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Donnerstag, 2. November 2017

Bayern, ein Bollwerk gegen die pädagogische Reaktion.

Ganztageschule
aus Süddeutsche.de,Essen in der Mensa und danach wieder Unterricht - in Bayern ist das die Ausnahme.
 
Bayern ist Schlusslicht bei Ganztagsschule


  • In keinem Bundesland gibt es weniger Kinder in Ganztagsklassen als in Bayern.
  • Die Staatsregierung hat bereits vor vier Jahren geplant, dass bis 2018 jedes Kind bis 14 Jahre einen Ganztagssplatz bekommen soll.
  • Die SPD fordert ein Umdenken und neue Ansätze, um den Ausbau voranzutreiben, außerdem will sie einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz.

  • Von Anna Günther
     
    Geht es um den Ganztagsunterricht, belegt Bayern meist hintere Plätze in den Ranglisten der Bildungsforscher. Zuletzt präsentierte die Bertelsmann-Stiftung ihr Gutachten: Bayern ist mit 16 Prozent der Kinder in Ganztagsklassen letztes unter den Bundesländern. Das Kultusministerium kontert stets mit dem vielfältigen Angebot im Freistaat und dem Ausbau nach Bedarf. Nun aber zeigen die blanken Zahlen, was Rankings lange andeuteten:

    Nur 2813 Schüler an den 322 staatlichen Gymnasien besuchten im vergangenen Schuljahr den gebundenen Ganztag, das sind 1,4 Prozent. Zum aktuellen Schuljahr kamen zwei Schulen mit gebundenem Ganztag dazu. Bei den 238 Realschulen sind es sogar nur 1,3 Prozent, also 2150 Mädchen und Buben. Die Mittelschulen kommen auf 18,2 Prozent der Schüler, Grundschulen auf 6,4 Prozent. Dies gab das Kultusministerium nun auf eine Anfrage der Landtags-SPD bekannt.
     

    Die Fraktion fordert ein Umdenken und neue Ansätze, um in Bayern den Ausbau des echten Ganztagsunterrichts voranzutreiben. Darunter verstehen der bildungspolitische Sprecher Martin Güll und die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Simone Strohmayr den gebundenen Ganztag, also Unterricht von acht bis 16 Uhr. In dieser Zeit wechseln sich Stoff wie Mathe, Biologie und Deutsch mit entspannteren Phasen wie Sport oder Freiarbeit ab.

    Wenn die Kinder heimgehen, sollten alle Hausaufgaben erledigt sein. Beim Blick auf die Zahlen fällt auf, dass viele Landkreise und kreisfreie Städte gar keine Ganztagsklassen anbieten. In der Oberpfalz besuchen 0,5 Prozent der Gymnasiasten eine Ganztagsklasse, in Oberbayern sind es 0,9 Prozent.


    Spitzenreiter ist Unterfranken mit 2,7 Prozent. Außerdem gibt es an staatlichen Gymnasien meist nur bis zur 7. oder 8. Klasse Ganztagsunterricht, an Realschulen in der Regel nur bis zur 6. Klasse.

    Und nun halten Sie sich fest, nachem alle andern Rechtfertigungen der Zwangstagsschule widerlegt sind, fällt den Unentwegten die... na was wohl? Richtig: die Hirnforschung ein!
     
    "Das System Halbtagsschule funktioniert aber nicht mehr", sagt Güll. Das zeigten Erkenntnisse der Hirn- forschung: Das Gehirn könne Gelerntes besser verarbeiten, wenn sich Kinder zwischenzeitlich bewegten. Für viele sei es unmöglich, sich sechs Stunden lang zu konzentrieren.

    Der gesunde Menschenverstand sprendet Beifall: Genau! Sechs Stunden sind zuviel, und die Pausen sind viel zu kurz. Doch ein solcher waltet nicht bei den Experten, sie stellen's auf den Kopf: Wir verlängern, statt zu verkürzen!

    Dass Sozialdemokraten und Bertelsmannstiftung aber vorgeschlagen hätten, die Schule nach Kaffeepause und Abendbrot bis in den Abend auszudehnen und nach dem Nachtschlaf dann mit dem Frühsport morgens um sieben geleich weiterzumachen, ist aber ein Gerücht, das mir die Redaktion auf Anfrage nicht bestätigen wollte.

    Als die Bertelsmann-Studie öffentlich wurde und das Kultusministerium wie üblich reagierte, reichte die CSU-Landtagsfraktion einen Antrag für eine familiengerechtere Arbeitswelt ein. Inbegriffen ist darin, dass man sich bei den Kommunen für bessere Betreuung in den Randzeiten einsetzen werde. Kurz darauf lehnte die CSU den SPD-Antrag für besseren Ganztag im neuen G 9 ab.

    Wenn alle andern in Deutschland den Irrsinn mit System betreiben, ist auf die alte bairische Liberalität gottlob noch immer Verlass.
    JE


    Donnerstag, 19. Oktober 2017

    Ich und mein Bedürfnis oder die Sache selbst.

    R. Doisneau 
    aus Süddeutsche.de, 19. 10. 2017

    In der Süddeutschen schreibt Sebastian Herrmann heute über ein Experiment von Psychologen um Rachel White von der University of Pennsylvania, von dem die aktuelle Ausgabe des Fachmagazins Child Development berichtet. Die Frage war: Wie kann man schulpflichtige Kinder dazu bewegen, sich auf ihre langweiliegen Hausarbeiten zu konzentrieren?

    Die Psychologen untersuchten für ihr Experiment das Durchhaltevermögen von fast 200 Kindern im Alter von vier oder sechs Jahren. Die kleinen Probanden mussten eine langweilige Aufgabe erledigen, durften sich dabei aber, so oft sie wollten, ablenken und ein Computerspiel spielen. Letztlich ging es in dem Experiment darum, die Wirkung von Selbstdistanzierung zu überprüfen.

    Aus vielen Studien mit Erwachsenen ist bekannt, dass diese bessere Selbstkontrolle haben, wenn sie quasi wie eine dritte Person von außen ihr Verhalten reflektieren. Diesen Mechanismus wandten die Forscher nun auf Kinder an. Wenn diese sich laut fragten (wozu sie aufgefordert wurden): "Bin ich ein guter Helfer?", dann ließen sie sich besonders leicht von ihrer langweiligen Aufgabe ablenken. Sprachen die Kinder hingegen mit vollem Namen in der dritten Person von sich, blieben sie deutlich länger bei der Sache. Die größte Ausdauer aber hatten die Kinder, wenn sie sich zum Beispiel ein Batman-Kostüm anziehen durften und sich laut fragten: "Ist Batman ein guter Helfer?"
     
    Die Psychologen mutmaßen, dass sich die Kinder damit besonders effektiv von ihrem Selbst distanzieren konnten und auf diese Weise die Aufmerksamkeit von den eigenen Begierden (Computerspiel) ablenkten. Erwachsenen, das ist gut belegt, gelingt es schließlich auch besser, für andere Menschen Entscheidungen zu treffen, als das eigene Gedankenkuddelmuddel zu einem Ziel zu führen. 

    In anderen Studien haben Forscher beobachtet, dass Kinder bei Rollenspielen zum Beispiel vergleichsweise lange imstande sind, auf eine Belohnung zu warten - wahrscheinlich, weil sie die Perspektive ihres fiktiven Charakters einnehmen. Und Batman jammert bestimmt nicht rum, wenn er langweilige Hausgaben machen muss, der macht das einfach, ist ja schließlich ein Superheld. ...


    Nota. - Was die Sache selber betrifft, wäre es sicher zweckmäßiger, eine Untersuchung anzustellen, wie es Lehrern gelingt, Hausaufgaben so zu stellen, dass sie nicht langweilig sind.

    Darüber hinaus lehrt aber das Experiment, dass wir uns umso mehr auf eine Sache konzentrieren können, je entschiedener wir von uns selber absehen. Anders gesagt: Ein nicht geringer Teil der Probleme in unserm Bildungssystem könnte sich von selbst erledigen, wenn es gelänge, die Spuren von einem halben Jahrhun- dert "lernen, wie wir mit unseren Bedürfnissen umgehen", aus den Hirnen der Pädagogen zu tilgen.
    JE

    Montag, 4. September 2017

    Ausschlafen!

    aus Der Standard, Wien, 1. September 2017, 06:00

    Um acht Uhr in die Schule: 
    Beginnt der Unterricht zu früh?
    Viele Kinder können sich in der Früh noch nicht konzentrieren. Der Grund: Sie sind chronobiologisch gesehen Spätstarter. Sollte die Schule erst später beginnen?

