Dienstag, 16. Mai 2017

Doppelt hält besser.



"Berlins Schulen werden gefährlicher: Zum fünften Mal in Folge haben die Vorkommnisse zugenommen, die als „schwere körperliche Gewalt“ von den Schulen gemeldet wurden. Dies zeigt die aktuelle Statistik der Bildungsverwaltung, die dem Tagesspiegel vorliegt. Demnach summierten sich allein im ersten Schul- halbjahr 2016/17 diese schweren Gewaltvorfälle auf 430 – so viel, wie noch vor wenigen Jahren im ganzen Schuljahr gemeldet wurden. Auch in allen anderen Delikten gibt es steigende Zahlen."

Der Tagesspiegel, Berlin, 16. 5. 2017 

Was kann man denn da machen?! Na, das liegt doch auf der Hand: Am besten, man hält sie am Nachmittag auch noch in der Schule fest, wo sie einander nicht ausweichen können. Da können sie dann lernen, wie man mit Aggressionen umgeht und wie man Niederlagen einsteckt; es ist schließlich ein Ort sozialen Lernens!

Vor zweihundert Jahren schon hat Johann Friedrich Herbart, der in Deutschland die wissenschaftliche Pädagogik begründet hat, vor der Schule gewarnt als einem Ort, wo eine unnatürlich goße Masse von Kindern künstlich zusammengepfercht sei, und wo so unvermeidlich all die unguten Eigenarten, die Kinder schließlich auch haben, zusammengeballt und forciert würden, die in Gruppen von der Größe, die sie von sich aus bilden, von ihren guten Eigenschaften bei weitem überlagert und neutralisiert werden.

Dass ausgerechnet Kinder "aus bildungsfernem Milieu" dazu herhalten müssen, in der Öffentlichkeit die Absurdität der Ganztagsschule zu rechtfertigen, ist ein Zynismus, den sich nur erlauben kann, wem die eigenen Standesinteressen näher liegen als das Zusammenleben der Generationen; von der Bildung der Kinder gar nicht zu reden.





Donnerstag, 27. April 2017

Auch das letzte Argument für die Zwangstagsschule vom Tisch.


aus Der Standard, Wien, 27. April 2017

Ganztagsschule: 
Kein Effekt auf Berufstätigkeit der Mütter
Ganztagsschulen haben offenbar keinen Einfluss darauf, wie viele Frauen erwerbstätig sind und wie viele Stunden sie bezahlt arbeiten – das zeigt eine deutsche Studie

Ein frauenpolitisches Argument für Ganztagsschulen lautet, dass sie Müttern ermöglichen, berufstätig zu sein, von Teilzeit auf Vollzeit aufzustocken und ihnen zu beruflichem Wiedereinstieg und mehr Unabhän- gigkeit verhelfen. Das scheint aber nur teilweise einzutreten, wie eine Studie der Wirtschaftswissenschafte- rin und Universitätsprofessorin Marie Paul von der Universität Duisburg-Essen und ihres Kollegen Fabian Dehos vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) nahelegt. 


So beeinflussen zusätzliche Ganztagsschulplätze weder, wie viele Stunden Mütter mit Grundschulkindern erwerbstätig sind, noch wie viele Mütter überhaupt einer bezahlten Beschäftigung nachgehen. Zwar seien heute in Deutschland mehr Frauen berufstätig als vor der Einführung der Ganztagsschulen im Jahr 2003. Aber: "Wir zeigen in unserer Studie, dass das nicht auf den Ausbau von Ganztagsgrundschulen zurück- geht", so Studienleiterin Paul. "Wer seine Kinder nachmittags in der Schule versorgt weiß, sucht sich nicht deswegen einen Job oder stockt seine Stunden auf."

Kindergärten wichtiger

Viele Frauen seien offenbar nicht zwingend auf Ganztagsschulen angewiesen, obwohl sie arbeiten. Sie würden Paul zufolge die Betreuung auch anders organisieren können. Die Frage der Kinderbetreuung scheint, sobald die Kinder im Schulalter sind, also nicht mehr die entscheidende Hürde für Frauen zu sein. Das lasse darauf schließen, dass viele Familien zu diesem Zeitpunkt bereits eine andere tragfähige Betreuung für ihre Kinder organisiert haben. Was die Erwerbstätigkeit von Frauen nachweislich fördert, ist ein gutes Angebot an Kindergärten mit langen Öffnungszeiten. Auch das zeigt die aktuelle Studie. 


