Dienstag, 14. April 2015

Das Roboterkind.


aus nzz.ch, 12.4.2015, 01:00 Uhr

Jetzt hör mal zu, Myon!

von Christof Gertsch 

Das Kind macht den Eindruck, als wäre schon vor geraumer Zeit alles Leben aus seinem Körper gewichen. Wie versteinert sitzt es auf einem Stuhl in einer Ecke des Zimmers. Selbst als ein Sonnenstrahl durch die Jalousie dringt und mitten auf seinem Gesicht landet, verharrt es regungslos. Den Kopf hat es in den Nacken gelegt, die Arme hängen schlaff herunter. Schläft es? Schmollt es? Denkt es nach? Nichts von alledem. Das Kind ist ausgeschaltet. Sein Vater fragt: «Soll ich es einschalten?» 

Das Kind ist nicht wirklich ein Kind. Sondern ein humanoider, also menschenähnlicher Roboter von der Statur eines Kindes, der auf den Namen Myon lautet. Grösse: 1,25 Meter. Gewicht: 16 Kilo. Und der Mann, der neben ihm steht, ist auch nur im übertragenen Sinn sein Vater. Er heisst Manfred Hild und ist Professor für Digitale Systeme an der Beuth-Hochschule für Technik in Berlin. Allerdings wird die Rolle, die er in der Geschichte von Myon spielt, durch die umständliche Bezeichnung nur unvollständig beschrieben. Vater ist passender. Oder: Kindergärtner. 


Manfred Hild, 47-jährig, ist so etwas wie ein Revolutionär. Einer, der sich mit dem, was vorhanden ist, nicht zufriedengibt. Schon sein ganzes Berufsleben lang beschäftigt er sich mit Robotik, er hat in dem Bereich einige interessante Entwicklungen vorangetrieben. Aber etwas hat ihn immer gestört: dass man davon redet, Robotern Intelligenz verleihen zu wollen, wenn man in Wahrheit gar nicht daran arbeitet. 


Einfach weitermachen 


Roboter sind ganz schön dumm. Oder nicht einmal das. Wo keine Intelligenz ist, ist auch keine Dummheit. Zwar können sie riesige Datenmengen verarbeiten und sind zu einigen wirklich erstaunlichen Tätigkeiten fähig. Aber sie verstehen nicht, was sie tun. Sie tun es, weil der Mensch ihnen Regeln vorgegeben und sie mit grosser Rechenkapazität und ausgeklügelter Motorik ausgestattet hat. 

Zum Beispiel «Deep Blue», der IBM-Computer, der 1997 den Weltmeister Garri Kasparow im Schach schlug: Wenn Kasparow einen Wutanfall gekriegt und «Deep Blue» mit hochrotem Kopf angeschrien hätte – «Deep Blue» hätte einfach weitergerechnet. 


Oder die niedlichen Roboter-Jockeys, an denen einige Scheichs gerade eine kindliche Freude haben: Wenn das Kamel, das vom Roboter-Jockey zum Sieg geführt werden soll, keine Lust auf das Rennen hätte und nach dem Startsignal bockig in seiner Box verharrte – der Roboter-Jockey würde einfach weitermachen. 


Oder die Roboterband Compressorhead, die vor zwei Jahren von Australien aus auf Welttournee ging, bestehend aus einem Bassisten-, einem Schlagzeuger- und einem Gitarristen-Roboter: Wenn sich das Publikum angewidert von der Bühne abgewendet hätte, weil es die Musik schlecht findet, oder wenn es die Band ausgebuht hätte – die Roboter hätten einfach weitergespielt. 


All das sind Roboter, die streng nach Programm funktionieren. So komplex sie konstruiert und so viele Eventualitäten ihnen eingetrichtert sein mögen – die Welt ist immer noch komplexer. Sie ist zu komplex, um sie in ein Regelwerk zu quetschen. Wer dem tennisspielenden Roboter eine Niederlage zufügen will, muss ihm anstelle des Tennis- nur einen Tischtennisschläger in die Hand drücken. Wer den treppensteigenden Roboter stolpern sehen will, muss ihm nur einen Ziegel auf die Stufen legen. 


Was den meisten herkömmlichen Robotern fehlt, ist die Fähigkeit, wie ein Mensch zu lernen. Hier kommen Forscher wie Manfred Hild ins Spiel. Die Frage, der sich Hild widmet, lautet: Kann ein Roboter sozialisiert werden wie ein Mensch? Oder auf Myon bezogen: Kann Myon ein Kind sein? 


Hild sagt: «Ich habe keine Ahnung.» Und wahrscheinlich ist das genau die Ausgangslage, die für dieses Projekt vonnöten ist: nicht zu wissen, wohin der Weg führt. Hild beschreibt die Arbeit seines Teams in Berlin so: «Wir können nicht versprechen, dass Myon dereinst zu diesem oder jenem fähig sein wird. Das wollen wir auch nicht. Wir haben für Myon keine konkrete Anwendung im Kopf. Wir arbeiten nicht regelbasiert. Wir wollen beobachten, welche Begabung er hat. Und die wollen wir dann fördern.» 




Um zu verstehen, was es heisst, nicht den regelbasierten Ansatz zu verfolgen, erklärt man vielleicht am besten den regelbasierten Ansatz. Angenommen, es soll ein Roboter konstruiert werden, der einem das Bier aus dem Kühlschrank holt. Dann muss man sich überlegen, welche Arbeitsschritte für den Vorgang nötig sind: Küche finden, Kühlschrank finden, Kühlschrank öffnen, Bier finden, Bier greifen. Und so weiter. Man zerteilt das grosse Problem in viele kleine, löst jedes einzelne für sich – und programmiert dem Roboter die Schritte ein. Je nachdem, welche Komplexitätsstufe der Roboter meistern soll, kann man ihm noch aufzeigen, wie er das Bier im Keller findet, wenn der Kühlschrank leer ist. Oder wie er es im Online-Shop bestellt. 