    Am kommenden Montag heißt es wieder früh aufstehen, zumindest für die schulpflichtigen Kinder in Niederösterreich, Wien und im Burgenland. Denn: Der Unterricht beginnt in den meisten Klassen um acht Uhr. Das ist jahrzehntelange Praxis, die zu einem ungeschriebenen Gesetz wurde, obwohl Schulen den Unterrichtsstart autonom nach hinten verschieben könnten.

    Chronobiologisch werden Menschen in nachtaktive "Eulen" und frühaufstehende "Lerchen" unterteilt. Ob jemand eher morgens oder abends zur Höchstform findet, ist grundsätzlich angeboren. Im Teenageralter ähnelt der Schlafrhythmus aber verstärkt jener von "Eulen". Der Wissenschaft zufolge würden deshalb etwa 70 Prozent der Jugendlichen von einem späteren Unterrichtsbeginn profitieren.

    Die meisten Hirn- und Schlafforscher sind sich einig: Ideal wäre ein Unterrichtsbeginn erst um neun oder zehn Uhr. Das haben Studien gezeigt. Eine Untersuchung an einer US-Highschool in Rhode Island kommt etwa zu dem Ergebnis, dass selbst Schüler, die morgens nur eine Viertel- oder halbe Stunde länger schlafen können, psychisch besser drauf sind. Schule und Beruf vereinbaren

    Wer gegen seine "innere Uhr" lernt und arbeitet, ist nicht nur weniger produktiv, sondern riskiert auch gesundheitliche Probleme. Chronischer Schlafmangel kann Wachstumsstörungen, Fettleibigkeit und Depressionen fördern, betonen Forscher.

    In Schweden und Großbritannien hat die Politik schon vor Jahren reagiert. Die Schulen beginnen dort erst um neun Uhr. Besonders Kinder zwischen sechs und zehn Jahren sind dadurch leistungsfähiger, so das Argument. Ein nicht zu unterschätzendes Problem dabei: Der "Eulenmodus" lässt sich häufig nur schwer mit dem Berufsleben der Eltern vereinbaren.

    Samstag, 13. August 2016

    Jungens stark machen.

    .
    aus Süddeutsche.de, 12. August 2016, 09:16 Uhr

    Wie Jungen zu Mobbingopfern und dann zu Tätern werden

    Seit dem Amoklauf in München wird wieder mehr über Mobbing gesprochen. Vor allem viele Jungen reagieren auf Kränkungen mit totalem Rückzug oder Aggression.

    von Wolfgang Schmidbauer

    In der Verbindung mit dem Gespenst des Schüler-Amoklaufs hat der Begriff des Mobbing neue Aktualität gewonnen. Viele Täter, so heißt es, seien Mobbingopfer gewesen. Der junge Mann, der in München neun Menschen erschoss, wurde laut Berichten von Mitschülern schikaniert. Sie urinierten auf seine Kleider, misshandelten ihn, nahmen ihm Sachen weg.


    In der Verhaltensforschung wird mit Mobbing die feindselige Reaktion von Tieren in Gruppen beschrieben. Krähen "mobben" die Eule oder die Katze, die sich ihrer Kolonie nähert, indem sie krächzen und Drohangriffe fliegen. Hühner "mobben" das hinkende, das räudige Huhn. 


    Wer die Gefühlsmischungen menschlicher Mobber untersucht, findet die Szene aus der Tierbeobachtung durchaus triftig: Wer mobbt, tut es meist, weil das Opfer seine Erwartungen nicht erfüllt. Es sind primitive Erwartungen, nicht unbedingt niveauvoller als die des Huhns, das den hinkenden Artgenossen hackt: Gemobbte "stören", sie "passen nicht zu uns", sie sollen verschwinden oder müssen passend gemacht werden. 


    Frühe soziale Beziehungen prägen das Verhalten in der Schule 

    Aber dieses Modell mit seiner schlichten Zweiteilung von Tätern und Opfern wird der Realität selten gerecht. Ob ein Kind befriedigende soziale Beziehungen aufbauen kann oder nicht, hängt von Regelkreisen ab. In der Begegnung mit einer Gruppe beleben sich frühe Erfahrungen. So ist es wichtig, ob sich das Kind in seinen frühen Beziehungen erwünscht und "interessant" gefühlt hat. Es wird sich dann später auch in der Schulklasse für die anderen Kinder interessieren und auf diese zugehen. 


    Waren die frühen Beziehungen von Feindseligkeit geprägt, wird ein Kind eher auch die Mitschüler fürchten, sich zurückziehen, Halt in der Anpassung an die Lehrer suchen, andere kritisieren oder verpetzen. Solche Gefühle von Kindern sind nicht zwingend von den Eltern bestimmt. Geschwister und Spielkameraden spielen eine ebenso wichtige Rolle. 


    Angst und Agression wecken Gegenaggression 


    Die Gefahr eines negativen Regelkreises wächst, je öfter er durchschritten wurde. Wer anderen ohne Charme, mit einer Mischung aus Angst und Aggression begegnet, wird sich nicht beliebt machen, findet keinen Schutz in der Gruppe und weckt Gegenaggressionen. Zu Beginn unserer seelischen Entwicklung können wir Kränkungen nicht ohne heftige Reaktionen von Angst, Wut und Zerstörungswünschen verarbeiten. Die menschliche Kinderstube sollte ebenso wie die Schule dazu beitragen, solche primitiven Reaktionen zu neutralisieren und angemessenere Umgangsformen zu entwickeln. 


    Eltern und Erzieher stehen dabei von zwei Seiten unter erheblichem Druck: Sie müssen ihre eigenen Kränkungsreaktionen disziplinieren, können die körperliche Überlegenheit des Erwachsenen nicht mehr ausspielen. Damit geht eine elementare Führungskompetenz verloren, die nur unter günstigen Umständen angemessen ersetzt werden kann. 


    Gesetze helfen ihnen dabei wenig. Eine menschlich hochstehende Pädagogik per Vorschrift durchzusetzen, offenbart eine typische Schwäche der Moderne. Sie versucht, das Gute durch ein Gesetz zu schaffen, und erkennt zu spät, dass auf diesem Weg neues Übel entsteht. In der Erziehung ist das beispielsweise der Rückzug vom Kind, die vermiedene Auseinandersetzung, das Beharren auf Empathie in unterschiedlichen Positionen. 


    Eltern, die aufgrund günstiger emotionaler und sozialer Bedingungen Zeit und Geduld haben, um mit den Kämpfen zwischen den Generationen fertig zu werden, haben noch nie Vorschriften gebraucht, um sich angemessen ihren Kindern zuzuwenden. Andere, die sich sonst gehen lassen würden, mag das Gesetz zurückhalten. In viel zu vielen Fällen aber führen die Widersprüche zwischen dem Anspruch an eine "gute" Erziehung und den realen Ressourcen der Eltern dazu, dass sich diese von ihren Kindern zurückziehen, sich nicht mehr mit ihnen auseinandersetzen, sie den professionellen Erziehern in Kindergarten und Schule überlassen, die wiederum überlastet werden. 


    In der Medienwelt können unsichere Jungs den Heldentraum leben 

    So aber kann sich die Fähigkeit nicht mehr entwickeln, Kränkungen zu verarbeiten, sie als Teil des Lebens zu nehmen, sich nach ihnen wieder zu versöhnen. Die Folgen beklagen die Lehrer. Die Zahl unkonzentrierter, schnell beleidigter, schnell aufgebender, steten Zuspruchs bedürftiger Kinder wächst. Von der Grundschule bis zur Universität schwindet die mittlere Gruppe der einigermaßen angepassten, funktionierenden, weder herausragenden noch unfähigen Zöglinge. Sie schwindet vor allem unter den Jungen. In der Familie, in der Schule, in den Cliquen, in den sozialen Medien wird es immer schwerer, Kränkungen zu verarbeiten. Zu mobben und gemobbt zu werden, einen Shitstorm zu entfachen oder sein Opfer zu werden ist Teil des Alltags von Heranwachsenden. 


