Mittwoch, 19. November 2014

Puer oeconomicus.

Wer früh Geduld hat, kann im Erwachsenenalter mit besseren Chancen rechnen.
aus nzz.ch, 19. 11. 2014

Der junge Homo oeconomicus
Geduld macht sich bezahlt

von Matthias Sutter

Wer als Kind über Geduld verfügt, wird im Erwachsenenalter mehr Erfolg haben. Dies zeigen neue Erkenntnisse aus dem Bereich der experimentellen Ökonomie.
Der dreijährige Daniel muss nicht lange nachdenken, als er gefragt wird, ob er die 30 Meter Laufstrecke lieber allein oder im Wettbewerb gegen ein anderes dreijähriges Kind rennen will. Er entscheidet sich sofort für den Wettbewerb. Wenn er den gewinnt, bekommt er doppelt so viele Geschenke, etwa Smarties, Äpfel oder Abziehbildchen, als wenn er allein rennt. Daniel ist auch fest davon überzeugt, dass er gewinnen wird, noch bevor das Rennen losgeht. Für die dreijährige Sophie ist die Entscheidung schwieriger. Beim individuellen Rennen einen Tag zuvor war sie zwar die Schnellste, sie entscheidet sich heute aber dennoch dafür, lieber allein zu laufen. Wettbewerb – vor allem gegen Burschen – mag sie nicht so gern, und sie ist sich, trotz ihrer Leistungsfähigkeit, nicht ganz sicher, ob sie wirklich gewinnen würde.

Mädchen mögen keinen Wettbewerb

Das Beispiel illustriert die grundsätzliche Einsicht, dass sich Mädchen typischerweise weniger gern einem Wettbewerb stellen als Burschen – selbst wenn Mädchen eine bestimmte Aufgabe gleich gut oder sogar besser bewältigen. Diese Einsicht ist deshalb von Bedeutung, weil die Einstellung zum Wettbewerb spätestens im Berufsleben in vielen Fällen über Aufstiegs- und Karrierechancen entscheidet. Die Geschlechterunterschiede auf Arbeitsmärkten sind nach wie vor sehr gross, selbst in hochentwickelten Volkswirtschaften Mitteleuropas. Neben eher traditionellen Erklärungen für diese Unterschiede (etwa die Doppelbelastung von Frauen in Familie und Beruf, die unterschiedliche Berufswahl von Männern und Frauen oder eine mögliche Diskriminierung von Frauen) spielt offensichtlich auch die Bereitschaft eine Rolle, sich einem Wettbewerb zu stellen und in Wettbewerbssituationen hervorragende Leistungen erbringen zu können.

Dass die Unterschiede im Wettbewerbsverhalten von Burschen und Mädchen schon sehr früh einsetzen, nämlich im Kindergartenalter, ist eine der Einsichten aus jüngsten Studien zur Entwicklung des ökonomischen Entscheidungsverhaltens bei Kindern und Jugendlichen. Diese Studien stellen ein weiteres Mosaiksteinchen dar in einem seit wenigen Jahren stark wachsenden Feld der Verhaltensökonomie, das sich für das Entscheidungsverhalten von Kindern und Jugendlichen interessiert.

Vor allem experimentelle Ökonomen haben das Verhalten von Kindern und Jugendlichen als spannendes und wichtiges Forschungsgebiet entdeckt. Ausgangspunkt des Interesses war als Erstes die Frage, ob die bis dahin beobachteten Verhaltensmuster von Erwachsenen (meist Universitätsstudenten, die an ökonomischen Laborexperimenten teilnahmen) auch für Kinder und Jugendliche gültig sind. Da die experimentelle Evidenz mit erwachsenen Probanden eine Vielzahl moderner Verhaltensmodelle – etwa bei der Modellierung von sozialem Verhalten oder der Einstellung gegenüber Risiko und Ambiguität – entscheidend geprägt hat, bestand das ursprüngliche Interesse darin, zu sehen, ob diese Modelle auch eine gute Beschreibung des Verhaltens von Kindern und Jugendlichen ermöglichen.

Diese Annahme hat sich etwa bei der Frage, wie sich Verteilungsgerechtigkeit in jungen Jahren entwickelt, als unzutreffend erwiesen. Ganz junge Kinder im Alter von drei bis vier Jahren achten im Wesentlichen auf sich selbst und wählen zwischen zwei Optionen – die jeweils eine bestimmte Anzahl Belohnungen für das Kind selbst und ein anderes Kind zur Folge haben – normalerweise jene, bei der das Kind selbst am meisten bekommt, unabhängig vom Wohlergehen des anderen Kindes.

Es zeigt sich aber, dass Kinder im Alter zwischen drei und vier Jahren und in den frühen Grundschuljahren (im Alter von zirka acht Jahren) eine starke Entwicklung vom Eigennutz hin zu einer Vorliebe für Gleichverteilung und Fairness vollziehen. Bei noch älteren Kindern von neun bis siebzehn Jahren gewinnt dann zusätzlich noch die Vorliebe für Effizienz (mit anderen Worten: für die Grösse des Kuchens) eine wichtige Rolle, wenn Verteilungsfragen zu lösen sind. Daraus ergibt sich ein kohärentes Bild, welche Bedeutung Fairness und die Aversion gegen Ungleichheit haben in der Lebensphase vor dem Erwachsenenalter. Das Wissen darüber ist unter Umständen nützlich für das Treffen sozialpolitischer Entscheidungen, bei denen Fragen der Verteilungsgerechtigkeit und Fairness virulent sind.

Ein zweiter wichtiger Grund für die Erforschung des ökonomischen Entscheidungsverhaltens von Kindern und Jugendlichen ergibt sich aus der Überlegung, dass für mögliche Interventionen idealerweise der Zeitpunkt im Leben bekannt sein sollte, zu dem sich bestimmte ökonomische Vorlieben erst entwickeln und damit aller Voraussicht nach noch relativ leicht beeinflussbar sind. Im Zusammenhang mit dem eingangs beschriebenen Beispiel zum Wettbewerbsverhalten von Burschen und Mädchen wird in der Gesellschaft oft darüber diskutiert, ob die Unterschiede in der Wettbewerbsbereitschaft von Männern und Frauen beispielsweise Quotenregelungen im Berufsleben – etwa bei der Besetzung von Vorstandsposten – gerechtfertigt erscheinen lassen.

Bei solchen Fragen gehen schnell die Emotionen hoch. Nüchtern betrachtet scheint es aber so zu sein, dass diese Unterschiede schon früh einsetzen, lange vor dem Eintritt ins Berufsleben. Deshalb liesse sich anhand dieser Erkenntnisse überlegen, welche bildungspolitischen Möglichkeiten bei Kindern und Jugendlichen vermutlich mit höherer Treffsicherheit (und möglicherweise auch geringeren Kosten) erwünschte Effekte auf die Wettbewerbseinstellungen von Burschen und Mädchen haben könnten.

