Freitag, 26. Juni 2015

Pädagogologie und die Verantwortlichkeit des Erziehers (Aus einem Brief).

Achilles und Cheiron
Berlin, den 23. 11. 2000
Sehr geehrter Herr Professor W.,

... Richtig gefreut hat mich aber, dass Sie meine Argumentation romantisch und idealistisch nennen: Das ist sie im strengen Wortsinn. Mein wissenslogischer Bezugspunkt ist unverkennbar die Wissenschaftslehre von Fichte, und die hat ebenso den Idealismus begründet wie die Romantik.

Nichts liegt mir ferner, als eine Tätigkeit für sündhaft zu halten, nur weil sie nicht wissenschaftlich* wäre. Kano- nisches Fichte-Wort: "Man kann leben, ohne zu philosophieren." Und ich bin ja selber kein Wissenschaftler, sondern 'ausübender' Pädagoge, obwohl ich Pädagogik nicht für eine Wissenschaft halte (oder besser: weil; denn wenn sie es wäre, würde ich sie nicht ausüben wollen, das wär mir zu trocken.) Allerdings kann man über das, was alltäglich 'Erziehung' genannt wird, durchaus wissenschaftlich reden, das tu ich ja selbst. 'Alles kann Gegenstand der Wissenschaften werden, sonst verdienten sie nicht diesen Namen.' 

Nichts spräche dagegen, ein interdisziplinäres Institut zu bilden, an dem eine Gruppe von historischen Erscheinungen in aller Welt ihrer "Familienähnlichkeit" halber (Wittgenstein dixit) zu forschungspraktischen Zwecken unter dem Namen Pädagogik zusammengefasst würde. Das bräuchte sich nicht mal auf - psychologische oder soziologische - Empirie zu beschränken: Die je vertretenen Rechtfertigungsdiskurse gehörten auch dazu. Das wär das, was ich mit "Pädagogologie" bezeichnet habe; ein historisch-kritisches Geschäft. Sowas ist sogar sehr nützlich, da haben Sie Recht, weil es den Erwerbspädagogen die Augen öffnet über die (sachliche und ideelle) Bedingtheit ihres Tuns und Lassens. Jedoch: 'Darum kann noch lange nicht alles eine Wissenschaft auch begründen.' Worum es mir nämlich geht, ist dies: ob dieses Fach aus sich heraus zu Ergebnissen kommen kann, die normative Geltung beanspruche dürfen.

Ich bin nicht einer von diesen Praktikern, die die Ansprüche der Wissenschaft von sich weisen, um sich in ihrer "Erfahrung" zu baden. Ich habe, wie Sie ja feststellen,* eine hohe Meinung von der Wissenschaft, denn 'Anschauung ohne Begriffe ist blind'. Ich will die gegenseitige Augenwischerei beider Seiten aufdecken - der 'Theoretiker' wie der 'Praktiker'. Seit Herbart tun nämlich die erwerbsmäßigen Pädagogen so, als verfügten sie (damals in H'.s Assoziationspsychologie) über eine begründete Wissenschaft, auf die sie bei Bedarf nur noch zurückgreifen dürften - und wären ipso facto von vornherein gerechtfertigt. Und seit Schleiermacher die spezifische Erwerbstätigkeit der Pädagogen mit dem Abrakadabra-Namen "Praxis" umschleiert hat, dürfen die Theoretiker so tun, als wäre ihnen ein fix und fertiger Gegenstand gegeben, der sich durch sich selbst rechtfertigt. Jene wechselseitige Mystifikation hat diesen gemeinsamen Nenner: Die pädagogische Erwerbsweise floriert.

Störend ist das Wuchern der sogenannten Erziehungswissenschaften nicht an sich selbst - das wäre nur ein universitätsinternes (und vielleicht fiskalisches) Problem. Störend, nein: katastrophal ist, dass die Fiktion einer Wissenschaft, die "die Praxis begründet", den Beruf des Erziehers radikal entwertet, indem sie seine personale Verantwortung an ein Drittes delegiert - eine anonyme Instanz, einen Wörterberg, den man dreht und wendet wie man will, weil er sich nicht wehren kann. Doch was er zu tun und zu lassen hat, muss der Erzieher selber wissen. Ja, Sie haben recht: Die Pädagogik, die ich in meinem Landschulheim begründen will, ist romantisch und idealistisch. Aber - Ironie der Geschichte - das ist heute das einzig Realistische.

Darum rede ich statt von Erziehung lieber von Bildung im klassischen deutschen Verständnis - und von "lernen" schon gar nicht. 'Zwar gibt es im Beruf des Lehrers einen operationalisierbaren Anteil: die Übertragung von Kenntnissen.' Aber der hat mit Kindern (und ergo mit Pädagogik) nur zufällig zu tun. Und vor allem: Selbst in der Schule nimmt dieser Anteil künftig einen immer kleineren Platz ein. So haben empirische Erkenntnisse aus dem Bereich der Kognitionspsychologie immer ihre sozusagen technologische Bedeutung für den Schulunterricht; aber Schule und Unterricht sind nicht die ganze Pädagogik, und selbst dort werden die Techniken des Wissenserwerbs hinter das Versuchen der produktiven Einbildungskraft (Fichte) zurückzutreten haben. ...

Mit freundlichen Grüßen,
JE


*) Der Korrespondent hatte sarkastisch bemerkt, einen so erhabenen Begriff von WISSENSCHAFT wie ich habe er gar nicht, um ihn der Pädagogik absprechen zu müssen.


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