    Kinder und Jugendliche, die unglücklich und voller Neid auf jene blicken, die sich beliebt machen können und in ihren Cliquen schwimmen wie Fische im Wasser, ziehen sich nun in Medienwelten zurück. Diese entlasten die gekränkte Seele, weil eine unsichere Männlichkeit dort doch noch einen Heldentraum träumen kann - und gleichzeitig die Möglichkeit hat, sich an jenen zu rächen, die schuld sind an sozialen Ängsten und dem quälenden Gefühl, keinen Platz zu finden in der Realität. 


    Jungen haben größere Schwierigkeiten mit Gesetzen und Regeln 

    Im Münchner Fall hatten die berichteten Quälereien offenbar einen sexuellen Aspekt. Mitschüler sollen David S. als Mädchen geschminkt haben. Das ist wesentlich, denn in seiner großen Studie über den Prozess der Zivilisation hat Norbert Elias minutiös verfolgt, wie die Modernisierung einer Gesellschaft immer auch die Zurücknahme männlich-narzisstischer Dominanz ist. Wo das Faustrecht herrscht, ist der Mann überlegen. Sobald Höflichkeit, Gesetz und Recht regieren, verliert er viel Kraft damit, sich Regeln zu unterwerfen, über die er sich lieber hinwegsetzen würde, während die Frauen sie begrüßen und nutzen. 


    Wo es in der westlichen Welt eine gute Schulbildung gibt, haben Jungen schlechtere Noten; sehr viel mehr von ihnen verlassen die Schule ganz ohne Abschluss. Auch in den Fächern, die als "unweiblich" gelten, Mathematik und Naturwissenschaften, bringen Mädchen im Durchschnitt bessere Leistungen. Die Analysen dieses Phänomens haben die populäre These entkräftet, dass die Jungen durch die meist weiblichen Lehrkräfte benachteiligt werden. 


    Mädchen bekommen immer schon bessere Zensuren als Jungen


    Alle Lehrer, Männer wie Frauen, benoten Mädchen besser; zudem waren die Zensuren der Jungen auch schon vor hundert Jahren schlechter, als das Bildungssystem noch von Männern dominiert wurde. In neutralen Tests unterscheiden sich die Geschlechter sehr viel weniger als in den Schulnoten. Noten spiegeln vor allem den Eindruck wider, den die Schule von der Fähigkeit der Schüler hat, mitzuarbeiten und sich an vorgegebenen Zielen zu orientieren. Sie bewerten die Konzentration während einer Prüfung, das Durchhaltevermögen in der Vorbereitung, die Lernbereitschaft. 


    Männer sind Verlierer in einer Arbeitswelt, in der Fleiß und Disziplin bei beiden Geschlechtern gleich gefördert und gefordert werden. Unter diesen Bedingungen zeigt sich, dass sie sich im Durchschnitt schlechter konzentrieren können und schneller aufgeben. Das Problem scheint die Überzeugung zu sein, Jungen müssten sich nicht anstrengen, um Erfolge zu haben. 


    Das männliche Selbstgefühl ist empfindlicher und labiler als das weibliche. Das kleine Mädchen hat in den meisten Fällen schon früh einen belastbaren Kern, weil es sich mit der Person identifizieren kann, die in aller Regel die erste ist, der ein Kind begegnet: mit der Mutter. 


    Der kleine Junge identifiziert sich ebenfalls mit der Mutter, doch muss er diese Identifizierung später in sich bekämpfen. Daher ist sein Selbstgefühl weniger belastbar. Frauen sind besser gerüstet, aus einer unterlegenen Position das Beste zu machen. Männer haben größere Mühe, Kränkungen ohne den Rückgriff auf primitive Reaktionen wie totalen Rückzug oder wütenden Angriff zu bewältigen. 


    Die Angst vor Frauen plagt Männer in unsicheren Situationen 


    Die Angst vor Frauen, die ihre Rechte wahrnehmen und sich in einer Welt differenzierter Berufe besser zurechtfinden als sie, plagt Männer überall dort, wo sie sich einer unsicheren Zukunft gegenübersehen. Dies ist beispielsweise in vielen Schwellenländern der Fall. Auch das ist ein Grund dafür, dass die Taliban in Afghanistan, der IS in Syrien und die Anhänger von Boko Haram in Nigeria die Schulbildung für Mädchen wieder abschaffen. Diese Anstrengungen gleichen aber dem Versuch, das Fieber zu heilen, indem man das Thermometer zerbricht. 


    Es schafft auch eine untergründige Verwandtschaft zwischen Terroristen, Amokläufern und radikalen Ideologen fast ausschließlich männlichen Geschlechts. Allen gemeinsam fehlt die Bereitschaft, durch Neugierde die Kluft zu überbrücken, die Männer und Frauen ebenso trennt wie Menschen unterschiedlicher Kulturen. Das fängt in der Schulklasse an: Der einfühlende Umgang mit der Kränkbarkeit des Mitschülers oder der Mitschülerin kann erlernt und geübt werden - oder eben auch nicht. 


    Wolfgang Schmidbauer, 75, arbeitet als Autor und Psychoanalytiker in München.2003 veröffentlichte er das Buch "Der Mensch als Bombe. Zur Psychologie des neuen Terrorismus"



    Nota. - Ein Löffel Teer kann ein ganzes Honigfass verderben, sagt Lenin. Aber das hier ist kein Honigfass, und an Teer gibt es mehr als nur einen Löffel. Es ist die freudianische Schlaumeierei, die Platitüden wie Paradoxa formuliert. Das fehlte uns gerade noch, dass Jungesein und Mannwerden grundsätzlich als "Opferrolle" ausgeschrien werden! Das sei den Feministinnen überlassen, denn die wollten nie ihr gutes Recht, sondern Schonräume und Vorrechte. Aber bei Schmidbauer nimmt die Opferrrolle noch eine besonders ungute Wendung, die er sich dem Feminismus gegenüber nie erlauben würde - so von der Art: Aber irgendwie sind sie ein bisschen auch selber schuld...Abhilfe würde die 'Zurück-nahme männlich-narzisstischer Dominanz' schaffen! Oder: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen... 

    Das Problem ist nicht, dass Jungen von Natur aus dazu neigen, Jungens zu bleiben und Männer zu werden, sondern dass in der postindustriellen Angestelltenzivilisation der weiblich-weibische Phänotyp zum vorherrschenden geworden ist. Herr Schmidbauer, hat Ihnen noch keiner gesagt, dass Mobbing eine ganz charakteristische Frauenpraxis ist? Während Männer gelegentlich mit der Faust auf den Tisch hauen oder auch aufs Nasenbein, gehen Frauen "ganz anders miteinan-der um"! Leider finden sie unter biologischen Männern inzwischen ein Menge Nachahmer. 

    Doch seit einiger Zeit mehren sich die Männer, die verstehen, dass man nicht nur Kinder vor der Opferrolle am besten bewahrt, indem man sie 'stark macht', sondern besonders die Jungens. "Jungen haben größere Schwierigkeiten mit Gesetzen und Regeln", schreibt der politisch korrekte Gutmensch. Der gesunde Men-schverstand drückt es anders aus: Jungens neigten schon immer zur Rebellion. Und eine innere Stimme fügt hinzu: So soll es sein. 

    JE



    Samstag, 9. April 2016

    Wie Kinder Sprache erlernen.

    aus nzz.ch, 8. 4. 2016

    Sprachentwicklung
    Kinder lernen früh sprechen – aber die Grammatik braucht Zeit
    Erst mit 10 Jahren verstehen Kinder komplexe Sätze fast so gut wie Erwachsene. Dabei gebe die Hirnreifung der Sprachentwicklung den Takt vor, erklären Forscher.

    von Lena Stallmach

    Einfache Sätze verstehen Dreijährige mühelos. Doch bis Kinder die Feinheiten der Sprache ebenso gut beherrschen wie Erwachsene, vergehen noch viele Jahre. Denn das Gehirn reift in Etappen. Während erste Strukturen der Sprachverarbeitung schon vor der Geburt voll funktionsfähig sind und Babys damit unbewusst in der Lage sind, einfache Silben wie ma und pa zu unterscheiden, entwickeln sich andere erst bei Drei- bis Zehnjährigen, wie Michael Skeide und Angela Friederici in einem Meinungsartikel in «Nature Reviews Neuroscience» schreiben.