Unrast und Alkoholkonsum

Ein anderes wichtiges Feld, in dem verstärkt auch Verhaltensökonomen Forschung mit Kindern und Jugendlichen machen, betrifft intertemporale Entscheidungen. Dabei geht es um die Frage, wie Kinder und Jugendliche zwischen einer Option wählen, die sofort verfügbar ist, und einer zumeist grösseren Alternative, die erst in der Zukunft erhältlich ist. Zum Beispiel wurden ungefähr 700 Tiroler Jugendliche vor die Wahl gestellt, 10 € sofort am Tag des Experiments oder einen höheren Betrag (von bis zu 14 €) drei Wochen später zu erhalten. Die Bandbreite der Entscheidungen in einem solchen Experiment ist bemerkenswert: Während etwa 20% der Jugendlichen bereits für 20 Cent mehr drei Wochen lang zuwarten, sind 10% selbst beim Höchstbetrag von 14 € nicht zu warten bereit, sondern wählen den kleineren Betrag von 10 € sofort. Zwischen beiden Extremen sind die Entscheidungen ungefähr gleich verteilt.

Das Interesse der Verhaltensökonomie endet aber nicht bei der Erkenntnis, dass manche Jugendliche geduldiger sind als andere, sondern kreist auch um die Frage, ob und wie die Entscheidungen im Experiment mit wichtigen Verhaltensdimensionen der Jugendlichen ausserhalb des Labors in Verbindung stehen. Dabei lassen sich statistisch signifikante Zusammenhänge finden. Wer weniger geduldig auf einen höheren Betrag in drei Wochen warten kann (also häufiger die 10 € sofort einkassiert, als einen grösseren Betrag in der Zukunft zu wählen), ist mit höherer Wahrscheinlichkeit Raucher und gibt zudem häufiger Geld für alkoholische Getränke aus. Ausserdem geben die ungeduldigeren Jugendlichen eher an, dass sie von ihrem Taschengeld nichts zur Seite legen und damit keine Ersparnisse haben. Die ungeduldigeren Jugendlichen haben auch schlechtere Schulnoten und häufiger disziplinäre Schwierigkeiten in der Schule. Der letztgenannte Aspekt ist jener, der die Direktoren der beteiligten Schulen erfahrungsgemäss am meisten interessiert, zumal sie der (naheliegenden) Ansicht sind, dass disziplinäre Schwierigkeiten in der Schule häufig auf ähnliche Schwierigkeiten später am Arbeitsplatz hindeuten, was für die Berufschancen dieser Jugendlichen wenig Gutes verheisst.

Die ökonomische Methode zur Messung von Geduld (also beim Abwägen zwischen einem kleineren, aber früheren Betrag und einem grösseren, indes in der Zukunft liegenden Betrag den späteren zu wählen) liefert ähnliche Erkenntnisse wie die berühmten Marshmallow-Experimente des Psychologen Walter Mischel. In diesen Experimenten – erstmals in den 1960er Jahren durchgeführt – konnten Kinder im Alter von vier bis sechs Jahren entweder ein einziges Marshmallow sofort oder noch ein zweites bekommen, wenn sie zirka eine Viertelstunde der Versuchung widerstanden, das erste zu essen. 

Mischel war ursprünglich daran interessiert, welche Strategien den Kindern am besten helfen, der Versuchung zu widerstehen, das erste Marshmallow sofort zu essen. Die Hände vor das Gesicht schlagen oder bekannte Kinderlieder singen waren erfolgreiche Strategien. Hingegen führte das Anfassen und Riechen am Marshmallow meist zum unmittelbaren Verzehr. Erst Jahre später entdeckte Mischel, dass die geduldigeren Kinder sich als Jugendliche durch höhere Sprachkompetenz, besser integriertes Sozialverhalten, höhere Frustrationstoleranz und mehr Erfolg in der Schule auszeichneten. In Langzeitstudien über mehrere Jahrzehnte wurde auch gezeigt, dass geduldige Kinder im Erwachsenenalter meist besser ausgebildet sind und ein höheres Einkommen haben und weniger oft in finanzielle Schwierigkeiten geraten, dass sie als Teenager seltener ungewollt schwanger werden und dass sie als Erwachsene mit höherer Wahrscheinlichkeit einen besseren Gesundheitszustand hatten.

Intervenieren – aber richtig

Ökonomen interessieren sich für diese Zusammenhänge, weil Geduld positiv mit der Ausbildung und dem späteren Einkommen auf dem Arbeitsmarkt, aber auch mit dem Gesundheitszustand eines Menschen zusammenhängt. Die rasch steigenden Gesundheitskosten werfen auch aus volkswirtschaftlicher Sicht die Frage auf, wie man Geduld bzw. Selbstkontrolle beim Umgang mit Versuchungen (etwa der süssen Schokolade im Vergleich mit dem gesünderen Apfel oder dem Fernsehkonsum im Vergleich mit der sportlichen Betätigung an frischer Luft) allenfalls beeinflussen kann. Verhaltensökonomen untersuchen dabei namentlich, welchen Einfluss der Status quo bei Entscheidungen hat bzw. welche einfachen Interventionen menschliches Verhalten beeinflussen und damit zu einer besseren Gesundheitsvorsorge und Prävention führen können.

Ein Beispiel zur Wirkung von Interventionen auf das Verhalten erwachsener Mitarbeiter in einer Firma ist das folgende: Häufig laden grosse Unternehmen ihre Mitarbeiter im Herbst zu kostenlosen Grippeschutzimpfungen ein. Natürlich sollen dadurch aus Unternehmersicht die krankheitsbedingten Absenzen reduziert werden. Jedoch ist ein Winter ohne Grippe auch aus individueller Sicht wünschenswert. Wenn nun die Einladung zur kostenlosen Grippeschutzimpfung mit der Aufforderung verbunden wird, dass man sich doch bitte den Tag und die Uhrzeit notieren soll, wann und an welchem Ort man zur Impfung gehen möchte, dann gehen laut einer amerikanischen Feldstudie etwa 13% mehr der Belegschaft impfen, als wenn die an sich identische Einladung diese Aufforderung nicht enthält. Die höhere Bereitschaft zur Impfung und deshalb Vorsorge hängt mit dem Umstand zusammen, dass zur Umsetzung von (guten) Absichten ein möglichst klarer Plan mit den entsprechenden Handlungsschritten bewusstgemacht werden sollte, was in diesem Fall durch das Notieren der geplanten Handlung gelingt. Auch das schriftliche Festhalten bereits getätigter Handlungen kann zukünftige Handlungen verändern, wie eine Studie in Australien zeigte. Wenn Studierende mehrere Wochen lang täglich ihre Einnahmen und Ausgaben auflisten müssen, dann reduzieren sie – im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, die keine Aufzeichnungen über Einnahmen und Ausgaben führen muss – ihre Ausgaben deutlich (bei gleichbleibenden Einnahmen) und erhöhen somit ihren finanziellen Spielraum.

