt es nur im Deutschen; sie stammt, nicht dem Wort, aber dem Sinn nach, von Fr. I. Niethammer (s. Anm. 18) 
[27] Alexander Gottlieb Baumgarten, Aesthetica, 2 Bde. Ff/O 1750/58 
[28] gr. aísthesis, Sinneswahrnehmung 
[29] Kritik der Urteilskraft in: Kant, Werke (Hg. Weischedel) Bd. 6, Ffm. 1968 
[30] ebd, S. 87 
[31] ebd, S. 155 
[32] ebd, S. 89. – Heute kommt uns die Natur eher als ein Reich der Vergeudung vor, wo auf 1000 Versuche kaum 1 Treffer gelingt. 
[33] ebd, S. 249f. 
[34] ebd, S. 250 
[35] ebd, S. 297 
[36] (1764) in: aaO, Bd. 2, S. 823-884 
[37] Anthony Ashley-Cooper, Earl of Shaftesbury (1671-1713); trug seine Philosophie in dichterischer Form vor; wurde von Francis Hutcheson (1694-1746) systematisiert: An den knüpft Kant an.  

Sonntag, 1. April 2018

Émile und die Kopernikanische Wende.

Als Doktrin scheint Philosophie garnicht nötig,
sondern als Kritik.
Kant
 
Und dann kam Émile. Immanuel Kants Kritiken gehen unmittelbar auf diesen Anstoß – nein: auf diesen Stoß zurück. Die Aufklärung wandte sich auch hier gegen sich selbst. Kant hatte Jahrzehnte lang selber das Wolff’sche System gelehrt; unzufrieden zwar mit seinen schwachen Gründen, aber wo war die Alternative? Bei Rousseau hat er den Anhaltspunkt gefunden, auf dem die Vernunft neu bauen konnte: das ‚transzendentale Ich’ und seine Freiheit.[15] Das war die „kopernikanische Wende“ der Philosophie, die sich seit Descartes angebahnt hatte: Nicht die Äußerungen eines objektiv Seienden sind Ursache unseres Wissens, sondern die eigenen Leistungen eines Subjekts, dem nichts Gegebenes selbstverständlich ist und das sich seiner guten Gründe auf Schritt und Tritt immer wieder versichern muß. Kants Kritiken schlugen in Deutschland ein wie zuvor der Émile in Europa. Eine systematische Gesamtdarstellung seiner Philosophie ist ihm nicht mehr gelungen, sein Werk liegt in Einzelteilen und Bruchstücken vor.

Halbheiten und Widersprüche blieben da nicht aus und haben sogleich den lebendigsten Teil der akademischen Jugend zum Selberdenken angespornt. Ausgerech-net für die Pädagogik hatte Kant aus seiner Freiheitslehre am wenigsten Konsequenzen gezogen. In seinen eignen Vorlesungen[16] macht er sich zum Echo seines gehässigen Erzfeindes Herder: „Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung. Er ist nichts, als was Erziehung aus ihm macht.“[17] 

Die Radikalen unter Kants Anhängern hatten sich um das Philosophische Journal gesammelt, das seit 1795 von Friedrich Immanuel Niethammer, seit 1797 gemeinsam mit Johann Gottlieb Fichte herausgegeben wurde und seinen größten Ruhm, aber auch sein Ende im Atheismusstreit des Jahres 1798/99 finden sollte. Das war die erste wissenschaftliche Publikation, die theoretische Fragen der Pädagogik in Eigenbeiträgen sowohl wie in Rezensionen und Literaturberichten regelmäßig behandelt hat. Dort wurde (m. W. erstmals) aus der offenkundigen Spannung zwischen ‚Freiheit’ und ‚Erziehung’ die Notwendigkeit abgeleitet, Pädagogik zu einer systematischen Wissenschaft zu entwickeln.[18] 

Das neue Interesse an Pädagogik war nicht nur philosophisch. Die geistige Situation Deutschlands wurde durch ein Phänomen geprägt, dessen Spuren wir bis heute tragen: das Aufkommen eines „akademischen Proletariats“ – Sturm und Drang und die Romantik wären ohne das gar nicht denkbar. 

Die deutschen Universitäten entließen weit mehr Absolventen, als das bürgerlich unterentwickelte Land gebrauchen konnte. Die erste Station auf dem Weg des Jungakademikers in eine öffentliche Anstellung – oder in die Verlumpung – war regelmäßig der Posten eines Hauslehrers. Weder Kant noch Hegel blieb sie erspart, und Hölderlin hat sie um den Verstand gebracht. Doch Fichte hatte etwas daraus gemacht. Er war in die Schweiz gegangen und hatte die Gelegenheit genutzt, um die Bekanntschaft Pestalozzis zu suchen. Auf dem Höhepunkt des Atheismusstreits konnte er daher schreiben, eine Philosophie sei „nicht eher vollendet, bis sie pädagogisch wird“.[19] Oder anders, nur als vollendete Philosophie ist Pädagogik zu vertreten! 

Freilich nicht als eine positive Lehre, deren einzelne Sätze als Verhaltensregeln taugen. „Unser philosophisches Denken bedeutet nichts und hat nicht den mindesten Gehalt. Und es ist nicht einmal Mittel, das Leben zu bilden. Es ist lediglich Mittel, das Leben zu erkennen.“ Der Philosophie „Hauptnutzen ist negativ und kritisch. Ihr Einfluß auf die Gesinnung des Menschengeschlechts ist, daß sie ihnen Kraft, Mut und Selbstvertrauen beibringt, indem sie den Menschen auf seine eignen Füße stellt.“[20] In der Erziehung geht es darum, „die innere Kraft des Zöglings nur zu entwickeln, nicht aber ihr die Richtung zu geben. Die Erziehung muß sich erst bescheiden, mehr negativ zu sein als positiv; nur Wechselwirkung mit dem Zögling, nicht Einwirkung auf ihn.“[21] 


[15] s. Ernst Cassirer, Kant und Rousseau in: ders., Rousseau, Kant, Goethe, Hbg. 1991 (PhB) 
[16] die so ‚eigen’ allerdings nicht waren; er folgte dabei den Lehrbüchern anderer Autoren. Sie dürften auch vor dem Erscheinen der Kritiken entstanden sein. 
[17] Immanuel Kant, Über Pädagogik, Werke (Hg. Weischedel), Bd. XII, S. 699 
[18] Herr Ritter: Kritik der Pädagogik zum Beweis der Notwendigkeit einer allgemeinen Erziehungswissenschaft in: Philosophisches Journal, Bd. VIII., 2. Heft (Jena 1798); bei dem Verf. handelt es sich wohl nicht um Johann Wilhelm R., der sich damals in Jena aufhielt und dem Kreis um Fichte und die Romantiker angehörte. – Der Herausgeber Niethammer selbst wurde mit dem Pamphlet Der Streit des Philanthropinismus und der Humanismus in der Theorie des Erziehungs-Unterrichts (1808; neu: Weinheim 1968) zum Begründer des sog. Neuhumanismus, der dann das deutsche Gymnasium beherrschte; da hatte er sich von der kritischen Philosophie schon abgewandt. 
[19] Rückerinnerungen, Antworten, Fragen (März 1799) in: J. G. Fichte, Gesamtausgabe, II. Abt. (Nachlaß) Bd. 5; Stuttgart 1979, S. 125 
[20] ebd . S. 118; 122f. 
[21] J. G. Fichte, Zweite Einleitung in die Wissenschaftslehre in: Philosophisches Journal, Bd. VI (1797); neu:
Sämtliche Werke Bd. I, Berlin 1971, S. 507