Wenn'se nu aber meinen, damit sei die Ganztagsschule vom Tisch, dann kenn'se unsere freie,
 aber politisch selbstkorrigierte Sozialwissenschaft schlecht:

Trotzdem positive Effekte

Als Kritik an den Ganztagsschulen wollen die Forscher ihre Studie aber nicht verstanden wissen. So habe diese Form der schulischen Nachmittagsbetreuung für Familien sehr wohl positive Effekte gezeigt. So gaben Eltern, die Ganztagsbetreuung in Anspruch nehmen können, in der Studie an, ihren Arbeitsalltag parallel zum Schultag gestalten zu können. Mütter und Väter müssten nicht mehr zeitversetzt arbeiten und bei der Betreuung weniger improvisieren. Das mache die Vereinbarkeit von Beruf und Familie weniger stressig und habe positive Effekte auf das Familienleben. (lima)

Link
Originalstudie in Vollversion (englisch, PDF)

Mittwoch, 5. April 2017

Spielen heißt, eine Sache um ihrer selbst willen tun.


aus Der Standard, Wien, 5. April 2017, 09:00

Neurobiologe Hüther: 
Vernichtendes Zeugnis für Schulsystem
Das derzeitige Bildungswesen fördert nicht die Potenziale von Kindern, sagt Gerald Hüther, er sieht aber wachsenden Druck für Reformen

Interview

STANDARD: "Rettet das Spiel" ist der Titel Ihres jüngsten Buches, das Sie zusammen mit dem Philosophen Christoph Quarch geschrieben haben. Gehen wir dieses Gespräch also spielerisch an: Welche Einstiegsfrage wäre für Sie die denkbar dümmste?

Hüther: Es gibt keine dummen Fragen. Aber mitunter würde ich erkennen, dass Sie Inhalt und Anliegen des Buches offenbar nicht so gut verstanden haben, wie wir uns das wünschten, als wir es schrieben. Wenn Sie mich etwa fragten, welches Brettspiel wir nun spielen sollen, also welches kommerzielle Produkt, das wir Spiel nennen, das von mir am ehesten zu empfehlende sei ...

STANDARD: Welches wäre das?

Hüther: Gar keines. Denn dieses Buch handelt nicht von kommerziellen Produkten, die unter der Überschrift "Das ist ein Spiel" vermarktet werden, sondern von einer Grundhaltung dem Leben gegenüber, nämlich einer spielerischen Herangehensweise an die unterschiedlichsten Situationen und Probleme im Alltag.

STANDARD: Was derzeit in der Regel nicht der Fall ist.

Hüther: Es gibt Epochen in der Menschheitsentwicklung, in denen die Menschen glauben, sie müssten alle so gut oder möglichst noch besser funktionieren als die Maschinen, die sie bauen. Man will alles möglichst effizient abarbeiten, möglichst gut durchorganisieren, und dabei geht dann etwas verloren, was man gar nicht richtig merkt – diese Fähigkeit des Menschen, das, was alles gehen könnte, spielerisch auszuprobieren, und dabei herauszufinden, was am besten geht.

STANDARD: Sie nennen das spielerische Lebenskunst.

Hüther: Ja, das ist nicht das Abarbeiten von Routinen, um möglichst schnell von hier nach dort zu kommen, sondern eine innere Einstellung, die davon ausgeht, dass es im Leben nicht darauf ankommt, möglichst schnell fertig zu werden, sondern möglichst vielfältige Erfahrungen zu machen, damit man sich mit einem hochvernetzten Gehirn in unterschiedlichsten Lebenssituationen adäquat verhalten kann. Einfacher gesagt: Spielen ist das Erkunden des eigenen Potenzials.

STANDARD: In Anspielung auf ein Zitat von Friedrich Schiller heißt es in dem Buch, Spezialisierung und Partikularisierung verhinderten die kreative Entfaltung. Zugespitzt gefragt: Hat jeder Mensch das Potenzial zu einem Universalgenie à la Michelangelo oder da Vinci?