Bildungsökonomische Folgen

In einer noch nicht publizierten Untersuchung in Tiroler Kindergärten geht es um die Frage, wie drei- bis sechsjährige Kinder zu mehr zukunftsorientiertem Verhalten motiviert werden können. Dabei wird untersucht, welchen Einfluss ein entsprechend gewählter Status quo haben kann. In diesem Fall haben die Kinder die Möglichkeit, zwischen einem sofortigen Geschenk (etwa einem Apfel, einer Süssigkeit, einem Gummiarmband oder Ähnlichem) und zwei Geschenken am nächsten Tag zu wählen. Die konkrete Wahl erfolgt, indem die Kinder zwei Spiele-Chips vor sich haben und dann wählen müssen, ob sie einen davon sofort mitnehmen wollen, den sie dann in ein Geschenk umtauschen können, oder ob sie die beiden für den nächsten Tag aufbewahren wollen, um dann die Chips in zwei Geschenke einzutauschen.

In einer Kontrollbedingung liegen die zwei Chips offen auf dem Tisch. Wenn ein Kind einen Chip sofort nehmen will, kann es den Chip sogleich nehmen. Wenn es beide für den nächsten Tag aufsparen möchte, dann muss es beide Chips in einen offenen Umschlag stecken, auf dem dann eine Identifikationsnummer notiert wird, so dass das Kind die beiden Chips am nächsten Tag bekommt. In der Versuchsbedingung werden die beiden Chips gleich zu Beginn in den offenen Umschlag gesteckt. Dann kann das Kind in den Umschlag schauen und entscheiden, ob es einen Chip aus dem Umschlag herausnehmen möchte, um ihn gleich in ein Geschenk umzutauschen, oder ob es beide Chips im Kuvert lassen will, um am nächsten Tag zwei Geschenke zu erhalten.

In der Kontrollbedingung sieht man, dass ältere Kinder eher bereit sind, auf die zwei Geschenke am nächsten Tag zu warten, anstatt das eine sofort zu nehmen. Bei den drei- bis vierjährigen Kindern beträgt der Anteil der geduldigen Kinder etwa 30%, und er steigt auf etwa 50% bei den Vier- bis Fünfjährigen und auf ungefähr 70% bei den Fünf- bis Sechsjährigen. Die Intervention in der Versuchsbedingung erhöht diese Anteile systematisch um zirka 20 Prozentpunkte in jeder Altersgruppe, was bedeutet, dass eine einfache Veränderung des Status quo statistisch bedeutsame Effekte auf die Bereitschaft von Kindern hat, beim Abwägen zwischen einer kleineren Belohnung am selben Tag und einer grösseren am nächsten Tag die grössere Auszahlung zu wählen.

Eine wichtige Frage für künftige Forschungen besteht angesichts dieses Ergebnisses – und angesichts der Bedeutung von Geduld für die eigene Ausbildung und Gesundheit – darin, ob und gegebenenfalls wie längerfristige Verhaltensänderungen hin zu mehr Zukunftsorientierung überhaupt möglich sind. In den kommenden Jahren werden aller Voraussicht nach Antworten auf diese Frage gefunden werden. Spätestens dann wird es Zeit, dass die Verhaltensökonomen noch mehr als derzeit mit den bildungsökonomischen Institutionen ihrer Länder in einen Diskurs treten, um zu beurteilen, wie die verhaltensökonomischen Einsichten aus gesellschaftlicher und demokratischer Sicht am besten genützt werden sollten.

M. Sutter (2014): Die Entdeckung der Geduld – Ausdauer schlägt Talent. Ecowin, Salzburg.M. Sutter, D. Glätzle-Rützler (2015): Gender differences in the willingness to compete emerge early in life and persist. Management Science, im Druck. M. Sutter, M. Kocher, D. Glätzle-Rützler, S. Trautmann (2013): Impatience and uncertainty: Experimental decisions predict adolescents' field behavior. American Economic Review 103: 510–531.E. Fehr, D. Glätzle-Rützler., M. Sutter (2013): The development of egalitarianism, altruism, spite and parochialism in childhood and adolescence. European Economic Review 64: 369–383.

Matthias Sutter

tf. ⋅ Bücher von deutschsprachigen Ökonomen schaffen es selten auf Bestsellerlisten. Dieses Kunststück fertiggebracht hat in seinem Heimatland der österreichische Wirtschaftswissenschafter Matthias Sutter. Sein Buch «Die Entdeckung der Geduld. Ausdauer schlägt Talent» hat auch ausserhalb der Ökonomenzunft breites Echo ausgelöst. 1968 im vorarlbergischen Hard geboren, lehrt und forscht Sutter im Bereich der experimentellen Ökonomie an der Universität Innsbruck. Auf Anfang 2015 wird Sutter eine Professur an der Universität Köln antreten, und zwar im Bereich «Behavioral Economic Engineering and Social Cognition». Neben der Analyse von Geduld und ökonomischem Entscheidungsverhalten im Kindesalter kreisen seine Forschungsschwerpunkte auch um Entscheidungen von Teams. Nach der Habilitation in Volkswirtschaftslehre an der Universität Innsbruck forschte Sutter am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena, an der Universität Göteborg und am European University Institute in Florenz. Seine Arbeiten sind in führenden Fachzeitschriften wie «Science», «Econometrica» oder «American Economic Review» veröffentlicht worden.

Dienstag, 18. November 2014

Die Wirtschaft will nur euer Bestes.


aus DiePresse.com, 

Industriellenvereinigung will Gesamt- und Ganztagsschule
Die Industriellenvereinigung spricht sich für eine "Bildungsrevolution" aus. Für Reförmchen sei es zu spät.

Die Industriellenvereinigung (IV) macht erneut in Sachen Bildung mobil: Sie spricht sich für eine ganztägige Gesamtschule für alle Kinder von fünf bis 14 Jahren aus, die mit einer mittleren Reifeprüfung abschließt. Die Kinder sollen von 8.30 bis 15.30 Uhr in der Schule sein, zusätzlich soll es optional Früh- und Spätbetreuung geben, so IV-Präsident Georg Kapsch bei einer Pressekonferenz.