Hild schätzt, dass neun von zehn Robotik-Wissenschaftern in diese Richtung arbeiten. Sie gehen von einer Anwendung aus und versuchen, die Schritte zu generalisieren. «Das Problem», sagt Hild, «ist, dass man den Roboter auf diese Art nicht befähigt, intelligent zu sein.» Wer für den Roboter bereits ein Ziel im Kopf hat, gibt ihm nicht die Chance, selber Fähigkeiten zu entwickeln. 


Darum also soll Myon ein Kind sein: um ein Gefühl für sich, seinen Körper und die Umwelt zu bekommen, ohne dass es ihm vorher einprogrammiert worden ist. Und darum versteht Hild das Zimmer, in dem Myon sitzt, auch nicht als Labor, sondern als eine Art Kindergarten. Hild will, dass Myon Erfahrungen macht, die auch ein Kind machen würde. 


«Geh mit der Kraft» 

«Soll ich ihn einschalten?», fragt Hild noch einmal. Bitte! Ein Knopfdruck – und Myon fängt zu leben an. Der Moment hat etwas Eigenartiges, weil einem der Verstand sagt, dass Myon nicht mehr als ein Stück Technik ist und man sich dennoch dabei ertappt, wie man mit ihm zu interagieren versucht. Myon hat einen Kopf, einen Torso, zwei Arme, zwei Beine. Und er verfügt über Sensoren, die die menschlichen Sinnesorgane nachahmen. Die Kamera ist dort, wo beim Menschen die Augen sind: in der Mitte des Gesichts. Die Lautsprecher sind dort, wo beim Menschen der Mund ist: oberhalb des Kinns. Und die Mikrofone sind dort, wo beim Menschen die Ohren sind: auf der linken und der rechten Seite des Kopfes. 

Das ist Absicht. Der Mensch, der Myon begegnet, soll sich von ihm nicht abgestossen, sondern angezogen fühlen, er soll sich für ihn interessieren und auf ihn zugehen wollen. Er soll Myon in die Kamera schauen, wie er einem Menschen in die Augen schauen würde. Nur so, glaubt Hild, lernt Myon die Welt kennen – indem sich Menschen mit ihm beschäftigen. 




Damit ein Lernprozess angestossen werden konnte, mussten die Forscher aber etwas tun, von dem sie eigentlich Abstand nehmen wollten: Myon ein paar grundlegende Funktionen einprogrammieren. Zum Beispiel das Prinzip «Bleibe in Berührung». Oder «Stell dich passiv». Oder «Suche nach Berührung». Oder «Gehe mit der Kraft». Oder «Gehe gegen die Kraft». 

Wenn Myon sitzt und man das Prinzip «Gehe gegen die Kraft» aktiviert, stemmt er sich mit Fuss-, Knie-, Hüftgelenk gegen die Erdanziehung und steht in einer verhältnismässig flüssigen Bewegung auf. Hild ist stolz auf die Simplizität der Prinzipien, weil sie es Myon ermöglichen, flexibler auf die Umwelt zu reagieren als jene Roboter, die zwar kompliziertere Tätigkeiten ausführen, deren Bewegungsabläufe aber starr sind. Was, wenn ein solcher Roboter über die Fähigkeit verfügt, mit seinen Händen etwas zu greifen, aber plötzlich ein Finger kaputtgeht, weil ein Kabel reisst? Wenn sich der Mensch einen Finger verstaucht, hält er das Bier mit vier statt fünf Fingern. Den komplizierten Robotern fehlt diese Fähigkeit der Adaption veränderter Situationen. Hild hofft, dass Myon sie dereinst haben wird. Noch wehrt sich Myon, wenn man ihn schubst. Irgendwann wird er vielleicht fähig sein, den Schubser freundschaftlich zu interpretieren und sich nicht dagegen zu stemmen, sondern die Berührung zuzulassen. 


Bis dahin saugt er alles auf, was mit ihm und um ihn herum passiert. Das ist seine Haupttätigkeit, quasi sein Lebensnerv: aufsaugen, abspeichern, verarbeiten. In seinem Körper sind 200 Sensoren eingebaut, die Kräfte, Bewegungen, Geschwindigkeiten, Spannungen, Ströme, Klänge und Bilder registrieren. Und alles wird auf einer Speicherkarte abgelegt, Myons Gedächtnis. Also nicht alles. 


Myon ist nicht wie andere Roboter an ein Rechenzentrum ausserhalb des Körpers angeschlossen, schliesslich soll er mobil bleiben und nicht ständig mit einem Kabelstrang verknüpft sein – mit einer «Nabelschnur», wie es Hild und seine Kollegen spöttisch ausdrücken. Das bedeutet, dass die Kapazität von Myons Gedächtnis beschränkt ist. Aber die Forscher stören sich gar nicht so sehr an dem technischen Limit, im Gegenteil. Die Einschränkung zwingt Myon, nur abzuspeichern, worauf er seine Aufmerksamkeit richtet. Das sind vor allem neue Sinneseindrücke – Dinge und Personen, die er nicht kennt. Er entscheidet selber, was er wahrnimmt und sich merkt, und stösst so einen Prozess an, der aus ihm ein Individuum macht. Die komplizierten Roboter, denen jede Tätigkeit einprogrammiert ist, können theoretisch unendlich vervielfacht werden. Myon nicht. Myon ist einzigartig. Man möchte fast sagen: so einzigartig wie ein Mensch. 