Hüther: Jedes Kind ist auf seine ganz besondere Art einzigartig und damit auch hochbegabt. In jedem steckt noch irgendetwas, was noch gar keiner zur Entfaltung gebracht hat. Aber es muss nicht jeder ein da Vinci werden. Das wäre furchtbar. Stellen Sie sich vor, alle würden so malen wie er. Jetzt merken wir plötzlich, was wir eigentlich als Begabung bezeichnen sollten, nämlich lauter verschiedene Begabungen und nicht nur die eine, die wir im Augenblick gerade bewundern.

STANDARD: Und die wäre?

Hüther: Wir glauben, unter Begabung sei das zu verstehen, was beim Intelligenztest gemessen wird. Deshalb halten wir Kinder für hochbegabt, die in der Schule bestimmte Dinge, meistens analytische Sachverhalte, schneller verstehen als andere. In Wirklichkeit ist dieser IQ-Test von den Briten Anfang des vergangenen Jahrhunderts erfunden worden, um sicherzustellen, dass keine absoluten Schwachköpfe an die Artilleriegeschütze kommen.

STANDARD: Sie stellen dem ein anderes Beispiel gegenüber.

Hüther: Kirschkernweitspucken kann auch eine Begabung sein. Wenn wir im tropischen Regenwald wohnten und unsere Kinder dort groß würden und wir noch keine Feuerwaffen hätten und uns mit dem Blasrohr verteidigen und unser Wildbret besorgen müssten, dann wäre einer, der mit Kirschkernen richtig weit spucken kann, der hochbegabteste, begehrteste und tollste Typ in dieser Blasrohrgesellschaft.

STANDARD: Sie sagen ja, dass unser Bildungssystem das Potenzial des Kindes nicht nur nicht fördert, sondern dessen Entfaltung geradezu hemmt. Und daher untauglich für die Herausforderungen des technologischen Wandels ist, den wir gerade erleben und der uns noch bevorsteht, Stichwort Informationstechnologie. Warum ist das so?

Hüther: Ein Beispiel: ein Junge, der schon mit drei Jahren beginnt, Skulpturen zu bauen. Sie merken, der könnte einmal ein irrsinnig toller Tischler werden. In unseren heutigen Schulen wird er als nicht allzu begabt erkannt werden, sondern als einer, der den Leistungsanforderungen nicht genügt, weil er im Kopf immer zu Hause bei seinen Schnitzereien ist. In der Schule findet er für das, was er kann, überhaupt keine Anerkennung und soll die ganze Zeit etwas machen, worauf er gar keine Lust hat. Er erlebt sich wie einer, der dieser sein will und zu jenem zurechtgebogen werden soll.

STANDARD: Was sind die Folgen?

Hüther: Das Ergebnis ist Schulverweigerung. Er geht nicht mehr gerne hin, wird möglicherweise krank oder tyrannisiert seine Eltern oder schließt sich einer Gruppe an, die dann gemeinsam in der Schule ein Riesentheater macht. Möglicherweise endet er in der Drogenszene oder im Gefängnis. Warum? Weil unser Schulsystem offenbar nicht in der Lage ist zu erkennen, dass da ein Kind mit einer besonderen Begabung ist, das sich entfalten möchte. Und dann nehmen wir dieses Kind nicht mit diesen Anlagen, sondern versuchen aus ihm etwas zu formen, das wir im Augenblick in dieser Gesellschaft für besonders wichtig halten.

STANDARD: Unser Bildungssystem "produziert" also auch am tatsächlichen Bedarf vorbei?

Hüther: Wir haben ja noch nicht einmal verstanden, wie sich der Bedarf geändert hat. In Wirklichkeit brauchen wir Handwerker dringender als Abiturienten. Wir brauchen nicht noch mehr Psychotherapeuten, die alle Psychologie studiert haben. Wir brauchten einmal einen, der eine Kirchturmuhr reparieren kann.

STANDARD: Andererseits räumen Sie ein, dass ein plötzlicher Umbau des Bildungssystems im Sinne maximaler Potenzialentfaltung des Einzelnen unweigerlich zum Zusammenbruch des gegenwärtigen Wirtschaftssystems führen würde, das auf pflegeleichte Konsumenten ausgerichtet ist.