Im Schulbereich brauche es eine "Bildungsrevolution" und einen "kompletten Neustart", begründete Kapsch. "Der Punkt, an dem man mit Reformen oder Reförmchen noch etwas ändern hätte können, den haben wir schon vor Jahrzehnten überschritten." Das derzeitige Bildungssystem erfülle weder die Anforderungen einer modernen Welt [damit meinen sie sich selbst] noch die Erwartungen der Eltern und Schüler.
Als Hauptproblem orteten Kapsch und sein Generalsekretär Christoph Neumayer die Gruppe der Fünf- bis 14-Jährigen. "Das derzeitige System ermöglicht ein bloßes Absitzen der neun Pflichtschuljahre und nimmt in Kauf, dass die Abgänger keine ausreichenden Kompetenzen aufweisen", so Neumayer. Außerdem trenne man die Kinder viel zu früh: "Wollen wir uns wirklich anmaßen, abschließend zu beurteilen, welches Potenzial in Zehnjährigen steckt?"
Einführung eines Schulstartjahres
Nach den Vorstellungen der IV soll die Bildungspflicht mit vier Jahren und einem verpflichtenden Kindergartenjahr beginnen. Daran schließt sich mit fünf ein "Schulstartjahr", das schon an der Schule verbracht wird. Bis zur mittleren Reife mit ca. 14 Jahren verbringen die Kinder ihre Schulzeit dann in einer gemeinsamen Schulform. Die bisherige Trennung in Volksschule bzw. später AHS-Unterstufe/Hauptschule/Neue Mittelschule würde entfallen.
Diese Schulzeit soll in drei Phasen zerfallen: In der ersten würden die Grundkompetenzen wie Lesen, Schreiben, Rechnen sowie Information und Kommunikation erlernt. In der zweiten erfolge der Aufbau der Allgemeinbildung und der Fachkenntnisse, in der dritten werde dies vertieft und erfolge Ausbildungs- und Berufsorientierung angeboten. Jede Phase solle je nach Auffassungsfähigkeit der Kinder zwei bis drei Jahre dauern.
Durchfallen soll es nicht mehr geben
Die Bildungspflicht soll dann mit der mittleren Reifeprüfung enden. Diese solle zwischen 14 und 18 Jahren erfolgen - wer diese zunächst nicht schaffe, bleibe bis zur Absolvierung im Regelschulwesen, so Kapsch.
Organisiert sein soll dies in einer für alle verpflichtenden verschränkten Ganztagsschule mit einem Wechsel aus Unterricht, Freizeit und Lernzeit von 8.30 bis 15.30 Uhr. Optional soll es ab sieben und bis 19 Uhr dort auch noch Betreuung geben. Benotet würde mit einer Mischung aus Ziffernnoten und alternativen Beurteilungssystemen. Ein generelles Durchfallen soll es nicht mehr geben, so Kapsch. Wer in einem Fach schwach sei, bleibe in diesem auf der bisherigen Stufe und steige in den anderen auf.
...
Ziel ist für Kapsch ein "hohes Allgemeinwissen" der Schüler: "Allgemein gebildete Menschen sind wesentlich flexibler als sehr engstirnig ausgebildete." Demnächst will die IV Konzepte für die Zeit nach der mittleren Reife bzw. die Hochschulen vorlegen. Eines ist dafür schon jetzt klar: Die Polytechnische Schule werde es nicht mehr brauchen.
Als Vorbilder dienen der IV Länder wie Finnland und die Niederlande. Neumayer ist dabei klar, dass es für eine Umstellung schon aufgrund der baulichen Notwendigkeiten Zeit brauche. Dabei verwies er auf Polen, das zuletzt auf so ein System umgestellt habe.
(APA)

Mittwoch, 12. November 2014

Die schwarze Reaktion marschiert, II.

Foto: dpa
aus Die Presse, Wien, 06.11.2014

Nachmittagsbetreuung:
Immer stärker Staat in der Pflicht
Wer ist am Nachmittag für die Betreuung von Schulkindern verantwortlich? Nur noch 31 Prozent sehen die Hauptzuständigkeit bei der Familie.
  
Die Nachmittagsbetreuung von Schulkindern wird immer stärker als Sache des Staats gesehen. Das zeigt eine im Informationsdienst des Instituts für Familienforschung (ÖIF) veröffentliche Studie aus dem Generations and Gender Survey. Mittlerweile halten fast gleich viele Befragte Staat bzw. Familie für hauptzuständig.

Im Rahmen der Erhebung wurden 2009 und 2013 jeweils rund 5000 Personen befragt. Ergebnis: Die größte Gruppe, nämlich 43 Prozent, sah 2013 Familie und Staat gleichermaßen für die Nachmittagsbetreuung zuständig. 31 Prozent ordneten die Hauptzuständigkeit der Familie zu, 26 Prozent dem Staat. Auffällig ist dabei die Entwicklung: Vier Jahre zuvor waren noch 38 Prozent der Ansicht, dass sich primär die Familien nachmittags der Schulkinder annehmen sollen, nur 22 Prozent nahmen primär den Staat in die Pflicht (beide gleichermaßen: 40 Prozent).

Einstellung vor allem bei Eltern geändert

"Zusammen mit der öffentlichen Diskussion der vergangenen Jahre um ganztägige Schulformen haben sich also auch die Einstellungen der Bevölkerung etwas verschoben", heißt es im Bericht. Besonders deutlich seien diese Änderungen bei den unmittelbar Betroffenen ausgefallen, also Eltern von Kindern zwischen sechs und 15 Jahren: Sie schrieben 2009 noch mit 44 Prozent weitgehend den Familien die Hauptverantwortung zu - 2013 war es nur mehr etwas mehr als ein Drittel (35 Prozent).

Am stärksten in Richtung staatliche Verantwortung tendieren übrigens die Kinderlosen: Sie sehen zu 30 Prozent den Staat als hauptzuständig (Familie: 28 Prozent, Familie und Staat gleichermaßen: 42 Prozent). (APA)


Nota. - Lassen Sie sich nicht verwirren, weil sich diese Reaktion rot-grün vermummt; sie ist zutiefst schwarz und scheut das Licht, darum will sie die Kinder auch nachmittags in Stuben sperren.

Hat es ihr progagandistisches Trommelfeuer geschafft, nun auch die Elten mürbe zu machen, die sich bislang noch schützend vor ihre Kinder gestellt hatten? Vielleicht ist es aber nur trotzigen Resignation: Wenn sie's denn nicht anders wollen, solln sie nur zusehen, wie sie's bezahlen. Ein Lichtblick immerhin: Noch sind es die, die gar keine Kinder wollen, die den Finger an der statistischen Waage haben. Die sollte man raussuchen und vorn an die Rampe stellen, damit jeder sieht, wieviel Menschfreundlichkeit in der Ganztagsschule steckt.
JE

Die Zürcher Klassengrößen-Initiative.

aus nzz.ch,11.11.2014, 05:30 Uhr

Contra: Pädagogisch nahezu wirkungslos



Das Schrauben an der Klassengrösse ist eine der wirkungsvollsten bildungspolitischen Massnahmen, wenn es um Geld geht. Bemisst sich die Massnahme allerdings nach pädagogischen Zielen, ergibt sich eine ziemlich konträre Sicht: Die Klassengrösse ist für Unterricht, Disziplin, Wohlbefinden und Schulleistungen der Kinder von untergeordneter Bedeutung, zumindest im Kanton Zürich, wo bereits heute mehr als 90 Prozent der Klassen 23 oder weniger Schülerinnen und Schüler umfassen.