    Im Alter von drei Jahren sind Kinder in der Lage, einfache Sätze wie «Der Fuchs jagt den Igel» mühelos zu verstehen. Doch mit einem komplexeren Satzbau, wie «Den Igel jagt der Fuchs», haben Dreijährige, aber auch Achtjährige teilweise noch Probleme. Dafür sind grammatikalische Grundkenntnisse nötig, die in später reifenden Hirnstrukturen verarbeitet werden. In welchem Alter sich diese Strukturen entwickeln, zeigten Skeide und seine Kollegen kürzlich in einer Studie, in der sie die Hirnaktivität von Kindern zwischen drei und zehn Jahren mit jener von Erwachsenen verglichen.

    Da es schwierig sei, kleine Kinder mit den entsprechenden Methoden zu untersuchen, hätten solche Daten bis dahin gefehlt. Für eine funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRI) müssen die Probanden nämlich lange ruhig liegen, und das in einer lärmigen Röhre – für kleine Kinder eine grosse Herausforderung.

    Kinder als Probanden 

    Man habe deshalb erst eine fMRI-Attrappe gebaut, erzählt Skeide. In dieser Röhre hätten sie in Ruhe mit den Kindern das ganze Prozedere geübt: bis diese in der Lage gewesen seien, ruhig zu halten und sich auf die Hörbeispiele zu konzentrieren, Sätze mit einfachen Wörtern, aber unterschiedlich kompliziertem Aufbau.

    Vorher habe man bereits gewusst, dass die Sprachverarbeitung bei unter Dreijährigen hauptsächlich in Hirnarealen im linken Schläfenlappen abläuft. Innerhalb weniger Millisekunden wird das Gehörte hier unbewusst in Silben und Satzglieder unterteilt. Objekten in der Umwelt wird eine Bedeutung zugewiesen. Das alles lernen Babys bereits im ersten Lebensjahr.

    Bei den über Dreijährigen werden dann aber zusätzlich Areale im linken Frontallappen (im Stirnhirn) aktiviert, diese reagieren mit zunehmendem Alter spezifisch auf komplexe sprachliche Informationen. Im Frontallappen laufen höhere Denkprozesse ab: Informationen, die noch getrennt an verschiedenen Orten im Schläfenlappen verarbeitet werden, etwa der Wortlaut, die Bedeutung einzelner Wörter oder ihre Position im Satz, werden hier kombiniert und mit Grundwissen über die Grammatik abgeglichen.
    Erst durch diese höhere Integrationsleistung im Frontallappen können komplexere Sätze verstanden werden. Dabei spielt auch die Vernetzung der beteiligten Areale miteinander eine Rolle. Denn je stärker die Verbindungen sind, desto schneller fliesst die Information im Gehirn. Tatsächlich beobachteten die Forscher, dass die Verbindungen zwischen den frontalen und den hinteren Arealen im Scheitellappen bei den Kindern mit zunehmenden Alter mehr ausgebaut waren. Je stärker sie waren, desto besser war das Sprachverständnis.

    Die verschiedenen Schritte in der Sprachentwicklung würden schon seit den 1960er Jahren intensiv erforscht, sagt Skeide. Daher habe man bereits gewusst, in welchen Etappen die Sprachentwicklung ablaufe, aber nicht, warum das so sei. «Aus unseren Untersuchungen kann man nun schliessen, dass die Hirnreifung der Sprachentwicklung quasi den Takt vorgibt», sagt er.

    Zeitfenster der Entwicklung

    Dass Kinder ihr Leben mit einem unreifen Gehirn bestreiten, ist schon lange bekannt. Dieses für uns so wichtige Organ reift noch bis ins junge Erwachsenenalter – in ständigem Austausch mit der Umwelt. Dabei scheint es für gewisse Entwicklungsschritte definierte Zeitfenster zu geben. Belegt ist dies zumindest für die Sinneswahrnehmungen. Wenn über die Augen oder Ohren in einem entsprechenden Zeitraum keine Informationen hereinkommen, entwickeln sich der Seh- und der Hörsinn nur rudimentär. Inwieweit dies auch für den Spracherwerb zutrifft, darüber wird von Experten dagegen noch kontrovers diskutiert.

    Montag, 28. September 2015

    Anregende Langeweile.

    aus Süddeutsche.de, 28. 9. 2015

    In der Rubrik Mühen der Erziehung schreibt Michael Neudecker heute in der SZ:

    ...Eine viel beachtete Studie [über die Langeweile] führten vor drei Jahren die Psychologen Benjamin Baird und Jonathan Schooler von der University of California in Santa Barbara durch. Sie gaben 145 Studenten zwei Minuten Zeit, möglichst viele und möglichst ungewöhnliche Verwendungsmöglichkeiten für Alltags- gegenstände wie Zahnstocher, Kleiderbügel oder Ziegelsteine aufzulisten. Dann wurden die Studenten in vier Gruppen aufgeteilt: Die eine Gruppe machte mit der Liste weiter, die zweite ruhte sich aus, die dritte hatte eine schwierige, die volle Konzentration beanspruchende Aufgabe zu lösen, und die vierte bekam eine eintönige, unterfordernde Aufgabe. Nach zwölf Minuten wurden alle noch einmal vor die gleiche Aufgabe gestellt wie eingangs, nämlich ungewöhnliche Verwendungsmöglichkeiten für Zahnstocher und Co. zu finden - und während in den ersten drei Gruppen kaum Unterschiede festzustellen waren, verbesserte sich die vierte Gruppe um 41 Prozent. Die Studenten also, die mit einer simplen Aufgabe gelangweilt wurden, hatten nebenbei ganz offensichtlich die erste und interessantere Aufgabenstellung unterbewusst und ohne Ergebnisdruck weiter bearbeitet. 


    Aus Sicht des Mediziners liegt das daran, dass in einer Phase, in der das Gehirn kaum gefordert wird, dennoch Aktivitäten feststellbar sind, die dazu führen, dass das Gehirn danach leistungsfähiger ist als zuvor. Aus Sicht der Philosophen, hier der Existenzialismus-Begründer Sartre und Camus, ist die Lange- weile eine der zentralen Erfahrungen, ohne die der Mensch sein eigenes Sein nicht erkennen kann. Und in Erziehungsratgebersprache formuliert: Ein Kind, das nie gelernt hat, seine Langeweile zu überwinden, weiß auch als Erwachsener nicht, was es mit sich anfangen soll, sondern wird im besten Fall zum Multi- tasking-Mutanten.


    Nota I. - Muße und Langeweile sind nicht dasselbe. Aber sie sind Cousins.

    Nota II. - Eben erst bemerke ich, dass man das Plädoyer für die Langeweile als ein Argument für die Schule missverstehen könnte. Anregend ist die Langeweile aber nur, weil sie dazu verleitet, unversehens in Betrachtung zu versinken; aber doch nicht während des Unterrichts! Die Langweile in der Schule ist töd-lich, weil sie völlig unfruchtbar ist. Lediglich zum Davonlaufen regt sie an, aber das weiß die Schule zu unterbinden. Nov. '15

    Nota III. - Das Gegenteil der Langenweile ist anscheinend die Konzentration. Sich konzentrieren kann man trainieren; so sehr, dass es verkrampft, und dann haben wir eine Langeweile höherer Ordnung - typisch für Schüler im oberen, aber nicht dem obersten Leistunggsegment. 