Hüther: Wir müssen uns darüber verständigen, was die Aufgabe von Schule eigentlich ist. In jedem Zeitalter, wo immer es Schulen gab, haben sie nicht zur Entfaltung von Potenzialen der Kinder gedient, sondern dem Zweck, die nachwachsende Generation so vorzubereiten, dass sie dann so funktioniert, wie das notwendig war, damit das gesellschaftliche System funktioniert. Wenn sich auf dem Höhepunkt der Reformschulpädagogik um 1920 in Deutschland und in Österreich das alles ausgebreitet hätte und überall Reformschulen entstanden wären, dann hätten die Nationalsozialisten nicht genügend Leute für ihre Ideologie rekrutieren können. Dann hätte es den Zweiten Weltkrieg nicht gegeben.

STANDARD: Was bedeutet das umgelegt auf die heutigen Verhältnisse?

Hüther: Wer mit sich selbst zufrieden ist und das Gefühl hat, dass er in dieser Welt zu Hause ist und etwas bewegen kann, eine gestandene Persönlichkeit, die auch einmal einen Frust aushalten und einen Impuls kontrollieren und vorausschauend denken kann, so eine Person, wie sie beispielsweise aus diesen Reformschulen hervorgegangen wäre, der ist kein Konsument mehr. Der ist ein Totalausfall für jeden Werbestrategen. Übrigens auch für jeden Politiker auf Stimmenfang.

STANDARD: Und deshalb darf es keine radikalen Reformen geben?

Hüther: Stellen Sie sich vor, alle Schulen wären so, dass solche Kinder rauskommen. Dann müsste vieles geändert werden. Das darf nicht zu schnell gehen. Deshalb bin ich froh, dass sich die Reformbewegungen auch in Österreich nicht überschlagen. Was ich aber beobachte und was in vieler Hinsicht interessanter ist als in Deutschland: Hier gärt etwas. Man spürt, offenbar weil seit 50 Jahren keine Veränderungen geschehen sind, dass der Druck auf das Schulsystem viel stärker geworden ist. Allerdings ist die Bereitschaft, auch wirklich etwas zu tun, noch nicht so ganz groß. 

Gerald Hüther, geboren 1951 in der damaligen DDR, ist Neurobiologe und befasst sich unter anderem mit dem Einfluss früher Erfahrungen auf die Hirnentwicklung, den Auswirkungen von Angst und Stress und der Bedeutung emotionaler Reaktionen. 2015 gründete Hüther, der nahe Göttingen lebt, die Akademie für Potenzialentfaltung. Bei einer Vortragsreise in Österreich sprach er jüngst in Feldbach in der Steiermark. Dort läuft ein breit angelegtes Bildungsprojekt zur Entwicklung einer neuen Schulkultur für ein "erfülltes Leben und Nachhaltigkeit".



Nota. - Was immer Spiel sonst auch sei - in jedem Fall ist es eine Tätigkeit, die um ihrer selbst willen ausgeübt wird. Natürlich kann man  dabei auch immer was lernen, und vielleicht gründlicher, als wenn das Lernen gewollt wäre. Wenn das der Fall ist und das Lernen zum Zweck wird -, dann ist es eben kein Spiel mehr. "Spielerisch lernen" ist eine Wortblase im Munde von SchlaubergerInnen, die die Kinder nicht ernstnehmen. Denn auch das Lernen kann ihnen ja Freude machen, zum Beispiel, wenn sie das, was sie lernen sollen, selber entdecken müssen. Dafür die Gelegenheiten schaffen ist die Arbeit von LehrerInnen.
JE


 

Dienstag, 31. Januar 2017

Was darf man von schulischen Leistungstests erwarten?

aus nzz.ch, 31.1.2017, 05:30 Uhr

Pisa-Studie Falsche Erwartungen an schulische Leistungstests
Was vermögen schulische Leistungstests selber zu leisten? Jedenfalls nicht eine Entpolitisierung bildungspolitischer Entscheidungen durch «wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse».

Gastkommentar von Walter Herzog 

Die NZZ hat mir rückwirkend die Verbreitung ihrer Inhalte untersagt. Ich werde sie nach und nach von meinen Blogs löschen 
Jochen Ebmeier

Nota. - Da ist so vieles kritikwürdig an dem PISA-Verfahren, und so viel - viel mehr als in obigem Beitrag - ist auch längst kritisiert worden. Der wichtigste Punkt, an dem jede sachliche Diskussion ein Ende findet, ist, dass das PISA-Establishment seine Karten gar nicht auf den Tisch legt: Weder die Forschungsmethoden - Fragebögen usw. - werden der Öffentlichkeit verraten noch gar die Ergebnisse der Erhebung publiziert. PISA entzieht sich der Kritik durch die wissenschaftliche Community. PISA gehört nicht zur Wissenschaft und will es gar nicht. 