Selbstverständlich spielt es für Lehrerinnen und Lehrer eine Rolle, ob sie 22 oder 18 Aufsätze korrigieren, 22 oder 18 Elterngespräche führen. Der Arbeitsaufwand sinkt im Gleichschritt mit der Abnahme der Klassengrösse. Zudem bieten kleinere Klassen die Möglichkeit, die Zeit der Interaktion zwischen Lehrperson und Kind zu erhöhen. Die Schulkinder werden im Unterricht häufiger aufgerufen, können sich weniger gut verstecken. Und trotzdem zeigen wissenschaftliche Untersuchungen in ungewöhnlich hoher Übereinstimmung, dass die Schüler in kleineren Klassen weder motivierter sind noch mehr lernen und dass Lehrer ihre Unterrichtsformen nicht ändern, wenn sie in einem Jahr 22 Kinder und im nächsten 18 Kinder unterrichten.

Die Klassengrösse zählt zu jenen Faktoren, die auf Unterrichtsqualität und Lernerfolg kaum einen Einfluss haben. Kinder profitieren in Klassen mit 25 mehrheitlich motivierten Schülerinnen und Schülern und einer fachlich wie pädagogisch kompetenten Lehrerin deutlich mehr als in Klassen mit 15 Kindern, von denen die Mehrheit Lernen als «uncool» bezeichnet oder deren Lehrer nicht imstande ist, die Klasse effizient zu führen.

Von den vielen für guten Unterricht und Lernerfolg bedeutsamen Faktoren sind in der Klassengrössen-Diskussion zwei besonders relevant: das professionelle Vorgehen der Lehrer im Unterricht und die Zusammensetzung der Klasse. Je besser Lehrerinnen fachlich und pädagogisch-didaktisch ausgebildet sind, desto einfacher fällt es ihnen, strukturiert und anregungsreich zu unterrichten und Kinder mit Lernschwierigkeiten erfolgreich zu unterstützen. Und je besser die motivationalen Voraussetzungen der Klasse sind, desto grösser ist die Chance, dass die Schüler das Unterrichtsangebot aktiv nutzen. Ob in einer Klasse 22 oder 18 Kinder sitzen, spielt hingegen keine Rolle.

Die Beschränkung der Klassengrösse auf 20 Kinder ist nicht nur teuer und pädagogisch nahezu wirkungslos, sie ist auch ungerecht. Durch die Anwendung des Giesskannenprinzips wird verhindert, dass die Mittel dort eingesetzt werden, wo sie gebraucht werden: in Klassen mit schwierigen Lehr-Lern-Bedingungen. Diese Klassen brauchen mehr Ressourcen, beispielsweise, indem das Betreuungsverhältnis erhöht wird, bestimmte Fächer im Halbklassenunterricht erteilt oder zusätzliche Stunden für ausgewählte Schüler ermöglicht werden. Aufgrund der wissenschaftlichen Erkenntnisse könnte man – prononciert ausgedrückt – auch zum Schluss kommen, die Klassengrösse zu erhöhen und das frei werdende Geld Schulen in Einzugsgebieten tendenziell anspruchsvollerer, schwierigerer Schüler zur Verfügung zu stellen.
 
Urs Moser ist Leiter des Instituts für Bildungsevaluation an der Universität Zürich und Titularprofessor.

Nota. - Dass die nervliche Belastung der Lehrer mit der Klassengröße wächst, wird man auch ohne wissenschaftliche Untersuchungen glauben dürfen. Das Kernproblem sind aber auch da nicht die vielen Kinder, sondern dass der Lehrer Alleinunterhalter ist. Ob sich der Auftritt mit verteilten Rollen, der hier und da erprobt wird, bewährt, wird man sehen. Eine Scheidung nach Haupt- und Hilfslehrern wird die Schule hinnehmen können, aber vielleicht nicht die Lehrer.

Bedenke immer: Für die Schule gibt es keine Ideallösungen, weil die Schule kein Ideal ist., sondern nnur ein Notbehelf.
JE

Dienstag, 11. November 2014

Knaben müssen gewagt werden.

aus Die Presse, Wien, 11.11.2014 | 18:15 |                                             Knaben müssen gewagt werden. Joh. Fr. Herbart

„Alle Beteiligten handeln aus Angst“
Kinderarzt Herbert Renz-Polster erklärt, dass die heutige Erziehung nur wenig mit den Bedürfnissen der Kinder zu tun hat.
 
    

Die Presse: In Ihrem Buch geht es immer wieder um die Geschichte der Erziehung. Wann wären Sie selbst gern Kind gewesen?

Herbert Renz-Polster: Ich war gern in den 1960er- und 1970er-Jahren Kind. Da waren Bindung und Beziehung schon wichtig, gleichzeitig hatten wir viel Autonomie.
 
Und heute?
 
In Erziehung und Bildung geht es nicht um die Kinder, sondern um die Funktionen, die diese Kinder einmal einnehmen sollen. Dabei reden alle mit, die an diesen Funktionen Interesse haben. Wir haben so viel mit ihnen vor, dabei sehen wir nur nach vorn und haben den Blick nicht mehr auf den Kindern.
 
Sie schreiben, wenn das Kind seine Funktion brav erfüllt, wird es mit Status belohnt, „der sozialen Währung schlechthin“.
 
Eltern wollen für ihre Kinder eine erfolgreiche Laufbahn. Eigentlich sind wir alle in einen Systemprozess eingespannt, in dem die Eltern die führende Rolle übernehmen, weil Erfolg immer auch mit Aufstieg belohnt wird.
 
Kann man das den Eltern vorwerfen?
 
Nein, man kann es ihnen nicht vorwerfen. Aber was man feststellen kann, ist, dass eigentlich alle Beteiligten aus Angst handeln. Die Eltern wollen, dass ihre Kinder funktionieren, damit sie erfolgreich sind – auch, wenn sie selbst unter der Beschleunigung leiden. Oft sind sie getrieben von Sorgen und Ängsten, dass die Kinder nicht mithalten können, wenn sie sie nicht fit für die Zukunft machen. Die Frühpädagogik wiederholt Ansagen, die aus der Wirtschaft kommen. Daraus spricht auch Angst: dass es an Nachwuchs für den globalisierten Wettkampf fehlt.
 
Was fehlt den Kindern dadurch?
 