    Wenn man annimmt, der Leitende Angestellte sei das Bildungsideal unserer Schulen, dann wäre alles in Ordnung. Hält man den aber für historisch überholt, dann wäre es angezeigt, in die Lehrpläne regelmäßige Entkonzentrationsübungen einzubauen. Sport und Kunst wären gut dafür geeignet, wenn sie nicht, wie alles, was die Schule zu bieten hat, Fächer wären. Als solche geben sie ein zu erreichende Maß vor und gebieten, sich darauf zu... konzentrieren. Weil das langweilig ist, wird das Maß zu oft nicht errreicht. Muße ist, wenn ich ein eigenes Maß suchen und finden kann. Konzentrieren wird man sich dann auch, man siehts auf den Gesichtern. Aber es ist das Paradox eines entspannten Konzentrierens, und trägt meist weiter, als alles Vorgegebene.
    JE




    Mittwoch, 26. August 2015

    Bildung aus der Fülle des Wirklichen.

    aus nzz.ch, 18.8.2015, 05:30 Uhr

    Ein Stück Welt im Schulzimmer
    Der auf zu viele Wünsche ausgerichtete Bildungsauftrags der Volksschule ist einer gründlichen Prüfung zu unterziehen. Dabei gilt es, das Potenzial eines vielseitigen Realienunterrichts zu nutzen.

    von Hanspeter Amstutz

    Informationsmaterial in Hülle und Fülle steht heute allen zur Verfügung. Ein Klick im Internet – und schon erhält man neuestes Zahlenmaterial über eine Weltstadt oder prächtige Bilder über den grössten Luxusliner der Welt. Hunderte von Fernsehsendern stehen uns zur Auswahl, die über das aktuelle Geschehen informieren und unsere Erde so zu einem globalen Dorf machen. Die tägliche Informationsflut ist gewaltig, und viele fragen sich inzwischen, wieweit wir damit vernünftig umgehen können. Die Forderung, die Schule müsse die Kinder zu einem effizienten Umgang mit den neuen Medien anleiten, ist daher verständlich.

    Solide Allgemeinbildung

    Bei diesem grossen Angebot an Informationen scheint die Schule bezüglich der Wissensvermittlung längst ins Hintertreffen geraten zu sein. Dank dem Internet kennen sich Jugendliche heute in Bereichen aus, die früher zum verheissungsvollen Neuland des Schulstoffs zählten. Zweifellos hat die Volksschule das Monopol der Erstinformation verloren. Es wäre aber ein verhängnisvoller Irrtum, zu glauben, die Schule könne deshalb die elementare Allgemeinbildung reduzieren und ihr Bildungsprogramm primär auf anwendungsorientierte Bereiche konzentrieren. Kompetenzziele schon früh auf die Berufswelt hin auszurichten, würde einer armseligen Vorstellung von Bildung Vorschub leisten.

      Der Umgang mit dem Internet und andern elektronischen Medien setzt ein solides Allgemeinwissen voraus, damit die Orientierung in der Datenflut einigermassen gelingt. Ohne ein hilfreiches Weltbild, das auf exemplarischer Elementarbildung und den Kenntnissen wichtiger Zusammenhänge beruht, kann das Informationsangebot der modernen Medien kaum sinnvoll verwendet werden.

      Eine zentrale Bedeutung für die Orientierung in den elektronischen Medien kommt dem Realienunterricht zu. Der Unterricht in Geschichte, Geografie und Naturwissenschaften schafft wichtige Voraussetzungen für das Verstehen wesentlicher Zusammenhänge. Die Vermittlung von Basiswissen ist grundlegend für ein starkes Interesse der kommenden Generation an wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Entwicklungen.

      Wer in spannenden Geschichtsstunden mit den prägenden Themen des 19. und 20. Jahrhunderts konfrontiert wurde, kann die heutige Politik besser verstehen. Narrativer, sorgfältig vorbereiteter Geschichtsunterricht wird an unseren Schulen aber leider je länger, je mehr durch die an den pädagogischen Hochschulen entwickelte Methode des entdeckenden Lernens aufgrund von Quellentexten verdrängt. Die Quittung dafür sind gelangweilte Jugendliche in den Geschichtsstunden. In einem erzählerisch gestalteten Geschichtsunterricht dagegen erweitern die Schüler über aktives Zuhören zudem ihren Wortschatz, indem sie ganz in die deutsche Sprache eintauchen.

      Die Konfrontation mit dem realen Leben eröffnet neue Zugänge zu den Jugendlichen, sofern die didaktischen Möglichkeiten voll ausgeschöpft werden. Dies gilt auch für die oft stiefmütterlich behandelten Naturwissenschaften. Wie funktioniert ein Elektromotor? Um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, wickeln Schüler eigenhändig Magnetspulen und bauen Elektromotoren. Dabei werden Zusammenhänge erkannt, die beim schnellen Surfen im Internet kaum gefunden würden. Die Verbindung von erlebter Anschaulichkeit mit präziser theoretischer Vertiefung schafft Bildung, die mehr als nur die Oberfläche berührt.

      Es ist bedenklich, dass der Realienunterricht im Schatten der Diskussion um das frühe Sprachenlernen vielerorts an Qualität eingebüsst hat. Aus Zeitnot werden die beliebten Realienfächer in der Primarschule zum Teil benützt, um Englisch- und Französischwörter zu lernen. Ohne dieses unstatthafte Ausweichen gelingt es vielen Lehrpersonen kaum, in dem auf je zwei Wochenlektionen verteilten Fremdsprachenunterricht das ambitiöse Pflichtprogramm zu erfüllen. Dabei wird der Lerndruck durch die Vorstellung verstärkt, dass begabte Kinder vor allem in den Fremdsprachen frühzeitig gefördert werden müssten.

      Von den hervorragenden Möglichkeiten der Förderung von Talenten in den Realienfächern spricht kaum jemand. Bei interessanten Projektarbeiten aber kommen die Begabtesten voll auf ihre Rechnung, ohne dass sich dabei Schwächere benachteiligt fühlen. Der vielseitige Realienunterricht kann die Heterogenität der Klassen weit besser auffangen als ein streng programmierter Fremdsprachenunterricht. Es ist Aufgabe der Fachdidaktik in der Lehrerbildung, die Chancen eines modernen Realienunterrichts aufzuzeigen und die Studierenden auf die anspruchsvolle Praxis vorzubereiten. Mit dem neuen Lehrplan soll nun alles besser werden.

      Graben zwischen Theorie und Praxis

      Doch es reicht nicht aus, das Bildungsprogramm im Bereich von Natur und Technik zu erweitern, ohne aufzuzeigen, wo dies durch Abstriche in andern Fächern kompensiert werden könnte. Da insgesamt nicht mehr Lektionen zur Verfügung stehen, geht die Rechnung nur auf, wenn in viel kürzerer Zeit mehr Kompetenzziele erarbeitet werden. Der Preis dafür aber ist zu hoch. Wenn elementare Lernprozesse hastig ablaufen, leidet die Qualität des Unterrichts ganz empfindlich. Zwischen den Vertretern von Bildungstheorien und den Lehrpersonen besteht ein Graben, weil die Umsetzung allzu vieler Reformen an den praktischen Rahmenbedingungen und den belastenden Nebenwirkungen gescheitert ist. Erfolgreiche Bildungspolitik sollte deshalb dem Kriterium der Praxistauglichkeit von Neuerungen und der Relevanz prägender Bildungsinhalte aus dem Realienbereich grösste Aufmerksamkeit schenken. Auf jeden Fall werden wir nicht um die Herkulesaufgabe herumkommen, den auf zu viele Wünsche ausgerichteten Bildungsauftrag der Volksschule in einer offenen Bildungsdebatte einer gründlichen Prüfung zu unterziehen.

      Hanspeter Amstutz ist ehemaliger Zürcher Bildungs- und Kantonsrat und kämpft gegen die zweite Fremdsprache auf der Primarstufe.

      Nota. - Kompetenzen erwirbt man am Stoff und nicht durch Trockengymnastik an "Methoden". Bildung geschieht durch Anschauung und Betätigung der Einbildungskraft. Dass nicht alles hängen bliebt, versteht sich von selbst, doch darauf kommt es nicht an, zu Zeiten des Internet schon gar nicht. Sondern darauf, dass die Fülle der Erscheinungen einen jeden verlockt, sich ein Bild zu machen. Viel mehr kann Pädagogik gar nicht besorgen, um alles andere muss sich 'das Leben selber' kümmern.
      JE

      Donnerstag, 16. Juli 2015

      Schule macht kurzsichtig.



      Unter der Überschrift Sehen braucht Sonne brachte die FAZ am 7. Juli einen Beitrag von Martina Lenzen-Schulte über den galoppierenden Anstieg der Myopie in aller Welt: In Peking sind vier von fünf Teenagern kurzsichtig, in Südkorea sind es bis 98% der Schulkinder. Bei uns ist es noch nicht ganz so schlimm: Hier sind es nur 35%, aber das ist schon reichlich und wird immer mehr. "Immer mehr Kinder brauchen eine Brille, weil sie drinnen lesen, statt in der Sonne zu spielen."