Das Wichtigste am obigen Beitrag steht in der letzten Zeile: Solche Tests verfolgen den Zweck, mit Hilfe von Wissenschaft das Bildungswesen dem politischen Meinungssstreit zu entziehen und zu einem Monopol "rein sachorientierter" Technokraten zu machen. Der springende Punkt dabei ist, dass nicht nur die Technokraten dieses Ziel verfolgen, sondern die Politiker auch: Sie wollen sich die Verantwortung vom Halse schaffen und an eine objektive Instanz weiterreichen. Denn das war der Zweck der Wisssenschaft und hat ihren phantasti- schen Aufschwung seit dem 17. Jahrhundert begründet: den Raum des öffentlich Strittigen, das letzten Endes nur durch ein Macht-Wort entschieden werden kann, einzugrenzen und immer mehr Bereiche des öffentli- chen Lebens einer unumstrittenen Autoritiät zu überantworten; mit andern Worten, die Rolle, die einst der Glauben gehabt hatte, der uninteressiert(er)en Gemeinschaft der Gelehrten anzuvertrauen.

Kaum ein Thema ist so strittig wie die Erziehung und Bildung der heranwachsenden Generation, denn kaum eines hängt unmittelbarer von der unmittelbaren Zukunft ab, die man befürchtet oder erhofft, will sagen: Kaum eines ist politischer. Umso verständlicher der Wunsch, die Zukunft unserer Kinder den Zufällen un Leidenschaften des Meinungskampfs zu entziehen und in vertrauenswürdige Hände zu legen.

Dumm ist nur, dass gerade dieser Teil des öffentlichen Lebens ganz und gar nicht zur Wissenschaft taugt.
JE 




Freitag, 20. Januar 2017

Das Schulfach Turnen entstand aus militärischen Gründen

aus derStandard.at, 19. Jänner 2017, 14:12

Schulfach Turnen entstand aus militärischen Gründen
Eine Schweizer Studie zeigt, dass die Gestaltung der Schule der vergangenen 150 Jahre ein Abbild gesellschaftlicher Erwartungen war

Bern – Turnen aus militärischen Gründen, Werken wegen Wirtschaftskrisen und das Lernen von Fremd- sprachen aus ökonomischen Überlegungen heraus: Die Schule sei eine gesellschaftliche Problemlösungs- agentur gewesen, die sich je nach historischem Kontext veränderte, schreibt der Schweizerische National- fonds (SNF), der das Projekt unterstützt hat, bei dem erstmals die inhaltliche Entwicklung der Schule über die Schweizer Landesteile hinweg vergleichend untersucht wurde. Dafür haben die Forschenden Inhalte von Lehrmitteln, Schulbüchern und Lehrplänen von zehn Kantonen aus den vergangenen 150 Jahren rekonstruiert und analysiert.

Fremdsprache wegen wirtschaftlichen Nutzen

Die Analyse zeigt, dass beispielsweise der wirtschaftliche Nutzen lange das dominierende Argument für die Einführung einer Fremd- respektive Landessprache war.

Weiters zeigt die Studie, dass das Fach Geschichte erst in den 1960er-Jahre zu einem kritisch-reflexiven Unterricht wurde, der auf politische Mündigkeit und Teilhabe zielte. Zu einem eigenständigen Schulfach hat es die politische Bildung nur im Tessin vorübergehend geschafft, obwohl das seit den 1870er-Jahren immer wieder gefordert wurde.

Der Aufschwung der Wissenschaften im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts hatte einen großen Einfluss darauf, welche Fächer gelehrt wurden. "Mit ihren Erkenntnissen kam im 19. und 20. Jahrhundert neues Wissen in die Schule", wird Lucien Criblez, Gesamtleiter des Projekts, in der Mitteilung zitiert. 