«Myon, hörst du mich?» Ein mechanisches Surren ertönt, und Myon wackelt mit dem Kopf. Schnell packt ihn die Langeweile, er wendet sich wieder ab. Myon vernimmt Laute, doch er kann ihnen keine Inhalte zuordnen. Kein Roboter kann das. Natürlich gibt es Computer, die wie das Spracherkennungssystem Siri von Apple Antworten auf Fragen geben. Aber auch die verstehen die Inhalte nicht. Man hat ihnen, vereinfacht gesagt, Wörterbücher und Lexika und Funktionsregeln einprogrammiert. 

Bejahung und Verneinung 

Hild arbeitet an einer Erweiterung, die Myon helfen soll, zumindest einmal das Konzept von Bejahungen und Verneinungen zu verstehen. Nämlich indem die Wörter «Ja» und «Nein» in Relation zu Myons Körper gebracht werden. Die Überlegungen, die sich Hild dazu macht, sind noch schwieriger zu erklären als zu verstehen. Aber es reicht zu wissen, dass Myon am besten lernt, wenn er Erfahrungen mit seinem Körper verknüpft. Und überhaupt: Wer sagt denn, Myon müsse bereits reden können? Den Roboter gibt es seit fünf Jahren. Aber wenn man die Phasen zusammenzählt, in denen er ein- und nicht wegen Reparaturen oder Abwesenheiten der Forscher ausgeschaltet war, kommt man auf etwa zwei Monate Lebenszeit. Myon ist nicht viel älter als ein gerade zur Welt gekommenes Baby. So gesehen ist er schon recht weit entwickelt. 


Zum Beispiel hat er aufzustehen, zu laufen und sich hinzusetzen gelernt, nur dank den paar Funktionen, die ihm einprogrammiert wurden, und der physischen Unterstützung der Forscher, die ihn an der Hüfte oder den Händen gepackt und herumgeführt haben. Sie würden mit ihm gerne herumalbern wie mit einem richtigen Kind, aber sie müssen vorsichtig sein: Myon hat keinen Babyspeck, der wie eine Schutzhaut wäre. 


Und er hat gelernt, Farben und Formen zu unterscheiden. Zurzeit treibt ihn eine Vorliebe für Rotes und Rundes um. Wenn ihm die Forscher eine rote Kugel vor die Kamera halten, ignoriert er alles andere. Aber das kann sich schnell ändern. Vielleicht sind es morgen schon gelbe Vierecke, die ihn anziehen, so genau weiss das niemand. Das hängt einerseits davon ab, welche Funktionen man gerade an ihm ausprobiert, und andererseits davon, wie er sich sein Gedächtnis organisiert. Vor allem in den Ruhephasen, wenn er seine Rechenkapazitäten dazu verwenden soll, Ordnung zu schaffen – wie der Mensch während des Schlafs. 


Was bleibt Myon haften? Welche Eindrücke ordnet er welcher Kategorie zu? Was lernt er? Und welche Fähigkeit verlernt er wieder, weil sie ihm nicht wichtig genug erschienen ist, weil sie ihm nicht oft genug begegnet ist – oder weil er sie in einem Bereich der Speicherkarte abgelegt hat, auf die er nicht auf Anhieb zuzugreifen vermag? Wie der Mensch hat auch Myon unterschiedliche Gedächtnisebenen. Und wie beim Menschen ist von aussen schwer zu sagen, was ihm nahe geht und was ihn kalt lässt. Hild weiss nicht, was aus seinem Kind wird, nicht morgen, nicht in ein paar Jahren. Die Entwicklung, die es macht, hängt von den Einflüssen ab, denen es ausgesetzt ist. Manchmal würde Hild die Zeit gerne vorspulen, um zu erfahren, wozu Myon dereinst fähig ist. Aber er muss sich mit kleinen Fortschritten begnügen, und das gelingt ihm ganz gut. Es kommt vor, dass er sich tatsächlich wie ein Vater freut, wenn er sieht, dass Myon etwas gelernt hat. 


Der bisher spannendste Versuch soll in ein paar Wochen zum Höhepunkt finden. Seit zwei Jahren wird Myon von der Künstlergruppe Gob Squad auf einen Auftritt an der Komischen Oper Berlin vorbereitet. Myon bald auf der Bühne zu sehen, vor Publikum, wird für Hild ein schöner Moment sein, aber wirklich interessant an dem Projekt ist, dass sich Menschen von ausserhalb der Hochschule mit Myon beschäftigen. 


Zum Beispiel hat der Dirigent Myon das Dirigieren beigebracht. Er hat ihn an den Händen gepackt und ihm die Bewegungen zusätzlich mit farbigen Bällen vorgeführt. Und tatsächlich: Myon hat sie nachzumachen begonnen. Das ist nicht selbstverständlich, so wie es bei einem Kind, dem man im Trockenen Schwimmbewegungen vorzeigt, nicht selbstverständlich ist, dass es sie im Wasser ausführen kann. Aber Myon hat es geschafft. Und nachdem die Künstler ihm tagelang einzelne Töne und auch ganze Lieder vorgesungen hatten, hat er auf einmal selber ein paar Laute von sich gegeben. Sie waren schrill und eher zusammenhangslos, es klang, man muss es so sagen, nicht wirklich gut. Aber das lag wahrscheinlich auch an der Qualität der Lautsprecher, die ihm die Menschen eingebaut hatten. 