      "Soeben wurde in Plos One eine Arbeit veröffentlicht, wonach bei Rhesusaffen natürliches Licht ein entscheidender Faktor ist, um die Entwicklung einer Kurzsichtigkeit abzumildern oder zu verhindern, wenn man die Versuchstiere für drei Stunden in einer kritischen frühen Phase der Kindheit natürlichem Licht aussetzte, statt sie in rein künstlicher Beleuchtung zu halten - und zwar selbst unter Bedingungen, die ansonsten Kurzsichtigkeit fördern (doi: 10.10.1371/journal.pone. 0127863). ...

      Die Größenordnung, von der man hier spricht, sind ein bis zwei Stunden mehr am Tag, rausgehen sollten diejenigen Kinder, bei denen sich die Kurzsichtigkeit erstmals zeigt - meist sind das Schüler. „Wir können aus neunzehn Studien mit mehr als 20 000 Teilnehmern ableiten, dass es das Risiko einer Kurzsichtigkeit um ein ganzes Drittel senkt, wenn Kinder mehr als zwei Stunden statt weniger als eine Stunde im Freien verbringen“, fasst Wolf A. Lagrèze das derzeit verfügbare Wissen zusammen. Lagrèze leitet an der Universitätsaugenklinik in Freiburg die Sektion für Neuroophthalmologie, Kinderophthalmologie und Schielbehandlung ...

      Ein weiterer Risikofaktor ist... eindeutig die Naharbeit. Muss sich das Auge auf Gegenstände in der Nähe konzentrieren und geschieht dies womöglich noch bei schlechter Beleuchtung, ist das für die Sehzentren im Gehirn ein umso größerer Anreiz, den Augapfel zum Längenwachstum anzuregen. Kurzsichtigkeit ist nämlich letztlich darauf zurückzuführen, dass der Augapfel, gemessen an der Brechkraft des Auges, zu lang ist. So schaffen es die gekrümmten Oberflächen von Hornhaut und Linse nicht mehr, die Lichtstrahlen eines Bildes exakt auf die Ebene der Netzhaut am hinteren Teil des Augapfels zu bündeln. 

      Lesen ist ein Paradebeispiel für Naharbeit, weshalb sich die Kurzsichtigkeit auch meist in den ersten Schuljahren manifestiert: Nachdem der Augapfel im Alter von etwa vier Jahren fast ausgewachsen ist, stellt in westlichen Ländern vor allem das Lesen den Hauptanreiz für ein weiteres Längenwachstum des Augapfels dar. Das begünstigt daher speziell auch in asiatischen Ländern die Myopie-Epidemie. Der Wunsch nach Aufstieg durch Bildung ist dort derart ausgeprägt und verbreitet, dass die Kinder bereits von der ersten Schulklasse an so gut wie nur drinnen lernen und damit meist hinter Büchern hocken."

      Wissen Sie, Lieber Leser, was mir dazu einfällt?

      Ja, Sie wissen es selber, da bin ich sicher.


      Dienstag, 23. Juni 2015

      Finnland - eine Legende kommt ins Gerede.

      aus beta.nzz.ch, 22. 6. 2015

      Bildungswunder Finnland?
      Ein schwächelnder Musterschüler

      von Jenni Roth

      Es war einmal ein Land, das hatte das beste Schulsystem der Welt. Deshalb reisten Verehrer aus aller Herren Ländern dorthin, um herauszufinden, was es mit diesem Wunderland auf sich habe. Sie sahen, dass die Schüler nicht mit Bergen von Hausaufgaben und schwierigen Klausuren gegängelt wurden. Dass die Lehrer viel Freiheit hatten. Doch schon im Pisa-Ranking von 2009 waren die finnischen Schüler dann nicht mehr in Topform, 2012 schafften sie es in Mathematik nicht einmal mehr unter die ersten zehn. Was ist da los?

      Gefährliche Reformen

      Eine Antwort lautet: «Real Finnish Lessons: The true story of an education superpower». Der Autor der Studie, Gabriel Heller Sahlgren von der London School of Economics, führt das Schwächeln auf die Reformen der 1990er Jahre zurück – genau auf jene Reformen also, die die Bildungswelt zum finnischen Erfolgsgeheimnis erklärt hat. Er warnt davor, den Finnen nachzueifern: «Die Noten werden genau da schlechter, wo die Reformen anfangen zu wirken.»

      Die Pisa-Erfolge vom Anfang der nuller Jahre seien das Ergebnis eines Systems, das vor den Reformen in Kraft war. «Die guten Ergebnisse beruhten auf einem älteren, traditionellen Schulsystem mit wenig Autonomie für Lehre und Lehrer», sagt Sahlgren und zitiert eine britische Forschergruppe nach ihrem Finnlandbesuch von 1996: «Egal in welcher Schule wir waren – überall derselbe Unterricht. Man hätte die Lehrer auswechseln können.» Dass die Pisa-Rankings so gut ausfielen, sei weniger der Bildungskultur als der wirtschaftlichen Entwicklung geschuldet.

      Verglichen mit seinen nordischen Nachbarn war Finnland in vielerlei Hinsicht ein Spätzünder: Die Industrialisierung kam ebenso schleppend in Gang wie das Wirtschaftswachstum und der Aufbau eines Wohlfahrtsstaats. Die Schulpflicht wurde erst 1921 eingeführt. Noch 1945 waren 75 Prozent der Bevölkerung Bauern, gebildet war vor allem die schwedischsprachige, aristokratische Minderheit. Doch mit der Unabhängigkeit 1917 erwachte ein nationales Selbstwertgefühl, Bildung wurde zum Leuchtturm des nationalen Projekts und die ersten finnischen Lehrer seine Helden. Ihre Auswahl und Ausbildung erfolgte, wie Sahlgren sagt, mit Blick auf preussischen Gehorsam: tanzen, trinken, rauchen – alles verboten. «Dieser Generation gehörten noch viele Lehrer an, die während der Pisa-Erfolge unterrichteten», sagt der Autor. Aber diese Wahrheit passe nicht ins Weltbild der Bildungsexperten.

      Klar, dass bei solchen Thesen Widerspruch prompt folgt. Andreas Schleicher, OECD-Koordinator und Schöpfer der Pisa-Tests, argumentiert, dass die Schüler im traditionellen System der 1960er Jahre maximal durchschnittliche Leistungen erbracht hätten und dass schon in den 1970er Jahren Reformen in Angriff genommen worden seien, die den Erfolg der nuller Jahre begründet hätten. Zudem sei der jüngste Abfall moderat. Andere gehen noch weiter: «In dieser Studie geht es nicht um Bildung. Es geht um Politik und Industrie», sagt David Marsh. Marsh ist Bildungsexperte bei Edu-Cluster, einem Startup dreier Universitäten, das als Netzwerk der Bildungswirtschaft das finnische Bildungssystem exportieren will.

      Das «progressive» System, das für Sahlgren eine Mitschuld an den schlechteren Noten trägt, ist für Marsh ein Reizwort: Progressiv beziehe sich auf etwas, das wachse, sich entwickle. Aber politisch stehe es für Reformen und gesellschaftliche Freiheit im Gegensatz zu Traditionalismus und Konservatismus. Marsh hält schon das Vorwort der Studie für fragwürdig: Darin schreiben die Tutoren Sahlgrens, Finnlands Erfolg und Abstieg seien nie systematisch analysiert worden. Zudem sprächen die beruflichen Hintergründe der Beteiligten für sich: Der eine Tutor sei Wirtschaftswissenschafter, der andere Finanzexperte. Und der Autor selbst sei schon in zahlreichen rechtskonservativ ausgerichteten Think-Tanks tätig gewesen. Ist die Studie also ein Symptom der schrillen englischen Debatte zwischen Progressiven und Traditionalisten?

      Tatsächlich ist sie pünktlich zu den britischen Wahlen erschienen. Und auch ein Blick auf die etwa zeitgleichen Wahlkämpfe dort und in Finnland ist aufschlussreich: Während die britischen Liberalen und Konservativen sich gerade in Bildungsfragen entzweiten, entstand das finnische Reformkonzept im Konsens aller Parteien. Die Politiker haben mit allen Beteiligten diskutiert, mit Schülern, Lehrern, Kommunen, Wissenschaftern, und stets mit dem Ziel, Schulen als Lerngemeinschaften weiterzuentwickeln, in denen die Schüler mehr mitbestimmen können – etwa ihre Lernziele definieren –, dafür aber auch Verantwortung für ihren Lernerfolg tragen. Bleibt die Frage nach den abfallenden Pisa-Rankings – die doch gar nicht so entscheidend seien, wie Marsh in Finnland sagt.