Man will sie zu Leistungsträgern der Zukunft machen. Aber die Forderungen gehen an den Kindern vorbei, letzten Endes erleiden sie dadurch Nachteile. Denn um im Leben zu bestehen, braucht es nicht nur Spezialisierungen, sondern ein festes Lebensfundament. Das Kind soll mit sich und anderen zurechtkommen, innerlich stark werden. Das sind unverhandelbare Grundeigenschaften, um im Leben zu bestehen. Je mehr wir die Kinder schon frühzeitig auf Bildung spezialisieren und ihnen abverlangen, umso mehr schmälern wir diese Lebensbasis.
 
Im Kindergarten steht ohnehin das spielerische Lernen im Zentrum. Was ist daran so schlimm?
 
Der Kernpunkt ist, dass kleine Kinder über die und in der funktionierenden Beziehungswelt lernen. Sie stellen auch Bedingungen: Nur, wenn sie sich emotional gesichert fühlen, können sie zu forschen beginnen. Die Beziehungswelt müsste deshalb Kernthema jeder Pädagogik sein. Die grundlegenden Kompetenzen müssen die Kinder dann selbst erfahren, die kann man nicht an sie herantragen. Kinder lernen eigentlich nur, indem sie sich selbst bewähren.
 
Und das fehlt?
 
Ja, darum geht es in der Frühpädagogik viel zu wenig. Die offiziellen Stellen kümmern sich um Dokumentationen der Entwicklung oder Portfolioarbeit, aber beim Personal macht man gern mal Kompromisse. Da sind viele Experten am Werk, aber auf die Kinder selbst wird nicht geschaut.
 
Interessant ist, dass Sie als Arzt wissenschaftlichen Studien zur kindlichen Entwicklung sehr kritisch gegenüberstehen.
 
Ja, in dem Bereich stehe ich „Experten“ und Studien absolut kritisch gegenüber. Bis heute gibt es keine einzige Meinung in Sachen Bildung und Erziehung, die nicht „wissenschaftlich“ abgesichert wurde – und sei sie noch so abwegig. So hieß es früher, Säuglinge hätten gar kein Bedürfnis nach Nähe. Die Forschung an Ratten im Labor ist schon nicht einfach, aber Wissenschaft an frei lebenden Kindern ist extrem schwierig.

Herbert Renz-Polsterist ein deutscher Kinderarzt. Jüngst ist sein Buch „Die Kindheit ist unantastbar“ bei Beltz erschienen. [ Beltz ]

Nota. - Das sind alles uralte Wahrheiten. Dass man sie ständig wiederholt, nützt gar nichts. Doch wenn man es nicht tut, wird's noch schlimmer.
JE


Foto: Lothar Sauer

Montag, 10. November 2014

Kinderverzwergung.

aus Der Standard, Wien,

"Unsere Kinder werden zu Zwergen degradiert"
"Monsterologe" Matthias Burchardt über Godzilla und King Kong, sekundäre Wolfskinder und sein Lieblingsmonster

Interview |

...

STANDARD: Sie bilden am Pädagogischen Seminar der Uni Köln Lehrerinnen und Lehrer aus. Ist die Monsterologie dabei hilfreich?

Burchardt: Der Kern der Lehrerausbildung sollte natürlich woanders liegen: Fachlichkeit, Didaktik, Methodik, Ethik, persönliche Bildung usf. Allerdings stellt sich dem angehenden Lehrer auch die Frage nach dem Menschsein als Voraussetzung und Ziel von Bildung. Das Nachdenken über das Ungeheure mag dabei helfen, einerseits Toleranz gegenüber Fremdem zu üben und andererseits aber auch gegen Bedrohungen des Humanen gewappnet zu sein. Ich glaube fest daran, dass der Lehrer eine anthropologische Schlüsselfigur ist, jemand, der nolens volens Zeugnis ablegt von dem, was es heißen kann, ein Mensch zu sein. Im Guten wie im Bösen schreiben Pädagogen federführend mit an unserer Geschichte. Sie versagen allerdings dort, wo sie sich wie bloße Organe eines gesellschaftlichen oder politischen Formungswillens verhalten, ohne selbst eine verantwortliche Haltung zu den wesentlichen Fragen unseres Daseins zu entfalten.

STANDARD: Fällt der "Lernbegleiter", der die Lehrerinnen und Lehrer ablösen soll, für Sie in die Kategorie bildungspolitisches Monster? Immerhin trägt der Titel Ihres Vortrags in Wien ein skeptisches oder kritisches Fragezeichen: "Vom Lehrer zum Lernbegleiter? Bildungstheoretische Rückfragen an ein schulpolitisches Programm".

Burchardt: Tatsächlich zeichnet sich eine bedenkliche Tendenz ab, den traditionellen Lehrer ableben zu lassen und durch eine technokratische Wiedergängerfigur, "den Lernbegleiter", zu ersetzen. Und trotz aller wohlklingenden Rhetorik verbirgt sich hinter diesem Kulturbruch nicht die Absicht, die Bildung der jungen Menschen zu verbessern, sondern eine Denkungsart, welche dem europäisch-aufklärerischen oder auch dem christlichen Menschenbild völlig zuwiderläuft. Ökonomismus ist eine Facette dieser Konzepte, denn natürlich versprechen solche Modelle auch Effizienzersparnisse im Bildungssektor. Wir werden schon bald erleben, dass die Ressourcen, welche man momentan in neue Schulformen steckt, bald wieder abgezogen werden. Glücklicherweise verstehen verantwortungsbewusste Unternehmer, dass gerade dieser Ansatz nicht nur der allgemeinen Persönlichkeitsbildung schadet, sondern auch dem ökonomischen Erfolg.

STANDARD: Was unterscheidet denn Lehrerinnen und Lehrer vom "Lernbegleiter"?