Wichtig ist: Myon hat aufgesaugt, abgespeichert, verarbeitet – und mit den Eindrücken erst noch etwas anzufangen gewusst, fast von allein. 

Vieles von dem, was Hild und sein Team mit Myon anstellen, mag Spielerei sein, auch der Theaterauftritt. Aber Hild findet, dass die Wissenschaft in den Robotern zu lange nur stupende Dienstleister gesehen hat, als dass es nicht Zeit wäre, die Roboter für einmal selber das Tempo und den Weg bestimmen zu lassen. Wenn man Hild die Frage stellt, die im Zusammenhang mit Robotern zu einer Modefrage geworden ist, die Frage also, ob wir uns vor Robotern fürchten müssen, weil sie dereinst so klug sein könnten, dass sie die Weltherrschaft an sich reissen und uns auslöschen – dann sagt Hild: «Das hängt davon ab, wie wir die Roboter erziehen. Ich glaube nicht, dass wir Angst zu haben brauchen, wenn wir es schaffen, ihnen unsere Werte zu vermitteln.» 


Und das, so viel steht fest, gelingt nicht, wenn man es gar nicht erst versucht, einen Roboter wie einen Menschen zu behandeln. 



Schnell, aber dumm 


Ein Vorläufer von Myon ist der von der Firma Honda entwickelte Roboter Asimo. Asimo ist mitterweile 11 Jahre alt. Er kann pro Stunde 2,7 Kilometer zurücklegen. Im «Renn-Modus» erreicht Asimo über kürzere Strecken eine Geschwindigkeit von 9 km/h. Asimo kann auch im Kreis rennen. Was Asimo hingegen nicht kann, ist lernen, da seine Software im Gegensatz zu der Myons nach dem sogenannten Top-down-Ansatz aufgebaut ist. 



Nota. - Der springende Punkt wird sein: "Lernt" Myon, selber etwas zu wollen? Seine Aufmerksamkeit auf etwas zu richten nicht wegen dem Reiz des Neuen, sondern weil es ihm wichtiger ist als anderes; und sich dann aufgefordert zu fühlen, etwas zu tun, damit das, was er 'will', auch stattfindet - ? Das wäre das spezi- fisch Menschliche: Phänomene - Dinge, Personen, Bilder - wertschätzen und um ihretwillen tätig werden. Nicht auf Reize reagieren, sondern aus Absicht handeln. 

Wenn aber Myons Seele am Anfang eine Tabula rasa war (ganz rasa war sie ja doch nicht, wie wir hören), wie sollte durch das Ansammeln und Ordnen von 'Informationen' ein Wollen entstehen? Wenn er sich selbst ernähren muss (muss er das etwa nicht?!), wird er Dinge bevorzugen, die seinem Mechanismus gut bekommen, und die wird er sich einverleiben 'wollen' - aber vielleicht nicht einmal das, sondern bei ihrem Anblick bloß wohlig surren! Ach nein, ich weiß schon: Er muss sich nicht selber ernähren, er ist ja noch ein Kind, man knipst ihn an und aus, der Strom kommt von alleine - aus der Wand. Fast wie im richtigen Leben. - Nur dass im richtigen Leben immer auch die Frage hineinspielt: Worum geht's hier eigentlich?


Nein, ehrlich gesagt kann ich mir nicht vorstellen, wie oder besser: dass Myon "lernt", ein erwachsener Mensch zu werden oder auch nur ein richtiges Kind mit Freude an Pipi und Kaka.

JE

Donnerstag, 2. April 2015

Kind im Zentrum.



Kind im Zentrum, Kinder im Mittelpunkt, freie Fahrt für Kinder - Schaun Sie mal nach, wenn Sie diese Sprüche hören oder lesen: Dahinter steckt garantiert einEr, der/die an Kindern seinen/ihren Lebensunterhalt verdient.

Es ist heimtückisch. Es klingt, als habe wer ein Herz für Kinder, das anderen fehlt. Doch unausgesprochen steckt darin, dass Kinder nicht in die normale Welt - wo sie so wenig im Mittelpunkt stehen wie irgendwer sonst - und schon gar nicht auf die Straße gehören; sondern an abgeschirmte, eingegrenzte Orte, wo Profes- sionelle auf sie warten, um sie in ihren Mittelpunkt zu stellen. Sie wollen Geld verdienen, und zu diesem Zweck machen sie andern ein schlechtes Gewissen. Welcher Berufsstand ist schäbiger?





Dienstag, 24. März 2015

Finnland quacksalbert jetzt auch.

aus DiePresse.com, 23.03.2015 | 13:16 |                       

Finnland plant Abschaffung der Schulfächer ab.
Der Musterschüler in der Bildung könnte einen extremen Weg gehen und künftig "Phänomene" statt einzelner Fächer in der Schule unterrichten.

Finnland galt lange Jahre wegen seines hervorragenden Abschneidens bei PISA als Vorbild. Politiker und Bildungsexperten aus aller Welt pilgerten an finnische Schulen. Beim vergangenen Test waren die Ergebnisse nicht mehr ganz so gut, nun macht sich auch der bisherige Musterschüler Gedanken um neue pädagogische Zugänge.