      Und doch reagieren die Finnen auf die schlechteren Pisa-Ergebnisse. Zumindest nahmen sie zeitgleich umfassende Reformen in Angriff. Oberstes Ziel: «Die Schule konsequent vom Lernprozess des Schülers her zu denken», sagt Irmeli Halinen, Reformverantwortliche im Schulministerium.

      Der Schüler hat das Sagen

      So sollen Schüler möglichst verschiedene Lernmedien wie Buch und Internet benutzen, um herauszufinden, welches ihnen am besten liegt, und sogar bei der Bewertung ihrer Leistung mitreden dürfen. «Ganz oben stehen die Freude am Lernen, die Begeisterung. Zusammen mit mehr Mitbestimmung der Schüler sind sie der Schlüssel zum Erfolg.» Und: Langsam entfernt sich das Verständnis von Bildung weiter vom traditionellen Wissenskanon. Es geht nicht mehr nur um Inhalte, sondern um die Fähigkeit, mit den Informationsfluten umzugehen und Zusammenhänge zu erkennen. Zu den festgelegten Kompetenzfeldern gehören etwa Kulturen kennenlernen, Beherrschen der Informationstechnologien sowie Aufbau einer nachhaltigen Zukunft.

      Besonderes Aufsehen erregte die Nachricht, Finnland wolle als Teil der Reform die Schulfächer abschaffen. Das stimme so nicht ganz, sagt Halinen. «Fächer bleiben wichtig. Aber sie sind nicht mehr so streng voneinander abgegrenzt: Es wird nicht mehr strikt getrennt nach Mathematik oder Deutsch unterrichtet, sondern nach Themenkomplexen.» Im Themenbereich EU könnten das zum Beispiel Fremdsprachen, Politik oder Geografie sein.

      Viele Lehrer, die auf ein Fachgebiet und eine Lernmethode spezialisiert sind, kritisieren die Methoden. Sie müssen einfallsreich und flexibel sein. Und es gibt Kollegen, die sich mit den Informationstechnologien schwertun und vor neuen Herausforderungen stehen: auch weil die Schüler ab 2016 keine Schreibschrift mehr lernen müssen und sich stattdessen aufs Tippen und Computertastaturen konzentrieren sollen.

      Bis 2020 soll das Reformpaket umgesetzt sein. Und schon blickt die Bildungswelt wieder auf Finnland und lobt, dass die Schulen hier Kinder nicht durch «Prüfungsfabriken» jagen, sondern Charakter und Kommunikationsfähigkeiten fördern. Aber bei so viel Lob sollten die Experten nicht vergessen: Eine Diskussionskultur ist ebenso wenig ausgeprägt wie die Förderung von Hochbegabten.


      Nota - statt eines Kommentars:

      ...Aber was kann die Schule dabei tun? Soll sie ein paarhundert Jahre Kulturgeschichte hinzu erfinden? Mit andern Worten, sie ist nur ein Moment in einer komplexen kulturellen Gemengelage, und wohl kaum das entscheidende. 


      CharleroiEin Blick auf Belgien! Flandern zählt zur Spitzengruppe, Wallonien zu den Schlußlichtern. Aber die Schule hat sich in beiden Landesteilen seit der Regionalisierung hinsichtlich ihrer Organisationsformen nicht geändert. Sie kann nicht schuld sein. Der wahre Grund liegt auf der Hand. Wallonien war jahrundertelang der wirtschaftlich, politisch und kulturell entwickeltere Landesteil und der Born belgischer Identität. Es wurde geprägt von einer liberalen Großbourgeoisie und einer sozialistischen Arbeiterbewegung. Wallonien hieß Industrie und Fortschritt. Flandern war sein ländlich-klerikal-bornierter Hinterhof. Das hat sich seit der Stahlkrise der Siebziger radikal umgekehrt. Wallonien steht für Niedergang, Arbeitslosigkeit und Vorgestern. Das jungfräuliche Flandern hat die Zukunft für sich entdeckt und glaubt an die Neuen Technologien. In keinem Berufsstand spricht sich aber der Zeitgeist so unverhohlen aus wie in der Lehrerschaft. Und in keiner Altersgruppe so lautstark wie bei den Fünfzehnjährigen. Die hat PISA geprüft.

      aus: Nach PISA - Parteienkampf und Paradigmenwechsel


      Nota II. - Was heißt das schon: Hat gut bei Pisa abgeschlossen... nicht so gut bei Pisa abgeschlossen! Pisa ist auch nicht mehr, was es war, und sei es nur, weil inzwischen Anderes davon erwartet wird; genauer gesagt; allein schon, dass es erwartet wird! Lesen Sie hierzu morgen auf diesem Blog: 

      Miese Noten für den PISA-Test.



      Mittwoch, 22. April 2015

      Jammermütter.

      Daumier, Die Last
      aus Süddeutsche.de, 17. April 2015, 17:16 Uhr

      "Wir brauchen Mütter, die ihre Grenzen kennen"
      Manche Mutter reibt sich so lange auf, bis am Ende nur noch der Wunsch bleibt, nie Kinder bekommen zu haben. Ein Gespräch mit Soziologin Christina Mundlos über gesellschaftliche Ansprüche, Selbstversklavung und ein neues Mutterbild.

      Nicht jede Mutter empfindet ihre Mutterrolle als Glück. Laut einer Studie bereut manche ihre Entscheidung für Kinder sogar. Diese Frauen sind keine Rabenmütter, sagt Soziologin Christina Mundlos. Im Gegenteil: Viele von ihnen würden ihre eigenen Bedürfnisse derart verdrängen, dass am Ende nichts von ihnen übrigbleibe als der Wunsch, nie Kinder bekommen zu haben. Dabei wäre die Misere zu verhindern, erklärt die zweifache Mutter und Expertin für Geschlechter- und Familienforschung. Die Autorin des Buches "Mütterterror" fordert ein neues Mutterbild, in dem es nicht mehr erwünscht ist, einer "Supermutti" zu entsprechen.

      SZ: Laut einer wissenschaftlichen Studie der Universität Tel Aviv bereuen manche Frauen ihre Entscheidung, Kinder bekommen zu haben. Was könnte da passiert sein?

      Christina Mundlos: Viele Frauen sehen sich außerstande, die Anforderungen der Mutterrolle von sich zu weisen. Sie sind erschöpft, können irgendwann nicht mehr und kommen an einen Punkt, wo sie sich sagen: "Wenn ich mich so schlecht damit fühle, dann muss ich mich davon lösen."


      Viele haben einen Partner, unproblematische Kinder, einen Job, eine gesicherte Existenz - und bereuen es dennoch, Mutter zu sein. Wie ist das zu erklären?

      Die Soziologin Elisabeth Gernsheim hat dieses ambivalente Gefühl einmal sinngemäß so beschrieben: "Ich liebe mein Kind und würde mich vor einen LKW werfen, um sein Leben zu retten. Aber ich hasse mein Kind auch, denn es hat mein Leben zerstört."


      Wir gehen davon aus, dass gesunde Frauen ihre Mutterrolle als Glück empfinden. Es hat für mich eine tragische Komik, wenn man annimmt, dass mit Müttern, die ihre Mutterschaft ablehnen, gesundheitlich etwas nicht stimme. Wer es auf Dauer nicht schafft, sich Hilfe zu holen und zu entlasten, den macht das natürlich psychisch krank. Die Depression wäre - wenn überhaupt - wohl eher das Ergebnis, das am Ende steht.


      Dann müsste der Satz von Soziologin Gernsheim also eigentlich lauten: Ich habe mir mein Leben zerstören lassen?


      Wenn man so will: ja. Die Unfähigkeit, seine eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen, ist in der Gesellschaft verbreitet. Erschöpfungszustände und Burn-out beobachten wir auch bei Männern - Frauen sind jedoch besonders anfällig, weil sie bereits in der Kindheit gelernt haben, sich zurückzunehmen.


      Als Reaktion auf die Studie beklagen viele, dass sich ihr Leben nur ums Kind drehe. Die Mutter einer Fünfjährigen erzählt, sie müsse wegen der Tochter auf Kaffeepausen, Umzug und Wunschjob verzichten. Das klingt, als wäre sie eine Gefangene.