Stabile Fächerliste

In den 1970er-Jahren kam es wieder zu substanziellen Veränderungen, da sich zwischen 1960 und 1980 die Bezüge zur Wissenschaft erneut verstärkten, vor allem durch neue Sozialwissenschaften wie Erziehungs- wissenschaft und Psychologie.

Dadurch veränderten sich auch die Akteure, die Einfluss auf die Lehrpläne nehmen konnten: Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten Lehrerverbände, Seminardirektoren und Schulinspektoren das Sagen gehabt. Ab den 1970er-Jahren nahm der Einfluss von wissenschaftlichen Experten auf die Schulinhalte zu, wie die Studie zeigt.

An der Forschung waren rund 25 Forschende der Universitäten Genf und Zürich und der Pädagogischen Hochschulen der Fachhochschulen Nordwestschweiz, Zürich und Tessin beteiligt. (APA, 19.1.2017)


Nota. - Die Schweiz war früher ein armes Land. Da haben sie sich angewöhnt, auf Rappen und Fränkli zu achten, und dem sind sie bis heute treu geblieben. Aber wie war das mit Preußen-Deutschland? Wir waren dagegen der Hort des weltweit bewunderten Deutschen Idealismus; war die Entwicklung der Schulen bei uns womöglich weniger materiell geprägt? 

Als bei uns die Wehrpflicht abgeschafft wurde, wurde das Turnen an den Schulen jedenfalls nicht gleich mitgestrichen. Es wird vielmehr überall für eine Ausweitung der Leibesübuingen plädiert, in Österreich plant man gar eine tägliche Turnstunde. Nicht aus wirtschaftlichen Erwäungen, sondern für das Wohl unserer Kleinen; und vielleicht auch ein klein bisschen, um die Krankenkassen zu entlasten... 
JE


Mittwoch, 4. Januar 2017

Wer will schon Männer als Kindergärtner?

kirche-ist
aus Die Presse, Wien,

„Ein Mann mit Kind wird oft als Täter gesehen“
Forscher Bernhard J. Koch über die „Hausfrauenkultur im Kindergarten“ und männliche Pädagogen als „Magnete auf zwei Beinen“.

Interview von 

Die Presse: Derzeit sind unter den Kindergartenpädagogen weniger als zwei Prozent männlich. Wann werden es 20 Prozent sein?

Bernhard J. Koch: In Norwegen hat man vor 20 Jahren begonnen, Maßnahmen zur Erhöhung des Männeranteils zu setzen. Man wollte 20 Prozent erreichen. Heute sind es zehn. Insofern glaube ich ehrlich gesagt nicht daran, dass der Männeranteil in Kindergärten einmal so hoch wie der Frauenanteil in Führungspositionen sein wird.

Ist das Interesse zu gering?

Studien zeigten, dass sich 20 bis 25 Prozent der männlichen Schüler einen solchen Beruf grundsätzlich vorstellen könnten. Es gibt Potenzial – auch wenn das Interesse der Mädchen freilich viel höher ist.

Weshalb verlieren vorerst interessierte Männer das Interesse?

Die niedrige Bezahlung ist ein Argument – aber nicht das Hauptargument. Es gibt auch viele schlecht bezahlte Männerberufe. Der geringe Männeranteil hat auch damit zu tun, dass der Kindergarten stets von Frauen geprägt wurde. Das sieht man an der Erziehung, an der Einrichtung, am Spielzeug. Manchmal wurde eine Art Hausfrauenkultur in den Kindergarten mitgenommen. Der Kindergarten wurde als Ersatz für das mütterliche Heim gesehen. Davon entfernen sich viele Kindergärten. Aber nicht alle. Grundsätzlich gilt, dass ein Kindergarten, der männliche Symbole hat, für Männer attraktiver ist.

Werden Männer auch von dem vorherrschenden gesellschaftlichen Bild abgeschreckt?

In unseren Köpfen hat Erziehung stark mit Frauen zu tun. Ein Mann mit Kind wird häufig als Täter und gefährliche Person gesehen. Dieses Bild hat Auswirkungen darauf, ob ich mich als Mann für einen derartigen Beruf entscheide.

Es ist wohl nicht hilfreich, dass der Ausbildungsweg in Richtung Kindergarten schon mit 14 Jahren eingeschlagen werden muss.