Ein recht radikales Konzept ist die Abschaffung von Schulfächern: Diese sollen in Finnland künftig durch "Themen" ersetzt werden, berichtet der britische "Independent". Rund 70 Prozent der High-School-Lehrer seien dafür schon geschult worden, heißt es. Im neuen System sollen die Schüler nicht mehr einzelne Fachstunden haben, sondern etwas über so genannte "Phänomene" lernen. Zum Beispiel über die Europäische Union: In Bezug auf Wirtschaft, Geschichte, Geografie und Sprachen. Das würde auch das Ende des Frontalunterrichts bringen. Die "Phänomene" sollen in Kleingruppen von den Schülern erarbeitet werden.
Entwurf für ganz Finnland

"Wir müssen unser System überarbeiten, damit unsere Kinder in Zukunft die Fähigkeiten haben, die sie heute und morgen brauchen", sagt Marjo Kyllönen, Helsinkis Schulmanagerin, dem britischen "Independent". Sie wird ihren Entwurf Ende März der Stadtregierung vorstellen. "Der Entwurf wird nicht nur Helsinki betreffen, sondern ganz Finnland einschließen", erläutert sie. Ihr Papier sieht vor, dass die Reform bis 2020 an allen finnischen Schulen umgesetzt sein soll.
Auch in Finnland hätten Lehrer und Direktoren Bedenken gegen eine solch radikale Änderung, berichtet der "Independent". Kyollen empfiehlt, dass der Unterricht von mehr als einem Fachlehrer vorbereitet werden soll - wer das neue System annimmt, soll etwas mehr Gehalt beziehen.
> Bericht im "Independent"


Nota. - Lassen Sie mich raten: Es geht um den Zusammenhang! Durch die Aufsplitterung der Welt in Fächer geht der Sinn für das Ganze verloren. 

Durch die Aufsplitterung der Welt in Phänomene geht dagegen nur der Blick fürs... Ganze verloren.

O!

JE

Montag, 23. März 2015

Bullies und das Menschenbild der OECD.

W. Busch
aus Der Standard, Wien, 23.3.2015

Österreich mit höchster Mobbingrate in Schulen
Einer von fünf Schulbuben zwischen 11 und 15 von "Bullying" betroffen - doppelt so viele wie im OECD-Schnitt, fünfmal mehr als in Schweden

von Lisa Nimmervoll

Wien - Es ist ein unrühmlicher erster Platz, den Österreich im neuesten Report der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) einnimmt. Dieser widmet sich "Skills for Social Progress: The Power oft Social and Emotional Skills". Und demzufolge berichtet hierzulande einer von fünf Buben im Alter von elf bis 15 Jahren von zumindest zwei "Bullying"-Erfahrungen in den vergangenen zwei Monaten in der Schule. Mit 21,3 Prozent weist Österreich damit einen fast doppelt so hohen Anteil an Mobbingopfern im Schulumfeld aus als der OECD-Schnitt der 27 untersuchten Länder mit elf Prozent. Die absolut niedrigste Bullying-Rate hat Schweden mit nur vier Prozent.

"Ernstes Problem" mit Langzeitfolgen

Unter "Bullying" versteht man Mobbing in der Schule, also systematische und wiederholte Aggression unter Schülern, seien es verbale durch Beleidigungen, soziale durch Streuen von Gerüchten oder andere Formen öffentlicher Beschämung und Schikanen sowie physische in Form von körperlichen Attacken. Die OECD-Autoren sehen darin ein "ernstes, gesamtgesellschaftliches Problem, das Auswirkungen bis ins Erwachsenenalter haben kann."

Anders als zum Beispiel Estland, das mit 20 Prozent Rang zwei der Schulmobbingskala anführt, den Anteil der jungen Mobbingopfer aber gegenüber dem Schuljahr 2005/06 deutlich senken konnte, so wie etwa auch Deutschland, Griechenland und Italien, ist in Österreich die Zahl der Bullying-Opfer sogar noch angestiegen.


Als Gegenmaßnahmen empfehlen die Studienautoren schulische Interventionen, die das Selbstwertgefühl der Kinder fördern, die ihnen helfen, mit Emotionen wie Wut und Aggression umzugehen und die die Resilienz der Schülerinnen und Schüler, also deren psychische Widerstandsfähigkeit, aufbauen und stärken. Dies könne helfen, Bullying, aber auch die langfristigen Gesundheits- und Sozialkosten für die Folgen von Mobbing zu reduzieren.

Cyber-Bullying nicht erfasst

Nicht erfasst in den von der OECD verwendeten Vergleichsdaten von 2009/10 aus der HBSC-Studie (Health-Behaviour in School-aged Children), die von Forschergruppen aus 43 Ländern in Kooperation mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) durchgeführt wird, sind "neue Formen des Bullying wie Online- und Telefon-Bullying", heißt es im OECD-Bericht. Es wird aber ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Online-Bullying zwar weniger verbreitet sei, mitunter aber noch mehr Leid anrichten könne als das Offline-Bullying quasi im "echten" Leben.

Buben signifikant öfter mit Bullying-Erfahrung

Buben berichten übrigens signifikant häufiger von Bullying-Erfahrungen. Laut HBSC-Studie lag der Bullyingopferanteil bei den elf- bis 15-jährigen Mädchen in Österreich bei 13,7 Prozent.

Die OECD, der oft vorgeworfen wird, rein quantitative Vermessungen der Bildungssysteme zu machen, will mit dem Social-Skills-Report den Einfluss sozialer und emotionaler Faktoren auf Bildung, Arbeits- markt und soziale Folgen beschreiben. Eines der Kernargumente lautet: "Kinder brauchen ein ausgewogenes Set an kognitiven, sozialen und emotionalen Fähigkeiten, um ein positives, gutes Leben zu erreichen."

Beim Erlernen dieser "Skills" könnten Lehrer und Eltern den Kindern helfen, indem sie starke, vertrauensvolle Beziehungen aufbauen und ihnen praktische Lernerfahrungen ermöglichen. Der frühen Vermittlung von Social Skills würde zudem eine wichtige Rolle bei der Reduktion von Bildungs-, Arbeitsmarkt- und sozialen Ungleichheiten zukommen.