Burchardt: Die vielgescholtene Figur des Lehrers trug in vielerlei Hinsicht Verantwortung für die Gestaltung von Lern- und Bildungsprozessen. Er verstand sich fachlich auf den Unterrichtsgegenstand und didaktisch auf dessen angemessene Erschließung für die Schüler. Angemessen heißt: bezogen auf den Entwicklungsstand der Einzelnen und der Klassengemeinschaft, bezogen auf die Wertfragen und bezogen auf die Logik der Sache selbst. Es ist der Lehrer, der zeigt, erklärt, auf Relevanzen hinweist, Fraglichkeiten aufdeckt usw. Lehrerzentrierter Unterricht bedeutet ja nicht, dass narzisstisch gestörten Persönlichkeiten eine Bühne geboten werden soll, sondern dass jemand dafür einsteht, dass die Sache und die Schüler im Zentrum stehen. Diese Rollenverteilung entspricht einer menschlichen Grundsituation, die daher rührt, dass wir typischerweise in Generationen von Erwachsenen und Kindern existieren: Die Erwachsenen wissen und können etwas, das die Kinder noch lernen müssen, um ein sinnvolles Leben zu führen. Allein daraus schon rechtfertigt sich die Autorität des Lehrers, eine Autorität, die allerdings auf Auflösung angelegt ist: Irgendwann ist auch der Schüler erwachsen. Ein ganz simples Beispiel aus meiner Kindheit: Ein Feuerwehrwagen steht nach einer Übung an der Straße. Sofort kommen Kinder gelaufen und bestaunen das Fahrzeug. Der gemütliche Feuerwehrmann steigt aus, zeigt und erklärt den Kindern alle Gerätschaften, die sie von sich aus nicht verstanden hätten. Aus der Sicht der modernen Pädagogik müsste man diesem Mann wohl vorwerfen, dass er Frontalunterricht betreibe und die Kinder am selbstgesteuerten Lernen hindere. Der Lernbegleiter soll – so die Programmatik – Situationen schaffen, Arrangements von Materialien, die dem Schüler die Gelegenheit zum Lernen durch Problemlösen geben. Mittels Lernstrategien und Selbstmotivationstechniken wühlen sich Schüler dann allein durch Aufgaben, die nun Lernjobs heißen. Flankierend tritt der Lernbegleiter dann als Coach auf, um bei der strategischen Optimierung zu helfen. Dazu hat er dann in Baden-Württemberg in den neuen Gemeinschaftsschulen bis zu zehn Minuten pro Schüler und Woche, wie mir Lehrer vorgerechnet haben. Auf den Punkt gebracht: Das Konzept des Lernbegleiters überträgt pädagogische Funktionen, die ursprünglich vom Lehrer geleistet wurden, via Material und Prozeduren auf den Schüler und die Lerngruppe. Mitschüler fungieren als Quasi-Lehrer – beschönigend "kooperatives Lernen" genannt, bedeutet aber faktisch eine Ausbeutung der Starken und ein Verkümmern der Schwachen.

STANDARD: Der "Lernbegleiter" war ja als zentrale Figur einer "neuen Lernkultur" geplant. Brauchen wir eine neue Lernkultur oder finden Sie die alte gut genug, bzw. wo sehen Sie denn im Schulsystem – das deutsche und das österreichische sind ja sehr ähnlich – Reformbedarf?

Burchardt: Diese Neutönerei ist eine Strategie des Polit-Marketings. Man zeichnet ein Zerrbild der bewährten Pädagogik und glänzt dann in wohlfeilen Verheißungen. Methodenvielfalt im Unterricht und Selbsttätigkeit von Schülern zählen seit geraumer Zeit zu den pädagogischen Selbstverständlichkeiten. Selbst die politisch absichtsvoll eskalierte Heterogenitätsproblematik (also die starke Leistungsmischung in der Schülerschaft) könnte jeder gute Lehrer mit traditionellen Mitteln bewältigen, wenn etwa die Klassen kleiner wären. Dies würde aber Kosten verursachen, die die Politik nicht aufbringen möchte. Nach allem, was wir bisher beobachten können, wird die "neue Lernkultur" ihre Versprechen nicht halten können. Eine Generation von Kindern wird verunsichert, zunehmend mit mangelhafter Rechtschreibung und erworbenen Dyskalkulien, Schwächen in der Fachsystematik ausgestattet und deshalb weit unter ihren Möglichkeiten bleiben. Das ist besonders tragisch für Kinder, die aus dem Ausland kommen oder aus armen Verhältnissen, denn Kinder aus akademischen Elternhäusern profitieren vom kulturellen Kapital ihrer Herkunft, welches hilft, die Arrangements der neuen Lernkultur zu bewältigen. Schulen brauchen keine weiteren Reformen, sondern Ruhe! Noch haben wir gut ausgebildete und erfahrene Lehrer, die genau wissen, was zu tun ist. Es wäre schon viel gewonnen, wenn man sie nicht durch einen permanenten Reformstress davon abhalten würde. Wir müssen auf jeden Fall zurück zum Kern des Pädagogischen: personale Beziehung als Ort didaktisch vermittelter Sach- und Selbsterschließung. Die Balance von allgemeiner Menschenbildung und berufsweisender Ausbildung ist gar nicht so schwer zu verwirklichen.

STANDARD: Ein großes Schlagwort der Bildungspolitiken in Österreich und Deutschland gleichermaßen ist die Hoffnung in die "individuelle Förderung". Kann sie das halten, was sie verspricht?

Burchardt: Sie sagen es schon: Schlagwort! Hier wird ein starker Begriff der Tradition "Individualität" als Lametta über einen ausgetrockneten Tannenzweig gepappt, damit wir an den Weihnachtsmann glauben. Würde man es ernst meinen, wäre "individuelle Förderung" Einzelunterricht,* wie wir es aus der Nachhilfe kennen. Oder man könnte annehmen, dass das "Individuum" Ziel der Maßnahmen wäre: Jeder bringt seine einzigartige Weise, Mensch zu sein, zur höchsten Blüte. Weder das eine noch das andere ist gemeint: Alle arbeiten sich am selben Materialfundus, an denselben Kompetenzrastern ab. Unterschiede bestehen allein in der jeweiligen Station und Geschwindigkeit auf dem Weg zur Gleichmacherei. Und Individualisierung bedeutet auch: Du bist auf dich allein gestellt! Die Klassengemeinschaft wird atomisiert, Lerner operieren selbstreguliert in ihrer individuellen Lernblase. Der Werbeslogan "Länger gemeinsam lernen" klingt dann nur noch zynisch. So als ob Gemeinschaft gleichbedeutend sei mit der physischen Konzentration von Menschkörpern in ein und demselben Schulgebäude!

STANDARD: Was zeichnet denn "guten" Unterricht aus?

Burchardt: Die Hattie-Studie hat uns einen Hinweis gegeben: Auf den Lehrer kommt es an. Der höchste Wirkungsgrad wird im Klassenunterricht und im entwickelnden Gespräch ("reciprocal teaching") erzielt. Doch Hattie hat keine Bibel geschrieben. Guter Unterricht kann vielfältig sein: Ein guter Lehrer wird didaktische Entscheidungen immer in Abhängigkeit vom Thema und der Klasse treffen und entsprechend Methoden und Sozialformen variieren. Lernen bedeutet, in einen Verstehensprozess einzutreten, in dem sich der Einzelne und die Klassengemeinschaft auf eine Sache einlassen. Dabei bringen die Schüler ihre Person mit ins Spiel, denn sie stellen nicht nur ihre Vorverständnisse, sondern sich selbst zur Disposition. Bildung ereignet sich dann vielleicht weniger in gescheiten Antworten oder abgearbeitetem Unterrichtsmaterial, sondern im Augenblick des Schweigens zwischen Frage und Antwort. Ich habe bei meinen Unterrichtsbesuchen solche glücklichen Momente miterleben dürfen: Eine Studentin entwickelt mit einer Klasse – mehr oder weniger disziplinierter – Werkrealschüler eine Frage bezüglich der Winkel im Dreieck. Und weil sie sich nicht mit dahergesagten Antworten zufriedengibt, sondern gemeinsam mit einem Schüler an der Tafelzeichnung die Sachfrage in aller Eindringlichkeit zur Geltung kommen lässt, entsteht eine Situation des gemeinschaftlichen Ringen um Verständnis des Mathematischen.