Für junge Burschen ist das zu früh. Der Männeranteil im Kolleg, in dem Erwachsene zu Kindergartenpädagogen ausgebildet werden, ist deutlich höher. Er liegt bei zehn, in den Bakip-Schulen bei vier Prozent.

Sind Kindergartenpädagoginnen männlichen Kollegen gegenüber aufgeschlossen?

Kindergartenleiterinnen wünschen sich der Studie zufolge fast immer mehr Männer. Aber 40 Prozent sahen Vorbehalte des weiblichen Personals. Manche haben Angst, dass Männer die Arbeitsweise auf den Kopf stellen und dass sie ihnen Führungspositionen wegnehmen.

Wie kann man mehr Männer in diesen Beruf bringen?

So wie es Frauenförderpläne in technischen Berufen gibt, so brauchen wir Männerförderpläne in erzieherischen Berufen. Ein Männeranteil von zehn Prozent könnte das Ziel sein. Dann müssten Kampagnen, die ein positives Bild von Männern mit Kind vermitteln, starten. Außerdem könnte man ein Stipendiensystem für Männer installieren, wie es dieses an Unis für Frauen bereits gibt.

Finanzielle Anreize sind unter den Frauen wohl wenig beliebt.

Stimmt. Aber ich sage: Entweder Förderung für beide Geschlechter in den jeweils unterrepräsentierten Gebieten oder keine. Mit dieser Ansicht bin ich aber recht allein.

Warum braucht es eigentlich männliche Kindergärtner?

Für einen höheren Männeranteil spricht erstens die Gleichstellung. Zweitens glauben wir, dass Männer und Frauen unterschiedlich sind. Männer trauen Kindern mehr zu, sie haben eine andere Haltung zum Thema Risiko usw. und vielleicht auch ein größeres technisches Interesse. Das würde auch zu einer höheren Vielfalt bei den Neigungen und Fähigkeiten der Kinder führen.

Wäre das besonders für Buben wichtig?

Es ist für beide Geschlechter wichtig. Aber unsere Studien haben schon gezeigt, dass insbesondere Buben die männlichen Pädagogen suchen. Möglicherweise auch deshalb, weil es im familiären Umfeld eine Absenz von Männern gibt. In früheren Studien sind Männer deshalb als Magnet auf zwei Beinen bezeichnet worden. Die anfängliche Begeisterung wird mit der Zeit natürlich zur Normalität.


Nota. - Männer? Äh - ja natürlich!
Aber bitte keine männlichen Männer. Sie sollten schon ein bisschen so sein wie wir.
JE 



 

Freitag, 23. Dezember 2016

Legasthenie lässt sich nicht beheben.


aus scinexx

Legasthenie: Gehirn tickt anders
Gehirn von Betroffenen kann sich weniger gut an bekannte Reize anpassen

Erhöhte Arbeitsbelastung: Das Gehirn von Legasthenikern muss sich bei der Reizwahrnehmung stärker anstrengen. Denn es passt sich weniger gut an die Eigenheiten schon bekannter Klänge oder Formen an, wie Forscher in Experimenten feststellten. Das könnte erklären, warum es Menschen mit Legasthenie schwerer fällt, Lesen und Schreiben zu lernen: Ihr Gehirn wird durch die komplexen Aufgaben stärker belastet.

Die Lese-Rechtschreibschwäche ist eine der häufigsten Probleme von Kindern im Schulalter. Rund fünf bis 17 Prozent aller Kinder leiden unter dieser mindestens zum Teil genetisch bedingten Störung. Zwar können gezieltes Training, eine spezielle Formatierung der Texte und auch Hörhilfen den Kindern helfen. Über die neurologischen Ursachen der Lese-Rechtschreibschwäche jedoch weiß man bisher nur wenig.

Gehirn rationalisiert 

"Teil des Mysteriums der Legasthenie ist es, dass das Gehirn kein eigenes Lesezentrum besitzt", erklärt Seniorautor John Gabrieli vom Massachusetts Institute of Technology (MIT). Gemeinsam mit Tyler Perrachione und weiteren MIT-Forscher hat er nun ein weiteres Puzzleteil dieser komplexen Störung aufgedeckt. Für ihre Studie hatten die Forscher einen speziellen Aspekt der Wahrnehmung untersucht: die Anpassung des Gehirns an akustische oder optische Reize.