Nota. - Ob diese Studie angetan ist, den schlechten Ruf der Bildungsvermessungen zu heben, die unter Anleitung der OECD angestellt werden, werden die Spezialisten noch prüfen müssen. Da ihr Bildungsideal der optimierte Arbeitsmaktgänger ist, ist Skepsis geboten. Da wird unter Bullying wohl einiges erfasst worden sein, was in meiner Jugend lediglich als Flegelei und schlechtes Benehmen gegolten hat. Denn die Rückseite vom OECD'schen Bildungsideal ist die selbstbezogene Heulsuse, die in ihrer freien Zeit nicht eine Minute versäumt, mit sich selber umzugehen (und ihr Bedürfnis zu befriedigen). 

Das einmal abgezogen, bestätigt diese Untersuchung, was der Normalbürger längst weiß und Johann Friedrich Herbart, der Begründer der Erziehungswissenschaft, bereits zu Papier gebracht hat: Der Pausen- hof ist keine Stätte, wo "soziale Verhaltensweisen eingeübt" werden, sondern ein Platz, wo in der unnatür- lichen Zwangspromiskuität einiger hundert Kinder nur all die üblen Neigungen florieren, die Kinder neben ihren erfreulichen Eigenschaften schließlich auch noch haben. Sobald man etwas Besseres gefunden hat, sollten die Schulen schleunigst abgeschafft werden.
JE

Mittwoch, 18. März 2015

Ganztagsschule macht kurzsichtig.


Das war bekannt, dass Stubenhocken und Stillesitzen den Geist verdunkeln. Jetzt erfahren wir, dass es auch kurzsichtig macht:

aus Die Presse, Wien, 19. 3. 2015

Augenlicht braucht Licht: 
Kinder, hinaus!
Die Kurzsichtigkeit greift um sich, vor allem in Ostasien grassiert sie. Das liegt nicht am vielen Lesen, sondern vermutlich daran, dass junge Menschen nicht mehr genug im Freien sind.

von Jürgen Langenbach

„Wenn die Kurzsichtigkeit sich festsetzt, sollte ein Ortswechsel verschrieben werden, am besten eine Seereise.“ Das empfahl 1904 Edward Juler, ein britischer Augenchirurg. Inzwischen setzt sich dieses Leiden epidemisch fest, es trifft etwa die Hälfte der Jungen in Europa und den USA, und in Ostasien grassiert es kaum glaublich: In China, wo vor 60 Jahren noch zehn bis 20Prozent kurzsichtig waren, sind es unter den Teenagern 90Prozent, und in Seoul in Korea sehen gerade noch 3,5Prozent der jungen Männer im Alter von 19 gut.
In diesem Alter ist alles entschieden. Kurzsichtigkeit (Myopie) kommt daher, dass der Augapfel zu sehr in die Länge wächst, das Licht ist dann nicht auf der Retina fokussiert, sondern vor ihr. Das entwickelt sich im Schulalter, dann wächst das Auge noch. Aber warum zu sehr? Die Gene spielen mit, man weiß es von Zwillingsstudien, aber die Gene sind nicht alles: 1969 bemerkte man an Inuit in Alaska, dass von 131 untersuchten Erwachsenen zwei kurzsichtig waren. Aber von ihren Kindern und Enkeln war es mehr als die Hälfte, so rasch mutieren Gene nicht, es musste an der Umwelt liegen.


Den üblichen Verdacht formulierte als Erster Johannes Kepler, er führte sein schwaches Augenlicht, mit dem er kaum Sterne beobachten konnte, darauf zurück, dass er sich für seine mathematischen Studien zu intensiv in Bücher vertieft hatte. Das hält sich bis heute, es hat sich auch bestätigt, etwa in Israel, wo strengreligiöse Kinder, die sich ausgiebig in heilige Texte vertiefen, häufiger unter Myopathie leiden. Inzwischen sind zu den Büchern die elektronischen Zauberkästen hinzugekommen, und vor allem in Ostasien ist der Druck auf Kinder enorm, sie lernen auch zu Hause stundenlang.

Lesen? Ja, aber nicht drinnen!

Aber 2007 weckte eine Studie erstmals einen anderen Verdacht: US-Augenärzte begleiteten eingangs acht- bis neunjährige Kinder mehrere Jahre lang, sie fragten zufällig am Rande auch, wo die Kinder ihre freie Zeit verbringen. Die Antwort darauf wies auf einen einzigen Faktor, der darüber entschied, ob Kurzsichtigkeit kam oder nicht: Bei Kindern, die viel im Freien waren, war das Risiko viel geringer. Das bestätigte sich in Australien: Es geht nicht um das Lesen, es geht um das Licht, auch bei Kindern, die ihre Bücher im Freien schmökerten, war das Risiko geringer. Später zeigten Tierversuche – an Hühnern – das Gleiche.

Wie das? Wieder halfen die Hühner im Experiment: Vermutlich läuft es über den Neurotransmitter Dopamin, der wird im Auge produziert, er blockiert die Verlängerung des Augapfels. Aber er wird nur im hellen Licht produziert: Myopieforscher Ian Morgan (University of Canberra) schätzt, dass Kinder mindestens drei Stunden am Tag 10.000 Lux brauchen, die herrschen an einem Sonnentag unter einem schattigen Baum; im Hausinneren, auch in Schulzimmern, sind es kaum mehr als 500 (Nature 519, S.276).