STANDARD: Sie kritisieren, dass zunehmend "das pädagogische Grundverhältnis aufgekündigt" wird und Lehrerinnen und Lehrer mit "verordneter Entprofessionalisierung" zurande kommen müssen. Was meinen Sie damit?

Burchardt: Unterricht lebt aus dem lebendigen persönlichen Verhältnis von Lehrer und Schülern. Der Lehrer tritt nun aber hinter Materialien, Umgebung und Prozeduren zurück. Böse gesagt, werden die Kinder zu sekundären Wolfskindern gemacht, die man vor ihrer Auswilderung ins Erwachsenenleben schon einmal in ein Reservat entlässt. Dort sollen sie alle Problemlösungen selbst neu konstruieren, so als wäre das Rad nie erfunden worden. Die neue Lernkultur detraditionalisiert ihre Kinder im Namen der vermeintlichen Selbstständigkeit, was faktisch jedoch einer Schwächung gleichkommt. Waren wir noch Zwerge auf den Schultern von Riesen, die ihre Weitsicht aus einer historischen Verwurzelung gewannen, werden unsere Kinder zu Zwergen degradiert, die stolz darauf sein sollen, auf eigenen Füßen zu stehen, auch wenn sie dabei kaum weiter als bis zur eigenen Fußspitze schauen können. "Deprofessionalisierung" meint, dass der Lernbegleiter nur ein geringes Spektrum der Qualifikationen eines traditionellen Lehrers benötigt. Der Fokus liegt eher auf Fähigkeiten der Personalentwicklung und des Classroom-Managements. Fachlichkeit, pädagogische Urteilskraft, didaktische und methodische Fähigkeiten, geschweige denn Persönlichkeitsbildung sind in dem taylorisierten System der schönen neuen Lernwelt eher hinderlich. In den USA – so berichten besorgte Kollegen – sei es schon so weit, dass Curriculum, Unterrichtsmaterial und Tests von dem großen Verlagsunternehmen Pearson gestellt werden. Der Lernbegleiter braucht nur noch die Kompetenz, den Pearson-Umschlag aufzureißen, das Material zu arrangieren und die Tests einzusammeln. Das könnte vielleicht sogar der Gebäudemanager, so sagt man in Deutschland jetzt zum Hausmeister. Übrigens, der nächste Pisa-Test wird gegen gutes Geld von Pearson produziert, und Andreas Schleicher von der OECD sitzt im wissenschaftlichen Beirat des Unternehmens. So ein Zufall ...

STANDARD: Welches ist denn Ihr "Lieblingsmonster" – und warum?

Burchardt: Mein aktueller Favorit ist die OECD, die wie ein Krake in eigentlich souveräne Bildungssysteme eingreift und dort gewaltigen Schaden anrichtet. Es wäre doch einmal an der Zeit, ihr auf die glibberigen Finger zu klopfen, oder?

ZUR PERSON

Matthias Burchardt (48) studierte Germanistik, Philosophie und Pädagogik an der Uni Köln und lehrt nun dort am Institut für Bildungsphilosophie, Anthropologie und Pädagogik.
Am Mittwoch (12. Nov., 17 Uhr, NIG, Hörsaal 2i) referiert er im Rahmen der vom Fachdidaktikzentrum Psychologie-Philosophie von Konrad Paul Liessmann, Katharina Lacina und Bernhard Hemetsberger in Kooperation mit dem STANDARD organisierten Vortragsreihe "De Magistro – Vom Pauker zum Lernbegleiter".


Nota. - Kann ich einen Beitrag unkommentiert lassen, der zu sagen scheint: Früher war alles gut, jetzt machen sie bloß noch Sch... ? Früher wars nicht nur nicht gut, sondern nicht einmal besser. Warum fummeln sie dauernd dran rum und kommen doch nie zu einem Ende? Weil es die Schule ist, an der sie verschlimmbessern. Nur von etwas, das an und für sich richtig ist, kann man ein Ideal ausdenken, an das man sich in der Praxis im Rahmen der je gegebenen Bedingungen "annähern" kann - und sei es auch 'unendlich', ohne je einen endgültigen Zustand zu erreichen. 

Aber die Schule war stets und wird stets bleiben ein Notbehelf - jedenfalls, seit sie allgemein bildend sein soll, nämlich die ganze Bildung für das ganze Volk besorgend. Zuvor als spezielle Trainierstube für je privilegierte Stände in einer hierarchischen Gesellschaft mochte es für die je partikularen Zwecke optimal geeignete Formen geben, aber die waren nach historischen Gegebenheit ganz eng begrenzt. Als allgemeines Institut war die Schule von Anbeginn ein Bastard, und das einzig der wissenschaftlichen Erörterung werte Thema ist nicht, wie man sie perfektionieren, sondern wie man sie überwinden kann. Bis dahin gibt es nur Gewurschtel. Auch darüber ist natürlich bis aufs Blut zu streiten. Aber es ist immer nur ein Kampf zwischen schlecht und noch schlechter. Zum Glaubenskrieg eignet es sich nicht.
JE

Donnerstag, 6. November 2014

Wer mit den Wölfen A geheult hat, muss auch B heulen.



Die österreichische ÖVP - die dortigen Christlichsozialen - hat wieder einmal einen neuen Vorsitzenden. Und zwar den Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner, einen Intelligenzler, wie es scheint. Der Wiener Standard hat ihn interviewt: Was will er besser machen als seine glücklosen Vorgänger?

Na, weniger engstirnig will er sein - gegenüber dem sozialdemokratischen Koalitionspartner, nachgeben will er auf dem alten Streitfeld Bildungspolitik: 

"Aus meiner Sicht ergibt sich nämlich das eine gerade im Ganztagsbereich ganz logisch: Wenn ich die Kinderbetreuung ausweite auf Ganztagsangebote, dann brauche ich in der Schule auch Angebote - nicht nur eine Beaufsichtigung, sondern eine pädagogische Förderung."

Wenn schon Wirtschaft und Gewerkschaften - von Lehrerverbänden nicht zu reden - alle gemeinsam die Ganztagsschule wollen, wegen des Arbeitsmarkts bzw. der Gleichstellung der Frau oder auch  wegen der deutschen Sprache für die Türkenkinder, und wir uns sowieso nicht mehr dagegen wehren können, dann... soll es wenigstens pädagogisch wertvoll sein. Wenn sie sowieso Scheiße machen, dann wenigstens richtig.

Deutscher Leser, weißt du jetzt, warum die ÖVP-Vorsitzenden glücklos sind?