Wenn wir beispielsweise längere Zeit der gleichen Stimme lauschen, lernt unser Gehirn dessen Eigenheiten und das erleichtert es uns, das Gesprochene zu verstehen. "Man lernt beim ersten Reiz etwas, das die Verarbeitung bei zweiten Mal vereinfacht – das ist an einer verringerten neuronalen Aktivität erkennbar", erklärt Gabrieli. Ob und in welchem Maße diese Anpassung auch bei Legasthenikern funktioniert, wollten er und seine Kollegen herausfinden. 

Kein Gewöhnungseffekt 

Im ersten Experiment spielten die Forscher jungen Erwachsenen mit und ohne Legasthenie eine Reihe von gesprochenen Worten vor. In einem Durchgang wurden alle von der gleichen Stimme gesprochen, im anderen war es bei jedem Wort eine andere Stimme. Währenddessen zeichnete ein funktioneller Magnetresonanz-Tomograf (fMRT) die Hirnaktivität der Probanden auf.
 
Das Ergebnis: Bei der gleichbleibenden Stimme zeigen die Kontrollpersonen wie erwartet einen Gewöhnungseffekt. Ihre Hirnaktivität in den Hörzentren sank nach den ersten Worten messbar ab, bei den wechselnden Stimmen war dies nicht der Fall. Anders dagegen bei den Legasthenikern: Bei ihnen gab es keine Unterschiede zwischen den Versuchsdurchgängen. Ihre Hirnaktivität blieb gleichbleibend hoch. "Das spricht für eine sehr viel schwächere Anpassung des Gehirns", sagt Perrachione. 

Anpassung nur halb so stark 

Aber betrifft dieser Effekt nur das Hören oder auch andere Sinneswahrnehmungen? Um das herauszufinden, wiederholten die Forscher das Experiment mit visuellen Reizen und einer neuen Probandengruppe. Wieder gab es bei der Kontrollgruppe eine Anpassung des Gehirns an sich wiederholende Reize, bei den Legasthenikern jedoch nicht. "Das spricht dafür, dass dieser Mangel an Anpassung allgemein ist", sagt Gabrieli. "Es ändern sich zwar die betroffenen Hirnareale, nicht aber das grundlegende Phänomen."
 

"Insgesamt war ich überrascht über das Ausmaß der Unterschiede", sagt Perrachione. "Bei Menschen ohne Legasthenie sehen wir immer eine klare Anpassung, bei den Legasthenikern war diese immer reduziert – und das oft sehr deutlich." Im Durchschnitt war der Anpassungseffekt bei Menschen mit Lese-Rechtschreibschwäche nur halb so stark wie bei Menschen ohne diese Einschränkung. Dieses Defizit ist schon bei Kindern im Grundschulalter ausgeprägt, wie ein weiteres Experiment belegte.
 
Warum dies beim Lesen besonders stört 

Dieses neuronale Anpassungs-Defizit könnte einige der Schwierigkeiten von Legasthenikern erklären. So fällt es betroffenen Kindern manchmal schwerer, gesprochene Wörter korrekt zu verstehen oder Buchstaben zu erkennen. Der wahrscheinliche Grund: Je nach Situation kann das Gehirn die fehlende Anpassung zwar kompensieren, es muss sich dabei aber stärker anstrengen – und das klappt nicht immer.

Beim Lesen, einer hochkomplexen Aufgabe, macht sich diese Zusatzbelastung des Gehirns dann besonders bemerkbar. "Beim Lesen müssen wir die Buchstaben erkennen, sie zu Worten zusammenfügen und diese dann auch noch mit einer Semantik verknüpfen", erklärt Perrachione. Auch der Klang des Wortes muss gelernt werden.

Die mangelnde Fähigkeit zur neuronalen Anpassung erhöht die Belastung des Gehirns bei diesem Prozess. Wie genau dies jedoch geschieht, wo beispielsweise eine Überlast zu Defiziten führt, muss nun jedoch noch geklärt werden. (Neuron, 2016; doi: 10.1016/j.neuron.2016.11.020)


(Cell Press, 22.12.2016 - NPO)


Nota. - Mit andern Worten: Beheben lässt sich Legastehnie nicht, allenfalls kompensieren. Durch vermehrtes Üben, ja; aber viel nützt das nicht, und es ist sinnlos, es zu übertreiben.
JE