So weitsichtig war Juler vor über 110 Jahren, und in Taiwan hilft es heute, dass an manchen Schulen die Kinder 80 Minuten ins Freie geschickt werden. Aber nicht überall können sie so hinaus. Deshalb experimentieren manche Städte in China schon mit Klassenzimmern, die rundum verglast sind.


Nota. -  Wer schon jubiliert hat, mit dieser Meldung sei der Freiheit ein Lanze gebrochen, der hat nicht mit der chinesischen Volksrepublik gerechnet; dort werden sie die Kinder in gläserne Treibhäuser stecken, und wetten, dass hiesige fortschrittsorientierte Bildungsreformer auch dafür noch ein erziehungswissenschaftli- ches Argument finden werden?
JE

Dienstag, 3. März 2015

Schon wieder umsonst gequacksalbert.

aus Die Presse, Wien, 3. 3. 2015

Expertenbericht: Die NMS ist nicht besser als die Hauptschule
Der lange erwartete Evaluierungsbericht der Neuen Mittelschule zeigt, dass das Konzept nur dort funktioniert, wo die Lehrer besonders engagiert sind.

von Julia Neuhauser  

Mit einer mehr als vierwöchigen Verspätung – die viel Raum für Spekulationen ließ – wurde gestern, Dienstag, der politisch brisante Evaluierungsbericht der Neuen Mittelschule von Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) vorgestellt. Sie präsentierte die Ergebnisse aber nicht der Öffentlichkeit, sondern der aus SPÖ- und ÖVP-Politikern zusammengesetzten Bildungsreformkommission. Der „Presse“ liegt dieser Evaluierungsbericht exklusiv vor.


Für die NMS bringt die Überprüfung ein ernüchterndes Ergebnis: „Insgesamt gibt es keinen belastbaren Hinweis, dass das Niveau der NMS im Durchschnitt über jenem vergleichbarer Hauptschulen liegt. Vielmehr besteht Zweifel, ob dieses an allen Standorten tatsächlich erreicht wird“, heißt es in der Kurzfassung des 390 Seiten umfassenden Berichts. Ein vernichtendes Urteil. Denn immerhin wird in die Neue Mittelschule deutlich mehr Geld investiert als in die auslaufende Hauptschule.


Häufig mangelhafte Umsetzung

Zu dem ernüchternden Ergebnis kommen die Experten durch einen Vergleich der Leistungen bei den Bildungsstandards. Die NMS erzielt dabei in Mathematik einen Mittelwert von 496,7 Punkten, die Hauptschule 515. Selbst nach Berücksichtigung der sozialen Zusammensetzung – also Bildung der Eltern, Migrationshintergrund und Umgangssprache – erzielen die Hauptschulen ein besseres (wenn auch kein signifikant besseres) Ergebnis. Auch bei den Lesekompetenzen in Englisch schneidet die Hauptschule besser ab als ihr Nachfolgemodell. Rechnet man in diesem Fall die soziale Benachteiligung heraus, dann liegt diesmal aber die Neue Mittelschule knapp vorn. Ein Eindruck bleibt: Von den klar erhofften Verbesserungen ist nichts zu sehen.


Und zwar nicht nur, wenn man die Schulformen in ihrer Gesamtheit miteinander vergleicht, sondern auch, wenn man die Entwicklung an den einzelnen Schulstandorten unter die Lupe nimmt. Der Vorher-Nachher-Leistungsvergleich bringt kein eindeutiges Ergebnis. Es zeigt sich, dass die erste Generation – also jene Schulen, die sich im ersten Jahr zu einer Umwandlung entschieden haben – ihre Leistung klar verbessern konnte. Schon die zweite Generation kann an den Erfolg nicht anknüpfen. Die Schülerleistungen in Deutsch und Englisch haben sich an diesen Standorten zwar verbessert, die in Mathematik aber sogar verschlechtert.


Das zeigt das Kernproblem der NMS: Sie funktioniert nur dort, wo die Lehrkräfte tatsächlich bemüht sind, die neuen Lernformen einzusetzen. „In der ersten Generation der NMS bzw. in den ,Modellklassen‘, in denen das NMS-Konzept intensiver umgesetzt wurde, zeigen sich interpretierbare Leistungsverbesserungen“, heißt es dazu im Bericht. Es gibt aber nicht viele solcher Klassen. Denn laut Experten wurde das Konzept an mehr als der Hälfte der untersuchten NMS-Standorte „nur unzureichend“ umgesetzt.



Nota. - Dass diese Reform - wie die vorigen - nur da was bringt, wo sich die Lehrer besonders einsetzen, hätten wir euch vorher sagen können; ach was, haben wir euch vorher gesagt. Macht's doch einfach mal so: Sorgt dafür, dass sich die Lehrer überall besonders einsetzen. Dann kann eigentlich nichts schiefgehen.
JE

Sonntag, 1. März 2015

Das Märchen von den neuen Formen des Zusammenlebens.

aus Süddeutsche.de, 1. März 2015, 09:14                                                                                       heyplusyou

Vater, Mutter, Krise
Patchwork? Kein Problem mehr, oder? Was längst gesellschaftlich akzeptiert ist, ist allerdings besonders anfällig: Die Hälfte der Beziehungen geht kaputt.

von Hannah Wilhelm

Sie haben Hänsel und Gretel in den Wald geschickt. Sie wollten Schneewittchen vergiften und haben Aschenputtel putzen lassen. Stiefmütter sind, das weiß jedes Kind, hinterhältig und böse. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sie heutzutage Bonus-Mütter genannt werden.