      Die Mütter, von denen Sie sprechen, haben sehr hohe Anforderungen an sich und übernehmen die gesellschaftlichen Erwartungen eins zu eins. Sie können es nicht mit ihrem Selbstbild vereinbaren, ihre auferlegte Rolle abzulehnen und ihre Mutterschaft nach eigenen Bedürfnissen und Kräften auszurichten.


      Gab es etwas Vergleichbares wie das Internet-Phänomen #regrettingmotherhood schon früher?

      Das Gefühl der Unzufriedenheit an sich ist nicht neu: Bereits in den Siebzigerjahren wurde kritisiert, dass Mütter immer zur Verfügung stehen müssen. Viele waren erschöpft, bekamen vom Arzt Valium verschrieben - in den USA deshalb unter der Bezeichnung "Mother's little helper" bekannt - , um die Belastung durchzustehen. Neu sind jedoch die Erwartungen, von außen und an sich selbst. Heute versuchen immer mehr Frauen, berufstätig und die perfekte Mutter zu sein, machen weder beim Job noch bei den Kindern Abstriche. Im Gegenteil: Die Ansprüche an arbeitende Mütter sind enorm gestiegen - ein Problem, das inzwischen eine breitere Masse betrifft.


      Was bewirkt diese Einstellung bei den Betroffenen?

      Sie stehen extrem unter Druck - je höher die Ansprüche, desto schneller fühlen sich die Frauen minderwertig und haben das Gefühl, den Erwartungen nicht zu genügen. Und das in einem Umfeld, in dem man seine Not noch nicht einmal verbalisieren kann, weil dies weitere negative Reaktionen nach sich zieht.


      "Die Mütter lassen den Gedanken nicht einmal vor sich selbst zu"

      Ein großer Teil der Frauen erzählt nicht einmal dem Partner davon.

      Das wundert mich nicht. Häufig sind weder die beste Freundin noch der Mann eingeweiht. Weil die Mütter nicht einmal vor sich selbst den Gedanken zulassen, weil das so ein Riesen-Tabu ist. Das merkt man schon an den Reaktionen auf die Studie. Ich bin mir sicher, jede TV-Redaktion würde sofort eine Mutter einladen, die bereit ist, ihre Unzufriedenheit öffentlich zu äußern.  


      Aber viele bestätigen dieses Reuegefühl und sind froh, dass es mal jemand anspricht.

      Der Unterschied ist: Nicht das Empfinden ist exotisch, nur die Bereitschaft, das zu äußern.


      Man sagt ja, die unerbittlichsten Kritiker der Mütter seien andere Mütter.

      Und genau deshalb sollten sie lernen, ihre Unzufriedenheit anzusprechen und sich fragen: Warum werde ich kritisiert von anderen und wieso kann auch ich kein anderes Erziehungsmodell gelten lassen? Gerade im Freundeskreis kann man über das Thema gezielt aufklären und einen wertschätzenderen Umgang einfordern - die Freunde sind es oft, die einen unter Druck setzen und Zweifel hervorrufen. Eine neue Gesprächskultur muss sich entwickeln, die nicht mehr darauf fixiert ist, immer nur hervorzuheben, was das eigene Kind kann. Sondern lobt, was man an anderen Kindern oder Müttern gut findet. So wertet man die anderen auf, statt sie abzuwerten, damit man selbst besser dasteht. Der älteren Generation sollten Mütter ruhig öfter Paroli bieten und es gezielt ansprechen, wenn verletzende Kommentare kommen. Zu Nörglerinnen, die einem ständig vor Augen führen, welchen Ansprüchen man genügen soll, darf man getrost den Kontakt abbrechen. Auch Elternzeitschriften sollte man mit Vorsicht genießen - weil sie Ansprüche ohne Ende formulieren.


      Warum fühlen sich noch immer die Frauen angesprochen von solchen Erwartungen?

      Die Verantwortung für die Erziehung wird noch immer in erster Linie bei der Mutter gesehen. Während Männer für ihr familiäres Engagement gelobt werden, ernten Mütter für berufliches Engagement weniger Verständnis. Das merkt man, sobald ein Kind später läuft, spricht oder die Schulleistung abfällt. Da heißt es dann: Die Mutter war doch so häufig auf Dienstreise. Auch Erzieherinnen oder Lehrer fragen häufig noch immer, wann denn die Mutter wieder zu sprechen sei, weil sie nur diese als Ansprechpartnerin wahrnehmen. Das geht bis ins Erwachsenenalter. Sobald jemand kriminell oder psychisch auffällig wird, fragt man nach der Mutter-Kind-Beziehung.


      Ist das Phänomen #regrettingmotherhood ein Hinweis darauf, dass sich in der Gesellschaft etwas ändern muss?

      Sagen wir mal so: Es sind die gesellschaftlichen Anforderungen, die die Frauen unter Druck setzen und den Leidensdruck auslösen. Aber sie werden von den Frauen auch bereitwillig übernommen. Statt ihre Mutterschaft nach ihren eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen zu leben, unterwerfen sie sich dem Diktat der Gesellschaft, das vorgibt, dass man Kinder stillen soll, dass Taufeinladungen und Schultüten selbstgebastelt sein müssen, dass Mütter täglich für ihre Kinder kochen.


      Aber wie können sie sich von dem Druck durch die Gesellschaft befreien?

      Am besten, indem sie sich auf andere Bereiche konzentrieren, aus denen sie Anerkennung ziehen können, wie zum Beispiel das berufliche Umfeld, Freunde, Hobbys. Um diese Interessen zu verfolgen, muss man sich aber Freiraum verschaffen. Sie können sich zum Beispiel Anregung von außen holen, mit Leuten sprechen, denen es leichter fällt, sich dem Druck zu entziehen. Sie sollten die Mitarbeit der Väter stärker einfordern. Sich einen Babysitter zulegen, regelmäßig kinderfreie Tage alleine oder mit dem Partner organisieren. Oder sich therapeutische Unterstützung holen - etwa in Form von Psycho- oder Entspannungstherapie.


      Als Fazit ließe sich also sagen, am Ende liegt es vor allem an den Frauen selbst?

      Absolut. Dass es soweit kommt, dass Frauen ihre Mutterschaft bereuen, wird erst möglich, wenn sie nicht in der Lage sind, die ihnen auferlegte Mutterrolle abzulehnen. Es kommt darauf an, die eigenen Bedürfnisse zu schützen und sich damit selber Anerkennung zu geben. Es gibt immer die Möglichkeit, eine Tasse Kaffee zu trinken. Man muss es sich allerdings wert sein und sich klar machen: Ich habe ein Recht darauf.


      Das ist am Ende auch den Kindern gegenüber fairer.

      Sicher. Die Anforderungen werden ja nicht von den Kindern an die Mütter gestellt. Die sind sich der Tatsache gar nicht bewusst, wie unglücklich ihre Mütter darüber sind, dass sie nicht duschen oder Kaffee trinken können. Ihnen wird ein Geschlechterbild vorgelebt, in dem die Frau eine Art Dienstleisterin ist. Das wird immer weitergegeben. Wir brauchen ein Mutterbild, das nicht darauf abzielt, eigene Bedürfnisse zu unterdrücken. Wir brauchen Mütter, die wissen, wo ihre Grenzen sind. Das ist verantwortungsvoll.



      Nota. - "Weil Frauen schon von Kindheit an gelernt haben, sich zurückzunehmen": wann und wo soll das gewesen sein? In den letzten vierzig Jahren nicht, jedenfalls nicht bei uns.

      Nicht was ihre Kinder von ihnen erwarten, ist ihnen zu viel, sondern was ihre Rolle von ihnen erwartet. Und was ist "ihre Rolle"? Das, was die Andern tuscheln - die andern Mütter. 


      Das gibt es ja gar nicht mehr, dass jemand Mutter wird, ohne es zu wollen. Die Frage ist heute vielmehr: Warum will sie es? Wenn sie es aus Eitelkeit tut, aus Geltungssucht, um sich zu verwirklichen und auszu- dehnen - dann wird sie es bald bereuen und muss sie niemand bemitleiden; wohl aber die Kinder und den Mann. Nicht "in der Gesellschaft muss sich etwas ändern", sondern in manch einer GesellschafterIn.
      JE