Lange wurde das Phänomen Patchwork romantisiert, also Familien, in denen mindestens ein Partner ein Kind aus einer früheren Beziehung mitbringt. Weil es bei Demi Moore und Ashton Kutcher so hübsch aussah. Und bei Christian Wulff und seiner Frau Bettina auch. Vor allem aber, weil kein Problem sein durfte, was längst gesellschaftliche Wirklichkeit geworden ist.


Deutschlands Familienberatungsstellen und Therapeuten sehen das anders: Geschätzt die Hälfte der neuen Beziehungen geht wieder kaputt - die Trennungswahrscheinlichkeit ist damit höher als unter Paaren in erster Ehe. Kein Zufall also, dass sowohl Demi Moore und Ashton Kutcher als auch die Wulffs wieder getrennt sind.


Besonders heikel ist die Konstellation, so die Experten, wenn ein Mann mit Kindern mit einer neuen Frau ohne Kinder zusammenkommt. "Es ist schwieriger, wenn einer von beiden kein Kind und damit weniger Verständnis hat für das Leben mit Kindern", erklärt Therapeutin Andrea Müller, die in der Nähe von München Patchwork-Familien berät. Zudem machen die Ansprüche der Gesellschaft an eine Stiefmutter sowie ihre eigenen eben jene Konstellation so schwierig. Denn die Ansprüche sind hoch. Zu hoch. "Ganz oft nehmen sich die Beteiligten vor, nun alles richtig zu machen, nachdem beim ersten Mal etwas schiefgegangen ist", sagt Andrea Müller.


Stiefmütter haben es oft schwerer als Stiefväter

Nicht selten wird der Stiefmutter die Schuld für viele Probleme in die Schuhe geschoben. Sie war doch schon bei Aschenputtel die Böse. Katharina Grünewald ist selbst Stiefmutter zweier Kinder und berät als Psychologin in Köln betroffene Familien. Sie findet: Stiefmutter zu sein ist ein ziemlich schwieriger Job in einer ziemlich schwierigen Situation. "Eine Stiefmutter soll die von der Trennung geschädigten Kinder lieben und retten. Und von einem Moment auf den anderen Mutter sein, auch wenn sie das vorher nicht war", sagt sie. Die enormen Ansprüche liegen daran, dass unsere Gesellschaft grundsätzlich die Rolle der Mutter übermäßig romantisiert. So wird auch von einer Stiefmutter plötzlich viel verlangt.


Für die Stiefväter gilt das weniger. Deshalb fühlen sich diese oft weniger belastet, weniger unter Druck als eine Stiefmutter. Kümmert er sich, finden das alle Umstehenden bewundernswert. Kümmert er sich nicht, gibt es dafür auch Verständnis. Diese Freiheit hat eine Stiefmutter nicht.


Der neue Mann an ihrer Seite, der Vater der Kinder, möchte eine "normale Familie" leben und seinen Kindern auch eine solche bieten mit Zoobesuchen, Spieleabenden, Urlaubsplänen. Schließlich hat er nur seine Frau verlassen und nicht seine Kinder. Und dieses Mal soll es bitte gut gehen. "Die unausgesproche- nen und ausgesprochenen Erwartungen machen es so schwer", sagt Katharina Grünewald. Der Vater wünscht sich, dass seine Partnerin mitspielen und die Kinder genauso wichtig und toll finden soll wie er. "Grundsätzlich ist das Bild der armen Kinder sehr stark. Dagegen kann sich kaum eine Stiefmutter wehren", sagt Grünewald. Die Kinder gehen vor. Und viele Frauen überfordern sich und stellen ihre Bedürfnisse zurück.


Die Euphorie der Stiefmütter überfordert die Kinder meist


Sonja zum Beispiel, die noch bis vor vier Wochen alleine lebte, zieht ruckzuck mit Robert zusammen. Sie macht jeden Tag mit seiner achtjährigen Tochter Johanna Hausaufgaben, statt Freunde zu treffen, und organisiert eine überdimensionierte Geburtstagsfeier für die Kleine. Sechs Stunden bastelt sie an einer Torte voll mit Marzipan-Prinzessinnen. Als alle Freundinnen da sind, sagt Johanna laut: "Von der Torte esse ich nichts, die ist von der da und nicht von meiner Mama." Die Euphorie der Stiefmütter überfordert die Kinder meist.


Die Kinder wünschen sich häufig ihre Familie zurück. Sind sie beim Papa, fehlt die Mama. Und andersherum. Haben sie miterlebt, wie etwa die Mutter unter der Trennung leidet, bringt sie Papas neue Freundin in Loyalitätskonflikte. "Viele Kinder haben das Gefühl, sie dürfen sich etwa nicht mit der neuen Frau ihres Vaters verstehen, weil sie damit ihre Mutter verraten", erklärt Grünewald. Daher glauben sie, sich von der Stiefmutter distanzieren zu müssen, gerade dann, wenn sie etwas Nettes getan hat. Wie eine Torte zu backen.



Nota. - Das Verhältnis zwischen Eltern und ihren Kindern, der Umstand, dass einer den andern auf die Welt gebracht hat, ist schicksalhaft und einzigartig. Es mag ein jeweils gutes oder schlechtes sein - auf jeden Fall wird es dauern, ein Leben lang. Daran können die Zeitgeister nichts ändern. Lebensabschnitts- partnerschaften dagegen müssen nicht dauern, es steckt von Anfang an ein Zweifel und ein Vorbehalt darin.

Eltern-Kindschaft und Lebensabschnittspartnerschaften haben eine unterschiedliche Statik und eine unter- schiedliche Dynamik. Beide durcheinander rühren kann nie zu einer Normalität führen.

JE